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Winkler 1997, home - (keys: media, theory, university,
humanities, division of labour, communication, discourse, knowledge, technology,
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Eine Vorbemerkung für Luhmannianer: der folgende Text will nicht ein Luhmann-Referat sein und kein Beitrag im Feld der Soziologie; ausgehend von der Frage nach der wissenschaftlichen Kompetenz (die Luhmann nicht erörtert), werden genau drei Grundbegriffe Luhmanns in Anspruch genommen, um zu einer medientheoretischen Deutung zu kommen. Vielleicht aber kann gerade der fachfremde Blick deutlich machen, daß die 'Realität der Massenmedien' bestimmte Fragen offenläßt...
Wissenschaftliche Arbeit ist zweifellos ein Privileg, daneben aber, dies wird mir immer
deutlicher, eine äußerst schmerzvolle Angelegenheit. Man hat der Wahrheit eine sehr
verzweigte Tempelanlage errichtet. Und je weiter ich vordringe im kafkaesken System ihrer
ungezählten Vorhöfe, desto klarer wird mir, was sie von ihren Dienern verlangt und wie
hoch der Preis ist, den sie, auf sachlicher wie auf psychischer Ebene, fordert.
Wissenschaftliche Arbeit, die Überschrift kündigt es an, bedeutet, grundsätzlich
unterhalb dessen zu arbeiten, was man selbst für Kompetenz halten würde. Selbst zur
bescheidensten Aufgabe, die man sich stellt, gibt es neben den Büchern, die man gelesen
hat, immer weitere Bücher, die man gelesen haben müßte, solche, von denen man weiß,
und andere, von denen man nicht weiß und die den gerade gefaßten Gedanken aus dem
Hinterhalt anfallen werden. Ich kenne keinen Wissenschaftler (zumindest keinen
Geisteswissenschaftler), der mit diesem Mißverhältnis nicht unzufrieden wäre. Immer
schwieriger erscheint es, das eigene Projekt im Feld des bereits Gedachten zu lokalisieren
und gegen mögliche Einwände zumindest einigermaßen zu sichern. Und der eigene Kopf
wird, noch bevor die Debatte überhaupt begonnen hat, tükisch zum Bauchredner der
Kombattanten.
Zudem nimmt die Gültigkeitsdauer der einzelnen wissenschaftlichen Paradigmen ab, und was
gestern noch intensiv diskutiert wurde, kann heute schon in den Schatten geraten.
Selbstverständlich kann man sich solchen Paradigmenwechseln verweigern. In jedem anderen
Fall aber sind ganze Wissensbestände von einer Entwertung bedroht; da die einzelnen
Diskurse gleichzeitig immer verzweigter und immer voraussetzungsvoller werden, hat der
Einzelne gar nicht die Wahl, jeden Wechsel mitzuvollziehen; wenn sich aber der Rahmen
verschiebt, wird das eigene Sprechen zwangsläufig eine andere Bedeutung annehmen.
Zum Schreiben gehört die Überzeugung, daß das eigene Projekt an einem beschreibbaren
Punkt in eine bestimmte Debatte investiert. Dies bedeutet, daß jeder Beitrag auch seinen
Umraum mitkonstruiert, und gerade dessen wird man sich immer mehr oder minder unsicher
sein. Auch wenn man das eigene Feld sehr gut kennt, wird es immer Nachbardisziplinen
geben, in deren Bereich man sich mit relativ groben Vorstellungen behelfen muß; und so
notwendig es ist, sich auf ein bestimmtes Fachgebiet einzugrenzen, so klar ist eben auch,
daß die Gegenstände selbst sich selten an solche Grenzziehungen halten.
Ich bin mir sehr bewußt, daß ich hier vor allem eine Nachtseite beschreibe und
daß es
daneben auch durchaus glückhafte Erfahrungen gibt, Erfahrungen des Gelingens, die vieles
aufwiegen, und manchmal sogar den temporären Rausch der Souveränität. Dennoch denke
ich, daß die skizzierte Überforderung zumindest in den Geisteswissenschaften nicht ein
individuelles Problem ist, und keines der psychischen Prädisposition. Ich werde im
folgenden deshalb den Versuch machen, sie zu re-modellieren. Auf dem Terrain meines Fachs,
der Medientheorie, und auf dem Terrain eines benachbarten Fachs, der Soziologie, und ich
werde versuchen, die Überschreitung der Fachgrenze in die Überlegung miteinzubeziehen.
1
Aus der Perspektive der Medientheorie nämlich erscheint das Beschriebene - wie könnte es
anders sein - als ein Kommunikationsproblem. Als ein Kommunikationsproblem innerhalb der
Wissenschaft und zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft, als ein Problem in der
Struktur der Diskurse bzw. in der Architektur unserer Wissensbestände.(1)
Zur Beschreibung des Kommunikationsproblems auf die Theorie Niklas Luhmanns
zurückzugreifen, bietet sich aus verschiedenen Gründen an; dennoch erscheint es mir
sinnvoll, zunächst eine Vorbemerkung zu machen. Die Entscheidung für Luhmann nämlich
war keineswegs eine Frage spontaner Sympathie. Die Soziologie hat in den letzten zwei
Jahrzehnten eine dramatische Wandlung durchlaufen. In den siebziger Jahren eine der
Leitwissenschaften einer politisch interessierten Öffentlichkeit und in der Lage, für
sehr viele der currenten Fragen verbindliche Terminologien zur Verfügung zu stellen, hat
sich die Soziologie inzwischen in eine Vielzahl von Spezialdiskursen und konkurrierenden
Ansätzen aufgespalten und - dies scheint mir eine Haupttendenz zu sein - zunehmend auf
die eigene Methodik zurückgebeugt.
Diese Veränderung war verbunden mit einem deutlichen Entpolitisierungsprozeß, den man
als eine vielleicht notwendige Selbstkorrektur nach einer Phase gesellschaftlicher
Überforderung ansehen kann. Der gegenwärtige Zustand aber ist, zumindest in meinen
Augen, nicht eben einladend. Aus der Außenperspektive erscheinen viele der gegenwärtig
vertretenen Kategorien als kontraintuitiv oder aber, wie der Begriff der 'Modernisierung',
ihrem hohen Elaborationsgrad zum Trotz gemessen an früheren Modellen als eigentümlich
steril.
Und viele Texte Luhmanns fallen aus der so umrissenen Szenerie sicher nicht völlig
heraus. Dennoch denke ich, daß Luhmann, obwohl nur unter anderem mit den Medien befaßt,
den Medienwissenschaften Entscheidendes zu sagen hat.
Der erste Gedanke, den ich in Anspruch nehmen will, ist der Zusammenhang zwischen
gesellschaftlicher Differenzierung und Kommunikation. Luhmann behauptet, stark verkürzt,
daß die moderne Gesellschaft sich in einer rapiden Entwicklung innerer Ausdifferenzierung
befindet,(2) und beschreibt, und dies eben macht
den Gedanken für die Medientheorie interessant, eine systematische Wechselbeziehung
zwischen gesellschaftlicher Differenzierung und Kommunikation.
Gesellschaftliche Differenzierung ist zunächst funktional bestimmt. Ihre wohl
handgreiflichste Form findet sie in der Teilung der gesellschaftlichen Arbeit; diese nimmt
augenfällig an Komplexität zu und hat im Verlauf der Geschichte immer neue
gesellschaftliche Funktionen und immer neue Spezialisierungen hervorgebracht. Und ein
anderer Systemtheoretiker, Peter M. Hejl, sieht den Begriff der gesellschaftlichen
Differenzierung tatsächlich auf die Arbeitsteilung zentriert.(3)
Dies erlaubt ihm, zu einer sehr einleuchtenden Vorstellung zu kommen. Kommunikation, so
Hejl, hat zu vermitteln, was die gesellschaftliche Arbeitsteilung trennt.(4) Kommunikation ist vor allem deshalb nötig, weil mit der
Arbeitsteilung die Wissensbestände und Weltbilder auseinandertreten; beide sind
komplementär aufeinander bezogen: der Arbeitsteilung als einer zentrifugalen Kraft steht
die Kommunikation als eine zentripetale gegenüber. Und im historischen Prozeß kann die
Arbeitsteilung nur jeweils soweit voranschreiten, wie die Kommunikation, und sei es noch
gerade, gewährleistet werden kann.
Diese Grundüberlegung erscheint mir in hohem Maße plausibel. 'Massenkommunikation' und
global village werden nicht vom Stand der Medien- und Kommunikationstechniken abhängig
gemacht, sondern von einem Gegenüber, das zunächst selbst nicht Kommunikation ist. Ein
sehr einfacher, aber sehr wichtiger Gedanke, der einer Überschätzung der Medien, etwa in
der These von der 'Informationsgesellschaft', wirksam entgegentreten könnte.
Um so verblüffender ist, daß bei Luhmann selbst sich die gerade&127; erreichte Klarheit
zunächst wieder auflöst. Liest man nach, nämlich stellt man fest, daß Luhmann das
Modell sehr viel weiter faßt. Während Durkheim(5)
und Parsons,(6) von denen er das Konzept
übernimmt, tatsächlich die Arbeitsteilung in den Mittelpunkt stellen, rückt Luhmann
davon ab,(7) vor allem, wie er sagt, um die
Zentrierung auf die Ökonomie zu vermeiden.(8) Im
Systembegriff und im Modell der System-Umwelt-Beziehung sieht er eine Möglichkeit, das
Problem auf einer abstrakteren Ebene zu reformulieren;(9)
kulturelle Entwicklungen, Recht, Liebe, Sprache, sieht er als gleichrangig an, und deshalb
geht er zu dem allgemeineren Begriff der 'gesellschaftlichen Differenzierung' über.
Im hier verfolgten Kontext hat dies Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist die Möglichkeit,
nun auch Diskursstrukturen zu beschreiben, was der Frage nach dem wissenschaftlichen
Arbeiten sicher näherkommt. Ein Nachteil ist, daß das Konzept an Evidenz verliert. So
hat Holmes(10) mit Recht eingewandt, daß
einer
derart allgemein gefaßten Differenzierungsthese zumindest ebenso mächtige Prozesse der
Entdifferenzierung entgegenstehen.(11)
Ökonomisch etwa im Verschwinden regionaler Unterschiede und in der Totalisierung des
Warenverhältnisses, und im kulturellen Bereich vielleicht noch augenfälliger im
Untergehen gewachsener Kulturen und in der Durchsetzung einer westlich geprägten
Massenkultur.(12) Mit und gegen Luhmann wird man
insofern Differenzierungs- und Entdifferenzierungsprozesse verschränkt denken müssen,
was die Aufgabe sicher nicht leichter macht.
Bezogen auf die Ausgangsfrage nach dem wissenschaftlichen Arbeiten, dürfte klar geworden
sein, daß auch hier Differenzierung und Kommunikation systematisch zusammenhängen. Der
gesellschaftlichen Differenzierung entspricht eine galoppierende Differenzierung auch der
wissenschaftlichen Diskurse, ja, noch direkter: die gesellschaftliche Arbeitsteilung
verdoppelt sich hinein in die innere Struktur der Akademie, und erzwingt eine immer
weitergehende Ausdifferenzierung der Fächer und Approaches. Und nun werden signifikante
Unterschiede deutlich: Während sich das Prinzip der Arbeitsteilung in den
Naturwissenschaften noch einigermaßen produktiv durchsetzen läßt, ist eine
vergleichbare Spezialisierung in den Geisteswissenschaften nicht ebenso produktiv
möglich; gleichzeitig nimmt sie auch hier zu, weil die einzelnen Köpfe mit der
Differenzierung der Diskurse nicht mithalten können.
Für den einzelnen Arbeitenden bedeutet dies, daß sein Projekt, und zwar gerade dann,
wenn es auf dem Stand des jeweiligen Subdiskurses sein will, in eine immer prekärere
Position - relativ zum halluzinierten 'Ganzen' - gerät; als Schreibender stellt er fest,
daß seine Sprache überlastet ist, daß immer mehr Aspekte entweder vorausgesetzt oder
aufwendig noch einmal mitkommuniziert werden müssen, daß alle Termini perspektiviert und
eigentlich nur noch innerhalb des Subdiskurses einigermaßen gültig erscheinen.
Prekär wird die Beziehung des Subdiskurses zu dem, was er selbst nicht ist, zu
jener unübersehbaren Fläche paralleler Diskurse, die das eigene Schreiben ausklammern
muß oder verfehlt. Und das Einzelprojekt muß ins Unrecht geraten, einfach weil es
partikular ist; weil es seine Partikularität nicht ausreichend mitreflektieren und das
Ganze als einen Hintergrund nicht mehr synthetisieren kann.
Es ist dies, keine Frage, ein Kommunikationsproblem. Der Kommunikation wird aufgelastet,
was die gesellschaftliche Differenzierung den Diskursen als Struktur auferlegt, und der
Einzelne trägt als Schreibender aus, was sein Schreiben nur sehr mittelbar beeinflussen
kann.
Noch einmal: ich bestreite keineswegs, daß es Beispiele eines ausgesprochen glücklichen
und souveränen Umgehens mit dieser Problematik gibt, Tänzer des wissenschaftlichen
Parketts sozusagen, die ein hohes Maß an Spezifität Ihrer Aussagen mit ausgezeichneten
kommunikativen Fähigkeiten verbinden. Solche Glücksfälle aber, denke ich, berühren das
Grundproblem kaum; und deshalb schlage ich vor, es jenseits von persönlichem Ge- oder
Mißlingen in den Blick zu nehmen.
2
Luhmann hat, und dies ist der zweite Gedanke, den ich referieren möchte, eine sehr
allgemeine und weitreichende Theorie vorgelegt, welche Kräfte eine Binnendifferenzierung
sozialer Systeme und Diskurse eigentlich erzwingen. Die Differenzierung begreift er
ausdrücklich nicht - vom Inhalt her - als eine Bereicherung, sondern vielmehr als eine
zwangsläufige, eigengesetzliche Entwicklung. Schlüssel ist wiederum der Systembegriff.
"Von sozialen Systemen" sagt Luhmann, "kann man immer dann sprechen, wenn
Handlungen mehrerer Personen sinnhaft aufeinander bezogen werden und dadurch in ihrem
Zusammenhang abgrenzbar sind von einer nichtdazugehörigen Umwelt."(13)
Soziale Systeme (und Diskurse) sind über den Grad ihrer Autonomie bestimmt. Sie erlangen
Unabhängigkeit von ihrer Umwelt in dem Maße, wie sie Mechanismen der Selbstorganisation
ausbilden.(14) Selbst im Fall biologischer
Organismen, von denen der Systembegriff abgeleitet ist, ist die Außengrenze keineswegs
einfach gegeben, sondern es ist die Selbstorganisation, die die Grenze definiert; ein
System agiert in beschreibbaren Umwelt-Relationen und es ist in seinem Selbsterhalt von
diesem Austausch abhängig, seine Grenze aber besteht darin, daß gerade nicht alles mit
allem interagiert, sondern daß Vorgänge innerhalb des Systems anderen Gesetzen
unterliegen als Vorgänge zwischen System und Umwelt.(15)
Es wird ein Binnenraum abgegrenzt, in dem eigene Gesetze gelten. Und der Einfluß der
Umwelt wird an der Grenze gefiltert und umstrukturiert. "In diesem Sinne",
schreibt Luhmann, "ist Grenzerhaltung (boundary maintenance) Systemerhaltung".(16)
Und dies hat Folgerungen für die 'Kommunikation'. Zugespitzt könnte man formulieren,
daß nur der Kommunikationsabbruch die Systemgrenzen generiert.(17) Was als 'Kommunikation' (zwischen System und Umwelt, System und
System) beobachtbar ist, steht in einem konstitutiven Spannungsverhältnis zu seiner
Selbstorganisation; und der Systembegriff fordert dazu auf, die relative Abgeschlossenheit
und die 'Kommunikation' zusammenzudenken.
Luhmann, wie gesagt, nimmt diese Regeln auch für die Beschreibung von Diskursstrukturen
in Anspruch. daß das Rechtssystem und das System der Wissenschaft im historischen
Prozeß sich geschieden haben, hat zur Voraussetzung, daß die Geltungsansprüche des jeweils
einen Systems aus dem anderen zunehmend ausgeschlossen wurden. Der Wissenschaftsdiskurs
hat sich auf die Leitdifferenz wahr/unwahr ausgerichtet, das Rechtssystem auf die Trennung
recht/unrecht;(18) und der historische Prozeß
der Säkularisierung etwa besteht darin, daß religiöse Kriterien aus immer mehr
gesellschaftlichen Diskursen ausgeschlossen wurden, um in einem eigenen Diskurs, der
Praxis einer privaten Religionsausübung, ihren schließlichen Ort zu finden.
Auch wenn solche Zuweisungen einigermaßen grob erscheinen (und das Referat sie
zwangsläufig noch weiter vergröbert), so ist doch plausibel, daß die Geltungsansprüche
der genannten Sphären nicht ohne weiteres ineinander verrechenbar sind. Dies macht ihre
relative Autonomie als nebeneinander bestehende gesellschaftliche Diskurse aus.
Und plausibel ist zweitens, daß das Auseinandertreten der Diskurse (die
Systemdifferenzierung) den einzelnen Diskurs entlastet. Statt der unübersehbaren Vielfalt
von Geltungsansprüchen, die in seiner Umwelt sich vorfinden, hat der einzelne Diskurs es
nur noch mit relativ wenigen distinktiven Kriterien zu tun; und wenn die Reduktion von
Komplexität ein natürliches Interesse kapazitativ begrenzter Systeme ist, so liegt hier
der erste Gewinn, den die Systemdifferenzierung erzielt. "Grundsätzlich
unterscheiden sich System und Umwelt durch ein Komplexitätsgefälle. Die Umwelt ist stets
komplexer als das System, im System muß deshalb geringere Komplexität entsprechend
geordnet werden, damit auf Unabsehbares absehbar reagiert werden kann".(19)
Der zweite Gewinn, paradox, ist die Möglichkeit, nun innerhalb des Systems selbst zu
neuen Differenzierungsstufen zu kommen. "Systemdifferenzierung ist nichts anderes als
die Wiederholung der Differenz von System und Umwelt innerhalb von Systemen."(20) Der Gewinn an innerer Komplexität stabilisiert
das System und paßt es besser an seine Umwelt an.
Übertragen auf den akademischen Bereich bedeutet dies zunächst einen neuen Blick auf die
Fächer-Gliederung. Die Rayons des Elfenbeinturms sind nicht nur Widerspiegelung der
Arbeitsteilung in der tatsächlichen Welt, sondern, auf einer abstrakteren Ebene, vor
allem ein Mittel, die Komplexität von Diskursen in Grenzen zu halten. Fachgrenzen
fungieren als ein Schutzwall vor den Anforderungen einer überwältigend komplexen Umwelt,
und als eine Berechtigung, auszuschließen, was außerhalb der Fachgrenzen liegt. Es
enthält dies durchaus eine Aggression gegen den Gegenstand, und ein Moment von Paranoia.
Gerade relativ junge Fächer wie das meine - die Theater-, Film- und Medienwissenschaft(21) - neigen dazu, die eigene 'Identität'
überzubetonen,(22) obwohl noch keine eigene
Methodentradition und kein Theoriekanon sich verfestigt haben, und dies doch gerade die
Chance zu freundlichen Anleihen bei anderen Fächern und einer kommunikativeren
Grundeinstellung böte. Und die Fächer, aus deren Rahmen sich das neue Fach
herausentwickelt hat, umgekehrt, verhalten sich ähnlich, indem sie ihrerseits die Grenze
eher befestigen.(23) Aber handelt es sich, um
beim Beispiel zu bleiben, beim Fach TFM um ein einziges Fach oder bereits um drei?
Auffällig ist, daß viele Fächer ihre Identität und ihre Grenze von Gegenständen
ableiten, die außerhalb der akademischen Sphäre bereits als solche konstituiert sind.
Die Philologien - Germanistik, Romanistik, Anglistik, Amerikanistik - etwa von Sprach- und
Kulturräumen, also letztlich von der Geographie, bzw. jenen Grenzlinien, die der
Geographie historisch, und oft genug mit Waffengewalt, eingeschrieben worden sind.(24) Wenn zwischen den akademischen Fächern Friede
herrscht, so also deshalb, weil sie an der Stabilität der Gegenstände partizipieren.(25)
Und gleichzeitig setzt sich die Differenzierung innerhalb der Fächer fort. Die
konstituierten Fachgrenzen sind nur die Voraussetzung für eine Binnendifferenzierung nun
innerhalb des Fach-Diskurses selbst, und obwohl die Rhetorik der Stellenausschreibungen
von den Bewerbern verlangt, das 'Fach jeweils in seiner vollen Breite' zu vertreten, so
wird niemand seriös behaupten können, dies tatsächlich zu leisten. Ein Philologe, der
sich in der Tradition der Frankfurter Schule verortet, wird kaum mit gleicher Kompetenz
Poststrukturalist sein können, Systemtheoretiker und Vertreter der amerikanischen,
sprachanalytischen Philosophie. Und da die Subdiskurse sehr voraussetzungsvoll und intern
wiederum hoch differenziert sind, besteht eine deutliche Tendenz zur Bildung von durchaus
sektenähnlichen Strukturen; das Vokabular und die Gewißheiten, die man sich über Jahre
erarbeitet hat, werden entschieden verteidigt, gerade weil die Sorge besteht, der nächste
Paradigmenwechsel könne sie entwerten. Der einzelne Wissenschaftler, wie gesagt, hat
nicht die Wahl. Er kann sich individuell dogmatisch oder - was sicher sympathischer ist -
flexibel verhalten, und er kann sich des Problems sehr bewußt sein. An der
Diskursstruktur selbst wird dies kaum etwas ändern, und nicht an der strukturellen
Überlastung, auf die die Gruppenbildung als eine Entlastung reagiert.
Kommunikationsabbrüche an der Grenze von Fächern und theoretischen Paradigmen also haben
ihren guten Sinn. Und gleichzeitig tragen sie ein Moment von Irrationalität und Irrtum in
die Theoriebildung hinein, das als ein schmerzlicher Zweifel alle theoretische Arbeit
begleitet.
Die Hoffnung geht damit ein weiteres Mal auf die Kommunikation über, bzw. auf jenen
interdiskursiven Raum, der - den Kommunikationsabbrüchen zum Trotz - die Einzeldiskurse
verbindet. Die letzte Frage an Luhmann soll deshalb sein, auf welche Weise er diesen Raum
als einen Raum des Austauschs - und einer übergreifenden Rationalität (?) - konzipiert.
3
Der Raum, der die partikularen Diskurse verbindet, ist der klassische Ort der Medien.
Luhmann betont, daß die Medien selbst ein Produkt der gesellschaftlichen Differenzierung
sind.(26) Die moderne Gesellschaft schafft sich
Organe, die speziell der Überwindung von Kommunikationsbarrieren dienen, wobei Luhmann
den technischen Medien vor allem die Funktion zuweist, die Erreichbarkeit der
Kommunikanten zu steigern.(27) Die zweite
wichtige Bestimmung ist, daß die Gesellschaft sich in den Medien eine Instanz der
Selbstbeobachtung geschaffen hat.(28)
Auch hier aber ist zunächst ein wichtiger Abstraktionsschritt Luhmanns mitzuvollziehen.
Wenn Luhmann von Medien spricht, nämlich meint er zumeist gerade nicht die technischen
Medien, sondern die sogenannten 'symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien'.(29) Er übernimmt diesen Begriff von Parsons, der
von 'generalized symbolic media of social interaction' gesprochen hatte,(30) um, ausgehend von einer Analyse des Geldes und der Sprache,
politisch-ökonomische Kategorien wie Macht, Einfluß und moralische Verpflichtungen als
Elemente der gesellschaftlichen Austauschprozesse zu beschreiben.(31) Luhmann nennt zunächst vier 'symbolisch generalisierte
Kommunikationsmedien': Wissenschaft/Wahrheit, zweitens Liebe, drittens Wirtschaft und
viertens Macht bzw. Recht.(32) Was andere Autoren
'Diskurse' bzw. 'Praxen' nennen würden, also bezeichnet Luhmann als 'Medien'. Damit hebt
er hervor, daß es sich einerseits um gesellschaftliche Teilsysteme handelt, die, streng
codiert, Kommunikationsakte nach jeweils eigenen Regeln strukturieren, und darüber
hinaus, daß nahezu alle Mitglieder der Gesellschaft an ihnen teilhaben.
Jedem dieser symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien ist ein 'symbiotischer
Mechanismus' zugeordnet, mit dem es in die Sphäre der Praxen(33) hereinreicht: im Fall der Wahrheit ist dies die Wahrnehmung, für
die Liebe die Sexualität, für die Wirtschaft die Bedürfnisbefriedigung und für das
Recht die physische Gewalt.(34)
Erster Effekt der so skizzierten Konstruktion ist, daß, für die Medienwissenschaft
einigermaßen irritierend, die Medien im klassischen Sinne ihr Privileg verlieren. Die
Theorie hat zu lernen, daß die Medien mit anderen Mechanismen der Vergesellschaftung
konkurrieren, was gerade innerhalb der philologisch ausgerichteten Medienwissenschaften
leicht aus dem Blick gerät.
Wissenschaft und Universität, zweitens, wären Teil, ja, Leit- Institution des symbolisch
generalisierten Kommunikationsmediums 'Wahrheit'. Und das eigentümliche
Widerspiegelungsverhältnis zwischen Universität und Gesellschaft (universitärer
Fächergliederung und gesellschaftlicher Arbeitsteilung), das oben zu konstatieren war,
hätte seinen Grund darin, daß auch sie, die Hochschule, als eine Instanz der
gesellschaftlichen Selbstbeobachtung fungiert. Die Universität also ist ein 'Medium' im
Luhmannschen Sinn, eine gesellschaftliche Maschine, die Kommunikation ermöglicht, indem
sie einen Binnenraum ausbildet und die Anzahl gültiger Codes reduziert.
In der Verallgemeinerung aber, und dies ist der Nachteil der Konstruktion, droht Luhmann
jedes Kriterium einzubüßen, die technischen Medien in ihrer spezifischen Funktion zu
beschreiben. Dies wird offenbar, sobald sich Luhmann den Massenmedien zuwendet,(35) deren Verhältnis zu den symbolisch
generalisierten Kommunikationsmedien zumindest explizit aber nicht klärt. Gleichzeitig
wird deutlich, daß die Massenmedien, was die Kategorien der Beschreibung angeht, in eine
große Nähe zu den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien geraten.(36)
Folgt man Luhmann, richten sich die Massenmedien auf die Leitdifferenz
Information/Nichtinformation aus.(37) Ihr
technischer Charakter - im Gemeinverständnis ihr augenfälligstes Merkmal und sicher ein
mögliches Unterscheidungskriterium - wird dem Problem der Erreichbarkeit zugeordnet, und
zweitens, dies ist Luhmanns Sicht auf die Technologie allgemein, ermöglicht Technik eine
Reduktion von Komplexität, indem sie, wie die Codes, die Wahlmöglichkeiten begrenzt und
es damit wahrscheinlicher macht, daß aktuelle Kommunikationsakte an die Kette
vorausgegangener Kommunikationsakte anschließen können.(38)
Der wohl spannendste Punkt ist, daß Luhmann damit ein Modell der Traditionsbildung
entwirft, das Medientechnik und Medieninhalte auf systematische Weise mit den diskursiven
Ereignissen verbindet.
"Insgesamt dürfte [...] der Beitrag aller Formen massenmedialer Kommunikation [...]
darin liegen, [...] Voraussetzungen für weitere Kommunikation zu schaffen, die nicht
eigens mitkommuniziert werden müssen. [...] Die gesellschaftliche Funktion der
Massenmedien findet man deshalb nicht in der Gesamtheit der jeweils aktualisierten
Informationen (also nicht auf der positiv bewerteten Seite ihres Codes), sondern [?] in
dem dadurch erzeugten Gedächtnis. Für das Gesellschaftssystem besteht das Gedächtnis
darin, daß man bei jeder Kommunikation bestimmte Realitätsannahmen als bekannt
voraussetzen kann, ohne sie eigens in die Kommunikation einführen und begründen zu
müssen. [...] Massenmedien sind also nicht in dem Sinne Medien, daß sie Informationen
von Wissenden auf Nichtwissende übertragen. Sie sind Medien insofern, als sie ein
Hintergrundwissen bereitstellen und jeweils fortschreiben, von dem man in der
Kommunikation ausgehen kann".(39)
Medientechnik und Medieninhalte werden - völlig parallel - als eine temporäre
Niederlegung begriffen. In einer unübersehbaren Kette von Kommunikationsakten bewegt der
Diskurs sich fort, wobei in einem Zyklus von Verfestigung, Verflüssigung und
Wiederverfestigung ständig definiert wird, was für die Folge- Kommunikationen der Rahmen
und die Anschlußbedingungen sein werden. Symbole und technische Strukturen kapseln
vergangene Inhalte ein. Sie stehen für Auswahlentscheidungen, die in der Vergangenheit
getroffen worden sind, und stellen das Ergebnis dem aktuellen
Kommunikationsprozeß als
ein konventionalisiertes Set vordefinierter Auswahlmöglichkeiten zur Verfügung.
"Tatsächlich", sagt Luhmann, "beruht [..] die Stabilität
(=Reproduktionsfähigkeit) der Gesellschaft in erster Linie auf der Erzeugung von
Objekten, die in der weiteren Kommunikation vorausgesetzt werden können."(40)
So plausibel (und weitreichend) diese Beschreibung ist, und so lohnend es erscheint,
Technik, Sprache und Codes zusammenzudenken, so klar ist eben auch, daß die Definition
nahezu alle Diskurse umfaßt und kaum geeignet erscheint, eine Sonderrolle der Medien zu
begründen. Anders als bei Hejl bleibt einigermaßen rätselhaft, warum die Gesellschaft
die Medien als ein spezifisches Kommunikationsorgan benötigt.
Diese eigentümliche Ratlosigkeit korrespondiert mit der Tatsache, daß Luhmann die Medien
als einen Sonderbereich reflektiert, nicht aber umgekehrt prüft, welcher technischen
Kommunikationsmittel sich die Diskurse bedienen, die er symbolisch generalisierte
Kommunikationsmedien nennt. Mit und gegen Luhmann also wäre nach den Medien der
symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien zu fragen.
Und nun fällt auf, daß sie alle, oder zumindest zwei von ihnen, sich keineswegs 'auf dem
Stand der Technik' befinden (sofern es so etwas gibt). Die Liebe scheint auf die
Face-to-Face- Begegnung angewiesen, wie sie, folgt man der mediengeschichtlichen
Typisierung, für Gesellschaften mit oraler Traditionsbildung typisch ist, und ergänzend
auf den Roman und den Spielfilm, die den Liebesdiskurs mit den notwendigen Patterns
versorgen;(41) Recht und Wissenschaft bedienen
sich vorrangig der Schrift; und allein die Wirtschaft scheint, zumindest was die
Vernetzung ihrer Geldverbindungen angeht,(42) mit
den Computern einen medientechnischen Entwicklungsschub vollzogen zu haben, der demjenigen
innerhalb der Massenmedien vergleichbar ist. Spezifisch für die Massenmedien wäre eben,
daß sie der Ökonomie der Diskurse mit Hilfe avancierterer Techniken aufhelfen; um den
Preis, mit diesem Schritt aus den traditionellen Diskursen - den symbolisch
generalisierten Kommunikationsmedien - herauszufallen und einen eigenen isolierten
Diskurs, mit eigenen Regeln und Inhalten, etablieren zu müssen.(43)
Die Wissenschaft, wie gesagt, bleibt angewiesen auf Schrift und Druck und die
Face-to-Face-Kommunikation der Lehre und der Tagungen. Zwei historische Medien also, und
historisch ohne Zweifel limitiert, insofern gerade die Limitierung der Schrift, nach den
gängigen Theorien, die Mediengeschichte ausgelöst hat.(44)
Und hier nun kehre ich zum Kern meines Themas zurück; mit der vorgeschlagenen Ergänzung
nämlich eröffnet Luhmanns Überlegung die Möglichkeit, die Überlastung der
Wissenschaft nicht mehr nur auf ihre kommunikativen, sondern darüberhinaus auf ihre
medientechnischen Gegebenheiten zu beziehen.
Der Eindruck, daß die Probleme und die verschränkt objektiv/subjektive Lösungskompetenz
zunehmend auseinderlaufen, könnte u. a. auf eine Ungleichzeitigkeit der Mittel hindeuten,
mit deren Hilfe sich beide artikulieren: Während die Banken (auf der Problemseite) sich
mühelos global vernetzen und, unbelastet durch den Anspruch der gesellschaftlichen
Selbstbeobachtung, immer komplexere Fakten schaffen, und die Massenmedien,
arbeitsteilig/technisch hochgerüstetes Organ der Selbstbeobachtung, zunehmend selbst der
Beobachtung und der Interpretation bedürfen, verlangen wir vom 'Wahrheitsdiskurs' der
Wissenschaft, er möge mit der galoppierenden Entwicklung nicht nur schritthalten können,
sondern diese reflektieren, und zwar extensiv wie intensiv, sowohl in der Breite der
Gegenstände, als auch in der 'Tiefe' einer kritischen Differenz. Und dies mit dem
leichten Gerät einer individuellen Schriftproduktion, limitierter Lesezeit und einer
relativ niedrig organisierten Arbeitsteilung, die im wesentlichen Einzelproduzenten
aufeinander bezieht. Vielleicht ist die Wissenschaft, polemisch gesagt, under-equiped; und
die Gesellschaft hat für ihre Kommunikationsprobleme eine technische Lösung gefunden,
der die Wissenschaft nicht folgen kann. Und vielleicht tragen wir, ihre Diener, die
Differenz aus, am eigenen Leib und am Leib unserer Produktion, den die Gegenstände so
klar und so rücksichtslos überschreiten.
Was dem einzelnen als 'Informationsüberflutung' gegenübertritt, ist ein Turmbau, ein
Kollektivprodukt. Behausung, Arbeitsort und Arbeitsobjekt zugleich; die Werkzeuge sind -
kurios - gleichzeitig Gegenstand der Bearbeitung, und die Beiträge der Mitstreiter, die
doch Teil der Lösung sein sollten, ebenso sehr Teil des Problems.
In den Naturwissenschaften herrschte lange die Vorstellung, die gewonnenen Erkenntnisse
seien anreihbar, akkumulierbar, oder überböten einander; die Produzenten arbeiteten als
community of scientists Schulter an Schulter am letztlich selben Projekt.(45) In den Geisteswissenschaften war diese Vorstellung nie gegeben; wenn
es zu ihrem Funktionieren gehört, daß sie in Tausende von Perspektiven zerfallen, so
gibt es keinen anderen Fluchtpunkt als letztlich den eigenen Kopf. Notorisch überlastet
steht er der unendlichen Vielfalt der Diskurse gegenüber. Jedes 'Nein' (jeder kritische
Einwand, den er macht), stößt ihn weiter hinein in den fraktalen Raum des Denkbaren,
dessen Teilung keine Grenze zu kennen scheint und dessen Kälte das Denken bedroht.(46)
Die Formationen, die ich oben wissenschaftliche 'Sekten' genannt habe, sind eine
Reaktionsbildung auf dieses Problem. Man flieht in den warmen Nahraum konstruierter
Bündnisse und eines gemeinsamen Sprachgebrauchs, die es erlauben, zwischen Drinnen und
Draußen, Freund und Feind zu unterscheiden, und sich hinter den selbstaufgeworfenen
Wällen einigermaßen komfortabel einzurichten. Wenn auch diese Lösung eine scheinbare
ist - gibt es also Hoffung?
4
Auch die Hoffnung ist vielleicht Luhmanns Texten zu entnehmen, einem Nebengedanken
Luhmanns, der eher eine Krisenlinie seiner Theorie als einen selbstverständlichen Haben-
Faktor markiert: der Tatsache nämlich, daß jeder Einzelne nicht einer, sondern mehreren
gesellschaftlichen Gliederungen angehört. Was ein naiver Systembegriff auszuschließen
scheint, nämlich gesteht Luhmann ausdrücklich zu: "Als selektive Prozesse können
Handlungen mehreren Systemen zugleich angehören, können sich also an mehreren
System/Umwelt- Referenzen zugleich orientieren. Soziale Systeme sind daher nicht notwendig
wechselseitig exklusiv - so wie Dinge im Raum."(47)
Die genannten 'Theoriesekten' bereits sind eine Strukturierung, die quer zur offiziellen
Fachgliederung verläuft, und oft machtvoller ist als diese, etwa wenn sich Germanisten,
Biologen und Informatiker - Abschlagszahlung auf die geforderte 'Interdisziplinarität' -
zu einer 'Konstruktivismus'-Tagung versammeln. Im selben Sinn ist der Einzelne eben nicht
nur Wissenschaftler, sondern angeschlossen auch an die anderen symbolisch generalisierten
Kommunikationsmedien (Liebe, Recht, Wirtschaft), und darüber hinaus Kunde der
Massenmedien, Mitglied des Elternbeirats, hat Hobbys usf.
Die Trennung der gesellschaftlichen Systeme also, die soziologische Rollentheorie hat dies
ausführlich beschrieben, geht durch den Einzelnen mitten hindurch. Was als eine
neuerliche Spaltung erscheint, aber könnte tatsächlich den Ansatz einer Lösung
enthalten, einer paradoxen und unvollständigen Lösung, die die Reinheit der
systemtheoretischen Grundannahmen in einigem beschädigt. Zweifellos ist die Überlagerung
der Rollen im Kopf und in den Praxen des Einzelnen ein anti-paranoides Element. Es
entstehen Netzverbindungen quer zu der sektoralen Gliederung der offiziellen
Arbeitsteilung; und vielleicht rentiert sich hier das Beharren Luhmanns, zwischen
Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Differenzierung zu unterscheiden.
Inhalte wandern an diesen Querverbindungen entlang, durch die Individuen hindurch.
Dergestalt zu einer Relaisstation gemacht, werden sich diese vielleicht nicht komfortabler
fühlen, aber möglicherweise ein anderes Selbstverständnis entwickeln; nicht Sachwalter,
Verwalter diskursiv fixierter Gegenstände zu sein, sondern Knoten in einem Netz, und in
vielen Netzen, die unterschiedlichen Regeln gehorchen.
Auch dies, zweifellos, ist eine Entlastung. Auch wenn wir der Arbeitsteilung und der
Struktur der Netze nicht trauen, wenn wir Vorbehalte haben gegen ihre real existierende
gesellschaftliche Verfaßtheit, und berechtigte Vorbehalte gegen den Druck in Richtung
Konformität, so scheint eben doch zu gelten, daß Kommunikation 'Identität' immer
beschädigt, und 'Identität' ein um so schwächeres Bollwerk ist, je mehr sie als
Bollwerk fungiert. Vielleicht gilt eben doch auf eine komplexere Weise, daß die Vernunft
nicht in den Menschen, sondern zwischen den Menschen ihren Ort hat.
Anmerkungen:
(1) Wobei das letztere ein sicher problematischer Begriff ist, weil er
reifiziert, was so vielleicht nicht zu reifizieren ist; ich behalte ihn dennoch bei, weil
er den Vorteil hat, bestimmte andere Aspekte zu eröffnen. zurück
(2) "Man kann die soziokulturelle Evolution beschreiben als
zunehmende Differenzierung der Ebenen, auf denen sich Interaktionssysteme,
Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme bilden." (Luhmann, Niklas: Interaktion,
Organisation, Gesellschaft. Anwendungen der Systemtheorie. In: ders: Soziologische
Aufklärung 2. Opladen 1991, S. 13 (OA.: 1975)); siehe auch: ders.: Soziale Systeme.
Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M. 1993, S. 22, 36ff (OA.: 1984); sowie:
ders. (Hg.): Soziale Differenzierung. Zur Geschichte einer Idee. Opladen 1975. zurück
(3) Hejl, Peter M.: Wie Gesellschaften Erfahrungen machen oder was
Gesellschaftstheorie zum Verständnis des Gedächtnisproblems beitragen kann. In: Schmidt,
Siegfried J. (Hg.): Gedächtnis. Frankfurt/M. 1991, S. 293-336; S. 308ff. zurück
(4) Ebd., S. 304ff., 308ff.
"In intern differenzierten Gesellschaften [ist das Wissen] [...] und damit auch die
gedächtnisabhängige Produktion von Bedeutungen [...] über die Gesellschaftsmitglieder
verteilt und in ihnen und in der Systemorganisation verkörpert." (Ebd., S. 332). zurück
(5) Durkheim, Emile: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die
Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/M. 1992 (OA., frz.: 1930). zurück
(6) Bei Parsons ist dieser Bezug schon wesentlich weniger deutlich; zur
Rolle der Arbeitsteilung siehe etwa: Parsons, Talcott: Grundzüge des Sozialsystems. In:
ders.: Zur Theorie sozialer Systeme. Opladen 1976, S. 161-274, S. 256ff., 288ff (O.A.,
am.: 1961) und ders.: The Social System. Toronto (Ontario) 1964 (O.A.: 1951), S. 157ff.:
"The modern Western type of occupational role structure stands near by the pole of
maximum segregation [...]." zurück
(7) "Die klassische Theorie besagt: Gesellschaftliche Evolution ist
zunehmende Differenzierung des Gesellschaftssystems. Differenzierung wird dabei nach dem
im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten Modell der Arbeitsteilung gedacht. Die
Verlegenheit, in die dieses Modell führt, sind bekannt genug." (ders.:
Systemtheorie, Evolutionstheorie, Kommunikationstheorie. In: ders.: Soziologische
Aufklärung 2. Opladen 1975, S. 193-203, hier: S. 197) und:
"Während für Parsons Medienprobleme aus der sozialen Differenzierung folgen, also
an deren Schematik gebunden bleiben, ist für uns umgekehrt die Chance selbstselektiven
Aufbaus komplexer Systeme für spezifische Medien der vielleicht wichtigste Stabilisator
evolutionären Erfolgs." (Luhmann, Niklas: Einführende Bemerkungen zu einer Theorie
symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. In: ders.: Soziologische Aufklärung 2.
Opladen 1975, S. 170-192, hier: S. 180). zurück
(8) "Die Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft haben sich, im
historischen Vergleich gesehen, faszinieren lassen durch die ungewöhnlich hohe
funktionale Autonomie einzelner Sachbereiche oder Teilsysteme der Gesellschaft und haben
die Gesellschaft von da aus reflektiert. Nennen wir nur als Beispiele wiederum: Comenius
für die Pädagogik, Hobbes für die Politik, Kant für die Erkenntnistheorie, Marx für
die Wirtschaft, Kelsen für das Recht. Demgegenüber brauchen wir einen theoretischen
Apparat, der solche Autonomie-Perspektiven und Funktionsprimate noch kontrollieren und
wieder relativieren kann; denn es geht nicht zuletzt um die Frage, ob und wie wir derart
riskante Autonomien kontinuieren bzw. diskontinuieren können." (ders.:
Systemtheorie, Evolutionstheorie..., a.a.O., S. 194). Und:
"Die klassische Vorstellung des Gesellschaftssystems [verführte dazu] [...], das
Ganze von einem repräsentativen und dominierenden Teil, sei es der Politik, sei es der
Wirtschaft, her zu deuten. Der gegenwärtige Zustand der Weltgesellschaft läßt sich
jedoch nicht mehr unter dem Gesichtspunkt eines ontisch wesensmäßigen oder
hierarchischen Primats eines besonderen Teilsystems begreifen, sondern nur noch aus den
Funktionen, Erfordernissen und Konsequenzen funktionaler Differenzierung selbst."
(Ders.: Die Weltgesellschaft. In: ders.: Soziologische Aufklärung 2. Opladen 1991 (Erg.
H.W.) (OA.: 1971)). Aber:
"Heute definieren Wirtschaft, Wissenschaft und Technik die in der Gesellschaft zu
lösenden Probleme mitsamt den Bedingungen und Grenzen ihrer Lösungsmöglichkeit"
(Ebd., S. 58). zurück
(9) "Eine derart relationistisch ansetzende Theorie ist
abschreckend unanschaulich, wenn man sie mit den Schuster-und-Schneider-Theorien der
Arbeitsteilung vergleicht. Aber sie hat das größere Konstruktionsvermögen."
(ders., Systemtheorie, Evolutionstheorie, a.a.O., S. 197). zurück
(10) Holmes, Stephen: Differenzierung und Arbeitsteilung im Denken des
Liberalismus. In: Luhmann, Niklas (Hg.): Soziale Differenzierung. Zur Geschichte eine
Idee. Opladen 1985, S. 9-41. zurück
(11) Holmes macht darauf aufmerksam, daß Prozesse gesellschaftlicher
Differenzierung nicht ein ursprünglich Ungeschiedenes erstmalig gliedern, sondern alte
Differenzierungen aufheben, um neue an ihre Stelle zu setzen. Holmes spricht deshalb von
Prozessen der "Gegendifferenzierung (counterdifferentiation)" (ebd., S. 10);
"Mit der Trennung von Wissenschaft und Religion, von persönlichem Reichtum und
politischer Macht, sind nur zwei der grundsätzlichen Grenzsetzungen genannt, für die
klassische Liberale - bis zu einem gewissen Grade mit Erfolg - kämpften. Dieses neue
Differenzierungsmuster ist nur in seinem Kontext - als eine politische Reaktion, eine
erwünschte Form der Gegendifferenzierung - zu verstehen. Traditionelle europäische
Gesellschaften waren wie Honigwaben von zahlreichen Trennwänden durchsetzt." (Ebd.)
"[...] Markt als eine wertvolle Form der Gegendifferenzierung [...]. Wirtschaftliches
Wachstum brachte die umwälzende Vereinheitlichung einer segmentierten Gesellschaft mit
sich". (Ebd., S. 17) "'Fortschritt' sit ein Prozeß der gleichzeitigen Zunahme
und Abnahme von Differenzierung." (Ebd., S. 20).
Luhmann selbst übrigens sieht dieses Problem: "[Der Begriff der strukturellen
Differenzierung] übergreift jedoch zu viel und erklärt zu wenig. Vor allem für eine
Kombination mit evolutionstheoretischen Analysen reicht er nicht aus, da Evolution
offensichtlich Strukturen nicht nur differenziert, sondern auch generalisiert und
vereinfacht." (ders.: Systemtheorie, Evolutionstheorie..., a.a.O., S. 197) und er
spricht von einer "Umstrukturierung menschlicher Gesellschaften von segmentärer auf
funktionale Differenzierung." (ders.: Die Weltgesellschaft. In: Soziologische
Aufklärung 2. Opladen 1975, S. 59). zurück
(12) Holmes, Differenzierung und Arbeitsteilung..., a.a.O., S. 17, 34. zurück
(13) Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft. a.a.O.,
S. 9. zurück
(14) Luhmann nennt in der historischen Abfolge drei Theoriekonzepte:
zunächst Selbstorganisation, dann Selbstreferenz und schließlich Autopoiesis (ders.:
Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M. 1993, S. 25ff, S. 60
(OA.: 1984)). zurück
(15) Ebd., S. 36. zurück
(16) Ebd., S. 35. zurück
(17) Luhmann macht hier unterschiedliche Aussagen: einerseits spricht
er vom "Abbruch von Interaktion als Modus der Konfliktlösung", Basis der
relativen Unabhängigkeit der Systeme untereinander; "Die Lösung [..] liegt in einer
stärkeren Differenzierung von Interaktionssystemen und Gesellschaftssystem. [...] Die
Konkurrenz auf dem Markt, die große ideologische Kontroverse, die konterkarrierenden
Schachzüge in der Mikropolitik der Organisationen schließen es nicht aus, daß
man
gemeinsam zum Essen eingeladen wird." (ders.: Interaktion, Organisation, a.a.O., S.
17). Andererseits sagt er: "Grenzen markieren dabei keinen Abbruch von
Zusammenhängen. Man kann auch nicht generell behaupten, daß die internen
Interdependenzen höher sind als die System/Umwelt-Interdependenzen. Aber der
Systembegriff besagt, daß grenzüberschreitende Prozesse [...] beim Überschreiten der
Grenze unter andere Bedingungen der Fortsetzung [...] gestellt werden." (ders.:
Soziale Systeme, a.a.O., S. 35f). zurück
(18) Siehe etwa ders.: Einführende Bemerkungen..., a.a.O., S. 178ff. zurück
(19) Ders.: Einfache Sozialsysteme. In: ders. Soziologische Aufklärung
2, Opladen 1991, S. 21-38, hier S. 28. zurück
(20) Ebd., S. 22. zurück
(21) In Frankfurt sind diese drei Gegenstände in einem gemeinsamen
Fach zusammengefaßt worden. zurück
(22) Beispiel sei eine Diskussion die 1996 innerhalb der Gesellschaft
für Film- und Fernsehwissenschaft geführt wurde; hier wurde zwar erkannt, daß
es sich
bei den Medien um "ein[en] Gegenstand - viele Wissenschaften" handelt, daraus
aber vor allem der Schluß gezogen, es gelte, die 'Identität' des eigenen,
philologisch/ästhetisch/historischen Approaches deutlicher zu machen. In einem Artikel
mit dem gleichen Titel vertritt K. Prümm eine offenere Position (Prümm, Karl:
Medienwissenschaft: ein Gegenstand - viele Wissenschaften. Aufforderung zum Dialog. In:
Film- und Fernsehwissenschaft, Nr. 1/96, S. 6-7). zurück
(23) So hat in Frankfurt mit der Gründung des Instituts für TFM die
Anzahl der medienrelevanten Seminare in den übrigen Philologien nicht zu-, sondern
abgenommen. zurück
(24) Es gibt innerhalb der Philologien selbst vielfältige Ansätze,
das Problem zu reflektieren; in den Post colonial studies etwa wird zwischen Sprach- und
Kulturräumen sehr genau unterschieden und der historische Prozeß, der zu den
Grenzziehungen geführt hat, wird zum Gegenstand der Überlegungen gemacht. Ebenso wird in
den Theorien zu 'Otherness', Exklusion und 'Abjection' versucht, dem Problem der
Grenzziehung näherzukommen. zurück
(25) Die Medienwissenschaft, wie gesagt, hat das Glück oder Unglück,
über vergleichbar stabile Grenzen nicht zu verfügen. Der Gegenstand selbst scheint kaum
geeignet, eine verläßliche Grenze zu liefern, dies zeigt die intensive Diskussion, die
gegenwärtig um den Medienbegriff geführt wird. Von bestimmten Kernbereichen -
traditionell: Film und Fernsehen - abgesehen, scheint es äußerst schwierig zu sein, zu
einer befriedigenden Mediendefinition zu kommen. Und darüberhinaus eben haben sehr
verschiedene universitäre Fächer die Medien zu ihrer Sache gemacht. zurück
(26) Ders.: Die Realität der Massemmedien. Opladen 1996, S. 10ff.,
32ff. zurück
(27) "Mit dem Begriff der Massenmedien sollen im folgenden alle
Einrichtungen der&127; gesellschaft erfaßt werden, die sich zur Verbreitung von
Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen." (Ders., Realität
der Massenmedien, a.a.O., S. 10). zurück
(28) Ders.: Realität der Massenmedien, a.a.O., S. 153, 173.
Die Rolle des 'Beobachters' ist sicher eine der problematischsten Konstruktionen innerhalb
der Systemtheorie... zurück
(29) "Was ist ein Medium? Was ist ein Kommunikationsmedium? Was
ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium? [...] Vorab muß klargestellt
werden, daß nicht von den sogenannten 'Massenmedien', von Zeitungen, Fernsehen usw. die
Rede ist. Auch meinen wir nicht übertragungstechnische Einrichtungen irgendwelcher Art,
zum Beispiel Drähte oder Funkwellen [...]." (ders.: Die Wissenschaft der
Gesellschaft. Frankfurt/M. 1994, S. 181 (OA.: 1990)). zurück
(30) Parsons, Talcott: Über den Begriff der 'Macht'. In: ders.: Zur
Theorie der sozialen Interaktionsmedien. S. 57-137, S. 68ff (OA., am: 1963);
- ders.: Über den Begriff 'Einfluß'. Ebd., S. 138-182, (OA., am.: 1963);
- ders.: Über den Begriff 'Commitments'. Ebd., S. 183-228 (OA., am: 1968).
Siehe auch: Turner, Terence S.: Parsons' Concept of 'Generalized Media of Social
Interaction' and its Relevance for Social Anthropology. In: Sociological Inquiry, Nr. 38,
1968, S. 121-134. zurück
(31) "Macht wird hier analog zum Geld als zirkulierendes Medium
begriffen, das innerhalb des politischen Systems umläuft [...]. Eine Spezifizierung der
Eigenschaften von Macht scheint mir am leichtesten nach einer kurzen Skizze der
entsprechenden Charakteristika von Geld als Medium der Ökonomie möglich zu sein."
(Parsons, Über den Begriff der Macht, a.a.O., S. 68).
"The prototype and most highly developed example of generalized media of social
interaction is language." (Turner, Parsons' Concept..., a.a.O., S. 121). zurück
(32) Luhmann, Niklas: Einführende Bemerkungen zu einer Theorie
symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. In: ders.: Soziologische Aufklärung 2.
Opladen 1988, S. 177ff (OA.: 1974). zurück
(33) Luhmann sagt: der organischen Prozesse (ebd., S. 181). zurück
(34) Ebd.; zu Wissenschaft und Wahrnehmung siehe auch: ders., Die
Wissenschaft der Gesellschaft, a.a.O., S. 224ff, 230ff. zurück
(35) 1995 erscheint die erste Monographie, die die Massenmedien im
Titel trägt: L., N.: Die Realität der Massenmedien, a.a.O.; vorher, es wurde gesagt,
sind verschiedene Aufsätze zum Thema erschienen. zurück
(36) Ders., Realität der Massenmedien, a.a.O., S. 32ff.
Eine klarere Trennung hatte Luhmann in den 'Sozialen Systemen' versucht; ausgehend von
einem dreistelligen Kommunikationsmodell, das den Sachverhalt, den Kommunikator und den
Empfänger unterscheidet (ders.: Veränderungen im System gesellschaftlicher
Kommunikation, a.a.O., S. 21 (OA.: 1975), bzw. in einem zweiten Modell: Information,
Mitteilung, Verstehen und viertens die Annahme bzw. Ablehnung des Kommunizierten (ders.:
Soziale Systeme, a.a.O., S. 203)), sieht Luhmann drei mögliche Bruchstellen, an denen
Kommunikation möglicherweise scheitert: Das Verstehen kann scheitern, der Adressat kann
möglicherweise nicht erreicht werden, und drittens schließlich ist der Erfolg der
Kommunikation nicht sichergestellt (Ebd., S. 217f.). Kommunikation, sagt Luhmann, ist
insofern 'unwahrscheinlich'. Medien dienen dazu, diese Unwahrscheinlichkeit
wahrscheinlicher zu machen.
Und entsprechend werden den drei 'Bruchstellen' drei verschiedene Medientypen zugeordnet:
Die Sprache dient dem Verstehen (insofern sie den Raum des Sagbaren einschränkt), die
technischen Medien steigern die Erreichbarkeit des Adressaten und die symbolisch
generalisierten Kommunikationsmedien verbessern als eine Art 'Persuasivtechnik' die
Bedingungen für die Annahme des Kommunizierten (Ebd., S. 220ff.).
Unzufrieden mit dieser Zuweisung versucht z.B. Ellrich, den Computer in Luhmanns System
anders zu verorten (Ellrich, Lutz: Beobachtung des Computers. Die Informationstechnik im
Fadenkreuz der Systemtheorie. Institut für Informatik und Gesellschaft, IGG-Berichte,
Freiburg 3/95, S. 9ff., S. 18, S. 31ff.). zurück
(37) ders.: Die Realität, a.a.O., S. 36.
Diese Differenz ist sicher bestreitbar, zumal sie kaum näher erläutert wird. zurück
(38) Ders., Die Wissenschaft der Gesellschaft, a.a.O., S. 184, 266ff.;
"Technik, technisch, Technisierung soll in diesem Zusammenhang heißen, daß
der
Vollzug ohne allzu viel Reflexion, vor allem aber ohne Rückfrage beim Subjekt oder beim
Beobachter möglich ist. In diesem Sinne bezeichnet der Technikbegriff einen
Entlastungsvorgang." (Ebd., S. 197).
An anderer Stelle schließt Luhmann die Technik aus der Betrachtung der Medien
ausdrücklich aus: "Während wir die technischen Apparaturen, die 'Materialitäten
der Kommunikation', ihre Wichtigkeit unbenommen, aus der Operation des Kommunizierens
ausschließen, weil sie nicht mitgeteilt werden [...]." (Ders.: Die Realität der
Massenmedien, a.a.O., S. 13). zurück
(39) Ders., Die Realität..., a.a.O., S. 120f. (Erg. H.W.). zurück
(40) Ebd., S. 177f.
Und, vielleicht noch klarer: "Symbole [dienen] der Anschlußfähigkeit, der Bindung
der Kommunikation als Moment der Produktion weiterer Kommunikationen. [...] Dieser
Bindungseffekt kann auch als Zeitersparnis aufgefaßt werden, nämlich als Einsparen der
Zeit, die man aufwenden müßte, wenn man den Informationsverarbeitungsprozeß wiederholen
wollte, der zur Applikation [?] des Mediensymbols geführt hat." (Ders., Die
Wissenschaft..., a.a.O., S. 213f (Erg. H.W.)) zurück
(41) Dem Liebesdiskurs und seiner Wechselbeziehung zur Literatur hat
Luhamnn eine eigene Monographie gewidmet (ders.: Liebe als Passion. Zur Codierung von
Intimität. Frankfurt/M. 1994 (OA.: 1982)). zurück
(42) Für die Warenseite, nach wie vor an den materiellen Transport
gebunden, gilt dies nicht. zurück
(43) Dies wiederum entspricht einer Ausgangsdefinition bei Luhmann:
"Grundgedanke ist, daß erst die maschinelle Herstellung eines Produktes als Träger
der Kommunikation - aber nicht schon Schrift als solche - zur Ausdifferenzierung eines
besonderen Systems der Massenmedien geführt hat." (ders.: Realität der
Massenmedien. a.a.O., S. 11, siehe auch S. 32, 33). zurück
(44) Dies erklärt vielleicht, warum das Internet, als neues Medium der
Wissenschaft, so ungeheuer große Hoffnungen auf sich gezogen hat. zurück
(45) Inzwischen wird diese Sicht auch in weiten Bereichen der
Naturwissenschaften kritisch... zurück
(46) "Mit zunehmender Komplexität steigt die Differenzierung der
Interessen und Perspektiven, nehmen die Anlässe und die strukturellen Möglichkeiten für
Negationen zu." (Ders., Interaktion, Organisation, a.a.O., S. 17). zurück
(47) Ders.: Interaktion, Organisation..., a.a.O., S. 18.
Siehe auch Hejl: "Da Individuen Komponenten in vielen unterschiedlichen
Sozialsystemen sein können [...], werden die Grenzen zwischen den unterschiedlichen
Komponenten-'Rollen' immer wieder überschritten: es kommt innerhalb der umfassenden
kognitiven Prozesse von Individuen zu Interaktionen zwischen den unterschiedlichen
synreferetiellen Teilbereichen, die sie ausgebildet haben. Sozialsysteme interagieren
demnach auf doppelte Weise: einerseits direkt über Komponenten, die als solche mit
Komponenten anderer Systeme interagieren [...], oder über Mehrfachmitgliedschaften von
Individuen in verschiedenen Sozialsystemen." (Hejl, Wie Gesellschaften, a.a.O., S.
304f.). zurück