Buchbesprechung

Hartmut Winkler, Docuverse

 

Der Tagesspiegel

vom 5. November 1997

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Wider die Sprachlosigkeit


Winkler untersucht das Datenuniversum

Von Matthias Groll

Im Zeitalter der digitalen Universaldarstellbarkeit scheinen die Bildschirme die Welt zu bedeuten und Bilder die Krönung der medialen Vermittlung zu sein. Doch seltsam: Wer sich der optischen Vielfalt des Bildschirms genüßlich hingibt, wird rasch mit dem Bildschirmschoner bestraft. Das schlichte Betrachten der Bilder scheint nicht das Ziel der Vermittlung zu sein.
Wider den Bilderboom behauptet der Medienwissenschaftler Hartmut Winkler, die Bilder seien keineswegs die Stärke der Rechner, da ihnen der Bildcharakter selbst unzugänglich sei.
Gemessen am kontinuierlichem Datenfluß seien die Bilder eine "Sackgasse, eine Art zweidimensionaler Stau im n-dimensionalen Datenuniversum". Sie seien nur Erscheinungen einer wesentlicheren Ordnung: der Hypertextlichkeit der Darstellungszusammenhänge. Die Daten fließen und wollen n-dimensional verbunden sein - ohne die Platte an Icons und Links wäre jedes Bild amputiert.
Die Neuen Medien seien ein "Docuverse" - so der Titel seiner ausführlichen "Medientheorie der Computer". Seine eigenen Programmiererfahrungen reflektierend und geschichtlich weit ausholend folgt Winkler der Karriere einer bildlich durch Links vermittelten Textlichkeit: Indem er die Bildrezeption als metasprachliche Textsimulation herausarbeitet, gelingt Winkler eine Medienkritik, die sich der rein optischen Vereinnahmung emanzipiert. Die Verweisungsdichte sei das Hauptcharakteristikum der Bildschirmbilder. Sie wollen stets mehr zeigen als ihre augenblickliche Bildhaftigkeit. Da "die Bilder immer weniger enthalten, was eine dauerhafte Zuwendung rechtfertigte", hat der Bildschirmschoner um so weniger die Chance, zum Einsatz zu kommen.
Ob Texte oder Bilder, das Universum des Gespeicherten will gelesen werden: einschließlich der Strukturen. die das Vermittelte algorithmisch organisieren. Denn das Vermittelte ist nur ein "Anhängsel der eigentlich produktiven Strukturen". Wenn Winkler illustriert, daß die Inhalte "in die Strukturen hinein vergessen werden". heißt das. daß sie einerseits verloren zu gehen drohen, daß sie aber andererseits in ihrer ihrer hypertextuellen Verdichtung einen optischen Rundumschlag leisten, der die Textlichkeit des Buches übersteigt. Das kollektive Gedächtnis des "Docuverse" übernehme dadurch die Erinnerungsfunktion, die bis dato der Sprache innewohnte.
Werde Technik derartig zum Fluchtraum vor den komplexen Anforderungen des Sozialen, erweise sich der Bildschirm als Blendschirm. Um dennoch nicht den Weg in die Desillusionierung zu beschleunigen, empfiehlt Winkler, den "Aufwand zu vermindern, den es kostet, das neue Medium zu lesen". Ohne komplexe Leseanstrengung aber wird die Aufwandsentschädigung nicht zu erhalten sein. Die Medienwissenschaften hätten nun die Leselogik in den Bildfluten zu extrahieren und die Rezeption der n-Dimensionalität vorzuexerzieren.
Mit seiner Habilitationsschrift leistet Winkler einen wichtigen medientheoretischen Beitrag. Er durchbricht die Strukturen des Bildergefängnisses und will in der Logik der unüberblickbaren Links die Logik des sprachnahen Sinns erhalten wissen.

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Letzte Aktualisierung: 15. März 2002