(erschienen in: Kodikas/Code. Ars Semeiotika. Vol 12 (1989), Nr. 1/2, S. 21-40.). Ich
veröffentliche den Text hier noch einmal, weil ich ihn - blinde Liebe des Urhebers? -
für den wichtigsten meiner Texte halte. Die meisten anderen sind mehr gelesen worden,
dieser aber enthält tatsächlich eine Idee...
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connotations, Black, Beardsley, Kodikas, Code)
"Man müßte sich einmal eine neue linguistische Wissenschaft ausdenken; sie müßte nicht mehr die Herkunft der Wörter, oder Etymologie, untersuchen, ja nicht einmal mehr ihre Verbreitung, oder Lexikologie, sondern ihr fortschreitendes 'Hart- und Starrwerden', ihre Verdickung im Laufe des historischen Diskurses; eine solche Wissenschaft wäre zweifellos subversiv und würde viel mehr als den historischen Ursprung der Wahrheit aufzeigen: nämlich ihren rhetorischen, ihren Sprachcharakter"
(R. Barthes: Die Lust am Text. Ffm 1974. S. 64)
1
Im Jahr 1954 schrieb Max Black einen Aufsatz über die Metapher, der den Durchbruch zu
einer völlig neuen Anschauung markierte(1);
gestützt auf einen älteren Text von I.A. Richards(2)
entwarf er eine Theorie, die die Metapher nicht mehr als einen 'Schmuck der Rede', sondern
als einen der grundlegenden Mechanismen der Sprache überhaupt ansieht, und in der
erstmals die Möglichkeit aufscheint, die Metapher als eine formale Struktur, als eine
Teilmaschinerie im großen Funktionszusammenhang der Sprache zu beschreiben.
Um diesen Wechsel der Perspektive richtig einzuschätzen, wird man sich vergegenwärtigen
müssen, daß traditionell die 'figurative' Sprache als sekundär und abgeleitet
betrachtet wurde; während die wörtliche Bedeutung durch die Konvention verbürgt,
verläßlich und gewiß erschien, schien die Metapher, sieht man von konventionalisierten
Metaphern ab, ausschließlich der Situation und der spontanen Eingebung zu entspringen.
Sowohl im Rahmen der Rhetorik als auch später im Rahmen der Poetik wurde die Metaphorik
zwar als ein unverzichtbares Ausdrucksmittel angesehen, das die Sprache belebt und ihrer
Verhärtung entgegenarbeitet, Kern der Sprache aber war und blieb ihr 'eigentlicher',
wörtlicher Gebrauch. Als eine Theorie im engeren Sinne also beginnt die Metapherntheorie
erst dort, wo sie sich aus der traditionellen Begrifflichkeit der Rhetorik löst.
Die Rhetorik hatte, im Versuch zu klären, was 'übertragener' Sprachgebrauch eigentlich
sei, vor allem zwei Vorstellungen der Metapher entwickelt: die Auffassung, die Metapher
repräsentiere einen impliziten Vergleich, und die zweite, der metaphorische Ausdruck
ersetze einen wörtlichen Ausdruck im Text, dem bildhaften entspreche ein 'eigentlicher
Sinn', der - etwa durch Paraphrase - zurückgewonnen werden könne. Die Vergleichstheorie
hatte die Stärke, ein prägnantes Bild für den kognitiven Vorgang zu liefern, der das
Verständnis von Metaphern ermöglicht, indem sie das konkrete Hin- und Herblicken
zwischen dem bildhaften Ausdruck und seinem wörtlichen Kontext plastisch machte; immer
dann aber, wenn die Theorie daranging, den 'Vergleich' konkret auszubuchstabieren, und
versuchte, etwa das gemeinsame Dritte zu benennen, das den Vergleich überhaupt
ermöglicht, blieb nicht nur die ästhetische Evidenz der Metapher auf der Strecke,
sondern es geriet auch die Plausibilität des Modells selbst in Zweifel. Der zweite, von
Black 'Substitutionstheorie' genannte Ansatz andererseits setzte sich, weil er eine
Äquivalenz zwischen bildhafter und wörtlicher Sprache unterstellte, von vornherein dem
Verdacht aus, die Metapher um ihren 'Bildwert' und ihren spezifischen
Bedeutungsüberschuß zu bringen.
'Kreativität' und 'Produktivität' der Metapher wurden entsprechend vor allem von solchen
Autoren ins Feld geführt, die es letztlich überhaupt ablehnten, den Mechanismus der
Metapher erklären zu wollen und glaubten, sie umstandslos auf 'Intuition' oder
'Spontaneität' zurückführen zu können.
Black nun macht in seinem Aufsatz den Vorschlag, die Metapher als eine 'Interaktion' zu
beschreiben. Ausgangspunkt ist das Befremden, daß der metaphorische Ausdruck in seinen
konkreten textuellen Umraum thematisch nicht recht zu passen scheint; eine Metapher also,
sagt Black, sei nur dann zu verstehen, wenn die Differenz überwunden und die Bedeutung
des metaphorischen Ausdrucks und die des Kontextes miteinander abgeglichen werde. Wie aber
ist dieser Abgleich vorzustellen?
Will man ein Beispiel übernehmen, das Black zur Illustration seines Modells verwendet, so
setzt die Aussage, der Mensch sei 'ein Wolf', eine Interaktion zwischen dem Begriff des
Wolfes und demjenigen des Menschen in Gang. Die Eigenschaften, die normalerweise Wölfen
zugeschrieben werden 'interagieren' mit den Eigenschaften des Menschen, alle Merkmale des
Wolfes, die auf Menschen anwendbar sind, werden im metaphorischen Prozeß auf den Menschen
'projiziert'. Der Mensch wird durch die dem Wolf zugeschriebenen Eigenschaften und
Merkmale hindurch wahrgenommen. Neben dem Begriff der Interaktion und der Projektion
verwendet Black das Bild eines Filters: Das 'Wolf-System' bildet den Filter, durch den
bestimmte Eigenschaften des Menschen hervorgehoben, und andere in den Hintergrund
gedrängt werden.
Black also geht davon aus, daß zu jedem Begriff der Sprache ein System von Merkmalen und
Eigenschaften existiert, das als Wissen im Umfeld des Begriffs vorausgesetzt werden kann,
und daß dieses Wissen im Fall seiner metaphorischen Verwendung in andere Kontexte und auf
andere Gegenstände übertragen wird. Um zu betonen, daß es sich um ein konventionelles
Wissen handelt, um eine gesellschaftliche Vereinbarung, die von Wahrheit oder Unwahrheit
vollständig unabhängig ist, spricht Black nicht von 'Eigenschaften', sondern von einem
'System assoziierter Gemeinplätze'(3).
Und sowohl im Begriff des 'Filters' als auch in dem der Interaktion hebt Black hervor,
daß der metaphorische Austausch die jeweiligen 'Systeme assoziierter Gemeinplätze' nicht
unberührt läßt; auf beiden Seiten der metaphorischen Interaktion findet eine
Veränderung und Erweiterung der Bedeutung statt, die Black als das Spezifische der
Metapher ansieht.
Ein Durchbruch ist das skizzierte Modell in mehrfacher Hinsicht. Black übernimmt von
Richards die Vorstellung, daß der Mechanismus der Metapher die Gesamtbedeutung der Worte
in verschiedene Einzelkomponenten, Eigenschaften oder Merkmale aufspaltet, von denen
einige den metaphorischen Prozeß determinieren. Deutlicher als Richards aber zeigt Black,
daß in der metaphorischen Interaktion jeweils ein System, d.h. ein organisierter
Zusammenhang auf den neuen Gegenstand appliziert wird. Bei Black wird deutlich, daß
jeder
Begriff ein 'Knotenpunkt im Netz der Sprache' ist, und die Metapher jeweils einen ganzen
Netzausschnitt, d.h. konkrete semantische Werte und gleichzeitig ein Strukturmodell auf
den neuen, bislang fremden Kontext projiziert. Die Frage nach einer einzelnen Achse des
'Vergleichs' ist damit ebenso abgelöst wie die, ob die Metapher ein konkretes
sprachliches Element 'substituiert', und ob eine Paraphrase ihre Bedeutung jeweils
ausschöpfen kann.
Ein zweiter entscheidender Gewinn bei Black ist, daß er die Metapher als einen
Mechanismus zwischen zwei konkret-materiellen Textteilen ansieht; ein Wort oder
Textabschnitt wird in einen materiell konkreten Kontext eingebracht, worauf beide
'interagieren'. Die Metapher bezeichnet Black entsprechend als "focus", den
textuellen Umraum als "frame" (4).
Doch die Theorie Blacks hat auch schwerwiegende Probleme. Eine ihrer Hauptschwierigkeiten
wird durch den Begriff der 'assoziierten Gemeinplätze' ausgelöst. 'Gemeinplätze', das
wurde schon gesagt, nennt Black all jene Vorstellungen, Bilder und Überzeugungen, die als
gesellschaftliches Wissen im Umfeld der einzelnen Begriffe vorausgesetzt werden können;
so hängt das Verständnis der 'Wolf'-Metapher vom Wissen um die gewöhnlichen Merkmale
und Eigenschaften eines Wolfes ab; und die Gesamtheit dieser Eigenschaften bildet jenes
'Wolf-System', das metaphorisch auf den Menschen projiziert wird.
Die 'Gemeinplätze' also können intersubjektiv vorausgesetzt werden, sie sind in
Bündeln, d.h. in Sub-Systemen organisiert, und sie haben den Status eines Wissens, das
sich um die Begriffe der Sprache herum ablagert. Genau damit aber ist die Schwierigkeit
bereits benannt: Während die Begriffe selbst der Sprache angehören, bleibt der Status
jenes assoziierten Wissens vollständig unklar; das Wissen um die 'Gemeinplätze' scheint
eine eigene Sphäre einzunehmen, die von der Sprache isoliert erscheint, auf die die
Sprache in ihrem Funktionieren aber dennoch angewiesen ist...
Bei Black selbst ist dies Problem nicht zu lösen; in seinem Text aber findet sich ein
Begriff, der, obwohl er von Black explizit abgewiesen wird, weiterführen kann: Der
Begriff der Konnotationen(5).
2
Beardsley (1962) stellt den Begriff der Konnotationen in den Mittelpunkt seiner Theorie.
Beardsley schreibt: "Die Erklärung [der analysierten Beispiel-Metapher 'briars']
kann nun entweder auf der Objektebene beginnen (indem man über die charakteristischen
Eigenschaften von 'briars' spricht), oder auf der metasprachlichen Ebene (indem man über
die Konnotationen des Wortes 'briars' spricht). (...) Obgleich sich diese beiden Ebenen
überschneiden, da sich die Konnotationen des Wortes zum Teil von den Eigenschaften der
Objekte herleiten, so fallen sie dennoch nicht völlig zusammen."(6)
Der Begriff der Konnotationen ist ein ungeheurer Gewinn: Im Gegensatz zu Blacks
'Gemeinplätzen' oder dem umstandlosen Durchgriff auf die 'Eigenschaften der Objekte' ist
der Begriff der Konnotationen deutlich auf die Sphäre der Sprache eingeschränkt. Nun
scheint die Sprache selbst in der Lage, jene 'Eigenschaften' zu verwalten, die eben noch
den Objekten zugeschrieben werden mußten, und es wird deutlich, daß das 'Wissen' im
Umfeld der Begriffe, zumindest der Möglichkeit nach, in der Sprache selbst seinen Ort
hat.
Der zweite Vorteil des neuen Begriffes ist, daß nun zwei Arten von Eigenschaften
gegeneinandergesetzt werden können: "Die Möglichkeit metaphorischer
Ausdrucksweise (...) (hängt) von einem spürbaren Unterschied ab (...), der zwischen zwei
Klassen von Eigenschaften (...) besteht: erstens die Eigenschaften, die (...) als
notwendige Bedingungen für die korrekte Anwendung des Ausdrucks in einem bestimmten Sinn
angesehen werden. (Dies sind die definierenden oder kennzeichnenden Eigenschaften oder
auch die Hauptbedeutung in diesem Kontext.) Zweitens jene Eigenschaften, die zur
Nebenbedeutung des Ausdrucks gehören, oder seine (...) Konnotationen sind. (...). Wenn
ein Wort mit anderen derart kombiniert wird, daß zwischen seiner Hauptbedeutung und den
anderen Wörtern ein logischer Gegensatz entsteht, tritt (...) jene Verschiebung von der
Hauptbedeutung zur Nebenbedeutung ein, die uns anzeigt, daß wir das Wort metaphorisch
verstehen sollen."(7)
Beardsley also entwirft das Modell eines Konflikts auf der Ebene der Merkmale: Gerade
daß bestimmte zentrale Merkmale des metaphorischen Ausdrucks in den neuen Kontext nicht
passen, zeigt an, daß es sich um einen metaphorischen Gebrauch handelt; und gerade das
lenkt die Aufmerksamkeit auf die peripheren Merkmale, die Beardsley Konnotationen nennt,
um. Das Modell der Metapher also ist das einer ringförmigen Applikation: Die Eigenart der
Metapher besteht darin, daß sie zentrale Merkmale des applizierten Begriffs ausspart, die
peripheren aber in den neuen Kontext einbringt.
Greift man ein zweites Beispiel auf, das Black verwendet, so schließt die Formulierung,
daß 'der Vorsitzende durch die Diskussion pflügte', fast alle Merkmale aus, die das
Pflügen normalerweise definieren würden; wollte man sie aufzählen, so wären
wahrscheinlich die agrarische Sphäre, der Zusammenhang von Saat und Ernte, sowie die
Bindung an ein bestimmtes Gerät unstrittig solche definitorischen Merkmale, die in den
neuen Kontext einer Sitzung oder Versammlung nicht mit eingebracht werden können.
Appliziert dagegen werden bestimmte periphere Merkmale des Pflügens, so die Assoziation,
die Tätigkeit des Pflügens 'kehre das Unterste zu oberst', Vorstellungen von
Rücksichtslosigkeit, Kraft und Macht, sowie eventuell die Konnotationen 'ordnend' und
'fruchtbar'.
Beardsley also schließt das Modell ab, das bei Richards angelegt ist; zwei Dinge aber
setzen der Beardsley'schen Theorie eine deutliche Grenze: Zum einen, daß er nach wie vor
Ontologie und sprachliche Ebene vermischt, indem er zwar von 'Konnotationen', manchmal
aber auch - quasi an der Sprache vorbei - von den 'Eigenschaften der Dinge selbst'
spricht; zum zweiten, daß er zwar die definierenden von den peripheren Merkmalen eines
Begriffs unterscheidet, seinen Begriff der Konnotationen aber nicht auf den der Denotation
bezieht.
Der Grund für diese Aussparung - diese verblüffende Konsequenz ist jetzt zu ziehen -
dürfte sein, daß das skizzierte Metaphernmodell mit der üblichen Vorstellung einer
einzelnen Bedeutung, einer Denotation im Singular, vollständig unvereinbar ist. Wenn die
Definition der Metapher darauf angewiesen ist, den 'Gegenstand' in 'Merkmale' (und diese
in definierende und periphere) aufzuspalten, dann kann die 'Denotation' eines Wortes nicht
eine singuläre Bedeutung bezeichnen, sondern wird von den definierenden Merkmalen
abhängig gemacht werden müssen.(8)
daß dem Signifikanten ohnehin nicht ein singulärer Gegenstand gegenübersteht, den er
bezeichnet, ist selbstverständlich; allen Semantikmodellen aber, die zwischen dem
Signifikanten 'Baum' und der Vielzahl konkreter Bäume ein singuläres Konzept (eine
Vorstellung, Idee) 'des' Baumes einschieben wollen, ist die Metapher in ihrer irreduzibel
pluralischen Bedeutung als Strukturmodell entgegenzuhalten. Denotation ist pluralisch: Der
Begriff der Denotation kann nichts anderes meinen als einen Effekt jener 'definierenden
Merkmale', die die Applizierbarkeit eines Begriffs in konkrete Kontexte (und auf konkrete
Gegenstände) steuern.
Selbstverständlich sind auch Semantiktheorien entwickelt worden, die eine pluralische
Auffassung der Denotation zu beschreiben suchen; so gibt es die von Jakobson und Hjelmslev
ausgehende 'Komponentenanalyse', die in die prominente Theorie der 'Seme' mündet; eine
Theorie, die die Existenz einer endlichen Zahl 'atomarer' Bestandteile annimmt, die in
ihrer Kombination die Bedeutung der Lexeme konstituieren. Und es gibt eine zweite, eher
erkenntniskritisch/skeptische Richtung(9), die die
Bedeutung zwar als zusammengesetzt, als eine im Gewimmel ihrer Bestandteile aber
unabschließbare und letztlich unbeherrschbare Struktur auffassen.
Von dem bisher referierten Modell der Metapher aus, so denke ich, ist auf die Frage nach
den Bestandteilen der Bedeutung eine veränderte Perspektive möglich. So gibt es m.E.,
ganz entgegen der Terminologie der referierten Autoren, weder eine Möglichkeit noch eine
Notwendigkeit, zwischen der pluralisch aufgefaßten Denotation und den Konnotationen
überhaupt eine Grenze zu ziehen.
Die 'definitorischen Merkmale' (Denotation) unterscheiden sich von den 'peripheren'
Konnotationen allenfalls graduell; und die Beobachtung gerade des durch metaphorischen
Gebrauch initiierten Sprachwandels zeigt, wie schnell ehemals periphere zu zentralen
Merkmalen aufrücken, und zentrale Merkmale in den konnotativen Umraum der Bedeutung
abfallen können.
Es mag 'wichtigere' und 'unwichtigere' Teilbedeutungen geben; 'wichtig' und 'unwichtig'
aber sind Kategorien ausschließlich der Funktion; der Funktion im Rahmen eines Modells,
das der Klärung bedarf und das mir eher zu klären scheint, wenn die funktionellen
Unterschiede nicht in der Wortwahl bereits garantiert erscheinen...
Ein erster Vorschlag zur Neudefinition wäre also, auf die Unterscheidung zwischen den
denotierenden Merkmalen und den Konnotationen überhaupt zu verzichten und sowohl die
definierenden als auch die peripheren Merkmale als 'Konnotationen' zu bezeichnen.
'Kon'-Notationen, weil sie gemeinsam die Applizierbarkeit in Kontexte, und damit die
'Bedeutung' steuern.
Der Vorschlag, auch die definierenden Merkmale in den Begriff der Konntotationen
einzubeziehen, kehrt zu einem Begriff der Konnotation zurück, der 1843 schon einmal
vertreten worden ist; J.S. Mill(10), der die
Trennung in Denotation und Konnotation überhaupt einführte, setzte den Begriff der
Konnotation noch mit dem der 'Intension' der Bedeutung gleich, bezeichnete also all jene
Eigenschaften als Konnotationen, die es erlauben, Individuen als Elemente einer Klasse zu
erkennen, sie unter einen Begriff zu subsummieren. (Denotation entsprechend nannte er die
Extension der Bedeutung, die Beziehung auf die Gesamtmenge der bezeichneten Gegenstände).
Bei Ogden und Richards(11) aber bereits geht
diese Definition unter, wenn Mills Begriff der Denotation in die Begriffe Denotation und
Referenz unterschieden, und der referentiellen Bedeutung eine 'emotive' gegenübergestellt
wird, die nun den Bereich der Konnotationen bildet.
Sowohl gegen seine alltagssprachliche Bedeutung also wird man den Begriff der
Konnotationen in Schutz nehmen müssen, als auch gegen eine Theorietradition, die sich von
Mill weit entfernt hat; Konnotationen im hier skizzerten Sinn sind weder 'emotiv' noch
unabgrenzbar, und vor allem treten sie nicht zu einem Bedeutungskern 'hinzu', der anderen
Gesetzen gehorcht als sie selbst...(12)
Eine erste Bewährungsprobe für den neuen Begriff sei ein weiteres Teilproblem im Umfeld
der Metapher: Eigentümlicherweise nämlich bezieht keines der referierten Modelle den
'eigentlichen', wörtlichen Gebrauch in die Untersuchung ein. Bis auf eine Bemerkung bei
Richards(13) erscheint der wörtliche Gebrauch
durchweg als der feststehende, stabile Hintergrund, auf den die figurative Sprache
angewiesen ist, und den die Intervention der Metapher allenfalls von Fall zu Fall in
Bewegung bringt.
Auf dem Hintergrund der referierten Metapherntheorie aber ist der wörtliche Gebrauch
zunächst nichts als ein Grenzfall des metaphorischen: Wenn die Metapher bewußt gegen
einige der Merkmale verstößt, die üblicherweise Voraussetzung für die Applikation sind
(im Fall des 'Pflügens' der agrarische Kontext...), ist der wörtliche Gebrauch
entsprechend durch nichts anderes als durch eine relative Harmonie der Konnotationen
gekennzeichnet.
Es ist wichtig hervorzuheben, daß diese Harmonie auch im Fall wörtlicher Verwendung
immer nur eine relative ist; jede Applikation eines Begriffes in einen Kontext schließt
Bedeutungsdimensionen aus, die dieser Begriff in anderen Kontexten hätte, nie also werden
alle 'Konnotationen' aktualisiert, immer werden einzelne als 'unpassend' ausgegrenzt.
Mehr noch: selbstverständlich gibt es einen systematischen Zusammenhang zwischen den im
Kontext bereits vorgefundenen Konnotationen und denjenigen, die der neu applizierte
Begriff in diesen Kontext einbringt: Ein Teil der Konnotationen wird übereinstimmen
müssen, damit der Begriff 'passend' erscheint (Redundanz), ein bestimmter Teil wird durch
den Begriff neu hinzukommen (Information), und ein dritter Teil wird der Applikation zum
Opfer fallen und als 'unpassend' ausgeschlossen.(14)
(Beispiel für diesen Mechanismus sei 'das Auto in der Hand des Kindes', eine
Formulierung, die weder eine Metapher enthält, noch 'Auto' zu einem Polysem für große
und für kleine Autos macht. Es handelt sich um eine wörtliche Verwendung, die, wie alle
Kontextapplikationen, bestimmte Bedeutungsdimensionen ausschließt; man könnte allenfalls
von einem Grenzfall sprechen, insofern ungewöhnlich viele und ungewöhnlich wichtige
Konnotationen ausgeschlossen sind).
daß die Metapher zentrale Bedeutungsdimensionen ausschließt, wird bei Black und bei
Beardsley benannt; daß dieser Mechanismus für den wörtlichen Gebrauch aber in völlig
gleicher Weise gilt, ist nur dann wirklich plausibel zu machen, wenn man der
vorgeschlagenen Umdefinition folgt, auf die Vorstellung einer singulären Denotation
verzichtet und auch die 'definierenden Merkmale' in die 'Konnotationen' einbezieht.
Spezifisch für die Metapher wäre also nur, daß auch solche Konnotationen ausgeschlossen
werden, die in der Mehrzahl aller Kontexte für unverzichtbar gehalten worden wären.
3
Die Formulierung suggeriert bereits ein quasi-statistisches Modell; und in der Tat wird
man zu Vorstellungen statistischer Akkumulation greifen müssen, wenn man das Verhältnis
der 'zentralen' zu den 'peripheren' Konnotationen näher klären will. Woher - zunächst
die allgemeinere Frage - stammen die Konnotationen, die Bedeutungsdimensionen eines Wortes
überhaupt? Schließt man mit Ricoeur die Annahme aus, es gäbe "eine sogenannte
ursprüngliche, einfache oder eigentliche Bedeutung"(15), können die Konnotationen nur als eine Art Ablagerung vergangener
Diskurse gedacht werden.
Diese zunächst einfache Vorstellung, eine Vorstellung allerdings, die weitreichende
Folgen hat, findet sich bereits in der Sprachtheorie Bühlers(16). daß gerade Bühler hier als Zeuge in Anspruch genommen wird, ist
kein Zufall: Bühler nämlich, der auf den Schock, den Saussure in der deutschen
Sprachwissenschaft ausgelöst hatte, als einer der ersten reagierte, sah sich vor die
Aufgabe gestellt, zwischen der neuen Vorstellung eines synchronen sprachlichen Systems und
der tradierten diachronen Anschauung auf irgendeine Weise zu vermitteln. Eines seiner
bestechendsten Theoreme besteht deshalb darin, daß er einen Mechanismus des Übergangs
konstruierte, der die einzelnen Äußerungen - die konkreten Diskurse - mit dem System der
Sprache verbindet.(17)
Bühler ging von der Beobachtung aus, daß schriftlich fixierte Texte vor allem deshalb
relativ kontextunabhängig funktionieren, weil die für ihr Verständnis notwendigen
"synsemantischen Umfeldfaktoren (...) (im Text) weitgehend mitkonserviert
(sind)"(18). Geschlossene Texte also zielen
auf Kontextentbindung ab und haben die Tendenz, in sich hineinzuziehen, was im Fall
situativer Äußerungen die Situation zur Bedeutung beitrüge.
In diesen Mechanismus sieht Bühler ein Modell, das auf allen Ebenen der Sprache
wiederkehrt; und er entwirft ein Bild der Sprache als eines Systems, daß typische
Kontexte in seiner eigenen Struktur vergegenständlicht. "(...) es kann doch sein,
ja, es muß im ausreichenden Maße der Fall sein, daß die Sprache (la langue) das Stadium
einer amöbenhaften Plastizität von Sprechsituation zu Sprechsituation in einigem
aufgibt, um auf höherem Niveau mit teilweise festgewordenem, erstarrten Gerät dem
Sprecher in neuer Hinsicht Produktivität zu gestatten."(19)
Bühler beschreibt die Sprache also als eine Apparatur, die die Situationen ihres
Gebrauchs in sich aufnimmt, um sie dem neuerlichen Gebrauch konventionalisiert zur
Verfügung zu stellen.
Von Bühlers Modell aus also wären die 'Konnotationen' ein Resultat konkreter
Äußerungen (bzw. Diskurse) in der Vergangenheit; sie wären eine Art Niederschlag, den
die konkreten Verwendungen im Diskurs an den Wörtern hinterlassen haben. Jede einzelne
Verwendung appliziert etwas von der komplexen kontextuellen Bedeutung der Sequenz, in der
das Wort steht, auf das einzelne Wort, jede einzelne Verwendung hinterläßt eine Spur;
diese Spur allerdings wird nur dann Bestand haben, wenn nachfolgende Diskurse sie
aufgreifen und bestätigen; in allen anderen Fällen wird sie im Rauschen der Diskurse
untergehen.
Von Bühler aus ist Bedeutung ein Wiederholungsphänomen, ein statistischer Effekt über
der unübersehbaren Menge parallellaufender Diskurse. Und umgekehrt sind es die konkreten
Kontexte, die die Worte 'informieren'; die Diskurse 'arbeiten am System', bauen
Bedeutungen auf und tragen Bedeutungen ab; zunächst vollständig unabhängig davon, ob es
sich um metaphorische oder um wörtliche Verwendung handelt...
Der Entschluß, auf die Unterscheidung zwischen Denotation und Konnotation grundsätzlich
zu verzichten, bewährt sich, so denke ich, im Bild der statistischen Akkumulation: Wenn
die Konnotationen Ablagerungen konkreter Diskurse sind, wird man nur zwischen solchen
unterscheiden können, die häufig, und solchen, die seltener bestätigt werden. Die
'notwendigen' Merkmale also, wie die Lexikondefinition sie aufzählt, bilden eine Art
'Kern' in einer weit größeren Menge von Konnotationen; am Rand dieser Menge finden sich
vollständig flüchtige oder idiosynkratische Konnotationen ohne intersubjektive
Bedeutung; die Konnotationen schließlich, die im Zusammenhang der Metapher wichtig sind,
wären in der Mittelzone zwischen dem Kern und dem Rand zu finden...
Ein zweiter Gewinn aus der Vorstellung einer quasi statistischen Akkumulation ist die
Vorstellung, daß es typische Kontexte sind, die in die Struktur der Sprache und in die
Konnotationen eingehen; erst die statistische Häufung schafft jenen Kompressionsdruck,
der den Eindruck erweckt, dem singulären Signifikanten stehe ein ebenfalls singuläres
Korrelat gegenüber. Die Härte und relative Stabilität der Begriffe ist nicht gegeben,
oder etwa in der materiellen Härte der Signifikanten garantiert; sie ist das Resultat
einer Verhärtung durch den wiederholten Gebrauch.
Eine dritte Folgerung schließlich lenkt den Blick auf das so gut wie nie beachtete
Problem der Kontextquantitäten. Beschränkt man mit Black den Kontext auf den physischen
Text im Umraum eines Worts oder einer Äußerung, so wird im Bild der statistischen
Akkumulation mehr als wichtig, ob es sich konkret um viel oder um wenig Text im Umraum
handelt. Zum einen nämlich schafft jeder Beitrag zum Diskurs (die einzelne Äußerung,
das 'Werk') einen Innenraum, in dem, solange er existiert, andere Regeln gelten als im
Raum der Diskurse allgemein; die Erfahrung der Literatur zeigt, daß neue Konnotationen
innerhalb eines Werkes relativ schnell aufgebaut und stabilisiert werden können.
Zum zweiten hängt die Unterscheidung zwischen Metapher und Metonymie, folgt man der bei
Jakobson und dann bei Lacan entwickelten Vorstellung, davon ab, ob beide
metaphorisch/metonymisch verbundenen Elemente im Kontext präsent sind, oder eines das
andere aus dem Kontext verdrängt; ein Modell, das nur dann irgendeinen Sinn macht, wenn
man den Begriff des Kontextes quantitativ einschränkt.(20) Und drittens ist das Problem der Kontextquantitäten dasjenige, das
die intensivste Verbindung zu jeder Vorstellung von Diskursmacht unterhält; wenn der
Aufbau sprachlicher Bedeutung tatsächlich einer quasi-statistischen Akkumulation
gehorcht, werden Kontextquantitäten(21) zu einem
unmittelbaren Machtfaktor auf dem Terrain der Sprache...
Für den engeren Kreis der Metapherntheorie ergeben sich aus dem Gesagten zwei zunächst
verwirrende Konsequenzen. Zum einen wird die etablierte Vorstellung aufgegeben werden
müssen, es sei allein die Metapher, die zur Anreicherung der Sprache mit Konnotationen
führe, allein sie halte die Sprache 'lebendig'.(22)
Denn selbstverständlich werden auch im 'wörtlichen' Gebrauch der Worte Konnotationen
akkumuliert. Da es keinen Kontext gibt, in dem ausschließlich redundate Bedeutungen
vorkommen, wird immer ein Teil der kontextuellen Bedeutung auf den applizierten Begriff
zurückwirken und seine 'Spur' an dem Begriff hinterlassen.
Und darüberhinaus wird man auch die Aktualisierung der redundanten Konnotationen als eine
'Arbeit am System' auffassen müssen; als eine konservative Arbeit, die die etablierten
zentralen Konnotationen bestätigt, sie 'pflegt', und ihrem 'natürlichen Verfall'
entgegenarbeitet.
Die Besonderheit der Metapher also wäre zu modifizieren: Im Gegensatz zum wörtlichen
Gebrauch ist die Metapher dadurch gekennzeichnet, daß sie dazu zwingt, die Konnotationen
bewußt und einzeln durchzugehen; der Ausfall der gewohnten, zentralen Teilbedeutungen
zwingt zu einer Prüfung, welche der Konnotationen im Kontext anwendbar sind und welche
nicht. Diese Prüfung geschieht blitzschnell, fast simultan, und ist als solche
selbstverständlich nicht bewußt; ihr Resultat aber ist ein verzweigter Komplex von
Einzelvorstellungen, der bildhaft-simultan in den neuen Kontext eingestellt wird(23). Den Eindruck von 'Frische' und 'Lebendigkeit',
den die Metapher hervorruft, also entsteht nicht, weil die einzelnen Konnotationen selbst
aktuell produziert wären, sondern weil ihre Auswahl, ihre Kombination und Integration zu
einem Komplex 'neu', d.h. kontextabhängig hergestellt ist.(24)
Das zweite Merkmal der Metapher, von dem man sich wird verabschieden müssen, ist die
Vorstellung, der Weg der Metapher sei in den Konnotationen zwar 'vorgebahnt', ihre
Gesamtbedeutung aber überschreite das Konventionalisierte souverän.
Beschreibt man den metaphorischen Prozeß aber, wie skizziert, als eine Auswahl und
Rekombination der konventionalisierten Konnotationen, ist der Bedeutungsüberhang der
Metapher, zumindest was den Mechanismus seiner Produktion angeht, kein anderer als im Fall
der wörtlichen Applikation. Die Metapher bringt Konnotationen neu in den Kontext ein
(jene, die weder redundant sind, noch als unpassend ausgeschlossen werden), und sie nimmt
die Spur der im Kontext aktualisierten Konnotationen aus dem Kontext mit...
Eine dritte Vorstellung, die in der Theorie der Metapher immer wieder auftaucht,
allerdings ist aufrechtzuerhalten: denn auch wenn man die Bedeutung der Worte nicht als
starr, sondern als Resultat einer Erstarrung begreift, ist es die Metapher, die 'Bewegung'
in diese erstarrten Bedeutungen bringt. Auch dies aber, darauf lohnt es zu beharren, nicht
dank einer genuinen 'Kreativität', sondern in einem äußerst reduzierten, technischen
Sinn:
Indem die Metapher nämlich dazu zwingt, die einzelnen Konnotationen auf Anwendbarkeit im
Kontext zu prüfen, löst sie - die sprachtheoretische Reflexion zeichnet diesen Weg im
Grunde nur nach - den Schein einer starren oder gar singulären Bedeutung auf. Eine
Metapher kann konkret nur dann verstanden (oder produziert) werden, wenn bestimmte
Bedeutungskomponenten als verzichtbar, wenn das Wort also als zusammengesetzt, als
Zusammenspiel seiner Konnotationen wahrgenommen wird. So verflüssigt die Erfahrung der
Metapher jene Bedeutungskomponenten wieder, die im Fall des wörtlichen Gebrauchs zu einer
festen Kristallstruktur zusammengerückt erscheinen.
'Bewegung' in diesem Sinn also ist zunächst die Bewegung der Konnotationen, eine Bewegung
im Inneren der Worte. Die Metapher entsprechend ist der Mechanismus, der die
Aufmerksamkeit zwingt, auf die Mikro-Ebene der Teilbedeutungen zu wechseln...
Meist jedoch, wenn die Metapherntheorie von der dynamisierenden Funktion der Metapher
spricht, ist nicht die Dynamisierung der Teilbedeutungen gemeint; augenfälliger nämlich
schafft die Metapher 'Bewegung' im Wortschatz, insofern die Metapher ihren 'Ort' zu
verlassen, und in einer anderen Bedeutungssphäre zu vagabundieren scheint.
Am deutlichsten ist diese Vorstellung bei Richards formuliert, der die Metapher einen
"Austausch und Verkehr von Gedanken, eine Transaktion zwischen Kontexten" nennt(25). An der Formulierung fällt zunächst auf,
daß nur einer der beiden Kontexte ein materiell- konkreter Kontext zu sein scheint, der Text
nämlich, in dem die Metapher auftritt; daß jener zweite Kontext aber, aus dem der
metaphorisch vagabundierende Ausdruck ursprünglich stammt, einen weit weniger materiellen
Charakter hat. Diesem zweiten Kontextbegriff vielmehr liegt die Vorstellung einer quasi-
topologische Einteilung des Wortschatzes in thematische Sphären zugrunde, wie sie etwa
Trier(26) in seiner Theorie der
Wortfelder/Wortumfelder entwickelt hat.
Zunächst also scheint diese zweite 'Bewegung' der Metapher eine Bewegung auf der
Makro-Ebene zwischen den Worten zu sein. Die Metapher bewegt sich von einer Sphäre des
Wortschatzes in die andere, und sie setzt darüberhinaus den Wortschatz selbst in
Bewegung, indem sie die Grenzen zwischen den Sphären überschreitet und, zumindest
langfristig, unterminiert.
Löst man Triers Begriff des "Wortfeldes" aber auf, der, seinerseits eine
Metapher, dem Wortschatz letztlich eine zweidimensionale Ausdehnung unterstellt, wird
deutlich, daß sich hinter Triers Begriff der Sphären exakt jenes Wissen um typische
Kontexte verbirgt, das - nach der hier entwickelten Vorstellung - zu den zentralen
Konnotationen gehört, die jedes Wort mit sich führt.
Beide Typen von 'Bewegung' also, diejenige im Inneren der Worte und die scheinbar äußere
Migration der Metapher zwischen den Sphären, sind eng verwandt. Und die
Auseinandersetzung mit Trier macht deutlich, daß die von Richards beschriebene
'Transaktion zwischen Kontexten' Entfernungs- bzw. Näherelationen im Wortschatz
anspricht, die, will man sie nicht einfach metaphorisch-räumlich auffassen, auf
Näherelationen in konkreten materiellen Kontexten zurückgeführt werden müssen.
Näherelationen, die sich wiederholen und auf dem Weg statistischer Akkumulation in jenes
Wissen um 'typische Kontexte' übergehen, das die Worte als Konnotation konventionalisiert
zur Verfügung stellen.
Der Begriff der Konnotationen und das Beharren auf dem Zusammenhang von System und Diskurs
also scheint sich vor allem auch darin zu bewähren, die äußerst heterogenen
Behauptungen, die in der Metapherntheorie eine Rolle spielen, auf ein zumindest in der
Skizze konsistentes Modell zu beziehen.
Zwei Implikationen des bisher Gesagten aber sind unbefriedigend: Zum einen evoziert der
Begriff der Akkumulation, und in geringerem Maß auch der der Konnotation selbst, ein
weiteres Mal die tradierte Vorstellung, die Worte der Sprache seien etwas 'Volles' und
ruhten gesättigt - gesättigt am Diskurs, wenn auch nicht mehr mit 'Bedeutung'
unmittelbar - in sich selbst; nach der tradierten Vorstellung der Fülle und 'Präsenz'
der Bedeutung 'vertreten' die Worte zwar den Gegenstand, entschädigen für seine
Abwesenheit aber durch die Fülle eines verzweigten Wissens...
Eine solche Vorstellung, fast überflüssig das zu sagen, wird nach der
neostrukturalistischen Sprachkritik niemand mehr ernsthaft vertreten können. Die
Plausibilität des Gesagten wird deshalb davon abhängen, ob der Begriff der Konnotation
mit der Vorstellung der Sprache als eines Netzes aus negativen Verweisen in Einklang
gebracht werden kann.
Der zweite bislang wenig befriedigende Punkt betrifft den Begriff des Kontextes. Dieser
Begriff wurde bislang nur dahingehend eingeschränkt, daß er den materiellen
Kontext,
nicht aber etwa die außersprachliche Situation oder die Äußerungsbedingungen umfassen
solle. Wenn die im Kontext realisierten Konnotationen aber die metaphorische Applikation
steuern, so wäre es wünschenswert zu wissen, wie kontextuelle Bedeutung, anders als aus
Wortbedeutungen aufaddiert, gedacht werden kann...
4
Der Begriff der Konnotation(27) hat den
grundsätzlichen Fehler, 'Fülle' zu suggerieren. Die Konnotationen erscheinen als eine
Art Besitz der Worte, als ein aufgehäufter Reichtum; die Worte umgekehrt, als
akkumulierten sie etwas, um dann in sich zu ruhen. Der Mangel dieser Vorstellung liegt vor
allem darin, daß sie unausgesprochene ontologische Implikationen enthält; das Bild der
Fülle nämlich korreliert mit der Annahme, die Sprache greife aus sich heraus und
reichere etwas an, was selbst nicht Sprache sei, Erfahrung etwa, oder gar unmittelbar
Realität.
Die Kritik solcher ontologischen Präsuppositionen ist der Kern der strukturalistischen
und nachstrukturalistischen Sprachtheorie. Und Schritt für Schritt hat das Beharren auf
dem Systemcharakter der Sprache als eines ausschließlich sich selbst stützenden Netzes
aus Verweisen, und auf dem Signifikanten als der einzig zugänglichen, weil materialen
Seite des Zeichens zu einer Reinigung der Terminologie geführt, die sich auch in der
Metapherntheorie nachweisen läßt. Auf dem selben Hintergrund hob die hier vorgetragene
Argumentation an der Theorie Beardsleys hervor, mit dem Übergang von den 'Eigenschaften'
zu den 'Konnotationen' einen wichtigen Schritt hin zu einer Beschränkung auf das Terrain
der Sprache getan zu haben.
Die Frage aber, und darum geht es hier, reproduziert sich auch am Begriff der
'Konnotationen'; denn welchen Status hat das doch scheinbar irreduzibel qualitative
Wissen, das die Konnotationen vorhalten? Und wie verhält sich dieses Wissen zum
negativ-differenziellen Netz der Sprache? Bilden die Konnotationen eine Art parasitärer
Struktur, die das Netz mit von außen kommenden Qualitäten anreichert? daß der Begriff
der Konnotationen nicht zwangsläufig jene verschwommen-emotive Bedeutung hat, die ihm in
der Alltagssprache anhaftet, dürfte plausibel geworden sein. Was aber kann über die
Konnotationen ausgesagt werden, wenn ihnen - schlimmer als im Fall des Signifikats - kein
materieller Signifikant gegenüberzustehen scheint?
Zufriedenstellend sind Fragen solcher Reichweite wahrscheinlich nicht zu beantworten. Eine
skizzenhafte Antwort aber wird versucht werden müssen, wenn der Begriff der Konnotation
vor seiner unseligen Begriffsgeschichte, und vor dem Vorwurf, er restauriere das
Signifikat, in Schutz genommen werden soll.
Ansatzpunkt sei noch einmal die Lexikondefinition. Ein Lexikoneintrag beschreibt die
Bedeutung eines Begriffs, indem er "hervorstechende Merkmale" (28), Eigenschaften und typische Kontexte aufzählt. Die
Lexikondefinition also besteht aus Worten (und zwar ausschließlich aus Worten) und sie
funktioniert, sieht man von rudimentären syntaktischen Strukturen ab, weitgehend additiv,
d.h. kommt mit einer einfachen Anreihung der Worte aus.
Ein Lexikoneintrag also definiert einen Begriff, indem er von diesem Begriff auf eine
bestimmte Anzahl anderer Begriffe verweist, und - er zeichnet in diesen Verweisen exakt
jene Teilbedeutungen nach, die oben die 'zentralen Konnotationen' (bzw. die Denotation im
Plural) genannt worden sind. Nur scheinbar also wechselt man die Ebene, wenn man von einem
Begriff zur Analyse seiner Teilbedeutungen, seinen Eigenschaften oder seinen typischen
Kontexten übergeht: Die Lexikondefinition zeigt, daß die Konnotationen ihrerseits
lexikalisiert, daß sie Worte sind wie der Begriff selbst; Teil des selben symbolischen
Systems, oder zumindest ein bestimmter Typus von Verbindung, der zwischen den Worten der
Sprache besteht.(29)
Konnotationen, im hier vorgeschlagenen technischen Sinn, sind Worte. Andere Worte, gesehen
aus der Perspektive desjenigen Wortes, das jeweils gerade zur Debatte steht. Die
Konnotationen installieren zu jedem Begriff eine sternförmige Verweisstruktur, (die die
Lexikondefinition nur nachzeichnet): Jeder einzelne Begriff zeigt (mit unterschiedlicher
Intensität) auf eine Anzahl anderer Begriffe; die jeweiligen Verweise überlagern sich
reziprok oder sie überlagern sich nicht, in ihrer Gesamtheit jedenfalls bilden sie jenes
'Netz', das sich allein mit der Kraft netz- relativer Verweise vom Erdboden hochstützt
und das seit Saussure das verbindliche Bild für die Sprache ist.
Die falsche Vorstellung der 'Fülle' also scheint relativ mühelos in eine Verweisstruktur
aufzulösen; die Konnotationen sind nicht 'Besitz' des jeweiligen Begriffs, sondern selber
Begriffe und insofern Besitz ihrer selbst. Begriffe fungieren als Konnotationen, wo der
Verweis sie trifft; alle Begriffe gemeinsam werden von der Sprache verwaltet...
Als ungleich hartnäckiger erweist sich im hier skizzierten Modell die von der
strukturalen Semantik gleichfalls abgelehnte Vorstellung bestimmter Verweisqualitäten(30). Die Tatsache, daß die Lexikondefinition neben
isolierten Begriffen eben auch rudimentäre Textteile und syntaktische Strukturen
enthält, ist dabei weniger irritierend(31), als
die im Modell irreduzible Tatsache, daß Verweise von unterschiedlicher Intensität
angenommen werden müssen. Geht man auf die Vorstellung einer quasi-statistischen
Akkumulation zurück, nach der oben die zentralen von den peripheren Konnotationen
unterschieden wurden, wären 'intensive' Verweise im Netz die, die im Diskurs häufig
bestätigt werden... (Interessant ist, daß der Charakter der peripheren, selten oder nie
bestätigten Konnotationen sich vollständig ändert, sobald man die Konnotationen als
Verweise im Netz der Sprache auffaßt: So sind grundsätzlich keine zwei Worte
vorstellbar, die keinerlei - auch keine mögliche - Beziehung unterhalten; für absolut
jedes Wortpaar läßt sich ein Kontext konstruieren, der ihre Konnotationenbündel in
Interaktion bringt.(32))
Ohne die Vorstellung einer Hierachie der Verweise also kommt das hier vertretene Modell
nicht aus; die Frage nach den Verweisqualitäten aber kehrt sich gewissermaßen um: Was
der Sprachbenutzer als 'Nähe im Netz', als definitionsnotwendigen Verweis oder als
'Ähnlichkeit' im Wortschatz vorfindet, ist ein quasi-statistischer, d.h. ein
quantitativer Effekt über der Gesamtheit der Diskurse.
Das Modell als ganzes, auch das soll angesprochen werden, nähert sich einem Begriff
Saussures wieder an, der in der Rezeptionsgeschichte seiner Texte besonders hart
kritisiert worden ist. Im Begriff der 'Assoziation' hatte Saussure versucht, die
Näherelationen im Wortschatz zu fassen; wobei die Entscheidung für den schillernden
Begriff der Assoziation mit der Tatsache korrespondiert, daß Saussure unter die
paradigmatischen Reihen umstandslos auch solche rechnete, die entlang semantischer
Ähnlichkeiten sich aufbauen. Der Begriff der Assoziation wurde entsprechend zum einen als
'psychologisch' angegriffen und zum anderen als Durchgriff aufs Signifikat abgelehnt.
Beide Vorwürfe, denke ich, treffen zu; aus der Perspektive des hier vorgeschlagenen
Modells aber ergäbe sich eine eigentümliche Umbewertung, wenn gezeigt werden könnte,
daß zwar die Linguistik nicht vom psychologisch/psychoanalytischen Begriff der
Assoziation, daß dieser ungekehrt aber von einer sprachtheoretischen Klärung profitieren
könnte. Denn in der Tat fällt auf, daß der Begriff der Konnotationen, der hier über
den Mechanismus der Metapher und das Verhältnis von Diskurs und System entwickelt worden
ist, eine gewisse Nähe zu der Alltagsvorstellung bewahrt, eine Konnotation oder eben auch
eine Assoziation sei das, was einem durchschnittlichen Mitglied der Sprachgemeinschaft zu
einem genannten Begriff einfalle. Assoziationen, so situativ und individuell sie im
Konkreten jeweils sein mögen, bedienen sich mit Sicherheit jener Wege im Netz, die die
Diskurse im System vorgebahnt haben und die die wörtliche Applikation und, auffälliger,
die Metapher nutzen.
So unklar der Begriff der 'Assoziation' also ist, seine Schlüsselposition zwischen
Psychoanalyse und Linguistik könnte quasi miniaturisiert das Programm enthalten, das in
den psychoanalytisch/linguistischen Theorien Jakobsons, Lacans, Metz' und in ganz anderer
Weise bei Lorenzer Schritt für Schritt Kontur gewinnt.
Und noch aus einem weiteren Grund scheint es mir lohnend, über den geschmähten Begriff
der Assoziationen noch einmal nachzudenken: gerade die 'semantischen' unter den
paradigmatischen Reihen Saussures haben die Stärke, nicht allein den möglichen Austausch
im Kontext, sondern auch eine verdeckte Kopräsenz im Kontext nicht realisierter Worte in
den Bereich des Vorstellbaren zu rücken. Die Konnotationen eines Wortes, dem
Alltagsbewußtsein ist das selbstverständlich, 'schwingen mit', wann immer das Wort
auftritt. Begreift man also, wie hier vorgeschlagen, die Konnotationen als Verweise auf
andere Worte, so wird man folgern müssen, daß diese Worte - obwohl, wie Saussure sagt
"in absentia"(33) - verdeckt und
'vertreten' durch das präsente Wort eben doch anwesend sind. Die 'Vertretung' aber ist
die Rolle des Zeichens allgemein; und es ergäbe sich zwischen dem anwesenden Wort und den
abwesend/anwesenden Worten, auf die es verweist, ein quasi- metonymisches Verhältnis...
Kehrt man zu solideren Überlegungen zurück, so sind es vor allem zwei Fragen, die im
Zusammenhang geklärt werden sollten: die Frage, wie das kontextuelle Nebeneinander
konkret aussieht, das in die konventionalisierten Näherelationen des Wortschatzes
umschlägt, und die zweite, schon einmal gestellte Frage, wo der materielle Ort zu denken
ist, den die Konnotationen einnehmen.
Die strukturelle Semantik nimmt die Netzrelation bekanntlich als gegeben hin. Behauptet
man aber, wie hier skizziert, einen regelhaften Mechanismus zwischen Diskurs und System,
tritt die Frage auf, was 'Nähe im Diskurs' und 'Nähe im Kontext' eigentlich heißt, wenn
diese in die konventionalisierte Nähe im Wortschatz münden soll.
Auch diese Frage wird nicht völlig zu beantworten sein; zunächst aber lassen sich drei
Ebenen kontextueller Nähe unterscheiden: die einfach additive Nebenordnung, die im
Zusammenhang der Lexikondefinition bereits genannt wurde; die Ein- oder Mehr-Wort-Sätze
kleiner Kinder wären ein Beispiel solcher Nebenordnung, und auch die Sprache
militärischer Befehle weist nur Rudimente syntaktischer oder morphologischer Strukturen
auf. Die zweite, ungleich kompliziertere Ebene ist die der Syntax. Die syntaktische
Struktur verteilt von sich aus Gewichte, und bringt Bedeutungen hervor, die zwar
regelhaft, nicht aber ein einfacher Interaktionseffekt der beteiligten Lexeme sind. Die
dritte Ebene stellt ein Extrem solch syntaktisch produzierter Bedeutung dar: Die explizite
Definition ist mit syntaktisch minimalem Aufwand in der Lage, einen beliebigen
Signifikanten mit beliebigen Konnotationen zu verketten.(34)
Alle drei Mechanismen produzieren in jeweils spezieller Weise kontextuelle Nähe; die
Nebenordnung sicher im geringsten, die explizite Definition im stärksten Maß, der
semantische Effekt der verschiedenen syntaktischen Muster dürfte am schwierigsten zu
evaluieren sein.
In der Theoriegeschichte gab es zwei Versuche, den semantischen Effekt speziell der
syntagmatischen Reihung zu beschreiben: die Theorie der 'Kollokationen' von Porzig(35) und die von J.R. Firth (36), der sich des gleichen Begriffs bediente. Porzig interessierte sich
etwa für den Zusammenhang der Lexeme 'Zunge' und 'lecken', die extrem oft im gleichen
Kontext und häufig in gleicher syntaktischer Abhängigkeit auftreten. Firth behauptete
eine Ebene zwischen der Syntax und der außersprachlichen Situation, die er als die
eigentliche Quelle lexikalischer Bedeutung ansah. Beide Theorien aber konnten weder ihr
Problem völlig lösen, noch allgemeineren Einfluß gewinnen(37).
Die letzte Frage im unmittelbaren Zusammenhang ist die nach dem materiellen Ort der
Konnotationen. Es wurde schon gesagt, daß es ausichtslos wäre, sie im einzelnen
materiellen Signifikanten aufsuchen zu wollen(38);
zweifellos ebenso wenig wird ihr materielles Äquivalent im einzelnen aktuellen Diskurs
aufzufinden sein, insofern -nach Bühlers Modell- die konventionalisierte Bedeutung gerade
die ist, die im einzelnen Kontext nicht mehr aktuell produziert werden muß.
Und dennoch hängt die hier vorgetragene These, die einen systematischen Mechanismus
zwischen Diskurs und System behauptet, ganz und vollständig davon ab, ob ein materialer
Träger der Konnotationen benannt werden kann.
Die Antwort, die hier versucht werden soll, ist in zwei Antworten aufgespalten: Materiell
repräsentiert sind die Konnotationen zum ersten in den Diskursen der Vergangenheit.
Materielle syntagmatische Kombination, materielle Nähe in konkreten Diskursen der
Vergangenheit ist im hier vertretenen Modell die unabdingbare Voraussetzung, daß
paradigmatische Nähe im Netz sich herausbilden kann. Oder, deutlicher noch und auf eine
Formel gebracht: Was nie syntagmatische Reihung war, kann in der Gegenwart nicht als
Konnotation, als Teilbedeutung eines Wortes auftreten.
Der zentrale Mechanismus der Sprache besteht darin, daß syntagmatische Nähe in
paradigmatische Nähe umschlägt. Die Härte dieser Bestimmung wird kaum ausreichend
betont werden können. Sie löst das von Saussure hinterlassene Rätsel, das
syntagmatische Reihung und paradigmatische Reihung als gleichberechtigte 'Achsen' einfach
nebeneinandergestellt hatte, und sie gibt zum ersten mal der Tatsache Raum, daß
allein
die syntagmatisch gereihten Textelemente materiell zugänglich sind.
Die zweite Antwort hängt, so ungenau sie bleiben muß, mit der ersten eng zusammen: Was
die Gegenwart angeht, so ist der materielle 'Ort' der Konnotationen auf jene Unzahl
empirischer Gedächtnisse verteilt, die an vergangenen Diskursen teilgenommen,
syntagmatische Nähe festgehalten und durch vergangene Kontexte ihre Form erhalten haben.
Auch in dieser Verteilung auf die empirischen Köpfe ist Bedeutung ein Redundanzphänomen.
Die Konnotationen als Netz aus Verweisen, die wichtigen Konnotationen also als 'Bahnung'
zu beschreiben, mag an die physischen Synapsen des Gehirns erinnern - eine materiellere
Antwort ist die Neurophysiologie bislang schuldig geblieben. Die hier vertretene
Argumentation kommt mit einer wesentlich schlichteren Konzeption des Gedächtnisses aus,
und verlangt von diesem nur, daß es die Erfahrung der vergangenen Diskurse den aktuellen
Diskursen zur Verfügung stellt.
5
Will man das Gesagte nun auf einen Punkt zusammenziehen, so erscheint, in vollständigem
Gegensatz zur Alltagsauffassung, als das Zentrale der Metapher - die Konvention.
Regelgeleitet-konventionell verläuft zunächst der Aufbau der Konnotationen. Es ist
gesagt worden, daß bereits im einzelnen Text beobachtet werden kann, wie neue
Konnotationen ausschließlich über den Mechanismus der syntagmatischen Reihung
installiert, und dadurch, daß der Fortgang des Textes sie bestätigt, stabilisiert
werden. Solche Konnotationen allerdings haben Gültigkeit zunächst nur innerhalb des
jeweiligen Textes; sie sind daher scharf von jenen Konnotationen zu unterscheiden, die
irgendwann einmal auf gleichem Wege entstanden sind, dann aber von Text zu Text
aufgegriffen wurden, bis sie schließlich intersubjektiv etabliert, und zu einem Teil der
Sprache selbst geworden waren. Konnotationen diesen zweiten Typs gehen dem einzelnen Text
voran.
(Die Metapher, der kurze Seitenblick sei erlaubt, benutzt Konnotationen sowohl der einen
als auch der anderen Art; bei der konkreten Analyse muß deshalb der bereits
konventionalisierte Anteil streng von denjenigen Konnotationen abgesetzt werden, die der
Text selbst aufgebaut hat.)
Konventionell-regelhaft also ist der Mechanismus, und konventionell sind die Konnotationen
selbst; sie sind intersubjektiv-verbindlich, folgt man der hier vorgeschlagenen Definition
und begreift als 'Konnotationen' all jene Teilbedeutungen, die die Struktur eines Wortes,
seine Beziehung zu anderen Worten und im Kern: seine Definition ausmachen.
Vollständig regelhaft zum zweiten ist der Mechanismus der Kontextapplikation. Der
wörtliche wie der metaphorische Gebrauch unterliegen dem selben Gesetz, daß Worte
jeweils nur entlang bestimmter 'Angemessenheitskriterien' in Kontexte eingebracht werden
können. Die Applikation also muß durch bestimmte Konnotationen vorgebahnt sein, die der
Kontext und das neu applizierte Wort von vornherein teilen(39). Der wörtliche Gebrauch mag durch eine relative Harmonie der
Konnotationen gekennzeichnet sein, während die Metapher Konflikte auch der zentralen
Konnotationen zuläßt; als ein 'Filter' (Black) aber kann die Metapher nur dadurch
fungieren, daß sie unter den möglichen Konnotationen diejenigen hervorhebt, die der
Kontext und der metaphorische Ausdruck gemeinsam haben.
Gleichfalls und zum dritten regelhaft vollzieht sich die "Deformation", die die
konventionalisierte innere Struktur der Begriffe im konkreten Kontext erfährt. Nie, auch
das wurde gesagt, werden im Kontext alle Konnotationen realisiert, die den
konventionalisierten Bedeutungsumfang eines Begriffes ausmachen; immer werden die
Konnotationen der syntagmatisch gereihten Begriffe miteinander 'abgeglichen', und
Konnotationen, die im Kontext als 'unpassend' erscheinen, ausgeschlossen(40).
Die syntagmatische Nähe anderer Begriffe und der Abgleich der Konnotationen waren es,
die, folgt man dem hier skizzierten Modell, den Begriff 'informieren' und jene 'Spur'
hinterlassen, die, wenn sie bestätigt wird, in konventionalisierte Nähe, Nähe im
Wortschatz, in paradigmatische Beziehung umschlagen kann.
Und noch einen vierten Teil hat das Uhrwerk der Metapher: Wenn als ihr Spezifikum und als
der wesentliche Unterschied zum wörtlichen Gebrauch die Tatsache genannt wurde,
daß der
Ausfall zentraler Teilbedeutungen dazu zwingt, die peripheren Konnotationen einzeln
durchzugehen, sie auf Anwendbarkeit im Kontext zu prüfen und sie simultan zu jener neuen
Konstellation zusammenzurücken, die die Bedeutung des metaphorischen Ausdrucks im Kontext
ausmacht, so kann auch dieser Vorgang als vollständig regelhaft vorgestellt werden. Die
Metapher trägt, verglichen mit der wörtlichen Verwendung, eine ungleich komplexere
Information in den Kontext hinein; auch dieser Überhang aber scheint in seiner Struktur
zu beschreiben, ohne daß auf Begriffe wie 'Spontaneität' oder 'Kreativität'
zurückgegriffen werden müßte.
Trotz einer Vielzahl ungeklärter Teilprobleme also ergibt sich das Bild einer fast
geschlossenen Mechanik ausgerechnet auf demjenigen Terrain der Sprache, das aus einer
theoretischen Beschreibung fast völlig herauszufallen schien; die Metapher, und in
ähnlicher Weise auch der Begriff der Konnotationen, schienen dafür einzustehen,
daß die
Spontaneität des Sprechens irreduzibel subjektiv, und die Sprache in Regeln und Praktiken
nicht aufzulösen sei.
Eigentümlicherweise aber hatte gerade das Beharren auf der Spontaneität und Kreativität
der Sprache die Konsequenz, die Verläßlichkeit des sprachlichen Systems zu
überschätzen: Solange die 'Konnotationen' nämlich zu einer fixierten, garantierten (und
als singulär gedachten) Denotation nur hinzutraten, solange sie als eine
subjektiv-luxurierende Sphäre gegen die 'eigentliche' Bedeutung abgesetzt werden konnten,
solange schien 'die Sprache' vor ihrer Unbeherrschbarkeit (der Unübersehbarkeit der
unzähligen parallellaufenden Diskurse) zuverlässig geschützt.
Unzweifelhaft sind die Konnotationen tatsächlich unbeherrschbar. Ihr am einzelnen Begriff
konventionell und intersubjektiv/redundant verhärteter Kern ist umgeben von einer Korona
weit weniger verläßlicher Teilbedeutungen; Teilbedeutungen, die (vereinzelt, sich
verhärtend, oder in Auflösung begriffen) nicht in allen empirischen Gedächtnissen
redundant vorausgesetzt werden können. Jeder einzelne Begriff löst sich gegen seinen
Rand hin auf und nimmt vom Gedächtnis zu Gedächtnis (und von Text zu Text) eine je
persönliche Färbung an; was als 'Kern' erscheint, ist nur über die gesellschaftliche
Praxis (die statistische Akkumulation) stabilisiert, und ständig von jenem 'Sprachwandel'
bedroht, der über die peripheren Konnotationen in den Kern der Bedeutung vordringt...
Jede Theorie der Sprache wird sich der Tatsache stellen müssen, daß diese Unwägbarkeit
und intersubjektive 'Unschärfe' den Kern der Sprache selbst affiziert(41) und mit dem Mittel schlichter Definition ('Konnotation' versus
'Denotation') aus diesem Kern nicht vertrieben werden kann.
daß ausgerechnet die Metapher einen Begriff der Konnotation erzwingt, der die scheinbare
Sicherheit der Bedeutung unterminiert, ist alles andere als ein Zufall: indem sie die
Aufmerksamkeit von der scheinbar gesicherten Mitte auf die pluralisch wimmelnden
Teilbedeutungen umlenkt, bietet die Metapher die paradoxe Erfahrung, daß eine
Konstellation von Teilbedeutungen mechanisch-regelhaft appliziert (und intersubjektiv
verstanden) werden kann, ohne daß dieses Konnotationenbündel quantitativ abgeschlossen
wäre oder intersubjektiv-verbindlich ausbuchstabiert werden könnte. Die Metapher ist das
privilegierte Beispiel dafür, daß die Sprache, obwohl sie vollständig mechanisch
funktioniert, auf gesicherte und fixierte "Grundelemente" in keiner Weise
angewiesen ist. Sicherheit und Gewißheit innerhalb der Sprache gibt es nur in Form
intersubjektiver (und intertextueller) Redundanz - eine in 'regelhaftem Gleiten'
begriffene Basis, die jeden Mathematiker das Fürchten lehren würde...
Die Metapher ist ein Mechanismus. Sie ist ein Grenzfall der Kontextapplikation, ein
regelhafter Verstoß mit regelhaften Konsequenzen. Ihre Bedeutung ist unabschließbar;
nimmt man ihr Strukturmodell aber ernst, wird deutlich, daß auch die Bedeutung der
'wörtlichen' Applikation anders als pragmatisch nicht abgeschlossen werden kann.
Die selbe Metapher also, die als das uneinnehmbare Residuum der Freiheit, Subjektivität
und Spontaneität innerhalb der Sprache erschien, deckt, untersucht man ihre Struktur, die
Tatsache auf, daß auf dem Terrain der Sprache nicht einfach Regel und 'Freiheit' sich
gegenüberstehen, sondern daß man die Sprache eher als eine spezifische Verschränkung
von Mechanizität und 'Unschärfe' (Mißverstehen) wird beschreiben müssen. Mit der
'Unschärfe' allerdings wird kaum zu trösten sein, wer die Regel akzeptierte, um die
Mechanizität leugnen zu können.
Anmerkungen:
(1) Black, Max: Die Metapher. In: Haverkamp, A. (Hrsg.): Theorie der
Metapher. Darmstadt 1983 zurück
(2) Richards, I.A.: Die Metapher. In: Haverkamp a.a.O.. (Der Aufsatz
erschien erstmals 1936 in den USA) zurück
(3) Zu der konkreten Begriffswahl ist zu sagen, daß 'commonplaces' im
Englischen nicht den selben irreführend-pejorativen Beigeschmack hat wie die Übersetzung
'Gemeinplätze' im Deutschen. zurück
(4) Interessant ist, daß Black diese Klarheit durch die Umdeutung eines
Richards'schen Begriffspaares gewinnt: Auch Richards' Argumentation ging zunächst vom
konkreten materiellen Kontext aus, wechselte dann aber, um das Begriffspaar
"Vehicle"/"Tenor" fundieren zu können, unter der Hand zu einem
semantisierten Kontextbegriff über, der als 'Kontext' den Gesamtsinn der Äußerung
begriff, die Leerstelle, in die die Metapher einrückt, also einschloß. zurück
(5) Richards hatte diesen Begriff nicht verwendet, er sprach jeweils von
"Merkmalen" oder "Aspekten" (a.a.O., S. 34) zurück
(6) Beardsley, Monroe C.: Die metaphorische Verdrehung. In: Haverkamp
a.a.O., S. 122 (eckige Klammer H. W.) zurück
(7) a.a.O., S. 129 zurück
(8) Die Semantik von Lyons unterscheidet zunächst den Begriff des
'Sinns' (als einer Verweisstruktur innerhalb der Sprache) von dem der Denotation, um
diesen dann als das Verhältnis zwischen einem Lexem und der Klasse der durch das Lexem
bezeichneten außersprachlichen Objekte zu definieren. Lyons also bezieht in keiner Weise
ein, daß Klassen auf der Seite der Objekte nicht gegeben sind, sondern ein Resultat
ausschließlich der strukturierenden Leistung der Sprache selbst, d.h. jener 'Merkmale',
die durch die 'Sinnrelationen' verwaltet werden... Eine entsprechend rätselhafte Rolle
spielt der völlig unvermittelt eingeführte Begriff der 'Anwendbarkeit', der weder auf
die Sinnrelationen, noch auf mögliche Kriterien der Anwendung zurückbezogen wird.
(Lyons, John: Semantik. München 1980, Bd 1, S. 216, 225)
zurück
(9) Scriven oder Pap werden bei Beardsley genannt... zurück
(10) Mill, J.S.: A System of Logic. London 1843 zurück
(11) Ogden, C.K.; Richards, I.A.: The Meaning of Meaning. London 1923,
dt.: dies.: Die Bedeutung der Bedeutung. Ffm 1974 zurück
(12) Die Vorstellung einer Konnotation, die der 'eigentlichen
Bedeutung' parasitär aufhängt, hat sich aus der Linguistik fast unbeschädigt in die
Semiotik hinüberretten können. So bezeichnet etwa Barthes in den 'Elementen der
Semiologie' (1963) als 'Konnotation', was er in den 'Mythen des Alltags' (1957) noch
'Mythos' genannt hatte und er verwendet für beide Begriffe die gleiche graphische
Darstellung, in der eine wuchernde Konnotation die 'eigentliche' Sprache fast zu
erdrücken scheint. (Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Ffm 1981, S. 93; und ders.:
Elemente der Semiologie. Ffm 1983, S. 77) zurück
(13) "Wörtlich verwandte Sprache ist außerhalb der inneren
Bereiche der Naturwissenschaften selten. Wir glauben, sie komme häufiger vor, weil uns
jene Form der Doktrin vom Sprachgebrauch beeinflußt, die den Wörtern einzelne genau
festgelegte Bedeutungen zuschreibt". (Richards, a.a.O., S. 44) zurück
(14) In der Semantik wurden diese Unterschiede am Problem der
'Selektionsrestriktionen' diskutiert. (Bloomfield; Lyons, a.a.O., S. 276, 337) zurück
(15) Ricoeur, Paul: Die Metapher und das Hauptproblem der Hermeneutik.
In: Haverkamp, a.a.O. S. 361 zurück
(16) Bühler, Karl: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der
Sprache. Jena 1934 zurück
(17) Er nimmt damit ein Problem in den Blick, das sich sowohl der -in
der Folge dominierenden- synchronischen Perspektive, als auch der tradierten
diachronischen entzieht, und das in einer Theorie der Diskurse, die heute noch eher eine
sprachphilosophische als bereits ein linguistische Problemstellung ist, eine ungeahnte
Aktualität entfaltet. zurück
(18) a.a.O., S.184 zurück
(19) a.a.O., S. 144 zurück
(20) Der äußerst intelligente und suggestive Versuch von Chr. Metz,
auf Basis der Lacan'schen Kategorien die visuelle Metapher im Film zu untersuchen,
scheitert u.a. daran, daß Metz das Problem der Kontextquantitäten nicht sieht und
deshalb das Kriterium der Präsenz in Kontext nicht auf eine limitierte oder wie auch
immer bestimmte Kontextnähe einschränken kann. (Metz, Christian: The Imaginary
Signifier. Psychoanalysis and the Cinema. Bloomington (USA) 1982; (Original (frz.)
1973-77)) zurück
(21) ...und etwa auch Druck-Auflagen... zurück
(22) die Vorstellung fi (a.a.O. S. 32) oder, extremer noch, in
Beardsleys mehr als eigentümlicher Erklärung, auf welche Weise die Metapher auf das
System der Sprache zurückwirkt (a.a.O. S. 133ff). zurück
(23) Vielleicht verdankt sich die Rede von der Metapher als einem
sprachlichen Bild überhaupt nur diesem Eindruck einer Simultaneität verschiedener
Einzelvorstellungen. Kennzeichen des Bildes (etwa im Gegensatz zur Sprache) ist
bekanntlich, daß es seine Information simultan präsentiert... zurück
(24) Die Rede ist von neuen, von 'kreativen' Metaphern;
selbstverständlich können Metaphern wiederum konventionalisiert werden. zurück
(25) a.a.O., S. 35 (Hervorh. H.W.) zurück
(26) Trier, J.: Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes.
Heidelberg 1931 zurück
(27) wie der der Denotation und der Bedeutung... zurück
(28) Lyons, a.a.O. S. 222 zurück
(29) Ob die Konnotationen tatsächlich vollständig lexikalisiert sind,
ist eine interessante sprachphilosophische Frage insbesondere für die 'peripheren'
flüchtigen oder idiosynkratischen Konnotationen; Lyons etwa diskutiert das Problem am
Konzept der Bedeutungskomponenten und warnt ausdrücklich davor, z.B. die Komponente
'männlich' mit dem entsprechenden Lexem gleichzusetzen. (a.a.O., S. 328f).
Jedes Modell aber, das den Bedeutungskomponenten eine eigene Sphäre außerhalb der
Sprache zuweist, hätte zu zeigen, wie, wenn nicht durch die strukturierende Leistung der
Sprache, diese Sphäre ihre Form erhält... zurück
(30) daß auch die strukturale Semantik sich äußerst schwertut, das
Netz der Sprache als ausschließlich binär- oppositional/negativ/funktional plausibel zu
machen, sei mit einer skeptischen Äußerung bei Lyons belegt: "Oppositionen werden
entlang einer Dimension der Ähnlichkeit gemacht" (a.a.O., S. 296). zurück
(31) Auch wenn keine Theorie existiert, auf welche Weise die
syntaktischen Strukturen sich etwa aus ursprünglich lexikalischen entwickelt haben, ist
dennoch die Annahme plausibel, daß die Syntax als eine Art Abkürzung, als eine
Ausgliederung von Strukturmerkmalen angesehen werden muß, die im Diskurs besonders
häufig aktualisiert werden ... zurück
(32) Es war eine der Entdeckungen der Surrealisten, schreibt Lacan,
"daß eine jede Konjunktion zweier Signifikanten eine Metapher konstituieren
könnte", um dann höhnisch einzuwenden, "wäre nicht die Bedingung der
größten Disparität der bezeichneten Bilder gefordert (...), damit die metaphorische
Schöpfung stattfinden kann". (Lacan, J.: Das Drängen im Unbewußten oder die
Vernunft seit Freud. In: ders.: Schriften II, Olten 1975, S. 31. (Der Text stammt von
1957))
zurück
(33) Saussure, Ferdinand de: Grundfragen der allgemeinen
Sprachwissenschaft. Berlin 1967, S. 148 zurück
(34) Es sei daran erinnert, daß oberhalb der Syntax ohnehin nur die
Reihung, d.h. die unhierarchisierte Abfolge der syntaktischen Einheiten herrscht.
Kontextuelle Nähe oberhalb der Ebene des Satzes also wäre wieder als Nebenordnung, und
quantitativ etwa über Abstandswerte zu beschreiben. zurück
(35) Porzig, W.: 'Wesenhafte Bedeutungsbeziehungen'. Beiträge zur
Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Nr. 58; (der Aufsatz erschien 1934) zurück
(36) Firth, J.R.: Papers in Linguistics. 1934-51. London 1957 zurück
(37) Was sicher auch auf die lange Zeit der einseitigen Ausrichtung der
Sprachwissenschaft auf die synchronische Perspektive der Untersuchung zurückzuführen
ist; Firth und Porzing können aus heutiger Sicht, allen Verschrobenheiten ihrer Texte zum
Trotz, als Avantgardisten der Diskurstheorie angesprochen werden. zurück
(38) Die Rede vom 'Signifikanten' hat ohnehin häufig die Schwäche,
dessen materiale Härte und Evidenz auch für solche Mechanismen der Sprache in Anspruch
zu nehmen, die am einzelnen, im Text konkret und materiell vorfindlichen Signifikanten
nicht zu zeigen sind. In vielen Fällen wird der Begriff des Signifikanten zu einer
Metapher für die Seite die Sprache allgemein, die dem Bewußtsein abgewandt oder entzogen
ist. zurück
(39) Selbstverständlich sind die Selektionsrestriktionen an sich
komplizierter strukturiert, nicht um sie aber geht es hier... zurück
(40) Black verwendete den Begriff der 'Interaktion', der, wie gezeigt,
für Metapher und wörtlichen Gebrauch in völlig gleicher Weise gilt. zurück
(41) Der Theorie der Seme etwa wäre vorzuwerfen, daß sie diese
Tatsache zu leugnen versucht. zurück