(erschienen in: Hebecker, Eike; Kleemann, Frank; Neymanns, Harald (Hg.): Neue Medienumwelten. Frankfurt/M./NY 1999, S. 44-61) - website creation date 29. 11. 98, update: 06. 03. 01, expiration date 06. 03. 2004, 67 KB, url: www.uni-paderborn.de /~winkler/praxen.html, language: German, © H. Winkler 1997, home ( keys: media, theory, technology, practices, empiricism, natural sciences, sociology, Luhmann, Habermas, cultural studies, Hall, nature, naturalization )
"Alternative wäre, [...] rein mit Fakten zu konstruieren - eine Art Konkretion ohne Denken." (Norbert Bolz) (1)
"Grau ist alle Theorie, aber entscheidend ist immer auf'm Platz." (Sepp Herberger)
Der folgende Text hat drei Anlässe: zum einen die Tatsache, daß die Medien wie die
Medienwissenschaften gegenwärtig in verblüffender Weise überschätzt werden und sich
selbst überschätzen. So scheint es gegenwärtig keine Grenze und kein Außen der Medien
zu geben. Ökonomische Zuwachsraten und technologische Innovationen haben den Eindruck
erweckt, nichts sei unmöglich, und unberührt von den Selbstzweifeln anderer Branchen
löse zumindest der Mediensektor alle Hoffnungen ein. Dem korrespondiert das
Selbstmißverständnis eines Fachs, das nahezu jede Fragestellung zu einem Medienproblem
macht, die Medien zum gesellschaftlichen 'Apriori' und sich selbst zu einer Art
Leitwissenschaft stilisiert; hier zu bremsen erscheint mir notwendig, nicht im Sinne einer
Autoaggression oder einer weisen Selbstbeschränkung, sondern ausschließlich aus Gründen
der Sache selbst. Es scheint mir dringlich zu überlegen, auf welche Weise eine
systematische Grenze des Mediensektors definiert werden kann. Und dies scheint nur
möglich, indem die Medienwissenschaft Gegenstände in den Blick nimmt, die eindeutig
nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fallen.
Zweiter Anlaß ist die Beobachtung einer Diskrepanz. Während in der Medientheorie
zeichenkritische Modelle dominieren, Modelle also, die die Zeichen und das Bezeichnete auf
den größtmöglichen Abstand bringen, während Weltbezug und Referenz demontiert und ein
von Zeichen unabhängiger Zugang zur Welt für unmöglich erklärt wird,(2) scheint mir gleichzeitig ein sehr massiver, definitionsmächtiger und
machtgetränkter Diskurs stattzufinden, der vollständig außerhalb der Medien, in der
Sphäre des Tatsächlichen verläuft.(3)
Die eingangs zitierte Bolz-Stelle bringt es auf den Punkt: zumindest in bestimmten ihrer
Sektoren scheint diese Gesellschaft dazu übergegangen, 'rein mit Fakten zu konstruieren'.
Nicht leichte Signifikanten, sondern Stahl und Beton in Anschlag zu bringen und
Sachzwänge zu installieren, wo der demokratische Meinungsstreit sich als zunehmend
schwierig erweist.
Während Liberalisierung und Eigeninitiative verlangt werden, drohen Sachzwänge den Raum
für solche Initiative längst zu verstellen. Die Medienwissenschaft aber diskutiert die
'Informationsgesellschaft', als verliefe der Vektor umgekehrt, weg von Hardware, Zwang und
Ökonomie, und hin zu einem Reich der Informationen, das notwendig ein Reich der Freiheit,
oder doch zumindest der Freiheitsgrade wäre.(4)
Und parallel dazu schließlich besteht unsere Gesellschaft darauf, daß alles, was
überhaupt etwas tauge, für eine Praxis taugen, also tatsächlich werden und sich in der
tatsächlichen Welt bewähren müsse. Dies ist rational, wo es darum geht, gerade die
Wissenschaft auf ihre Folgen zu verpflichten, und auf die Verantwortung für jene
wertfrei-symbolischen Spiele, die längst keine mehr sind. Verallgemeinert aber ist dies
ein Anschlag auf die Sphäre des Symbolischen selbst. Wenn alles Symbolische praktisch
werden muß, geht die Pointe des Symbolischen, ein Probehandeln zu ermöglichen, das von
tatsächlichen Konsequenzen zunächst entkoppelt ist, verloren; es implodiert der
Unterschied zwischen Probehandeln und Handeln, virtuell und real, Konjunktiv und
Indikativ.
Die Medien sind von der skizzierten Problematik gleich mehrfach betroffen. Denn sind die
Medien nicht doppelt bestimmt? Einerseits Teil der Realität, 3-d-solide, Hardware,
Praxis, ein Wirtschaftszweig, andererseits aber ein Reich der Zeichen, das als ein symbolisches
Universum gerade nicht real sein will und zur Sphäre des Tatsächlichen einen definierten
Abstand hält?(5) Die beschriebene Grenze also
scheint die Medien selbst zu durchlaufen.
Und als Spaltung zudem auch die Theorie: denn ist man nicht, zumindest wenn es um eine Techniktheorie
der Medien ging, fast unberührt von den Skrupeln der Zeichen- und Erkenntniskritik auf
den Standpunkt eines naiven Realismus zurückgekommen? Hat man nicht
fröhlich-positivistisch Hardware-Geschichte(n) geschrieben, oder, unter Anrufung
Foucaults, Medien-Archäologie, als sei zwar nicht die 'Realität', zumindest aber
Signifikanten und Technik problemlos zugänglich?(6)
Im Folgenden also soll es um das Außen der Medien gehen.(7) Um Mechanismen, die zwischen dem Symbolischen und dem Tatsächlichen
sich anspinnen, fokussiert auf eine einzelne Tendenz, die vielleicht als eine Variante von
'Naturalisierung' beschrieben werden kann. Der Begriff der 'Naturalisierung' wurde
innerhalb der Cultural Studies geprägt und soll später kurz referiert werden; zuvor
allerdings scheint mir die Klärung einiger Voraussetzungen nötig.
1
Die erste Frage nämlich scheint mir zu sein, wie es zu einer Totalisierung der Medien und
der Zeichen überhaupt kommen konnte. Auf der Ebene des Alltagsbewußtseins mag der
Verweis auf die Zuwachsraten des Mediensektors hinreichen; auf der Ebene der Theorie aber
stellt sich die Frage anders: wenn Philosophie, Sozialwissenschaften, Philologien und
weitere Fächer auf die Frage nach Medien und Zeichen zunehmend einschwenken und ihre
Kernfragen als Medienfragen zunehmend remodellieren, so ist dies ein Paradigmenwechsel,
der durch objektive Veränderungen - Veränderungen der gesellschaftlichen Realität - m.
E. nur unzureichend erklärt werden kann.
Beispiel sei die Soziologie, als diejenige Wissenschaft, die sich traditionell mit den
außersymbolischen Praxen, oder zumindest auch mit ihnen, befaßt. Nimmt man Luhmann und
Habermas als zwei unstrittig prominente Zeugen, so stellt man fest, daß beide Ansätze
den Begriff der 'Kommunikation' ins privilegierte Zentrum ihrer Gesellschaftstheorien
stellen.
Luhmann betrachtet den einzelnen kommunikativen Akt als das Atom, aus dem sich die gesamte
Apparatur der Gesellschaft aufbaut,(8) die
Gesellschaft selbst als eine Struktur, die - ausdrücklich nach dem Muster von Diskursen
entworfen(9) - in der Interaktion von Medium und
Form sich fortentwickelt.(10)
daß diese Grundentscheidung weitreichende Konsequenzen hat, wird besonders augenfällig,
sobald er sich der Rolle der Technik zuwendet. Auch die Technik nämlich
konstruiert Luhmann aus der Perspektive diskursiver Phänomene, als eine Interaktion von
Medium und Form.(11) Und er dementiert
ausdrücklich die Annahme, Technik interagiere mit der Natur, z. B. in dem Sinne,
daß ihr
Funktionieren die Richtigkeit der zugrundeliegenden Weltmodelle belege.(12)
Der Preis dieses Ansatzes ist, daß der Technik ihr Gegenüber - abhandenkommt. Was die
Alltagsintuition als das Spezifische der Technik ansehen würde: jenes Spiel gegen einen
stummen, widerständigen Gegner, einen Gegner, der die Macht hat, 'Nein' zu sagen und
selbst die prachtvollsten Maschinen mit leichter Hand zu zerbrechen, und das Spezifische,
das die stummen, technischen Praxen von den beredten, allzu beredten, diskursiven Praxen
unterscheidet, all dies wird entmächtigt, oder zumindest in den Hintergrund des Modells
verbannt. Das Diskursive könnte seine Grenze allein an etwas Außerdiskursiven haben, an
einer Gegeninstanz, die in unserem Denken und unseren Diskursen nicht aufgeht, und deshalb
von deren Logik her allein nicht konstruiert werden kann. Geht diese Gegeninstanz
verloren, erscheint das Diskursive in eigentümlicher Weise entgrenzt.
Bei Habermas liegt das Problem anders und doch vielleicht vergleichbar. Seine Theorie des
kommunikativen Handelns verspricht, zumindest im Titel, die Kommunikation als den
Sonderfall eines allgemeineren Handlungskonzepts zu begreifen; exakt diese Frage aber wird
souverän übersprungen, indem nicht ein Handlungsbegriff, sondern die
Rationalitätsproblematik zum Ausgangspunkt gewählt wird, und von dort aus in
Frontstellung gegen instrumentalistische und funktionalistische Handlungskonzepte das
Ideal eines verständigungsorientierten, kommunikativen Handelns entfaltet wird.
Wenn die Positionen Luhmanns und Habermas' sich ähneln, so eben darin, daß beide den
'naiven Realismus' - ansonsten bestritten-unbestrittene Arbeitsgrundlage der Soziologie -
losgelassen haben; beide Theorien müssen begriffen werden und begreifen sich selbst als
eine Reaktionsbildung auf jenen 'linguistic turn', der ausgehend von der Philosophie eben
auch die Sozialwissenschaften zunehmend beeinflußt und in ihrer Substanz verändert hat.
Einerseits sicher ein Brückenschlag zu den Textwissenschaften, ist dieser
Paradigmenwechsel gleichzeitig problematisch; denn in der Annäherung droht mit der
Vorstellung einer außersprachlichen Realität nun auch den Textwissenschaften eine
wichtige Kontrollgröße im interdisziplinären Dialog abhandenzukommen.
Auf den lichten Höhen der Philosophie, wen könnte es wundern, hatte es der 'linguistic
turn' ohnehin wesentlich leichter. Was als ein sprach- und erkenntiskritisches Projekt
begann und in der poststrukturalistischen Debatte die wohl fruchtbarsten und radikalsten
Formulierungen fand, bei Derrida und Lacan zu einer allgemeinen Zeichenkritik ausgebaut
wurde, und von dort aus zur selbstverständlichen Basis vieler Medien-Überlegungen, hat
sich in den Exzess der 'radikalen Konstruktivismen' scheinbar problemlos verlängert.(13) Im Exzess aber treten die Grenzen deutlich
hervor. Denn bedeutet die Einsicht, daß wir Zugang zur Welt nur über die Sprache und die
Gesetzmäßigkeiten unserer Wahrnehmung haben, zwangsläufig, daß die Welt uns
abhandenkommt? Benötigen wir nicht einen Erfahrungsbegriff - so problematisch uns dieser
in der Philosophie wird(14) -, der auch die
stummen Praxen umfaßt? Sogar unsere Medienpraxen haben mit dieser stummen,
geist-abgewandten Seite immer zu tun. Körperliche Effekte im Kino und die
technisch-akustische Überwältigung der Popmusik, die handwerklich-technische Seite der
Produktion und das Apparative der Apparaturen, muß nicht in all diesem ein
Außerdiskursives selbst innerhalb der Sphäre des Diskursiven zugestanden werden?
2
Meine Behauptung ist, daß es immer um Wechselverhältnisse zwischen Diskursivem und
Außerdiskursivem geht. Und ich möchte dies an einer Reihe von Beispielen zeigen. Zwei
der suggestivsten Ereignisse der letzten Zeit waren die ICE-Katastrophe und, zugegeben ein
Maßstabssprung ins Kleine, der Überschlag der A-Klasse. Beide haben gemeinsam,
daß ihre
Pointe in einem Zusammenprall besteht; und zwar einem Zusammenprall der Zeichen mit der
Sphäre des Tatsächlichen. In beiden Fällen war vorher gerechnet worden. Unter Zeit- und
Kostendruck hatte man in den Computer und also in Zeichenoperationen verlegt, was man
vielleicht doch besser in der tatsächlichen Welt getestet hätte. Die Welt aber hatte
sich geweigert, den Berechnungen zu folgen, und die Modelle im Rechner wurden von den
realen Elchen katastrophisch falsifiziert.
daß die Medien sich auf diese Ereignisse stürzten und tagelang in den Bildern der
Zerstörung schwelgten, ist in meinen Augen ein Sekundäreffekt. Das 'Lehrstück' steckte
in der Sache selbst. Eben in jenem Zusammenprall, und in der Tatsache, daß das
Bezeichnete Einspruch gegen die Zeichen erhob.
Immer begleitet uns der Verdacht, daß die Zeichen uns belügen. Wir leben mit der
Tatsache, daß die Raster der Welterschließung uns Wesentliches vorenthalten, daß
unsere
Generalisierungen falsch und grob sind und unsere Wissensbestände unvollständig. Was
also kann uns gelegener kommen, als wenn die Referenten selbst zu sprechen beginnen?
Der Metaphernclash deutet es an: die Referenten, selbstverständlich, sprechen nicht, und
wenn sie es täten, wäre die Frage, in welcher Sprache. Deutlich aber dürfte im Beispiel
werden, daß wir - entgegen allen Dementis - mit der 'Wahrheit' durchaus befaßt sind. Und
daß wir Konstellationen aufbauen, in die das Tatsächliche wie der Frosch in eine
Versuchsanordnung immer schon involviert ist; und deutlich ist zweitens, daß die
Anordnung nur dann Sinn macht, wenn der Ausgang der Experimente offen und nicht offen ist.
Solange der ICE ohne Zwischenfall lief, war er Beleg für den erreichten Stand der
Technik. Und allgemeiner für das Gelingen des naturwissenschaftlichen Erkenntnisweges,
der der Natur ihre Gesetze entreißt, um sie in Technik codiert in die Natur
zurückzuschreiben. Auch dies, ohne Zweifel, ist ein Wahrheitsmodell. Ge- oder Mißlingen,
problemloser Betrieb oder Katastrophe arbeiten am selben Projekt, unsere Zeichen zu testen
und zu immer neuen Vollkommenheiten zu bringen. Letztlich also geht es darum, den Zeichen
eine Stütze zu verschaffen in der Sphäre des Tatsächlichen, dessen also, was selbst
nicht Zeichen ist.
Und können nicht sehr viele unserer Praxen nach diesem Muster verstanden werden? Spielen
wir nicht im Sport gegen die Grenzen unserer Körper, Akrobaten gegen die Schwerkraft, und
Technologie, Luhmann zum Trotz, mit und gegen Natur?
Geht es nicht, noch allgemeiner, um die Grenze selbst? Wenn - um schon wieder ein
Katastrophen Beispiel zu wählen - in einem Formel-1-Rennen über 90 Minuten kein
Unfall geschieht, war das Rennen nicht allein langweilig, sondern eigentümlich
'derealisiert'; in der Perfektion der gezogenen Runden verliert sich das Vertrauen,
daß die Beteiligten wirklich 'am Limit' gefahren sind. Was heißt am Limit? Die Formulierung
bereits verweist auf den Versuchscharakter der Sache; sie impliziert, daß die Fahrer und
Teams gegen einen Gegner spielen, der zwar unsichtbar ist, um den es aber eigentlich geht.
ICE-Unfall und Formel-1 sind Polsterknöpfe; sie verbinden auf ideale Art beide Ebenen:
die unbezweifelbare 'Realität' - Sphäre der Referenten - und eben die Sphäre der
Zeichen, die nur allzu bezweifelbar sind.
3
Spätestens an dieser Stelle wird Foucault die Bühne betreten. Von Diskursen war die
Rede? - Foucault! Von stummen Praxen? - Foucault! Auf die Reflexe im akademischen Raum ist
Verlaß. Und selbstverständlich geht viel des hier Vorgetragenen auf die Erfahrung seiner
Texte zurück. Gleichzeitig aber habe ich ernste Zweifel, ob das beschriebene Problem mit
Foucault tatsächlich in den Blick zu nehmen ist.
Richtig ist, daß Foucaults Diskursbegriff zunächst sprachliche Äußerungen umfaßt,(15) dieses Feld dann aber überschreitet, in dem er
ausdrücklich auch Praktiken in seine Analyse einbezieht, etwa den Bau von
Gefängnissen oder den Eingriff in die Körper durch Folter und Drill.(16) "Diskurse selbst sind Praktiken", schreibt
Fink-Eitel in seinem Kommentar, "Als diskursive Praktiken unterscheiden sie sich
von den nicht-diskursiven (technischen, institutionellen, ökonomischen, sozialen,
politischen) Praktiken."(17)
Die nichtdiskursiven Praktiken nennt Foucault verschiedentlich 'stumm';(18) sie mögen von einem Sekundärdiskurs begleitet sein, der sie
umspült, interpretiert und rechtfertigt, weder aber fallen sie mit diesem
Sekundärdiskurs zusammen, noch gehen sie in ihm auf. Entsprechend sind die Praktiken dem
Bewußtsein abgewandt; es ist Aufgabe der historisch rekonstruierenden Diskursanalyse, sie
dem Bewußtsein verfügbar zu machen und die epistemische Struktur zu beschreiben, die
Praktiken wie Diskurse determiniert.
Diese Grundauffassung, es wurde gesagt, hat Foucault vor allem für solche Medientheorien
interessant gemacht, die den technischen Charakter der Medien in den Mittelpunkt
stellen. Die Kittler-Schule etwa nimmt den Begriff der 'Diskursanalyse' als methodische
Selbstbeschreibung in Anspruch und leitet aus ihm die Möglichkeit eines materialistischen
Erkenntnisweges im Feld der Mediengeschichtsschreibung ab.(19)
Bei näherer Analyse aber werden der Bezug wie der Bezugspunkt problematisch. Auf die
entscheidende Frage, wie das Verhältnis der diskursiven zu den nicht-diskursiven
Praktiken zu denken sei, nämlich hat Foucault im Laufe seines Lebens sehr
unterschiedliche Antworten gegeben. Fink-Eitel rekonstruiert drei Stufen: stehen 'Diskurs'
und 'Praktiken' sich zunächst unvermittelt gegenüber, so in 'Wahnsinn und Gesellschaft'
und der 'Ordnung der Dinge', werden sie in der mittleren Phase, in der 'Archäologie des
Wissens', auf einen umfassenderen Begriff des Diskursiven hin summiert; die Praktiken
scheinen Teil des Diskurses geworden zu sein, der Diskursbegriff die Praktiken mit zu
umgreifen. In der dritten Phase schließlich, folgt man Fink-Eitel, kehrt sich das
Verhältnis um, und Diskurse wie Praktiken scheinen nun auf die andere Seite, die nun eng
mit dem Begriff der Macht assoziiert wird, zu fallen.(20)
Foucault war weniger daran interessiert, eine Trennlinie zwischen Diskursen und Praktiken
zu definieren, als zu zeigen, daß eine archäologische Analyse beide Ebenen
berücksichtigen muß. Die Grenze zwischen Symbolischem und Außersymbolischem erscheint
auf diese Weise eigentümlich nivelliert.
Foucault betont zwar, daß die Praktiken materiell, diesseitig-tatsächlich und
möglicherweise unbewußt sind, da er die sprachlichen Diskurse aber sehr parallel als
eine Folge materiell beobachtbarer Äußerungs-Ereignisse konzipiert,(21) ergibt sich auch an dieser Stelle kein grundsätzliches
Trennungskriterium.
Scheinbar mühelos, und dies scheint mir der Grund für seine hohe Attraktivität im Feld
der Medienwissenschaft zu sein, vereinigt Foucault die Gegensätze: linguistic turn und
materialistische Basis-Intuition, die Unhinterschreitbarkeit der Sprache und die
Anerkennung der Opazität der Technik und der Praxen.
Auch diese attraktive Synthese allerdings hat ihren Preis; unter der Hand nämlich ist den
Praxen abhandengekommen, was sie in anderen Modellen bestimmt: der Bezug auf eine
'Realität', an der Praxis sich abarbeitet und die wirkungskräftig und widerständig das
Gegenüber, Rahmen und Grenze der Praxen bildet. Mit dem linguistic turn, zumindest in den
meisten seiner Formulierungen, wäre diese sehr selbstverständliche Vorstellung
inkompatibel. Und entsprechend lassen sich bei Foucault allenfalls Einsprengsel dieser
Vorstellung finden.(22)
Die hier vorgetragene Argumentation verfolgt insofern ein differentes Projekt; wenn sie
das ICE-Beispiel ernstnehmen will, und zeigen, daß die körperlich/materiell/technischen
Praxen auch und gerade gegen die symbolischen funktionieren, daß außersymbolische
Praxen Gewißheiten produzieren, die die Zeichen so nicht bieten können, und daß
sie
dies schließlich in die Lage versetzt, zu einer Stütze der Zeichen zu werden -
wenn all dies eine plausible Recherche-Richtung ist, dann wird sich die Argumentation
vielleicht nicht vom Vokabular, sehr wohl aber aus dem komfortablen Schutz Foucaults
lösen müssen.
4
Angenommen nun, dies alles ist so, und die katastrophischen Beispiele belegen, daß
zumindest einige unserer Gewißheiten (und Wahrheitsannahmen) aus dem Spiel mit den Dingen
eher als aus dem Spiel mit den Zeichen stammen. Wie kann es dann dazu kommen, daß
Zeichen
und Dinge dennoch nicht einfach konvergieren? Und sei es nur in der Sphäre der
Naturwissenschaften. daß ihre Differenz auf so schmerzliche Weise erhalten bleibt, und
daß die zeichenkritischen Modelle dennoch rechtbehalten?
Und wie, umgekehrt, kann das Gesagte aus einer wahrheitskritischen, durch die
Zeichenkritik informierten Perspektive reformuliert werden? Es wurde gesagt, daß
der
vorliegende Text sich vom Begriff der 'Naturalisierung' einiges verspricht.
Naturalisierung wurde innerhalb der Cultural Studies definiert als ein Mechanismus, der
arbiträren, kulturell definierten Zeichenkomplexen den Status unbestreitbarer,
quasi-natürlicher Gewißheiten verschafft. Hintergrund war zumindest ursprünglich ein
ideologiekritisches Projekt. Die englischen Cultural-Studies-Autoren der siebziger Jahre,
überwiegend marxistisch orientiert, standen vor dem Rätsel, warum die sie umgebende
gesellschaftliche Struktur eine so hohe Stabilität zeigte, ungeachtet sehr augenfälliger
gesellschaftlicher Widersprüche und eines mehr als fragilen ideologischen Überbaus.
Anders als die marxistische Prognose vorhergesagt hatte, hielt die breite Masse an
bestimmten Weltbildern hartnäckig fest, auch wenn diese in offenem Konflikt mit realen
Erfahrungen standen; und insgesamt erwies sich das Publikum als der linken Aufklärung
gegenüber verblüffend resistent.
Die Erklärung, die die Cultural Studies für diese Situation fanden, war eine
ideologiekritisch-semiotische. "Certain codes", schrieb Hall 1980, "may
[...] be so widely distributed in a specific language community or culture, and be learned
at so early an age, that they appear not to be constructed - the effect of an articulation
between sign and referent - but to be 'naturally' given. [...] However, this does not mean
that no codes have intervened; rather, that the codes have been profoundly
naturalized."(23)
Der Begriff der 'Naturalisierung' also beschreibt das Phänomen, daß Zeichen sich durch
Gewöhnung verfestigen, bis hin zum Status einer kaum hinterfragbaren
Selbstverständlichkeit. An diesem Endpunkt fallen Zeichen und Bezeichnetes scheinbar
zusammen. Es ist ein Effekt, eine spezifische Leistung bestimmter Codes, die Differenz
beider vergessen zu machen,(24) 'Naturalisierung'
also meint auch, daß den Subjekten ihre eigenen Zeichensysteme in den Rücken geraten,
daß ihnen das Bewußtsein um das Gemachte und die historische Bedingtheit der Zeichen
abhanden kommt. Die Aufgabe aufklärerischer Projekte entsprechend war klar: sie hatten
das Bewußtsein um diese Differenz wieder herzustellen.
So beschrieben betrifft der Begriff der Naturalisierung zunächst die Sphäre der Zeichen;
Er macht klar, wie vor allem Butler inzwischen herausgearbeitet hat,(25) daß Zeichen - performativ - Einfluß auf die Wirklichkeit gewinnen,
daß sie Wirklichkeit performativ produzieren; und wieder ist es Foucault, der
zeichenkritische Foucault, auf den diese Vorstellung einer durch Bezeichnungspraxen
hervorgebrachten Welt vor allem zurückgeht.
Aber gilt eben dies für die Zeichen und die symbolischen Praxen allein? In einer etwas
kühnen Bewegung möchte ich den Begriff der 'Naturalisierung' umdrehen und zur
Erschließung gerade dessen verwenden, was ich hier provisorisch die
technisch/materiell/außersymbolischen Praxen genannt habe.
Auch unsere technisch/materiell/außersymbolischen Praxen, unser Handeln nämlich ist
keineswegs, was es zu sein scheint; so voluminös, raumgreifend, 'real' und
unumkehrbar-tatsächlich es sich geriert, Grundlage dafür, dem filigranen symbolischen
Handeln als Macht oder als Verifizierung/Falsifizierung gegenüberzutreten, so klar ist
eben auch, daß dieses technisch/materiell/außersymbolische Handeln auf signifikante
Weise verkürzt ist; verkürzt, insofern jedes Handeln ein ganzes Feld alternativer
Möglichkeiten ausschließt und damit negiert; verkürzt, insofern der Handelnde
prinzipiell nur einen sehr geringen Teil der Konsequenzen seiner Handlung übersehen wird,
und sich ignorant und trotzig gegenüber dieser Tatsache zum Handeln dennoch entschließt;
verkürzt schließlich im Entschluß des frischen Täters, Fakten zu schaffen.
daß Handeln grundsätzlich verkürzt, weil an Verstehen nicht gebunden ist und daß
das
Handeln den Raum des Verstandenen grundsätzlich überschießt, macht die spezifische
Blindheit und den notwendig unbewußten Charakter von Handlungen aus. Dieser haftet auch
unserer Technik und unseren technischen Praxen an. Indem wir die 'Funktion' technischer
Geräte in den Mittelpunkt stellen, reduzieren wir den Variablensatz, der über
Verifizierung und Falsifizierung entscheidet; wir schneiden ab, was als Kontext
unübersehbarer 'Nebenfolgen' uns sonst zutiefst irritieren würde, und was sich zur
ökologischen Problematik zunehmend verdichtet. Und gerade weil Technik in der Abwehr von
Schmerz und Leiden ihren hauptsächlichen Motor hat,(26)
kommt uns zunehmend die Ahnung, daß wir Schmerz und Leiden auf der Zeitachse vielleicht
nur verschieben, und die Rache der Natur möglicherweise um so unabwendbarer droht. Auch
der 'Einspruch' des Gegenübers, der Natur, gegen unsere Praxen also ist zugänglich und
unzugänglich zugleich.(27)
5
Kommen wir nun zum Schluß und kehren wir zur 'Naturalisierung' zurück. Mein Vorschlag
ist, auch und gerade in die 'Naturalisierung' die Vorstellung eines Außerdiskursiven
wieder einzubeziehen. Und mehr noch: Der ICE ist in meinen Augen Beispiel für einen
Diskurs, der sich - zumindest im engeren Sinne - außerdiskursiver Mittel bedient; der auf
der Natur als seinem Gegenüber aufsetzt und mit dem Gegebenen, gerade insofern es gegeben
und zunächst unverfügbar ist, spielt. Der ICE ist 'Test' und ist Wahrheitsdiskurs, nicht
in der sekundären Verwertung der Medien, sondern im technisch-praktisch-Tatsächlichen
selbst.
Und möglicherweise eben muß Technik insgesamt als eine 'Naturalisierung' verstanden
werden; als ein Argumentieren in Fakten, das anderen Formen des Argumentierens seine
Faktizität voraushat.
Die Formel, die ich hierfür vorschlagen will, ist die einer 'Naturalisierung mit der
Natur'. Mit der Natur und gegen sie, wie der Bezug auf die Ökologie zeigt; eine
Strategie der 'Naturalisierung' aber eben, weil Evidenz und Unbezweifelbarkeit nicht
Ausgangspunkt, sondern Resultat der Anordnung sind. Technische 'Naturalisierung mit der
Natur' zielt darauf ab, Evidenzeffekte zu erzielen.
Und erschließt dies nicht eine ganze Fläche von Praxen, die - der Totalisierung der
Medien zum Trotz - aus den meisten Medienüberlegungen wortlos herausgefallen wären?
Jenes Evidenzgefühl etwa, das man hat, sobald man einen Jaguar besteigt und der Geruch
der Lederpolster mühelos persuasiv die Nase korrumpiert und das Edelholz die
Handinnenflächen? Wenn die eigenen Sinne quasi auf die Gegenseite wechseln im Gefühl,
daß eine Gesellschaftsordnung, die ein solches Auto hervorbringt, zumindest vollständig
nicht falsch liegen kann...
Jede/r mag unterschiedliche Evidenzerlebnisse haben und speziell für die Welt der Dinge
unterschiedlich anfällig sein. Aber war es nicht eher das KDW als das ZDF, das dem real
existierenden Sozialismus die Grundlage entzog - oder das ZDF als Distributor des KDW?
Nennen wir die Warenwelt, die uns umgibt, nicht umstandslos 'real'? Und nach Katastrophen
fragen wir als erstes, ob die 'Versorgung der Bevölkerung' - Genitivus obiectivus -
weiter gewährleistet ist.(28)
Letztlich ist es immer die Not, mit der die Technik argumentiert. Sie und ihr kleiner
Bruder, der Sachzwang, erscheinen nicht grundsätzlich als auferlegt, als etwas, was es
wegzuarbeiten gälte. Meine These ist, daß wir den Zwang geradezu aufsuchen, indem wir
Situationen stellen, die sich selbst vereindeutigen, nur noch wenige Handlungsoptionen
lassen; nur damit scheint gewährleistet, daß unsere komplizierten Vollzüge überhaupt
in ein Handeln münden, Voraussetzung dafür, daß wir uns weiterhin als Subjekte
verstehen.(29)
Unsere Praxen, und zwar vor allem die, die wir bis dahin 'außersymbolische' nannten,
scheinen hier präzise Funktionen zu übernehmen. Es liegt mir fern, die selbst vertretene
Differenz nun wieder einzuziehen, und alle Praxen auf symbolische Praxen zu reduzieren.
Aber ist es nicht so, daß wir unseren Zeichensystemen in exakt diesen Praxen den
entscheidenden Rückhalt verschaffen? Deutet dies nicht darauf hin, daß es uns mehr als
unbehaglich ist im Reich der Freiheit und der Arbitrarität? Und sicher unbehaglich mit
der Auskunft, daß Zeichen und Welt sich grundsätzlich verfehlen?
Und möglicherweise kehrt all dies zu Marcuse zurück, der im 'Eindimensionalen Menschen'
das "Aufgehen der Ideologie in der Wirklichkeit" beschrieb,(30) den Distanzverlust in der Technisierung und die
"Logik der vollendeten Tatsachen", die in Operationalismus, Empirismus
und Positivismus steckt.(31) Und vielleicht auch
zu Habermas, der 1968 bereits die 'Technik als Ideologie' untersuchte.(32) Wenn dies so wäre, nähme ich dies gerne in Kauf.
Anmerkungen:
(1) Bolz, Norbert: Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen
Kommunikationsverhältnisse. München 1993, S. 9. zurück
(2) Es ist dies der Punkt, an dem die zeichenkritischen Modelle und die
gleichzeitige Totalisierung der Medien systematisch zusammenhängen... zurück
(3) 'Diskurs' in welchem Sinne? An dieser Stelle ist es sinnvoll, drei
Diskursbegriffe abzugrenzen [Definition_1]:
1.) 'Diskurs' im engsten Sinne bezeichnet sprachliche Äußerungen, wie z.B. der Duden
definiert: "Diskurs, der [...][:] die von einem [allen] Sprachteilhaber[n] auf der
Basis seiner [ihrer] sprachlichen Kompetenz tatsächlich realisierten sprachlichen
Äußerungen (Sprachw.)." (Duden. Fremdwörterbuch. Mannheim 1974, S. 182 (Erg.
H.W.)).
2.) Von dort aus verallgemeinert wird 'Diskurs' häufig für die Gesamtheit der
symbolischen Praxen verwendet, etwa indem der Bilder-Diskurs dem sprachlichen
gegenübergestellt wird.
3.) Bei Foucault schließlich umfaßt der Begriff des Diskurses neben Äußerungen auch Praktiken,
z.B. den Bau von Gefängnissen und den Eingriff in die Körper durch Folter oder Drill (s.
u.).
Im folgenden werden der zweite und dritte Diskursbegriff, abhängig vom Argument und vom
Kontext, nebeneinander verwendet. zurück
(4) Eine ähnliche Polemik übrigens findet sich bei Kittler (K.,
Friedrich: Hardware, das unbekannte Wesen. In: Krämer, Sybille (Hg.): Medien, Computer,
Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt/M. 1998, S. 119-132). zurück
(5) Die Unterscheidung zwischen symbolischen und außersymbolischen
Praxen ist die zweite begriffliche Polarität, die ich vorschlagen will [Definition_2]:
Probehandeln, Fiktion, Virtuelles, Konjunktiv auf der einen Seite, irreversibles Handeln,
Tatsächliches, Indikativ auf der anderen (immer eingerechnet, daß all dies eine sehr
grobe Bestimmung und die Grenzziehung im Konkreten schwierig ist).
Der Begriff des Diskurses würde im Sinne der oben getroffenen Unterscheidung aufgeteilt:
die beiden erstgenannten Diskursbegriffe würden ins Feld der symbolischen Praxen fallen,
der Foucaultsche Diskursbegriff ins Feld der außersymbolischen Praxen übergreifen. zurück
(6) [Definition_3]: Medien und Zeichen sind zweigeteilt; einerseits
symbolische Praxis: sie erlauben ein Probehandeln, das vom Tatsächlichen zielgerichtet
entkoppelt ist. Mit ihrer anderen Seite - als Signifikanten, Technik, Ökonomie - sind sie
in die Sphäre der außersymbolischen Praxen involviert. zurück
(7) [Definition_4:] Die Sphäre des Außersymbolischen enthält
wesentlich mehr: Praxen, die keine Medienpraxen sind, Dingwelt, Technik (zweite Natur),
erste Natur... zurück
(8) "Der basale Prozeß sozialer Systeme, der die Elemente
produziert, aus denen diese Systeme bestehen, kann unter diesen Umständen nur
Kommunikation sein. [...] Der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende
Prozeß ist ein Kommunikationsprozeß. [...] Voraussetzung für alles Weitere ist demnach
eine Klärung des Kommunikationsbegriffs." (Luhmann, Niklas: Soziale Systeme.
Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M. 1987, S. 192f (OA.: 1984)). Und Luhmann
setzt diese Grundlegung explizit gegen die, wie er sagt, "übliche,
handlungstheoretische Auffassung" ab: "[nach dieser] ist Kommunikation eine
Art von Handlung neben anderen. Diese Auffassung wird typisch ohne Begründung
eingeführt, so als ob sie die einzig denkmögliche wäre." (ebd., S. 192 (Erg.
H.W.)). zurück
(9) An dieser Stelle, selbstverständlich, der erste bzw. zweite
Diskursbegriff, im Sinne der oben getroffenen Unterscheidung. zurück
(10) "Diese Unterscheidung [von Medium und Form] hat Fritz
Heider einer Theorie der menschlichen Wahrnehmung zu Grunde gelegt. Wir geben ihr eine
allgemeinere, weit darüber hinausreichende Bedeutung. Medium in diesem Sinne ist jeder
lose gekoppelte Zusammenhang von Elementen, der für Formung verfügbar ist, und Form ist
die rigide Kopplung eben dieser Elemente". (Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der
Gesellschaft. Frankfurt/M. 1992, S. 53 (OA: 1990) (Erg. H.W.)); siehe auch: ders.: Die
Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1997, S. 190ff.). zurück
(11) Wie alle Medien dient Technik dazu, Kontingenz einzuschränken und
unwahrscheinliche Kommunikation in wahrscheinliche zu überführen. Lose Kopplungen werden
durch rigidere ersetzt und Technik, sagt Luhmann, stellt besonders rigide,
verbindlich-unhinterschreitbare Kopplungen bereit. "Nur so wird auch der gewaltige
Effekt der modernen Technik verständlich. Es handelt sich nicht um die Folgen der
Entdeckung von bisher unbekannten Naturgesetzen, sondern einen konstruktiven Aufbau immer
neuer Relationen von Medium und Form." (L., N.: Die Wissenschaft der
Gesellschaft, a.a.O., S. 184). zurück
(12) "Entsprechend sind denn auch technische Geräte jeder Art
keineswegs Abbilder der Natur, sondern [?] auf Grund von Wissen gebaute Konstrukte. [...]
Ihr Einbau in die Welt, wie sie ist, kann sich gerade nicht auf eine über Erkenntnis
garantierte Stimmigkeit stützen. Es handelt sich nur [?] um externalisierte
Kommunikation. Das war schon, am Ursprung des Gedankens und des Wortes téchne, mit dem
Prometheus-Mythos formuliert. Je mehr uns aber das Problem der 'Technik-Folgen' einholt,
desto weniger überzeugt ein Wahrheitsbegriff, der Wahrheit als eine richtige Abbildung
[?] der Realität behandelt. Geleistet wird eine zunehmend unwahrscheinliche
Herausforderung dessen, was unbekannt ist und unbekannt bleibt."
"Es geht bei Technik, anders gesagt, um das Ausprobieren von
Kombinationsspielräumen, um kombinatorische Gewinne." (Ebd., S. 261f, 263 (Erg.
H.W.)); siehe auch S. 256ff, 259ff. zurück
(13) Wissenschaftshistorisch sind beide Denktraditionen kaum verbunden,
insofern sich die radikalen Konstruktivisten auf die französische Philosophie kaum
zurückbeziehen; die wissenschaftliche Alltagssprache aber weiß es besser: so werden die
poststrukturalistischen Ansätze inzwischen 'konstruktivistisch', zweitere 'radikal
konstruktivistisch' genannt. zurück
(14) Die Krise der Erfahrung ist inzwischen ein Topos; siehe z. B.:
Benjamin, Walter: Erfahrung und Armut. In: der.: WA, Bd. II.1, Frankfurt/M. 1980, S.
213-219 (OA.: 1933). Siehe z.B. auch die Polemik gegen die 'lebendige Erfahrung' bei
Foucault (F., M.: Archäologie des Wissens. Frankfurt/M. 1981, S. 26, 73). zurück
(15) Foucault beschreibt seinen Untersuchungsgegenstand und damit den
Diskursbegriff zunächst sehr selbstverständlich im Feld sprachlicher Ereignisse: "Ein
immenses Gebiet, das man aber definieren kann: es wird durch die Gesamtheit aller
effektiven Aussagen (énonces) ob sie gesprochen oder geschrieben worden sind, spielt
dabei keine Rolle) in ihrer Dispersion von Ereignissen [...] konstituiert. [...] Das Feld
der diskursiven Ereignisse [...] ist die stets endliche und zur Zeit begrenzte Menge von
allein den linguistischen Sequenzen, die formuliert worden sind". (ders.:
Archäologie des Wissens. Frankfurt/M. 1988, S. 41f (OA., frz.: 1969)). zurück
(16) Ders.: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses.
Frankfurt/M. 1989 (OA., frz.: 1975), sowie ders.: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine
Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt/M. 1969 (OA., frz.: 1961). zurück
(17) Fink-Eitel, Hinrich: Foucault zur Einführung. Hamburg 1989, S.
57. zurück
(18) "[Körpertechniken] Gewiß, diese Technologie ist diffus,
in zusammenhängenden und systematischen Diskursen kaum formuliert;" (Foucault,
M.: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M. 1989, S. 37 (OA.,
frz. 1975)); "Archäologie als Disziplin der stummen Monumente" (ders.,
Archäologie des Wissens, a.a.O, S. 15). zurück
(19) "Um solche Systeme als Systeme, also von außen und nicht
bloß in interpretatorischer Immanenz zu beschreiben, entwickelte Foucault die
Diskursanalyse als Rekonstruktion der Regeln, nach denen die faktisch ergangenen Diskurse
einer Epoche organisiert sein mußten [...]. Diskursanalysen [...] haben auch nach
Standards der zweiten industriellen Revolution materialistisch zu sein."
(Kittler, Friedrich: Aufschreibesysteme 1800 1900. München 1995, S. 519f. (OA.: 1985)).
Im Kern geht es darum, aus medientechnischen Environments das 'Apriori' der jeweiligen
Epoche zu extrahieren. Eine große Schwierigkeit besteht darin, daß weder der Bezug auf
Foucault noch der methodische Weg an irgend einer Stelle genauer ausgearbeitet worden
ist... zurück
(20) "In der ersten Phase standen [...] nicht diskursive und
diskursive Praktiken in einem (allerdings völlig unbestimmten) komplementären und
symmetrischen Verhältnis. 'Wahnsinn und Gesellschaft' untersuchte das eine, 'Die Ordnung
der Dinge' das andere. Die ungelöste Frage war: Wie hängen beide eigentlich zusammen?
Die Antwort, die Foucault in seiner zweiten Phase mit der 'Archäologie des Wissens' gab,
lautete: So, daß sie asymmetrisch unter die übergreifende eine Seite fallen, die
zugleich das wie auch immer heterogene Ganze ist, nämlich die Ordnung des Diskurses. Die
diskursiven Beziehungen beinhalten diskursive und nicht-diskursive Praktiken. In der
dritten Phase hingegen werden beide asymmetrisch unter der übergreifenden anderen Seite
zusammengefaßt. Die Dispositive der Macht beinhalten Diskurse und Praktiken, Wissen und
Macht." (Fink-Eitel, Foucault, a. a. O., S. 81).
Und zum Übergang von der zweiten zur dritten Phase schreibt Fink-Eitel: "Das
Andere der diskursiven Ordnung des Gleichen war früher der Wahnsinn. Als dieses Andere
hat sich nun die Macht entpuppt. Deren Kontrollierung aber verdankt sich die Ordnung des
Diskurses, die an die Stelle der wahnsinnigen Un-Ordnung des vormaligen Anderen tritt.
Umgekehrt beinhaltet nun der Diskurs als vormaliger Inbegriff der Ordnung des Gleichen die
anarchische Unordnung bedrohlicher Ereignishaftigkeit und Materialität. [...] Das ehemals
Andere ist jetzt das Gleiche, und das ehemals Gleiche ist jetzt das Andere [?]. [...] Es
liegt sogar eine doppelte Umkehrung vor. Die Praktiken hängen nicht von den Diskursen ab,
sondern diese umgekehrt von jenen." (Ebd., S. 69ff).
Und sehr ähnlich die Rekonstruktion von Dreyfus/Rabinow: "In Foucaults späteren
Arbeiten wird Praxis auf allen Ebenen als grundlegender denn Theorie betrachtet. [...]
Nach dem Mai '68 wandten sich Foucaults Interessen deutlich vom Diskurs ab."
(Dreyfus, Hubert; Rabinow, Paul: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und
Hermeneutik. Weinheim 1994, S. 132, 133 (OA., am.: 1982). zurück
(21) Die Stelle wurde in FN 15 bereits zitiert. zurück
(22) Etwa dann, wenn Foucault die prekäre Position des menschlichen Körpers
diskutiert und ihm ein Moment von Widerstand zuschreibt: "die Machtverhältnisse
legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, markieren ihn, dressieren ihn, martern ihn,
zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen. Diese
politische Besetzung des Körpers ist mittels komplexer und wechselseitiger Beziehungen an
seine ökonomische Nutzung gebunden; zu einem Gutteil ist der Körper als Produktionskraft
von Macht und Herrschaftsbeziehungen besetzt; auf der anderen Seite ist seine
Konstituierung als Arbeitskraft nur innerhalb eines Unterwerfungssystems möglich (in
welchem das Bedürfnis auch ein sorgfältig gepflegtes, kalkuliertes und ausgenutztes
politisches Instrument ist); zu einer ausnutzbaren Kraft wird der Körper nur, wenn er
sowohl produktiver wie unterworfener Körper ist." (ders., Überwachen und
Strafen, a. a. O., S. 37). zurück
(23) Hall, Stuart: Encoding, Decoding. In: During, Simon (Hg.): The
Cultural Studies Reader. New York/London 1993, S. 90-103, hier S. 95 (OA.: 1980). zurück
(24) Hall nennt als Beispiel die ikonischen Codes z.B. der
Photographie: "The dog in the film can bark but it cannot bite! [...] Iconic signs
are [...] coded signs too - even if the codes here work differently from those of other
signs. There is no degree zero in language." (Ebd.). zurück
(25) B., Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des
Geschlechts. Frankfurt/M. 1993 (OA., am.: 1993).
Auf Butler und ihre Bedeutung im hier verfolgten Zusammenhang hat mich Bärbel Tischleder
aufmerksam gemacht und der vorliegende Text ist im engen Dialog entstanden (T., B.: Body
Trouble: Körper von Gewicht und Entkörperlichung im feministischen Diskurs. unveröff.
Manuskript). zurück
(26) Diesen Gedanken haben vor allem Horkheimer/Adorno in der Dialektik
der Aufklärung vertreten. (Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der
Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt 1986 (OA.: 1947).
Und gegenwärtig wird, völlig entsprechend, die Gentechnik über die
Medikamentengewinnung gerechtfertigt. zurück
(27) Zugänglich z.B. im Schmerz, unzugänglich, z.B. weil als
Kausalität nicht erkannt oder auf der Zeitachse in die Zukunft verschoben. zurück
(28) Und dies - nicht die häufig bemühten Geld-Zeichen - scheint mir
der systematische Übergangspunkt, an dem die Sphäre der Medien diejenige der Ökonomie
berührt. zurück
(29) Auch diese Vorstellung eines künstlich begrenzten Handlungsraums
findet sich bei Luhmann. Zum Zusammenhang von Handeln und Subjektposition siehe
Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 11, 40). zurück
(30) Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur
Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied 1967, S. 31 (OA.: 1964). zurück
(31) Ebd., S. 32-36. zurück
(32) Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als 'Ideologie'.
Frankfurt/M. 1968. zurück