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Hartmut Winkler, Docuverse

 

Frankfurter Rundschau

vom 22. Juli 1997

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Bilderkrise

Von Peter Körte

Das Neue präsentiert sich oft als Paradox: Daß der Computer kein Bildmedium ist, sondern ein abstraktes Medium der Algorithmen und Strukturen, mag nicht nur die Freunde bunter Icons verblüffen, sondern auch jene, die der schönen neuen Fusion von Fernsehen und Internet entgegenfiebern. Das Datenuniversum ist ein Raum der Texte und Dokumente, und in seinem n-dimensionalen Verweissystem "imitiert es die Struktur der Sprache". Was der Frankfurter Medienwissenschaftler Hartmut Winkler (der über einschlägige Programmier-Erfahrungen verfügt) in seiner Habilitationsschrift Docuverse betreibt, um zu diesen Thesen zu kommen, ist Diskursanalyse. Die kleinen und großen Propheten wie Norbert Bolz, Friedrich Kittler oder Georg Christoph Tholen stehen auf dem Prüfstand; denn Winkler liest die existierende Medientheorie als Konstellation von Wünschen an das neue Medium, und er spürt den verborgenen Wurzeln des "Begleitdiskurses" mit archäologischer Geduld nach. Die "Krise der technischen Bilder", die er deren influtionärer Verbreitung abliest, ist für Winkler Anlaß zu einer Probebohrnng: Nach welchen Rhythmen entwickelt sich die Mediengeschichte? Wie die technischen Bilder die "Sprachkrise" um 1900 bewältigen sollten, so arbeiten Computer und Netzwelt heute an einer ähnlichen Problemstellung: Das alte Grauen vor der Arbitrarität der Zeichen kehrt wieder, wo die Bilder nicht mehr die ersehnte Konkretion leisten, sondern sich selber als Struktur aufdrängen. Die Vision "eines von Sprache befreiten Textuniversums" - das ist die Umbesetzung innerhalb eines medienhistorischen Problembestands, könnte man frei nach Blumenberg sagen. Zugleich transportiert diese Vision jedoch eine spezifische Vorstellung von Reinheit ("der Abwehrcharakter des Digitalen"), und in der "Menschenferne" des Mediums verschwindet zugleich seine Gesellschaftlichkeit. Der Computer erscheint als "Medium der Isolation". Das Resultat ist eine fundierte Skepsis gegenüber der Rechnerwelt, die sich nur oberflächlich mit jenen trifft, die bereits ihre ersten Enttäuschungen am "Mythos Internet" abarbeiten müssen. Von der "maßlosen Überschätzung" zum "partikularen Medium" in Koexistenz mit anderen Medien - das ist Winklers Wunsch. Den Theoriebögen, die die Architektur von Docuverse gliedern, ist nicht immer leicht zu folgen. Doch weit mehr als eine akademische Sollerfüllung, weist das Buch einen Ausweg aus dem binären Schema von Euphorikern und Apokalyptikern: Indem es die Matrix offenlegt, auf die beide bezogen bleiben, und sie mit den Fragen konfrontiert, auf die sie nur unbewußt antworten.

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Letzte Aktualisierung: 15. März 2002