(Vortrag auf der Tagung 'Konfigurationen zwischen Kunst und Medien' (Panel: Informationsgesellschaft/Hackerkultur, Interfiction '97), Kassel Sept. '97). - website creation date: 09. 09. 97, update: 27. 02. 01, expiration date: 27. 02. 2004, 14 KB, url: www.uni-paderborn.de/~winkler/info-ge3.html, language: German, © H. Winkler 1997, home - ( keys: information society, media, theory, computers, labour, middle class )



Hartmut Winkler

Informationsgesellschaft

Die Rede von der Informationsgesellschaft ist enorm populär, und ebenso frontal wie fundiert kritisiert worden (z. B. in der Debatte um die Kalifornische Ideologie in Nettime und Telepolis). Man sollte deshalb beiden Seiten nachgehen: der Kritik, vor allem aber der Faszination, die von diesem Begriff ausgeht. Warum ist dieser Begriff so evident, so naturwüchsig plausibel?

Die These von der 'Informationsgesellschaft' sagt implizit (und bei Toffler explizit), daß eine andere Gesellschaft, die Industriegesellschaft, untergeht oder bereits untergegangen ist. Aufgestellt wurde sie bereits in den sechziger Jahren; das Toffler-Buch 'Future Shock' wurde 1965 geschrieben, 'Third Wave' 1980. Die materielle Produktion, dies ist der Kern der These, verliert an Bedeutung und die Kopf- oder Angestelltenarbeit nimmt ihren Platz ein. Und aller Augenschein scheint dies zu belegen: Werften und Stahlwerke versinken im Schutt; Banken und Büropaläste schießen wie Pilze aus dem Boden.

Was also ist falsch an diesem Bild? Drei Argumente werden genannt: 1.) allgemein: Wir werden auch in Zukunft keine Bits essen. Die Produktion materieller Waren geht keineswegs zurück, sondern nimmt im Gegenteil ständig weiter zu. 2.) Geographie: Die materielle Produktion verschwindet nicht, sie wird unsichtbar. Was sich tatsächlich ändert, ist die internationale Arbeitsteilung; Die Fabrikhallen sind um den Globus herum auf die Süd- und die Osthalbkugel gerutscht, das Herrenhaus mit der Verwaltung ist in der ersten Welt stehengeblieben. 3.) der Begriff der 'virtuellen Klasse' steht für den Verdacht, daß die Mittelschichten - ein bestimmter Teil der Mittelschichten - ihre Perspektive und ihre Interessen verabsolutieren.

Ohne Zweifel ist, daß die Struktur der Produktion und der Gesellschaft sich dramatisch verändert. Und ich möchte die wichtigsten dieser Veränderungen - im Rückgriff auf meine verschütteten Marx-Kenntnisse - stichpunktartig nennen, obwohl sie zu weiten Teilen bekannt sind. Es ändert sich zunächst die organische Zusammensetzung des Kapitals: immer weniger lebendige Arbeit ist nötig, um die gleiche Warenmenge herzustellen; Technikeinsatz führt zu Steigerungen der Produktivität; in den gleichen Hallen arbeiten immer weniger Menschen und immer mehr Maschinen. (Auch hier aber täuscht der Augenschein: die dramatische Verbilligung vieler Waren geht ebenso häufig auf die Ausbeutung der dritten Welt zurück wie auf den Einsatz avancierterer Techniken). Mit dem Maschinenpark nimmt der Anteil für Planung, Organisation, Verwaltung usw. zu; damit ändert sich das Zahlenverhältnis zwischen Hand- und Kopfarbeitern. Gleichzeitig werden die Anforderungen an die gesellschaftliche Infrastruktur immer komplexer; und ebenso die innere Vernetzung der Ökonomie durch den Markt, die fortschreitende Arbeitsteilung, Austauschprozesse und Geldverkehr: der Staat schwillt an, und Agenturen der nicht-staatlichen Vernetzung wie Versicherungen, Banken usw. nehmen überproportional zu.

Der Sektor der Wissenschaft, Forschung, Entwicklung muß Produktionsvoraussetzungen allgemeinster Art zur Verfügung stellen. Der Anteil der Ausbildungszeiten an der Lebenszeit nimmt zu. Ein explodierender Kultur- und Medienbetrieb muß den 'Modernisierungsprozeß' begleiten, seine Härten abfedern und mit Sinn-Angeboten kompensieren. Soziale Institutionen schließlich bearbeiten die objektiven und subjektiven Folgen für die involvierten Subjekte. Soweit die Stichpunkte der Soziologie.

Es nehmen also die Sektoren zu, die vom, mit und im Medium der 'Information' leben. Problematisch wird damit der Begriff der Information selbst: man braucht ein Kriterium, das Informationen von Nicht-Informationen unterscheidet, eine Frage, die weniger trivial ist als sie scheint. Ich möchte vorschlagen, unabhängig davon, ob man beim Begriff 'Information' bleiben will (und es gibt gute Gründe, das nicht zu tun), zu trennen zwischen materialen Eingriffen in die tatsächliche Welt (materielle Produktion, 'Leben', materielle Reproduktionszyklen usf.), und symbolischen Prozessen; Haupteigenschaft der ersteren wäre, daß sie irreversibel sind, während die zweiten ein Probehandeln ermöglichen. Selbstverständlich sind auch die Zeichen mit ihrer materiellen, ihrer Signifikanten-Seite Teil der materiellen Welt, und wenn die Deponien sich mit Millionen von Videocassetten füllen, wird dies mehr als deutlich. Zeichen generell aber versuchen sich 'leicht' zu machen; und eine 3-D-Landkarte im Maßstab 1:1 würde wenig Sinn ergeben.

Beides ist Einschreibung: die Einschreibung in die materielle Welt (Bauten, Dingwelt, Maschinen, Technik, Praxen...) und die Einschreibung in Zeichen/Symbole; Zeichen aber wollen ein Spielmaterial sein, das, von den Zwängen des Tatsächlichen befreit, hin- und hergeschoben werden kann.

Akzeptiert man die Trennung einstweilen (obwohl es genügend mögliche Einwände gibt), ergeben sich verschiedene Konsequenzen: zum einen, daß die Grenze zwischen Symbolischem und Tatsächlichem grundsätzlich alle Dinge, tatsächliche wie symbolische, quer durchläuft; Architektur hat zweifellos einen Zeichen-Aspekt, ebenso Design und Warenästhetik, materielle Waren sind in symbolisch/rituelle Gebrauchsweisen eingebunden usf; die Zeichen umgekehrt sind, wie gesagt, nie völlig immateriell und damit von den tatsächlichen Vollzügen nie völlig abgekoppelt. Und symbolische Akte können sehr unmittelbar-materielle Wirkungen haben. Die Zeichen sind, wie wir selbst, Mischwesen, die die Füße auf dem Erdboden und den Kopf in den Wolken haben. Aber: die Grenze mag so unklar sein, wie sie will, vollständig ohne sie ist ein Informationsbegriff nicht zu fundieren. Zweitens - wie könnte es bei einem marxistischen Ausgangsbekenntnis anders sein - bleibt die Sphäre des Symbolischen (der 'Information') auf die Sphäre des Tatsächlichen bezogen. Informationen mögen auch eigengesetzlichen Entwicklungslinien folgen, da wir, ihre Agenten, materielle Wesen sind, und eingespannt in die Not der tatsächlichen Daseinsvollzüge, wird sich eine 'reine' Sphäre der Information, ein platonischer Ideenhimmel nicht herausbilden. (Ein naiver Realismus wird uns deshalb weiterführen als jene wohlfeile 'Ontologie'-Kritik, die inzwischen jeder Proseminarist routiniert zu handhaben weiß).Zum Dritten wird man auch die vielgeschmähte 'Referenz' wahrscheinlich rehabilitieren müssen: Zeichen behaupten Weltbezug, wenn auch in sehr unterschiedlichem Maß und in sehr unterschiedlicher Weise. Ohne Referenz-Anspruch also kein Zeichenbegriff, ob diese Referenz nun gelingt oder nicht. Und viertens enthält alle 'Information' eine Polemik gegen die Sphäre des Tatsächlichen; die Zeichen fallen mit ihren Referenten nicht zusammen; jedes Zeichen läßt hinter sich, was seinen Referenten als jeweils konkreten kennzeichnet, Abstraktion, Subsumtion und Idealisierung sind dem Begriff des Zeichens selbst eingeschrieben; jede kurzschlüssige Rede vom 'Signifikanten' schließt deshalb zu kurz. 'Intelligent idealism is more intelligent than stupid materialism', hatte Comolli mit Lenin gesagt, und diese Warnung sollte man ernstnehmen. Und fünftens versucht 'Information' auch solche Aspekte des Tatsächlichen aufzusammeln, die, weil sie keineswegs dinghaft sind, zu komplex, zu dispers oder in zu wenigen ihrer Apekte begriffen, einer direkten Beobachtung sich entziehen. Der Begriff Gottes ist insofern nicht einfach absurd. Er ist ein Platzhalter und hält offen, was auf andere Weise nicht gedacht werden kann.

Was wir 'Information', die Sphäre des Symbolischen oder der Zeichen nennen, ist insofern doppelt bestimmt: in Abhängigkeit und in Unabhängigkeit von den materiellen Praxen; und die unbewältigte Aufgabe besteht darin, diese beiden feindlichen Seiten grundsätzlich zusammenzudenken.

'Information' ist das Medium, in dem wir modellieren, was wir über die Welt zu wissen glauben. Dieses Modell ist immer approximativ und wird in der Auseinandersetzung mit der Welt ständig verifiziert/falsifiziert. Besonders tückisch ist deshalb der privilegierte Erkenntnisweg der Moderne, die Verschränkung von Naturwissenschaft und technischer Verifizierung: wir sind es gewöhnt, der Natur unter Laborbedingungen Informationen zu entreißen; sind diese wiederholbar (im Experiment), gelten sie als wahr; dann schreiben wir sie, großmaßstäblich codiert in Stahl und Beton, in die Natur zurück; wenn es 'funktioniert' und die Brücke stehen bleibt, glauben wir an die Unumstößlichkeit der zugrundeliegenden Informationen und gehen zur Tagesordnung über. (Das Prinzip der 'Viabilität' hat selbst in den ansonsten so skeptischen 'Konstruktivismus' noch Eingang gefunden). Neidisch bliken die Geistes- und Sozialwissenschaften auf dieses patente Verfahren; und erst die ökologische Katastrophe zeigt uns an, daß auch hieran irgend etwas möglicherweise nicht stimmt.

Und 'Information' ist das Medium, in dem wir selbst, members of the new middle classes, unsere Existenz fristen. Nur allzu gern verwechseln wir sie, die Information, mit der Realität. Immer hatten wir den Verdacht, am Schreibtisch nur herumzusitzen und unser Brot eigentlich nicht zu verdienen, eigentlich Rentner zu sein; den Verdacht, daß die Restgesellschaft uns irgendwann draufkommt und das Brot schlicht entzieht. Und nun kommt die Theorie und sagt uns, daß die Informationen, unser Medium, das Eigentliche sind, und die materielle Produktion, die unseren Kühlschrank füllt, nur ein Anhängsel, das gerade von uns, den Informanten, abhängig ist. <br> Und wie viel schmeichelhafter noch im Bereich der Medien: Hatten wir es nicht immer gesagt, daß sie wichtig sind, wichtiger als wichtig, und krass unterschätzt? Unsere lebensgeschichtliche Entscheidung für die Theorie und/oder die Medien und/oder gar die Theorie der Medien - wird sie nicht glänzend bestätigt im Gerede der Politiker, die nun auf unsere Linie einschwenkt sind und jede Funkausstellung mit unseren Worten - oder doch fast mit unseren Worten - eröffnen?

Die Informationsgesellschaft ist - wie die Information - eine Chimäre. Weil wir an der materiellen Welt zunehmend verzweifeln, die wir verbessern wollten bis zum paradiesischen Zustand einer von der Arbeit befreiten Fülle, und die nun tückisch statt im Glück in Beton erstarrt, haben wir uns nun den Zeichen zugewandt. Deutsche Idealisten, die wir sind, und zwar weltweit, wollen wir, kurz vor Schluß, dem Geist noch einen letzten Tempel errichten. Groß soll er sein und glänzend, größer als alles, was bisher da war; wir arbeiten 16 Stunden am Tag am Tempel der Information; und stellen den Raum, der zwischen den Maschinen verbleibt, mit Informationsmaschinen zu. Die Sphäre des Materiellen, die die Information hinter sich lassen wollte, hat die Informationen eingeholt; und statt daß die Informationen sich verdichten und, antiquierte Rede, der Wahrheit zustreben, stapeln sich nun die Datenträger. Dies ist die Rache des Tatsächlichen an der Information. Und wir, die Informanten, diskutieren die Informationsgesellschaft.