Buchbesprechung

Hartmut Winkler, Docuverse

 

Falter

Nr. 42, 1997

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Explosion der Texte


Hartmut Winklers Studie "Docuverse" ist ein bemerkenswerter Lichtblick
in der Diskussion um die Neuen Medien


Von Frank Hartmann


Nach einem Stadium der Euphorie und der Visionen tritt der Diskurs um das Internet nun anscheinend in das Stadium der Enttäuschung und der Ernüchterung ein. Das scheint die passende Zeit für ein Buch wie dieses zu sein: kalt, trocken und wohltuend distanziert den Hype ums Net vom Kopf auf die Füße stellend. Hartmut Winklers zentrale These ist: Nicht ein Ende der Gutenberg-Galaxis wäre zu konstatieren, sondern eine Rückkehr, wenn nicht exklusiv zu Verbalsprache und Druck, so doch "zu einem Symbolischen, das die Logik der Isolation akzeptiert".
Seine Ausgangsfrage: Woher stammt eigentlich die Bereitschaft, in diese spröde und abweisende Computertechnologie so viele gesellschaftliche Wünsche zu projizieren, während wir doch längst wissen sollten, daß eben nicht alle an die Technik herangetragenen Hoffnungen dort auch entsprechend gut aufgehoben sind? Doch keine Angst, hier schreibt kein dem literaturwissenschaftlichen Oberseminar entlaufener Feuilletonist und auch kein müder, alter Mann, der sich dem wieder einmal drohenden Kulturzerfall entgegenstemmt.
Winkler argumentiert gegen den Konsens, der angesichts des angeblich "radikal Neuen" Aggressionen gegen das Überkommene schürt, und plädiert für ein Leseverfahren, welches "verblüffende Kontinuitäten" zwischen gänz unterschiedlichen Medien zu erkennen gibt: Das ist Kritik an einer Medientheorie, die anscheinend allein von der Thematisierung der Brüche lebt.
Die fehlende Archäologie der Medienwelten ist nicht der einzige Angriffspunkt, den sich Winkler an den bestehenden Auffassungen ausgesucht hat. Sein Blickwechsel plädiert vor allem gegen die Anlage diverser Kommunikationstheorien, die in der Kommunikation selbst schon das schlechthin Gute sehen (weshalb sie bei Erklärungsnotstand auch eine "Kommunikationsethik" brauchen). Winklers Hauptfeind ist dabei die deutsche technizistische Medientheorie, allen voran ihre populistische Koryphäe, Norbert Bolz.
Der Titel dieses Werkes knüpft an Ted Nelson an, eine jener mythischen Figuren im Netzdiskurs. Dieser hatte das letztlich gescheiterte Programm eines Universums taxonomischer Informationen verfolgt, das den enzyklopädischen Gedanken endgültig erfüllen sollte ("Xanadu Project"). Die Hypertext-Bibliothek oder das "DOCUVERSE" bedeutet das menschenferne Datenuniversum der maschinenlesbaren Dokumente und bleibt als Wunschphantasie zu entschlüsseln.
Dieser Wunschphantasie entspricht auch der Computer als Medium: ein neuer, vereinheitlichender Code, eine universale Maschine, ein allgemein zugängliches Datenuniversum, die Utopie der planetaren Kooperation. Was dabei indes zunehmend auseinanderfällt, ist das Funktionsprinzip der Computer einerseits und unsere Wahrnehmungsgewohnheiten andererseits: Die Algorithmen, die hinter den grafischen Benutzeroberflächen stehen, werden immer unzugänglicher - und immer beherrschender die Vorgaben der Soft- und Hardwareindustrie. Diese "Designvorgabe" des Symbolischen scheint das unbegriffene kulturtechnische Argument iu sein, auf das uns Winkler aufmerksam machen will, da es die nachgerade Hegelsche Dialektik von Herr und Knecht neu formuliert.
Im Hauptteil des Buches wird auf hundert Seiten eine "Theorie des Digitalen" entfaltet. Winkler macht darin klar, daß in der immer entweder apokalyptischen oder integrierten Gegenüberstellung von Mensch und Maschine kein wesentliches Erkenntnispotential steckt. Die Mediengeschichte ist als ein größeres Ganzes anzusehen, das über die einzelnen Entwicklungen hinausgeht. In der angeblich so kalten Technik erscheinen doch menschliche Wünsche aufgehoben, ohne daß jene auf ein Mittel zu diesen reduzierbar wäre.
Konsequenterweise plädiert Winkler für einen "pluralistischen" Technikbegriff, für eine Konkurrenz differenter Techniken. Eine Position, die im weiteren für alternative Kontextualisierungen plädiert und ziemlich genau anzugeben vermag, daß der technischen eine soziale Innovation entsprechen müßte - vor allem hinsichtlich der nach rein wirtschaftlichen und politischen Imperativen geplanten Umsetzung einer europäischen Informationsgesellschaft.

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Letzte Aktualisierung: 15. März 2002