Buchbesprechung

Hartmut Winkler, Docuverse

 

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Nr. 48, Dezember 1997

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Hartmut Winkler: Docuverse


Von Matthias Kettner

Docuverse ist ein 1981 von Theodor Nelson geprägtes Kunstwort zur Bezeichnung der fortwärtsdrängenden und in immer neuen innertextlichen Verweisungen auseinanderstrebenden Dynamik der Literaturproduktion zu benennen. Hartmut Winklers erstaunliches Buch entwendet diesen Begriff, um Licht auf die scheinbar unendlich verzweigte Netzstruktur zu werfen, als die sich die weltumspannende Rechnerarchitektur präsentiert: Ein Universum manschinenlesbarer Dokumente, Programme und Projekte mit eigenen medialen Gesetzmäßigkeiten ist entstanden. Winklers erstaunliches Buch greift viele scheinbar ausgemachte Weisheiten der populären Medientheorie an, vor allem die, daß der Triumph der Digitalisierung dem Zeitalter von Schrift und Druck, der "Gutenberggalaxis", ein Ende bereite. Die neue, vom Leistungsprofil der Rechner bestimmte Medienkonfiguration ist aller schwelgenden Multimedia-Rhetorik und eleganten Surfing-Metaphern zum Trotz eher widerständig, schriftförmig und tendenziell unsinnlich sogar noch dort, wo bunte Bildchen und Klangsequenzen durch die Netze schwirren. Warum geben wir uns nach einem Jahrhundert Kino und anderen bestechenden Bildmedien mit so etwas ab? Die Entwicklung der Computertechnik hat einen libidinösen Untergrund, den Winkler als den Wunschtraum entziffert, die Sprache, das kollektive Gedächtnis und alle tradierbaren Sinngehalte vollständig zu externalisieren. "Das neue Medium verspricht, ein Grauen zu eliminieren. Das Grauen vor der Tatsache, daß Texte grundsätzlich auslegbar sind und ihr hermeneutischer Gehalt eben nie 'manifest'. Der hermeneutische Gehalt  und zwar der 'gesamte' - soll aus seinem doppelt unheimlichen Sitz befreit werden, aus dem Dunkel der Köpfe und aus der Dispersion über die verschiedenen Individuen und Deutungen, und überführt in den luziden Außenraum, in dem er einer Deutung nicht mehr bedarf." Noch einmal erscheint mit dem endlos steigerbaren Außenraum der computergenerierten Information jenes Versprechen, das mit den ersten Bibliotheken des Altertums und den Enzyklopädien der Aufklärung begann. Das Computermedium verspricht die allumfassende, einheitliche und eindeutige Vermittlung alles Symbolischen, das die anderen Medien offensichtlich verfehlt haben. Was das neue Hypermedium seinerseits dabei verfehlt, legt Winkler in faszinierenden Betrachtungen über Ähnlichkeit und Differenz zwischen menschlichen Denkvorgängen, Computerkommunikation und Sprache dar.

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Letzte Aktualisierung: 15. März 2002