Buchbesprechung

Hartmut Winkler, Docuverse

 

Junge Welt

vom 13. August 1997

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Winklers Welt

Theoretisches Kurzpaßspiel im Datenuniversum

Von Christoph Bieder

Der Computer hat auf seinem Siegeszug das Büro lange verlassen und trivialisiert sich inzwischen in Kinder- und Wohnzimmern. Längst sind auch die Schreibtische der Gelehrten erreicht - das hat Folgen. Immer öfter machen sich Medien-, Kommunikations- und Publizistikkundler auf Spurensuche nach Gründen für den Nutzungswandel des ehemaligen Rechenknechtes Computer. Selten geschieht dies auf so umfangreich-fundierte Weise wie in der Habilitationsschrift des Frankfurter Medienwissenschaftlers Hartmut Winkler, der mit seinem gewichtigen Beitrag sich selbst und den Computer im medientheoretischen Diskurs neu zu positionieren sucht.
Im Titel seiner Arbeit greift Winkler einen Begriff des Amerikaners Theodore Nelson auf "Docuverse" ist ein Kompositum aus "Document" und "Universe" und zielt auf eine Beschreibung der Gesamtheit aller Texte und deren Beziehungen zueinander. Diente Nelson lediglich die Literatur als empirischer Bezugsrahmen, so bezieht der medientechnisch versierte Winkler die unterschiedlichsten Textsorten - und natürlich auch computervermittelte Kommunikationsleistungen - in seine Betrachtung ein. Dabei werden Winklers Affinität zur filmischen Darstellungsweise und seine ehemalige Tätigkeit als Programmierer schnell deutlich. Ohne große Umschweife gelangt er zum wichtigsten theoretischen Schachzug seiner Arbeit: Er behauptet, daß der für das Verständnis der "Neuen Medien" unerläßliche Begriff des Netzes bereits eine theoretisch ausführliche Bearbeitung durch die Beschreibung sprächlicher Strukturen erfahren hat. Diese "doppelte" Analogisierung, verbunden mit einem umfangreichen Theorie-Arsenal, löst wahre Denkkaskaden aus. Winkler versucht, die Struktur vernetzter Medien und die Rolle des Computers aus sprachtheoretischer Perspektive aufzuzeigen. Dabei verbindet er sehr feinmaschig linguistische Grundlagenarbeit mit Theorien zum individuellen und kollektiven Gedächtnis oder fragt nach technischen und nicht-technischen Vergessens- und Verdichtungsmöglichkeiten. Dies geschieht über weite Strecken im diffizilen Duktus akademischer Auseinandersetzungen, gewissermaßen im "protected mode" der Wissensarbeiter.
Zuweilen stößt man jedoch auf entwaffnend einfache Fragen, die aus der Theorie-Schlacht heraus in eine allgemeinere Debatte um die medialen Qualitäten des Computets hineinwirken. Dazu gehört die lapidare Feststellung, daß Computer mitnichten den Untergang der Schriftkultur beschleunigen und digitale Bilderwelten an deren Stelle treten lassen. Winkler widerspricht der bekannten These vom "Ende der Gutenberg-Galaxis" und verweist auf die Dominanz schriftlicher Äußerungen im Datenraum oder die Schwierigkeiten bei der Erkennung, Übertragung und Archivierung digitaler Bildlichkeiten. So stützt er einerseits seine Theorie-Konstruktion, erhält aber gleichzeitig wertvolles Material für eine fundierte Kritik am allzu optimistisch-multimedialen Fortschrittsglauben.
Außerdem macht Winkler in der vermeintlichen Idealstruktur absoluter Dezentralität eine lebensbedrohliche Gefahr für die computervermittelte Datenwelt aus - ohne die Fähigkeiten des Vergessens und Verdichtens bleibe das Netz ein opaker Dunst von Daten. Simple Schlußfolgerung ist die Ausbildung von Orten unterschiedlicher Bedeutung und eine strukturell begründete Absage an dezentrale, hierarchielose - basisdemokratische - Netz-Utopien. "Docuverse" hat noch einige Fundstücke diesen Kalibers zu bieten, doch schlummem sie zuweilen tief verborgen im Theorien- und Zitatenwust.
Im Schlußkapitel zur "Theorie des Digitalen" fügt Winkler zuvor gewonnene Versatzstücke der Kritik am empirischen Gegenstand zusammen und überträgt seine Vorwürfe auf den wissenschaftlichen Diskurs: "Die Theorie hat nahezu jeden Defekt des Mediums verdoppelt hinein in ihre Kategorien, und sie hat die strukturellen Verleugnungen nicht aufgedeckt, sondern theoriefähig gemacht". Damit wendet sich Winkler lautstark gegen jene theoretischen Affirmateure, die "die Aufgabe übernommen (haben), als Begleitdiskurs empfindliche Flanken" zu schützen. Doch wenn inzwischen "die Limitierungen der Gesamtanordnung hervortreten und in der publizistischen Landschaft sich eine zunehmende Skepsis gegenüber den ursprünglichen Versprechen ausbreitet, so zeigt dies an, daß das neue Medium aus seiner Jugend irreversibel herausgetreten ist". Die Theorie digitaler Medien müsse diesen Schritt vom Hype zur Ernüchterung erst noch gehen, während die Entzauberung des Forschungsobjektes bereits begonnen hat. Taktisch klug pflegt Hartmut Winkler ein theoretisches Kurzpaßspiel, das zuweilen in Steilvorlagen mündet, die er selbst erlaufen möchte. Verständlich wird dies besonders dann, wenn man sich den Entstehungskontext ins Gedächtnis ruft, Winklers Entwurf einer Medientheorie der Computer ist zuallererst eine Habilitationsschrift, mit der er sich in einer umkämpften Forschungslandschaft positionieren will, in der die C4-Claims gerade abgesteckt werden. Seine Stellungskämpfe führt Winkler mit offenem Visier, wenn er etwa Norbert Bolz die Rolle eines "Boxsacks" zuweist oder sich von der "Kasseler Schule" mit Georg Christoph Tholen und Friedrich Kittler sowie dem "Ars Electronica"-Kreis um Peter Weibel abzugrenzen sucht. Nicht zuletzt durch solche "Vernetzungen" wird die Lektüre von "Docuverse" zum harten Stück Arbeit.
Im Lieferumfang enthalten ist ein Interview mit dem niederländischen Netztheoretiker Geert Lovink. Das zeitgemäß per Mail geführte - und im Netz erstveröffentlichte Gespräch wirkt als eine Art Transformator, der die vorangegangenen Argumentationen aus den Höhen des wissenschaftlichen Diskurses in greifbarere Dimensionen übersetzen hilft. Als Lesehilfe ist dies der richtige Einstieg in Winklers Welt, die sonst so manchem verschlossen bleiben wird.

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Letzte Aktualisierung: 15. März 2002