Daß Henne/Ei-Fragen keineswegs trivial sind, merkt man immer dann,
wenn es dennoch Streit über sie gibt. Und oft ist man schon einen
erheblichen Schritt weiter, wenn man ein Problem als ein zirkuläres
überhaupt erkennt. Hennen bedingen Eier, bedingen Hennen, bedingen
Eier. Oder ist es so, daß sich Henne- und Ei-Perspektiven dennoch
unterscheiden?
Es gibt also Streit. Unmißverständlich hat man mich darauf
hingewiesen: "Medien bestimmen unsere Lage. Mit dieser lapidar formulierten,
seine Forschungsergebnisse focusartig verdichtenden Aussage begann vor
zehn Jahren das zunächst von der Zunft wenig beachtete Buch 'Grammophon
Film Typewriter' [...] des Berliner Literaturwissenschaftlers Friedrich Kittler. Sie präzisierte das vom ihm zuvor nur plakativ betriebene
Programm der 'Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften' von
1980."(1) Und weiter:
"Medientechnologien, die Muster der Wahrnehmung und Erfahrung vorgeben,
nicht Reflexion und Selbstbewußtsein, legen nämlich die Normen
und Standards fest, die einer existierenden Kultur die Auswahl, Speicherung
und Übertragung relevanter Daten erlauben. Erst sie verwandeln Menschen
in Subjekte. Nach diesen materiellen, technischen und historischen Ermöglichungsbedingungen
gesellschaftlicher Kommunikationen zu fragen, bedeutet, jene medientechnischen
Blindheiten zu entziffern, die Wissen und Macht jahrtausendelang kennzeichnete,
den Blindflug des Geistes ermöglichte und die Humanwissenschaften
seit den Tagen ihrer Erfindung um 1750 sprechen machen." (2)
Medien also bestimmen unsere Lage, - "die", wie Kittler selbst
dankenswerterweise ergänzt, "(trotzdem oder deshalb) eine Beschreibung
verdient".(3) "Medien",
schreibt Kittler an anderer Stelle, "definieren, was wirklich ist".(4)
Und andere Autoren haben das Projekt aufgegriffen und radikalisiert: So
glaubt Bolz in der Mediengeschichte das "physiologische Apriori des
Denkens" aufgefunden, eine Formulierung, die wie eine Art Feldzeichen
über der gesamten Debatte steht: "Die Frage nach dem physiologischen
Apriori eines Denkens ist keine hermeneutische, sondern - man ist versucht
zu sagen: im Gegenteil, eine medientechnologische."(5)Umstandslos
direkt gilt die Suche der "Dimension des Signifikanten";(6)
und Nietzsche wird aufgerufen, um von der abgründigen Kategorie
des Sinns endlich zu den "Tatsachen des Leibes" überzugehen.(7)
Belegstellen für ähnliche Äußerungen sind Legion.(8)
Es wird als eine kopernikanische Wende angesehen - und als die Initialzündung
der Medienwissenschaft selbst - den Blick umorientiert zu haben von der
Ebene der Inhalte und der künstlerischen Formen auf jene Techniken,
die eben keineswegs nur 'Werkzeug' oder 'Voraussetzung' kommunikativer
Prozesse sind. Und ich stimme dem ausdrücklich zu: es war tatsächlich
eine kopernikanische Wende; die zudem im Kernbereich der Geisteswissenschaften
noch immer nicht mitvollzogen worden ist, trotz der Tatsache, daß
es inzwischen kaum einen Philologen gibt, der nicht bei Gelegenheit auch
über die 'Neuen Medien' schriebe.
Die Humanwissenschaften sind für die technische Seite ihres Gegenstandes
nach wie vor weitgehend blind; es ist noch immer möglich, ein Germanistikstudium
zu absolvieren, ohne von der Geschichte der Schrift und der Drucktechniken
das Geringste gehört zu haben, versprengte Seminare über die
'Literatur im Netz' müssen die Lücke füllen und selbst die
Film- und Fernsehwissenschaften haben einige Schwierigkeiten, die Technik
in ihre Curricula tatsächlich einzubeziehen.
Die Technik selbst in den Blick zu nehmen, also war ein wichtiger Schritt.
Und dennoch: ich behaupte, das Paradigma hat sich in seiner Substanz verändert;
seit 1985 sind mehr als zehn Jahre vergangen, und was einmal ein berechtigter,
kritischer Einwand war, ist zu einer positiven Gewißheit verkommen.
Der Verweis auf die Technik ist schlecht geworden, im durchaus lebensmittelrechtlichen
Sinn. Und er bedarf, wenn nicht der Revision, so doch einer theoretischen
Besinnung, die das Argument - und sei es zu seinem eigenen Besten - wieder
verflüssigt.
2
Es geht also darum, von welchem Ort und mit welcher Ausgangsintuition
man Mediengeschichte schreibt. Parallel zu den genannten 'technikzentrierten'
Ansätzen hat es immer auch andere, alternative Modelle gegeben, die
eher die Medienpraxen, gesellschaftliche, soziale oder massenpsychologisch/psychologische
Strukturen in den Mittelpunkt gestellt haben. In einer ersten Polarisierung
möchte ich also die 'technik-zentrierten' Ansätze von den 'anthropologischen'
unterscheiden, wohl wissend, daß es sich bei diesen Etikettierungen
bereits um Zuschreibungen, und zwar jeweils der Gegenseite, handelt.
'Anthropologisch' werden die Alternativansätze genannt, weil sie
'am Menschen' als Subjekt auch der Mediengeschichte festhalten, und, sei
es naiv oder kritisch, nicht in der Medientechnik selbst, sondern in den
menschlichen Praxen den Motor der Entwicklung sehen. 'Anthropologisch'
in diesem Sinne wären nahezu alle Medientheorien bis zum historischen
Bruch bei McLuhan, der neben Benjamin als Hauptzeuge der theoretischen
Wende in Anspruch genommen wird; 'anthropologisch' wären die Mediensoziologie,
Medienpsychologie und -pädagogik, aber auch und vor allem die Tradition
der Ideologiekritik, von der sich die gegenwärtigen Autoren in scharfer
Form distanzieren; und ebenso Texte, die moralische Kategorien in Anschlag
bringen, wie der späte Virilio, der den Weg des frühen, technikzentrierten
Virilio verläßt.
Und 'anthropologisch' wären auch jene elaborierteren Modelle,
die von mentalitätsgeschichtlichen oder wunschtheoretischen Prämissen
ausgehen.(9) All diesen Ansätzen
ist gemeinsam, daß sie ein medientechnisches 'Apriori' kultureller
Prozesse vehement bestreiten würden.
3
Meine erste These - und mein erster Vorschlag zur Moderation - ist eben,
daß es sich um eine Henne/Ei-Frage handelt, um zwei theoretische
Perspektiven, die jeweils unterschiedliche Gegenstände in den Blick
nehmen und einen unterschiedlichen Geltungsbereich haben. Und zum zweiten
und weitergehend, daß beide zyklisch und deshalb letztlich unentscheidbar
miteinander verbunden sind, und nur in wechselseitiger Ergänzung überhaupt
Sinn machen. Es erscheint mir deshalb notwendig, ein Modell zu skizzieren,
das beide Denkweisen einigermaßen zuverlässig aufeinander bezieht.
Unterschiedlich ist zunächst die Richtung, in die die medienhistorische
Recherche geht. Die technikzentrierten Ansätze - die ich 'Henne'-Positionen
nennen möchte - gehen von einer immer schon konstituierten Technik
aus und fragen - 'Medien bestimmen unsere Lage' - nach den Wirkungen
dieser Technik auf die Praxen, den sozialen Prozeß und die sozialen
Vollzüge. Sie haben Ihre Stärke darin, die Härte der Technik
ernstzunehmen, die relative Blindheit der Technikentwicklung, ihren präskriptiven
Charakter, insofern Technik über Zukunft immer schon verfügt
hat und, wie Luhmann sagt, einen offenen Horizont kontingenter Möglichkeiten
limitiert;(10) sie rücken
damit in die Nähe der Technikfolgenabschätzung, gegen die Kittler
interessanterweise polemisiert. (11)
Ihre Schwäche ist, daß die Entwicklung der Technik selbst
aus dem Modell weitgehend herausfällt, und entweder in Richtung einer
vollständigen Autonomie stilisiert werden muß - dies in der
These der Emergenz oder 'Evolution' - oder in eine relativ schlichte Erfinder-Geschichte
zurückfällt. (12)
Henne-Positionen werden als "technik-deterministisch" angegriffen,
weil sie eine einseitige Kausalität von der Technik hinein in den
sozialen Prozeß behaupten. (13)
Oder als Fetischisierung nach dem marxschen Diktum, daß die fertige
Ware den Prozeß ihrer Hervorbringung verdeckt.(14)
Die anthropologischen 'Ei'-Positionen dagegen verfahren fast komplementär.
Von einer existierenden Technik fragen sie zurück, danach, was diese
Technik in die Welt gebracht hat. Technik wird begriffen nicht als Ausgangspunkt
sondern als Resultat, und zwar notwendig außertechnischer Prozesse;
die vorfindliche Struktur einer Technik wird zurückgeführt auf
die Praxen, die sie hervorgebracht haben; und diese Praxen werden gerade
nicht einzelnen Erfindern zugeschrieben, sondern einem größeren
gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß, in dem sich ebenfalls blinde
und intendierte Prozesse überlagern. 'Ei'-Theorien können die
Fetischisierung vermeiden, sind aber in Gefahr, die Technik selbst soweit
zu verflüssigen, daß sie verfügbar erscheint...
Das verbindende Schema, das ich vorschlagen will, also wäre dasjenige
einer zyklischen Einschreibung. Technik ist das Resultat von Praxen,
die in der Technik ihren materiellen Niederschlag finden; Praxen (einige,
nicht alle Praxen!) schlagen um in Technik, dies wäre die erste Phase
des Zyklus.
Und gleichzeitig eben gilt das Gegenteil: dieselbe Technik ist Ausgangspunkt
wiederum für alle nachfolgenden Praxen, indem sie den Raum definiert,
in dem diese Praxen sich ereignen. Dies ist die zweite Phase des Zyklus.
Einschreibung der Praxen in die Technik und Zurückschreiben der Technik
in die Praxen.
Abgelauscht wäre diese Vorstellung dem Modell der Sprache: Die
Sprachtheorie sagt uns, daß das Sprechen sich in der Sprache niederschlägt,
so daß das sprachliche System als ein verdichtetes Protokoll aller
vorangegangenen Sprechakte betrachtet werden muß; und umgekehrt eben
determiniert das System der Sprache alles spätere Sprechen; Diskurs
(Ereignis, Sprechen) (15)
schlägt in Sprache um, die Sprache wiederum in Sprechen. Diachronie
und Synchronie, Diskurs und Struktur sind auf systematische Weise miteinander
verbunden. (16)
Auf dem Hintergrund
dieser Vorstellung nun sind die genannten Theorien einigermaßen präzise
zu lokalisieren: Focus der 'anthropologischen' Positionen wäre die
erste Phase, der Umschlag von Diskurs in Struktur; Focus der technikzentrierten
'Henne'-Positionen dagegen die zweite Phase, das Wiederumschlagen von Struktur
in Diskurs. Zyklisch, wie gesagt, miteinander verbunden, wären beides
Vereinseitigungen, Verengungen der theoretischen Perspektive; und vielleicht
notwendige Verengungen, wenn die Reduktion von Komplexität die notwendige
Voraussetzung und Leistung der theoretischen Arbeit ist. Lösen das
Problem und der Widerspruch sich also vollständig auf?
Auffällig ist zunächst, daß scheinbar eindeutig lokalisierte
Protagonisten sich plötzlich, zumindest mit einzelnen ihrer Projekte,
auf der anderen, der unvermuteten Seite wiederfinden; Kittler, Exponent
und Hauptzeuge aller Henne-Positionen, etwa argumentiert - näher betrachtet
- über weite Strecken seiner Texte im Rahmen von 'Ei'-Schemata; dann
zum Beispiel, wenn er in Software-Strukturen die Bürokratien wiedererkennt,
die dieser Software ihre Form gegeben haben, oder Chiparchitekturen zurückführt
auf die Entscheidungsprozesse, die in ihnen untergegangen sind. (17)
Ebenso finden sich in fast beliebiger Menge 'Henne'-Einsprengsel in Texten,
die als Grundprojekt einer Ei-Linie folgen würden. Beides ist Anzeichen,
daß die Autoren die angesprochene Dialektik durchaus sehen und die
Fronten auf der Ebene der Einzelaussagen vielleicht weniger verhärtet
sind, als es scheint.
Zum zweiten aber bleibt es selbstverständlich bei der Differenz
beider Thesen; behauptet ist schließlich nicht mehr und nicht weniger
als eine unterschiedliche Kausalität: Wer bei der Auskunft 'Medien
bestimmen unsere Lage' endlich Ruhe gefunden hat, wird sich kaum damit
anfreunden, daß das, was er 'Lage' nennt, auch die zukünftigen
Praxen bestimmt, und damit die zukünftige Medientechnik. Der Zyklus
selbst erscheint als eine Rückkehr der Bedrohung, die in der Entscheidung
für eine Seite gebannt werden sollte.
4
Hinter dem Gegensatz beider Positionen, davon bin ich überzeugt, stehen nicht allein Differenzen der inhaltlichen Einschätzung oder der politisch/theoretischen Orientierung. Darüber hinaus, und dem, denke ich, lohnt es nachzugehen, stellt sich die Frage nach Henne und Ei u. a. als ein Problem der wissenschaftlichen Erkenntnis selbst. Henne-Positionen haben den unbestreitbaren Vorteil, daß ihr Ausgangspunkt, die Technik, immer schon Gegenstandscharakter hat; er ist reifiziert, Teil der materiellen Welt, und damit einer unmittelbaren Beobachtung zugänglich. (18) Theorien, die sich mit Mentalitäten einlassen, mit Strukturen des Sozialen oder gar der Psychologie, haben diesen Vorteil nicht; Ihr 'Gegenstand' ist entweder dispers oder allenfalls einer indirekt/symptomatischen Beobachtung zugänglich; das Sammeln der Fakten selbst wird zum Methodenproblem und das zu Erkennende scheint vom erkennenden Zugriff immer schon kontaminiert. Die Differenz zwischen den harten Natur- und den weichen Humanwissenschaften scheint sich hier ein weiteres Mal, nun auf dem Terrain der Humanwissenschaften selbst, zu reproduzieren. Und vielleicht ist dies der Grund, daß viele Henne-Theoretiker, ihrer philologischen Herkunft zum Trotz, einen meist wenig glücklichen Flirt mit den Naturwissenschaften unterhalten. (19) Daß die Technik eine materielle Niederlegung ist, nicht fluide Praxis, sondern eben Ding, scheint sich darin zu bewähren, daß sie - wie die zu sezierende Leiche - zumindest stillhält.
Knut Hickethier allerdings hat darauf hingewiesen, daß auch dieser
Eindruck sich einer Stilisierung verdankt; (20)
so ist Bedingung, daß das Augenmerk eingegrenzt wird auf das einzelne
Gerät; 'der Fernseher', 'der Computer', 'die Kamera' - jeweils im
Singular und isoliert gegen seine vielfältigen Interdependenzen -
muß eintreten für eine Struktur, die insgesamt betrachtet unendlich
viel komplexer wäre, und fast ähnlich dispers und der Beobachtung
feindlich wie die Gegenstände der Humanwissenschaften, mit denen sie
am Rande notwendig verschmilzt. 'Das Fernsehen' z.B. muß freigestellt
werden gegen seine Institutionenstruktur, ohne die der Schirm zweifellos
dunkel bliebe, und gegen das Programm, das als schlichter 'content' einen
Henne-Wissenschaftler gerade nicht interessiert.
Tückisch ist, daß die Technik selbst diesen Weg vorvollzieht,
in dem sie einzelne Geräte in einzelnen Deckelhauben verschließt,
und in der Modularisierung und Typisierung, die es nahelegt, den einzelnen
Fernseher prototypisch für alle Fernseher einstehen zu lassen.
Und es ergibt sich - kurios - eine Entsprechung zu den Philologien,
die im 'close reading' (zumindest in der naiven Variante einer Hochschätzung
des 'Wortlauts') ja ebenfalls glaubten, am einzelnen Text ihr Genügen
zu finden und seinen Dingcharakter, seine Textgrenzen als Bollwerk gegen
das Schwirren des Umraums in Anspruch nehmen zu können.
Hier wie dort geht die Rechnung nicht auf, und die intelligenteren
Techniktheorien haben darauf aufmerksam gemacht, daß es selbst innerhalb
der Technik thematisierte und nicht-thematisierte Techniken gibt, und damit
ein, wie Comolli sagt, technisch-Unbewußtes.(21)
Dies bedeutet, daß der 'materialistische' Vorteil der Hennepositionen
sich in dem Maße verflüchtigt, wie die strategischen Grenzziehungen
als solche erkannt und die Technik in ihrem tatsächlich/möglichen
Volumen wahrgenommen wird.
Die Ei-Positionen wissen zumindest, daß sie ein Problem haben
und ohne externes Wissen, Grundannahmen, und ohne jene Modellierungen des
Sozialen und des Psychischen, die die Tradition der Kulturwissenschaften
ihnen liefert, nicht auskommen. Insofern ist der Unterschied vielleicht
ein hermeneutischer: Beide Theorien gehen von der Technik aus; indem sie
unterschiedliche Richtungen einschlagen, und entweder eben Ursachen oder
Folgen in den Blick nehmen, handeln sie sich unterschiedliche Probleme
ein.
5
Geht man noch einen weiteren Schritt zurück, stellt man fest, daß
hinter der Frage des Gegenstandes und seiner Beobachtbarkeit die allgemeinere
steht, die in der Philosophiegeschichte als die Konfrontation von 'Idealismus'
und 'Materialismus' ausgetragen worden ist. Die gegenwärtig dominierenden
Medientheorien - wie gesagt durchweg 'Henne'-orientiert - beziehen einen
Großteil ihrer Suggestion aus der Tatsache, daß sie an materialistische
Traditionen anknüpfen, oder zumindest an das, was an diesen Traditionen
so einzigartig evident erscheint.
Unter der Oberfläche beerben sie damit die Ideologiekritik, der
ansonsten die frontale Ablehnung gilt. Und zweifelsohne hat der Inhalt
der 'materialistischen' Intuitionen sich verschoben. Nicht mehr die Gesellschaft
und ihre materialen Vollzüge stehen im Mittelpunkt des Interesses,
sondern nun die Technik. In der marxistisch/materialistischen Tradition
stellte sie als Teil der Produktionsmittel zwar die 'Basis' von Gesellschaft
und Kultur, dies aber eng verknüpft mit der Ökonomie und der
lebendigen Arbeit, die die gegenwärtigen Theorien ebenfalls weitgehend
ausschließen.
Es ist also ein äußerst reduzierter 'Materialismus', der
die meisten Henne-Positionen kennzeichnet. Verblüffend direkt aber
kehrt zurück, was eine Art Zentrum jeder trivial-marxistischen Vorstellung
wäre, und was als trivial und als in jeder Weise unzureichend zur
Beschreibung kultureller Phänomene vielfach kritisiert worden ist:
Die heutigen Henne-Positionen wiederholen jenes Verhältnis von 'Basis'
und 'Überbau', in dem die Basis den Überbau 'determiniert'.
Die Abstandnahme von dieser schlichten Kausalität war, neben dem
Vorwurf des 'Fetischismus', der Kern einer neomarxistischen Neuorientierung,
wie sie in den Apparatustheorien formuliert wurde. "Intelligent idealism
is more intelligent than stupid materialism"(22)
polemisierte Comolli, um seine Herleitung des Mediums Kino aus so immateriellen
Dingen wie Wünschen und Mentalitäten zu rechtfertigen. (23)Daß
die Apparatus-Theorien, ihrem marxistisch/materialistischem Anspruch zum
Trotz, unter die 'Ei'-Theorien gerechnet werden müssen, hat hier seinen
Grund. Der Materialismus selbst sah sich gezwungen, auch solche Fakten
einzubeziehen, die einer direkten Beobachtung keineswegs zugänglich
waren. Der Widerspruch aus den eigenen Reihen ließ nicht lange auf
sich warten; zu einem geringeren Preis aber war eine anspruchsvolle Techniktheorie
nicht zu haben, und trotz einer veränderten Landschaft und gut 20
Jahren Abstand sollten gegenwärtige Medientheorien solche Erfahrungen
einbeziehen.
6
Theoretische Perspektiven, wie gesagt, dienen der Reduzierung von Komplexität; gleichzeitig aber beinhalten sie Wertsetzungen. Im Falle der Henne-Ei-Frage scheint mir die zentrale Wertentscheidung sein, welche Stellung 'dem Menschen' im Modell zugewiesen werden soll. Henne-Positionen verbinden ihre Technikfaszination häufig mit einer Dezentrierung 'des' Menschen, die von einem fröhlichen, ästhetisch motivierten Anti-Humanimus bis hin zu aggressiven Flucht-Phantasien à la Moravec reicht, die sich weniger gegen die Menschen als gegen das Organische insgesamt wenden. Die poststrukturalistische Erkenntnis, daß der Mensch keineswegs das Subjekt seiner Geschichte ist, (24)daß die Subjektposition immer nur eine angemaßte sein kann, limitiert durch das Unbewußte und das Unbewußte der Sprache, wird verlängert in den Versuch, sich gleich auf die Seite dieses Unbewußten zu schlagen, um zumindest mit der eigenen Theorie, wenn schon nicht als human being, auf der Seite der siegenden Maschinen zu sein.
Die 'anthropologischen' Positionen müssen demgegenüber tatsächlich
blaß aussehen. In der Tat gehört so etwas wie Trotz dazu, an
einem naiven Humanismus festzuhalten, wie er Basis zumindest eines Teils
der anthropologischen Medienmodelle ist. Wer die Technik nach wie vor als
'Mittel' definierter Zwecke betrachtet, muß der Kritik schlicht anheimfallen;
Moral oder Sympathie für 'den' Menschen wird weder einen Kommunikationsbegriff
fundieren können, der auf dem Stand der Dinge ist, noch jener Kälte
gerecht werden, die der Schrift und den Maschinen keineswegs nur von ihren
Gegnern zugeschrieben wird. Am Medium Film allein die handelnden Menschen
zu sehen, nicht aber die Kälte der technischen Reproduktion, die in
der mechanischen Wiederholung unabweisbar hervortritt, unterbietet das
Medium, das in der Spannung beider Momente seine Pointe hat.
Es gibt gegenwärtig, denke ich, kein Modell, das die Kritik souverän
durchschritten hätte und zwischen beiden Abgründen sich halten
könnte. Wenn gleichzeitig wahr ist, daß beide Positionen nur
in wechselseitiger Ergänzung überhaupt Sinn machen - spricht
dies nicht dafür, auf die Ebene der Einzelargumente überzugehen
und, ganz in der Tradition des close reading, den Frontverlauf im Großen
bewußt zu vernachlässigen?
Wenn Kittler am Ende eines 15-Seiten-Plädoyers für die Hardware
schreibt: "Navigare necesse est, viviere non. Laut Aristoteles 'ist
es nämlich unsinnig, wenn einer behauptet, die politische Wissenschaft
sei die höchste Wissenschaft. Denn der Mensch ist nicht das Beste,
was es im Kosmos gibt'",(25) so
ist dies nur sehr scheinbar mit einem Moravec kompatibel. Sehr im Gegenteil
kann man dies auch als eine ökologisch-ethische Stellungnahme lesen;
als eine Art negative Theologie, die gegen den Menschen argumentiert, um,
was es im Kosmos außer ihm gibt, vor seiner Selbstüberschätzung
zu retten.
7
Der Vorschlag, die gängigen Modelle der Mediengeschichtsschreibung
zunächst nach 'Henne-' und 'Ei'-Positionen zu polarisieren, um sich
dann durch die verdeckten Interdependenzen, Überschneidungen und Verwandtschaften
irritieren zu lassen, führt deshalb zu einem Plädoyer, die fraglichen
Texte noch einmal zu lesen, und zwar gegen ihren Strich und gegen die Deutung,
die sie selbst auf ihrer Oberfläche nahelegen. Die futuristische Begeisterung
des frühen Virilio schien ebenso eindeutig wie ansteckend zu sein;
durch die Erfahrung der späteren Texte hindurch gelesen, tritt unter
ihrer Oberfläche bereits der Gestus des moralisierend/kulturkritischen
Warners hervor.
Und dieselbe Erfahrung, so denke ich, kann man bei vielen der Henne-Projekte
machen. Die fröhliche Affirmation eines Bolz erscheint so exaltiert,
so übertrieben, daß sie den Blick auf ihr Gegenteil, den kulturkritischen
Subtext förmlich erzwingt. Eine 'Entlastung' der Subjekte durch die
Medientechnik etwa müßte nicht feiern, wer die Last, die Belastung
dieser Subjekte nicht allzu gut kennt und für korrekturbedürftig
hielte.(26)
Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, dem emotiven Vorzeichen einer Erfahrung
nicht allzu viel Bedeutung zuzumessen. Eine übertriebene Technikaffirmation,
eine Feier der Technik, wie sie uns in vielen Texten gegenübertritt,
könnte durchaus auf ihr Gegenteil verweisen; eine Art Identifikation
mit dem Aggressor, der als Aggressor gerade darin aber wahrgenommen und
thematisiert wird; und dies möglicherweise präziser, als in allen
wohlmeinenden Statements, die 'den Menschen' vor 'der Technik' in Schutz
nehmen wollen.
Es geht mir durchaus nicht darum, die schlichte Polarität 'Mensch
versus Technik' noch einmal zu reinstallieren, die vor allem Tholen mit
Blick auf die Sprache sehr wirkungsvoll demontiert hat.(27)
Ohne Zweifel aber wird man auch die aggressive Seite der Technik wahrnehmen
müssen, die alle menschlichen Zwecke rigoros überschreitet und
die der Ansatzpunkt aller Technikkritik ist. Und diese aggressive Seite
scheint mir in Kittlers Kriegsfaszination, vom Vorzeichen abgesehen, sehr
deutlich zur Sprache zu kommen.(28)
Ich selbst habe radikale Henne-Positionen lange allein als eine Verdrängung,
ein Ausweichen vor den Anforderungen des Sozialen gelesen. Mein Alternativvorschlag
nun ist, sich für den kulturkritischen Subtext in diesen Texten zu
interessieren.
All dies allerdings geht zum Ganzen auf die Kosten meines eigenen,
hier skizzierten Modells. Denn wofür die saubere analytische Trennung
zwischen Hennen und Eiern, wenn gegen Schluß beide bis zur Unkenntlichkeit
ineinander verschwimmen?
Anmerkungen:
(1) Maresch, Rudolf: Blindflug des Geistes. Was heißt (technische) Medientheorie? In: Telepolis-online: http://www.heise.de/tp/co/2039/findex.htm (8. 7. 96). Bei dem Text handelt es sich um ein Ko-Referat, das die online-Zeitschrift Telepolis glaubte, einem meiner Artikel beigeben zu müssen; "Das Gespräch von Geert Lovink mit [...] Hartmut Winkler hat bereits heftige Diskussionen im Internet aufgerührt. Es geht dabei auch um den Ansatz einer kritischen Medientheorie in Deutschland. Wo aber soll sie ansetzen? Bei den Inhalten, wie man dies früher gemacht hat, oder bei den technischen Gegebenheiten der Medien, die jeden Inhalt überformen? Gibt es so etwas wie eine deutsche Medientheorie? Rudolf Maresch nimmt Stellung zur Diskussion." (Ebd., Einleitung der Redaktion). zurück
(2) Ebd. zurück
(3) Kittler, Friedrich: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin 1986, S. 3; es sind dies die ersten Sätze des Vorworts. zurück
(4) Ebd., S. 10. Kittler zitiert Bolz (B., Norbert: Die Schrift des Films. In: Kittler, Friedrich A.; Schneider, Manfred; Weber, Samuel (Hg.): Diskursanalysen 1. Medien. Opladen 1987). zurück
(5) Bolz, Norbert: Theorie der neuen Medien. München 1990, S. 9; dies ist ebenfalls der erste Satz des Buches. Die Rede vom Apriori findet sich auch bei Kittler: "Wenn Medien anthropologische Aprioris sind [...]" (Kittler, Grammophon..., a.a.O., S. 167). zurück
(6) Bolz, Theorie..., a.a.O., S. 10. zurück
(7) "Nietzsches kunstphysiologische Reduktion der hermeneutischen Sinnfrage auf die Frage nach dem richtigen Ohr will die Ohren für die Tatsachen des Leibes öffnen." (Ebd., S. 14). zurück
(8) Einige Beispiele unter vielen:
- "Mit Gutenbergs Technik von Satz, Druck und den Verlagen entstand
eine industrielle Form des Wissens [...] Sprache, Literatur, Recht, Nation,
Wissenschaft und Handel: Sie alle hängen vom Lesen und Rechnen ab."
(Coy, Wolfgang: Bauelemente der Turingschen Galaxis. MTG-online: http://www.hrz.uni-kassel.de/wz2/archiv/1_coy.htm,
abgefragt am 1. 5. 97).
- "Medien prägen unser Bild von der Wirklichkeit." (Sandbothe,
Mike: Interaktivität - Hypertextualität - Transversalität.
Eine medienpilosophische Analyse des Internet. In: Münker, Stefan; Roesler, Alexander: Mythos Internet. Frankfurt/M. 1997, S. 56).
- "Telegrafie generiert Telegrafie. Sie revolutioniert die Presse,
stiftet weltumspannende Agenturen der Telegraphie und gebiert den Journalisten,
der über das telegraphisch erschlossene Weltimperium schreibt."
(Hagen, Wolfgang: Der Radioruf. Zu Diskurs und Geschichte des Hörfunks.
In: Stingelin, Martin; Scherer, Wolfgang (Hg.): HardWar/SoftWar. Krieg
und Medien 1914 bis 1945. München 1991 S. 248.
Und explizit Christoph Tholen in einer E-Mail-Diskussion (verbreitet
über Verteiler am 28. 6. 96): [H. W. hatte geschrieben: "Die Technik
bietet sich als ein Fluchtraum an vor den komplexen Anforderungen des Sozialen,
und wer in der Technik das 'Apriori' der gesellschaftlichen Entwicklung
ausmacht, muss sich um vieles nicht mehr kuemmern."] und Tholen erwidert:
"Das ist nun voelliger Bloedsinn! Logischerweise ist es umgekehrt: Wer
sich nicht mit der Technik (und d.h. dem historisch-diskursiven Geflecht
von Macht und Wissen, in dem sie sich veraendert) beschaeftigt, der 'kuemmert
sich' nicht um soziale Fragen, naemlich solche der konstitutiven Praegekraft
medialer Bedingungen!" zurück
(9) Hier sind vor allem die sogenannten Dispositiv-Ansätze zu nennen, z.B.: Elsner, Monika; Müller, Thomas; Spangenberg, Peter M.: Zur Entstehungsgeschichte des Dispositivs Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland der fünziger Jahre. In: Hickethier, Knut (Hg.): Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 1. Institution, Technik und Programm. Rahmenaspekte der Programmgeschichte des Fernsehens. München 1993, S. 31-66. zurück
(10) Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1994, S. 184, 266ff. zurück
(11) Kittler, Friedrich: Hardware, das unbekannte Wesen. In: Kunsthochschule für Medien (Hg.): Lab. Jahrbuch 1996/97 für Künste und Apparate. Köln 1997, S. 363. zurück
(12) Dies z.B. in den frühen Schriften Kittlers, die sich in verblüffend-narrativer Weise für die oft kuriosen Einzelumstände technischer Erfindungen interessieren. (Ders., Grammophon..., a. a. O., S. 43ff, 122ff.). zurück
(13) - "It is often said that television has altered
our world. In the same way people often speak of a new world, a new society,
a new phase of history, being created - 'brought about' - by this or that
new technology: the steam-engine, the automobile, the atomic bomb. [...]
For behind all such statements lie some of the most difficult and most
unresolved historical and philosophical questions. [...] without feeling
ourselves obliged to ask whether it is reasonable to describe any technology
as a cause, as what kind of cause, and in what relation with other kinds
of causes." (Williams, Raymond: The technology and the society. In:
Bennett, Tony (Hg.): Popular Fiction. Technology, ideology, production, reading.
London/NY 1990, S. 9). Williams polarisiert zwei Grundeinstellungen
der Theorie: 'technological determinism' versus 'symptomatic technology'
(Ebd., S. 11ff.).
- "Technological determinism substitutes for the social, the
economic,
the ideological, proposes the random autonomy of invention and development".
(Heath, Stephen: The Cinematic Apparatus. In: ders.: Questions of Cinema.
London/Basingstoke 1981, S. 225ff). zurück
(14) - "Die Frage ist dabei, ob die Arbeit sichtbar
ist [...], oder aber, ob die Arbeit verborgen ist; wobei, wenn letzteres
zutrifft, das Produkt offenbar von ideologischem Mehrwert begleitet wird."
(Baudry, Jean-Louis: Ideologische Effekte erzeugt vom Basisapparat. In:
Eikon. Internationale Zeitschrift für Photographie und Medienkunst,
Nr. 5, 1993, S. 37 (OA., frz.: 1970)),
- oder Comolli: "The ideology of the visible (and what it implies:
the masking and effacement of work)." (Comolli, Jean-Louis: Technique
and Ideology: Camera, Perspective, Depth of Field (Part 1). In: Nichols,
Bill (Hg.): Movies and Methods. Volume II, Berkeley 1985, S. 46 (OA., frz.:
1971).
- siehe auch: ders.: Technique and Ideology (Parts 3 and 4). In: Rosen,
Philip (Hg.): Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader. New
York 1986, S. 429f., 432 (OA., frz.: 1971). zurück
(15) 'Diskurs' hier im wörtlichen Sinne: "die von einem [allen] Sprachteilhaber[n] auf der Basis seiner [ihrer] sprachlichen Kompetenz tatsächlich realisierten sprachlichen Äußerungen (Sprachw.)." (Duden. Fremdwörterbuch. Mannheim 1974, S. 182 (Erg. H.W.)). Der Begriff des 'Diskurses' wird gegenwärtig inflationär gebraucht; insbesondere in den Foucault-orientierten Ansätzen umfaßt er neben tatsächlichen Äußerungen auch Praxen, sowie die verdeckten Strukturen, die die Äußerungen und Praxen determinieren. Diese Strukturen würden hier gerade unter den Gegenbegriff 'Sprache/ System' gefaßt. zurück
(16) Ich habe dieses Modell ausgeführt in: Winkler, Hartmut: Docuverse. Zur Medientheorie der Computer. München 1997. zurück
(17) Kittler, Friedrich: Protected Mode. In: Bolz/Kittler/Tholen,
Computer als Medium, a.a.O., S. 209-220; die Verwandtschaft dieser Argumentation
mit traditionellen ideologiekritischen Projekten habe ich gezeigt in: Winkler,
Hartmut: Flogging a dead horse? Zum Begriff der Ideologie in der
Apparatusdebatte,
bei Bolz und bei Kittler. (in Vorber.) preprint http://www.rz.uni-frankfurt.de/~winkler/flogging.htm
Für solche Verletzungen der reinen Lehre wird Kittler von den
Seinen inzwischen scharf angegriffen: siehe z.B. Tholen, Georg Christoph:
Ende des Menschen? In: Kunsthochschule für Medien (Hg.): Lab. Jahrbuch
1995/96 für Künste und Apparate. Köln 1996, S. 320-324.
zurück
(18) Die Rede von einer 'unmittelbaren' Beobachtung ist selbstverständlich mehr als porblematisch; so haben die Gestaltpsychologen immer betont, wie weitgehend die Beobachtung von der Erwartung determiniert wird, und auch in den Naturwissenschaften wird die Beobachtung - Basis jeder Empirie - zunehmend infragegestellt. zurück
(19) Beispiel sei der inzwischen ritualisierte Bezug
auf die Chaostheorien. Der Versuch zwischen beiden Kulturen überhaupt
eine Brücke zu schlagen, ist selbstverständlich wichtig und nötig;
siehe z.B.: Kittler, Friedrich: Farben und/oder Maschinen denken. In: Hammel,
Eckhard (Hg.): Synthetische Welten. Kunst, Künstlichkeit und Kommunikationsmedien.
Essen 1996, S. 119-132
(http://www.hammel.duesseldorf-online.de/txt/edi/kittler.htm) zurück
(20) "Anders als bei den auf Fixierung und Speicherung ausgerichteten Apparaten (Fotoapparat, Schreibmaschine, Grammophon) ist der Apparat der Massenmedien in seiner Struktur komplexer, vielteiliger. (Nicht zufällig werden sie deshalb von den neueren Apparatustheoretikern wie Kittler und Flusser ausgespart). Der massenmediale Programmbegriff umfaßt die Apparate der technischen Notierung von Bildern, Schrift und Geräuschen, integriert sie jedoch in einen größeren, der zugleich auch die Verbreitung, die Distribution des Fixierten einbezieht. [...] Im Apparat der elektronischen Massenmedien ist deshalb immer auch bereits diese umfassende Gesellschaftlichkeit eingeschrieben". (Hickethier, Knut: Apparat - Dispositiv - Programm. Skizze einer Programmtheorie am Beispiel des Fernsehens. In: ders.; Zielinski, Siegfried (Hg.): Medien/Kultur. Berlin 1991, S. 429). zurück
(21) "Deputizing the camerea to represent the whole of film technique is not only taking 'the part for the whole' - it's also a reductive operation (from the whole to the part). It needs to be questioned because on the level of theory it reproduces the separation which still marks the technical practice of cinema - between the visible part of film technique and its 'invisible' parts. [...] The visible part of film technique (camera, shooting, crew, lights, screen) suppresses the invisible part (frame lines, chemistry, fixing and developing, baths, and laboratory procession, negative, the cuts and joins of montage technique, soundtrack, projector, etc.) and the latter is generally relegated to the unreasoned, 'unconscious' part of cinema." (Comolli, Technique and Ideology (Part 1), a. a. O., S. 45). zurück
(22) Comolli, Jean-Louis: Technique and Ideology: Camera, Perspective, Depth of Field (Part 1.2). In: Browne, Nick (Hg.): Cahiers du Cinéma. 1969-1972. The Politics of Representation. Cambridge (Mass.) 1990, S. 236 (OA., frz.: 1971). zurück
(23) "Everything seems to have happened as if historical causality which moves from economic infrastructure to ideological superstructure had to be reversed here; and as if basic technical discoveries had to be considered as fortunate accidents, essentially secondary in relation to the preliminary idea of the inventors. The cinema is an idealist phenomenon. The idea of it existed already armed in men's minds, like in some platonic heaven". (Comolli, Technique and Ideology (Part 1), a. a. O., S. 48; Comolli zitiert Bazin). zurück
(24) "Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt; der Mensch ist auch nur ein Tier; das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus - es ist uns einigermaßen gelungen, mit diesen narzistischen Kränkungen umzugehen. Nun schicken sich künstliche Intelligenzen an, uns auch noch die letzte stolze Domäne streitig zu machen: das Denken." (Bolz, Norbert: Computer als Medium - Einleitung. In: ders.; Kittler, Friedrich; Tholen, Christoph (Hg.): Computer als Medium. München 1994, S. 9). zurück
(25) Kittler, Hardware..., a. a. O., S. 363. zurück
(26) Bolz mündlich in einem Vortrag in Frankfurt (9. 6. 97). Ähnlich im Begriff der 'Erleichterung': "...unwiderrufliche[r] Abschied von der emphatisch-kritischen Theorie. Die Achtundsechziger beobachten das mit Entsetzen, die Zaungäste mit Erleichterung." (Bolz, Norbert: 1953 - Auch eine Gnade der späten Geburt. In: Hörisch, Jochen (Hg.): Mediengenerationen. Frankfurt/M. 1997, S. 87). zurück
(27) Tholen, Georg Christoph: Platzverweis. Unmögliche Zwischenspiele zwischen Mensch und Maschine. In: Bolz/Kittler/Tholen, Computer als Medium, a.a.O., S. 111-135. zurück
(28) "Aber gerade in der Gründerzeit technischer Medien wirkte ihr Schrecken so übermächtig, daß Literatur ihn exakter verzeichnete als im scheinbaren Medienpluralismus heute, wo alles weiterlaufen darf, wenn es nur die Schaltkreise von Silicon Valley nicht beim Antritt der Weltherrschaft stört. Eine Nachrichtentechnik dagegen, deren Monopol eben erst zu Ende geht, registriert genau diese Nachricht: Ästhetik des Schreckens." (Kittler, Grammophon..., a. a. O., S. 4). zurück