(Der folgende Text ist das erste Kapitel des Buchs ´Docuverse - Zur Medientheorie der Computer´ , das im Juni 1997 beim Boer-Verlag (München) erschienen ist.) - website creation date: 29. 07. 96, update: 26. 02. 01, expiration date 26. 02. 2004, 108 KB, url:www.uni-paderborn.de /~winkler/h-1kap.htm, language: German, © H. Winkler 1996, home - ( keys: media, theory, computers, internet, network, language, semantics, Saussure, society, technology, history )
 
 

Hartmut Winkler

Die Metapher des 'Netzes'

1 Was treibt die Mediengeschichte an?

Wenn es grundsätzlich der Mangel ist, der die Entwicklung voranbringt, so muß dieser Mangel ein Maß erreicht haben, das jede Vorstellung übersteigt. Nicht mehr zufrieden damit, die unendliche Vielfalt sprachlicher Äußerungen zu generieren und die Narration der einzelnen Texte vorwärts zu drängen, treibt der Mangel nun ganze Signifikantensysteme und Medienkonstellationen aus sich hervor: jene Kette immer neuer und immer komplizierterer symbolischer Maschinen, die uns als 'Mediengeschichte' gegenübertritt und die einer Logik der Eskalation oder zumindest einer quantitativen Überstürzung zu folgen scheint.
Offensichtlich ist zunächst, daß die Menschheit an der Frage laboriert, auf welche Weise sie ihre Signifikanten anordnen soll. Die Geschichte der Medien erscheint als eine Abfolge sehr groß angelegter Experimente, die konkurrierende Entwürfe nacheinander durchtestet, bewertet und eigentümlich schnell verwirft; völlig unterschiedliche Medienkonzepte verdrängen einander oder koexistieren eine bestimmte Zeit, Medienlandschaften entstehen, können als status quo sich behaupten, erodieren dann oder brechen plötzlich in neue Konstellationen um.
Auf welches 'Ziel' aber bewegt sich die Kette dieser Experimente zu? Warum scheint es notwendig, immer mehr und immer kompliziertere Technik einzusetzen, nur um kleine, 'leichte' Signifikanten zu handhaben und in immer neue Kombination zu bringen? Welches Defizit oder welches Begehren also treibt die Entwicklung der Medien voran?

Die Mediengeschichte unter der skizzierten Perspektive in den Blick zu nehmen, bedeutet, eine Reihe sehr etablierter Entwicklungsmodelle verabschieden zu müssen. So greift es mit Sicherheit zu kurz, wenn die Theorie allein den 'Stand der Technik' für die Medienentwicklung verantwortlich macht und die Einzelmedien nach einem impliziten Fortschrittsmodell entlang einer ansteigenden Linie aufgereiht sieht. Haupteinwand gegen diese Sicht wäre, daß Mediengeschichte es sehr augenfällig nicht mit einer Technik im Singular zu tun hat, sondern mit einer Pluralität konkurrierender Techniken, die sehr unterschiedlichen Prinzipien folgen. Man wird insofern davon ausgehen müssen, daß jedem Fortschreiten der Technik signifikante Verluste gegenüberstehen und ein ganzes Bündel von Alternativen, die die Entwicklung verfehlt, übergangen oder verworfen hat. Vor allem die technik- oder kulturkritischen Ansätze haben solche Alternativen immer wieder benannt.
Der zweite Komplex von Vorstellungen, der zumindest ebenso zweifelhaft ist, sieht die Medienentwicklung durch technik- externe, gesellschaftliche Funktionen bestimmt. Nach dieser These 'dienen' Medien z.B. der Kommunikation; und weil Kommunikation etwas gutes ist, erscheint es selbstverständlich, daß die Medien einander überbieten und in der historischen Abfolge immer mehr Kommunikation, Kommunikation über weitere Strecken, bequemer oder mit einer größeren Zahl von Beteiligten gewährleisten; Massenkommunikation und 'global village' erscheinen entsprechend als der zu erreichende Gipfel, ergänzt durch den wenig vermittelten Einwand, die Medien sollten nun ihre monologisch-hierarchische Struktur aufgeben und zum Grundmuster des Dialogs zurückkehren.
So plausibel es ist, auf einem Außen der Technik zu beharren und daran festzuhalten, daß es Bereiche gibt, die zumindest im unmittelbaren Sinne nicht Technik sind, so brüchig erscheint die Gewißheit, daß der soziale Prozeß die Technik vollständig determiniert; das spezifische Moment von Blindheit, das die Technikentwicklung kennzeichnet, und die augenfällige Tatsache, daß auch die Medienentwicklung sich weitgehend unabhängig von formulierten Zielen und im Rücken aller Beteiligten vollzieht, fordert die Theorie auf spezifische Weise heraus; jede mediengeschichtliche Rekonstruktion wird dieses Moment insofern einbeziehen und ihm einen beschreibbaren Ort zuweisen müssen.
Ein drittes und gegenwärtig sehr prominentes Modell setzt exakt an diesem Punkt an. Da die Mediengeschichte einer eigenständigen Entwicklungslogik zu folgen und diese dem menschlichen Bewußtsein nur sehr teilweise zugänglich zu sein scheint, sind verschiedene Autoren dazu übergegangen, statt von Entwicklung von Emergenz, und statt von Mediengeschichte von Prozessen einer weitgehend autonomen Evolution zu sprechen. Die Problematik dieser Position liegt auf der Hand; wenn nicht exakt bestimmt werden kann, auf welchem metaphorischen Niveau der Evolutionsbegriff in Anspruch genommen wird, droht die Technik unmittelbar in Natur überzugehen, und die grundsätzlich problematische Grenze zwischen natürlichen und kulturellen Phänomenen erscheint nivelliert. Solche Lösungen sind um so erstaunlicher, wenn sie gleichzeitig sehr avancierte sprachtheoretische Modelle verwenden und eher die Sprache als die Natur als die unverrückbare Grundlage ihres Technikbildes ansehen würden.
Wenn die genannten Einwände, so grob sie hier skizziert werden können, tatsächlich etwas treffen, so bedeutet dies nicht, daß die Thesen selbst damit einfach hinfällig sind. Ein Ansatz, der die genannten Defekte vermeiden will, wird entsprechend weder innerhalb, noch in schlichter Weise außerhalb der genannten Paradigmen sein Terrain finden können. Vielversprechender, wenn auch risikoreicher könnte es sein, bestimmte starke Einzelargumente zu isolieren, sie aus ihrem Kontext zu lösen und dann mit einem völlig anderen Verfahren - einem Verfahren der Strukturbeobachtung - zu konfrontieren. Diese Strukturbeobachtung geht von der Tatsache aus, daß die Medienlandschaft von einer Vielzahl innerer Spannungen und Widersprüche durchzogen ist und daß die Beobachtung solcher Systemspannungen die Chance bietet, Hypothesen über ihren Ursprung aufzustellen. Gerade wenn Widersprüche auftreten, sei es innerhalb der Implementierungen selbst oder in den begleitenden Diskursen, wenn die von den Beteiligten geäußerten Intentionen und die real entstehenden Strukturen weit auseinanderfallen, und wenn eine konkrete mediale Implementierung ihr technisches Ich-Ideal nicht erfüllt, gerade dann, dies ist die Vorstellung, wird ein Durchblick auf die relevanten Züge der jeweiligen Medienkonstellation möglich.
Und eine zweite, präzisierende Bestimmung ist wichtig; die Widersprüche nämlich lassen einen Blick weniger auf die 'Realitäten' des entsprechenden Mediums zu, als auf die Wunschkonstellationen, die die Medienentwicklung zu einem konkreten Zeitpunkt bestimmen. Die grundlegende Annahme ist, daß die Dynamik der Medienentwicklung in bestimmten Wunschstrukturen ihre Ursache hat und daß die Mediengeschichte beschreibbare Sets impliziter Utopien verfolgt.
Dabei wird zunächst offenbleiben müssen, ob dies die Wünsche der an den Prozessen konkret Beteiligten sind, ob sie deren Bewußtsein erreichen können, oder ob sie überhaupt einen menschlichen Träger verlangen; der Begriff des 'Wunsches' meint insofern eher die Systemspannung selbst als ihre subjektive Vergegenwärtigung, und eher den Druck in Richtung einer Lösung als die Versicherung, daß eine Lösung tatsächlich gefunden werden kann. Und ebenso muß zunächst offenbleiben, ob es nicht ganz anderes geartete Wünsche gibt, die diesen Wunschkonstellationen widerstreben.

Welche Utopien in diesem Sinne nun sind es, die das Datenuniversum als eine neue Medienkonstellation aus sich heraustreiben? Was die Inhalte angeht, so ist es eine einzelne Behauptung, in der die hier vertretene Argumentation ihren Drehpunkt hat: Die These, daß das Rechneruniversum auf eine 'Externalisierung der Sprache' abzielt. Was Externalisierung und was Sprache im vorliegenden Zusammenhang bedeuten, wird Schritt für Schritt zu entfalten sein; Behauptung jedenfalls ist, daß der gesamte Umbruch hin zum Datenuniversum auf eine einzige, präzise beschreibbare Wunschstruktur zurückgeht, und daß diese Wunschstruktur aus dem begleitenden Diskurs und aus den Widersprüchen und Defekten der vorhandenen Medien mit relativer Exaktheit hergeleitet werden kann.
Das im folgenden vorgetragene Material soll diese These zunächst stärker machen und dann in verschiedene Richtungen ausbauen. Eine Fülle von Indizien und sehr heterogenes Material wird in die Argumentation eingehen; auf diese Weise aber, das ist die Hoffnung, wird letztlich ein Geflecht entstehen, das die These trägt und bestimmte konkurrierende Thesen zumindest weniger selbstverständlich erscheinen lassen wird.
 
 

2 Computer, Schrift, Sprache

"Was es heute zu denken gilt, kann in Form der Zeile oder des Buches nicht niedergeschrieben werden".(1) Als Derrida diesen Satz 1967 in eine Zeile und in ein Buch dennoch niederschrieb, formulierte er eine tiefgreifende Krisenerfahrung. Ein sehr grundsätzlicher Zweifel drohte das eigene Medium zu unterminieren und die Philosophie sah sich gezwungen, ihr gewohntes Aufschreibesystem(2) - die Schrift - einer Prüfung zu unterwerfen. Warum aber, so wird man sich fragen müssen, trat die Krisenerfahrung exakt zu diesem Zeitpunkt auf? Was war das Spezifische der mediengeschichtlichen Situation, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Literaturtheorie eine Krise der literarischen Sprache bereits für die Zeit um 1900 behauptet,(3) wenn Nietzsche weitere dreißig Jahre zuvor die wohl radikalste Kritik der philosophischen Sprache geleistet hatte(4) und wenn die Kritik der Schrift die Schriftgeschichte fast von Beginn an begleitet?(5)

Verblüffend ist zunächst, daß Derrida sich exklusiv auf das Medium Schrift bezieht, die im engeren Sinne technischen Medien aber ausspart; eine Möglichkeit 'was es heute zu denken gilt' im Medium Film oder auf Tonträgern niederzuschreiben, scheint selbstverständlich ausgeschlossen zu sein.(6) Und verblüffend ist zweitens, daß es dennoch ein technisches Medium ist, von dem die Verunsicherung ausgeht, denn Derrida schreibt zum Zusammenhang seines Zweifels: "Die Buchform, als traditionelle Speicherung der Gedanken, [wird] über kurz oder lang einer anderen, bereits vorstellbaren Art der Speicherung weichen müssen, deren rasche Verfügbarkeit der des Buches überlegen sein wird: die große 'Magnetothek' mit elektronischer Auswahl wird in naher Zukunft vorselektierte und sofort verfügbare Informationen liefern."(7) Das Medium, das die Schrift an ihre Grenze bringt, also ist bereits in diesem Text von 1967 unmißverständlich: der Computer.

Eine mediengeschichtliche Konstruktion, die die Schrift und den Computer unmittelbar konfrontiert und die Geschichte der technischen Medien wortlos überspringt, muß defekt, zumindest aber rüde anmuten, und dennoch ist dieses Modell immer wieder vertreten worden. Am prominentesten, ebenfalls in den sechziger Jahren, von McLuhan, der den Begriff der 'Gutenberggalaxis' geprägt hatte und das Zeitalter von Schrift und Druck in ein neues Zeitalter der 'Elektronik' umschlagen sah,(8) wobei McLuhan unter 'Elektronik' - eine eigentümlich chimärische Konstruktion - sowohl das Fernsehen als auch die neuen, digitalen Technologien zusammenfaßte.(9) Und in der Gegenwart ist es Bolz, der die Medienlandschaft nun, Mitte der neunziger Jahre, endlich 'am Ende der Gutenberggalaxis' angekommen sieht.(10)
Unter dem Aspekt einer differenzierten Mediengeschichtsschreibung wäre darauf zu bestehen, daß der Bezug auf eine Vielzahl von Medien zu diskutieren wäre, bevor der Ort bestimmt werden kann, den der Computer in der Medienlandschaft einnimmt. Und es wäre von der Tatsache auszugehen, daß die Bildmedien das Privileg der Schrift bereits gebrochen hatten, daß der Computer also keineswegs auf ein intaktes und im Vollbesitz seiner Kräfte befindliches Schriftuniversum getroffen ist. Wenn es sich dennoch aber nicht um einen schlichten Irrtum handelt, so wird man fragen müssen, welche These oder welche Intuition sich hinter dem Kurzschluß zwischen Schrift und Computer verbirgt.
Ist es möglich, daß Schrift und Computer tatsächlich durch einen privilegierten Bezug miteinander verbunden sind? Es sind verschiedene Theoriemodelle entwickelt worden, die diesem Bezug nachgehen. Die wohl vielversprechendsten versuchen im Anschluß an Lacan zu klären, auf welche Weise der Computer in das Dreieck des Realen, des Imaginären und des Symbolischen einzuordnen ist, oder auf welche Weise die digitale Unterscheidung zwischen 0 und 1 an das Fort-Da-Spiel Freuds anschließt.(11) Das Irritierende an diesen Ansätzen ist, daß sich die Argumentation auf einem extrem hohen Abstraktionsniveau bewegt und auf die konkreten mediengeschichtlichen Fragen entweder kaum oder nicht mehr zurückbezogen werden kann. Es erscheint wenig hilfreich zu erfahren, daß das Symbolische im digitalen Medium zum ersten Mal als reine Differenz, reine Artikulation hervortrete,(12) solange unklar bleibt, welchen Status die verwendeten Kategorien außerhalb der zitierten Theorien beanspruchen können und welche Chance besteht, sie an etablierte, medientheoretische Begriffe anzuschließen. Sprache erscheint nicht als eine Kulturtechnik, die mit anderen Kulturtechniken interagiert und auf beschreibbare Weise Subjekte wie Intersubjektivität generiert, sondern als eine quasi transzendentale Kraft, die, dem Hegelschen Weltgeist nicht unähnlich, den Menschen durchquert um das eigene Programm zu exekutieren. Für eine medientheoretische Überlegung sind diese Modelle im unmittelbaren Sinn deshalb kaum brauchbar; was diese Modelle dennoch beizutragen haben, wird in einem eigenen Abschnitt darzustellen sein.(13)

Diesen sehr abstrakten Ansätzen steht eine Gruppe um so pragmatischerer Modelle gegenüber; innerhalb der Debatte um die Künstliche Intelligenz nämlich hat man erhebliche Kräfte darauf konzentriert zu klären, auf welche Weise 'natürlichsprachliche Daten' im Rechner verarbeitet werden können, bzw. wie ein Sprach- oder Semantikmodell im Rechner aussehen könnte. Diese Fragen waren vor allem deshalb relevant, weil die Expertensysteme, in die man große Hoffnungen setzte, an Problemen des Zugriffs, der Datenreduktion und des impliziten Wissens zu scheitern drohten und das Modell der Sprache zumindest Aufschluß über die Struktur dieser Art von Problemen versprach.(14)
Von ihrem Anspruch, die natürliche Sprache auf dem Rechner zu simulieren, hat die KI sich inzwischen entfernt.(15) Geblieben ist eine bestimmte Anzahl etablierter technischer Metaphern,(16) sowie theoretische Texte aus der Debatte selbst und eine Annäherung an die Linguistik, die die Linguistik ihrerseits mit dem Umbau ihrer eigenen Vorstellungen und Begriffe beantwortet hat.
Auch die Ergebnisse dieser Debatte allerdings sind für eine medientheoretische Perspektive nur begrenzt zu verwenden. Allzu eng scheint das Bild der Sprache auf die Vorstellung eines technischen Funktionierens eingeschränkt, und allzu weit erscheint der Abstand zu sprachphilosophischen oder kulturtheoretischen Überlegungen zu sein; wenn im folgenden deshalb ein anderer Weg beschritten und die zitierten Debatten nur sporadisch aufgegriffen werden werden, so im Interesse eines komplexeren Sprachbegriffs, der klare technische Funktionsbestimmungen zwar berücksichtigt, aber vermeiden will, das Bild der Sprache zu reduzieren. Ob die Sprache auf dem Rechner tatsächlich implementierbar ist, kann außerhalb der Informatik nicht die Frage sein; wenn die Behauptung also ist, daß die Rechner auf eine 'Externalisierung der Sprache' abzielen, dann, wie erläutert, im Sinn einer impliziten Utopie und ausdrücklich nicht einer technischen Implementierung.

Geht man auf die eingangs zitierte Derrida-Stelle zurück, ist nun zu fragen, welches die Limitierungen sind, an denen die Sprache gegenwärtig zu scheitern droht. Warum kann, was es heute zu denken gilt, in der Form der Zeile oder des Buches nicht - oder nicht mehr? - niedergeschrieben werden? In erstaunlicher Einhelligkeit würden sowohl McLuhan als auch Flusser, Bolz, Landow und eine Vielzahl anderer Medientheoretiker mit einem Modell antworten, das die Linearität der Schrift in den Mittelpunkt stellt.
"Bei [der] ersten Betrachtung des Schreibens ist die Zeile, das lineare Laufen der Schriftzeichen, das Beeindruckendste. Das Schreiben erscheint dabei als Ausdruck eines eindimensionalen Denkens und daher auch eines eindimensionalen Fühlens, Wollens, Wertens und Handelns: eines Bewußtseins, das dank der Schrift aus den schwindelnden Kreisen des vorschriftlichen Bewußtseins emportaucht. [...]. [Man hat] dem Schriftbewußtsein verschiedene Namen gegeben. Man nannte es etwa das 'kritische', das 'fortschrittliche', das 'zählerische' oder das 'erzählerische'. All diese Namen können jedoch auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Es ist beim Schriftbewußtsein von einem 'historischen Bewußtsein' zu sprechen."(17)
Konsens ist zunächst die Tatsache, daß die Schrift ihre Zeichen in eine materiell-lineare Anordnung bringt. Und man wird sich vergegenwärtigen müssen, daß dies ein in extremer Weise restriktives Ordnungsprinzip ist: Das Prinzip der linearen Anreihung läßt zu jedem Zeitpunkt nur die Auswahl eines einzigen neuen Elements zu, alle anderen möglichen Elemente müssen unterdrückt und von der Auswahl ausgeschlossen werden.(18) Die Leistung dieses System besteht darin, daß es dem Denken eine einzigartige Disziplin auferlegt: "da der beschränkte Geist des Menschen nicht fähig ist, mehrere Ideen gleichzeitig vor Augen zu haben",(19) ist ihm gedient, wenn diese zeitlich oder räumlich nacheinander auftreten;(20) Sprache und Schrift können insofern als eine Maschine zur Unterbindung von Gleichzeitigkeit aufgefaßt werden. Die Linie zwingt dazu, zeitliche Abläufe genau zu ordnen und sich für Ursache/Folgeverhältnisse zu interessieren; das Grundschema der Narration geht von konsekutiven auf konditionale und schließlich kausale Denkschemata über. Die Linearität von Sprache und Schrift liegt damit sowohl dem historischen Denken als auch, vermittelt, der Kausalitätsvorstellung der Naturwissenschaften zugrunde.(21)

Exakt diese Gesamtanordnung aber ist es, die, folgt man den genannten Autoren, in eine tiefgreifende Krise geraten ist. Offensichtlich ist zunächst, daß innerhalb der Literatur verstärkt Projekte auftreten, die mit der Linearität in offenem Zwiespalt liegen.(22) Die langen, linearen Syntagmen scheinen einer unaufhaltsamen Erosion ausgesetzt und es entstehen essayistische, gebrochene oder offene Strukturen, wie sie für die Texte der Moderne kennzeichnend sind. Ähnliche Veränderungen lassen sich z.B. auch innerhalb der Musik nachweisen.(23) In der Theorie verstärkt sich die Tendenz, ihren eigenen Textcharakter zu reflektieren; es entsteht der Verdacht, daß insbesondere historische Darstellungen eine Linearität in die geschilderten Ereignisse überhaupt erst hineintragen. In der Folge wird das historische Denken als eine Konstruktion zunehmend infragegestellt und historisch- teleologische Entwürfe wie der Marxismus werden als 'die großen Erzählungen' kritisiert. Und schließlich erreicht der Zweifel die Kausalität selbst. "Bei der gewöhnlich gebotenen Beweisführung entspricht die verwendete Sprache jenem Fall, bei dem jede Wirkung nur eine Ursache und jede Ursache nur eine Wirkung hat, so daß alle Kausalketten einfache lineare Abfolgen sind. Wenn wir nun die Tatsache in Rechnung ziehen, daß eine Wirkung durch eine gemeinsame Einwirkung verschiedener einzelner Ursachen hervorgerufen werden kann und daß eine Ursache mehr als eine Wirkung hervorrufen kann, dann können sich die Kausalketten verzweigen, und sie können auch untereinander Verknüpfungen eingehen. [...] Die moderne Naturwissenschaft und Philosophie stimmen jetzt darin überein, daß in allen Forschungs- und Untersuchungsgebieten 'Ursachen' von 'Konfigurationen' abgelöst worden sind."(24)
Die sehr heterogenen Einzelargumente also lassen sich auf ein gemeinsames Grundmotiv reduzieren. Das Prinzip der Linearität scheint in Konflikt geraten mit einer zunehmend komplexen Realität und den Notwendigkeiten eines zunehmend komplexen Denkens (?); was letztlich bedeutet, daß die Schrift als ein Modus der Abbildung vor dem Abzubildenden versagt.
Konkret wird nun hervorgehoben, daß die Linearität als ein Mechanismus der Ausschließung, ja, der Verdrängung verstanden werden muß. "As Derrida emphasizes, the linear habits of thought associated with print technology often force us to think in particular ways that require narrowness, decontextualization, and intellectual attentuation, if not downright impoverishment. Linear argument, in other words, forces one to cut off a quoted passage from other, apparently irrelevant contexts that in fact contribute to its meaning. The linearity of print also provides the passage with an illusory center whose force is intensified by such selection."(25) Die Linearität der Schrift erscheint als eine 'Verengung', die im guten Sinne eine Konzentration, im schlechten aber den Verlust von Komplexität bedeutet; und Bolz, für eine bündige Zusammenfassung immer gut, kann summieren: "So gilt für unser Zeitalter der Datenflüsse prinzipiell: Das Buch ist der Engpaß menschlicher Kommunikation. [...] Um die hier angezielte Komplexität ohne Informationsverlust darzustellen, wäre eben eine Simultanpräsentation in mehreren Ebenen nötig."(26)

Wo aber Gefahr ist, wächst /Das Rettende auch. Bolz nämlich schreibt weiter: "[...] Gesucht wird also ein Medium simultanpräsenter Darstellung [...]. Eben diese Möglichkeit aber eröffnen Hypermedien",(27) und das heißt: der Computer. Es folgt eine Argumentation, die zwischen dem Problem (Komplexität, Krise der Schrift) und der technischen Lösung (Hypermedia) eine Strukturanalogie herstellt und belegt, daß auch in diesem Fall dem Begehren eine Stillung versprochen ist. Die Argumentation wird unten detaillierter zu untersuchen sein, vor allem, weil sie in ähnlicher Weise auch von den anderen genannten Autoren vertreten wird.

Zunächst aber sei ein grundsätzlicherer Zweifel formuliert. Auffällig nämlich ist, daß die Gesamtargumentation einer relativ schlichten Logik der Überbietung folgt. Die Probleme nehmen an Komplexität zu, glücklicherweise aber können die Medien mithalten, auch wenn ein über lange Zeit etabliertes System, die Schrift, am Wege zurückbleiben muß; mit den anfangs zitierten 'Fortschritts'-Theorien hätte die These gemeinsam, daß auch sie die neue Medienkonstellation als selbstverständlich entwickelter, leistungsfähiger, als einen 'Fortschritt' eben modelliert, was seltsam anmutet, zumal wenn gleichzeitig die Geschichte und die historisch-narrativen Teleologien verabschiedet werden.
Zum zweiten rächt sich die Tatsache, daß im Kurzschluß zwischen Schrift und Computer die technischen Medien übersprungen wurden, nun unmittelbar. Die Formulierung 'Medium der simultanpräsenten Darstellung' erinnert so zwingend an die Bildmedien und ihre innere Logik, daß man wird fragen müssen, warum erst der Computer die Schrift überbietet, 150 Jahre technische Bilder dem geforderten Komplexitätsniveau offensichtlich aber nicht haben gerechtwerden können.
Und die dritte Frage leitet sich hieraus unmittelbar ab. Vor allem Flusser nämlich hatte betont, daß die lineare Schrift als eine mediengeschichtliche Errungenschaft gegen ein historisch vorgängiges System sich hat durchsetzen müssen, und zwar das System der vortechnischen Bilder. "Die Geste des Schreibens richtet sich nicht unmittelbar gegen das Objekt, sondern mittelbar, durch ein Bild hindurch bzw. durch Vermittlung eines Bildes. Er [der göttliche Stilus, der schreibend den Menschen erschafft] gräbt in Lehm, um ein Bild zu zerreißen. Das grabende Schreiben (das Schreiben überhaupt) ist ikonoklastisch. [...] Der ritzende Stilus ist ein Reißzahn, und wer Inschriften schreibt, ist ein reißender Tiger: Er zerfetzt Bilder. Inschriften sind zerfetzte, zerrissene Bildkadaver, es sind Bilder, die dem mörderischen Reißzahn des Schreibens zu Opfern wurden. Daher das Entsetzen, von dem die ersten Empfänger von Inschriften ergriffen wurden."(28)
"Tatsächlich geht es beim Schreiben um ein Transcodieren des Denkens, um ein Übersetzen aus den zweidimensionalen Flächencodes der Bilder in die eindimensionalen Zeilencodes, aus den kompakten und verschwommenen Bildercodes in die distinkten und klaren Schriftcodes, aus Vorstellungen in Begriffe, aus Szenen in Prozesse, aus Kontexten in Texte."(29)
Wenn diese Bestimmung Sinn macht,(30) so würde dies bedeuten, daß die Schrift keineswegs defizitär und aus Armut mit nur einer Raumdimension sich bescheidet, sondern eine bewußte Beschränkung darstellt, ein bewußt restriktives System, das historisch einem 'reicheren', 'kompakten', leider aber 'verschwommenen' System gegenübertritt. Verspricht der Computer nun Reichtum und Distinktion? Kompaktheit und das Ende der Verschwommenheit? Die Logik der Überbietung jedenfalls sieht sich fast vollständig umgestülpt, und interessant wird nun die Frage nach den Kriterien, entlang derer sich die Überbietung vollzieht. Differente Systeme scheinen differente Stärken und differente Schwächen zu haben und es scheint kaum zu erwarten, daß ein neues System schlicht alle Wünsche erfüllt.
Was also ist das spezifische Versprechen, daß die Computer machen? Um sich dieser Frage anzunähern wird eine zweite, nun detailliertere Runde durch die zitierten Ansätze notwendig sein. Alle wichtigen Bestimmungen nämlich, so denke ich, sind dort vorgeführt und es wird allein darum gehen sie in Verbindung zu bringen, um dann eine Konstellation - eine Wunschkonstellation? - aus ihnen herauszulesen.
 
 

3 Die Netzmetapher in der Sprachtheorie

Wenn die genannten Autoren die Schrift als ein streng lineares System auffassen, so hat diese Bestimmung für sich, zunächst von den äußeren, material-beobachtbaren Tatsachen auszugehen und sprachliche Phänomene als eine Anordnung von Signifikanten zu beschreiben. Auf diese Weise wird vermieden, daß vorschnell auf Kategorien wie Sinn oder Bedeutung durchgegriffen werden muß; es wird möglich, verschiedene Medien nach ihrer materialen Signifikantenanordnung zu vergleichen und eine Brücke hin zur Techniktheorie zu schlagen, die, wie gesagt, ein Kernproblem jeder Beschäftigung mit den Medien ist.
Gleichzeitig aber kollidiert die These mit der Intuition. Denn ist die Schrift tatsächlich und in jedem Sinne 'linear'? Bereits Wiederholungsstrukturen innerhalb der Kette, ebenso material beobachtbar wie die Anreihung selbst, bilden ein anti-lineares Element und verweisen darauf, daß innerhalb der linearen Syntagmen Anreihungsprinzipien arbeiten, die der Linearität selbst nicht gehorchen. Wiederholungen sind eine Strategie der Vertextung, die Elemente quer zum Verlauf des linearen Syntagmas miteinander verbindet; und zwar eine relativ schlichte Form, wenn man sie mit anderen Arten der Vertextung vergleicht. Der Begriff des Textes selbst, etymologisch aus Textur und Gewebe abgeleitet, hält die Tatsache fest, daß neben der Kette auch mit dem 'Schuß', d.h. mit Querstrukturen zu rechnen ist.
Und ein zweiter, noch generellerer Einwand drängt sich auf. Die These der Linearität nämlich läßt unberücksichtigt, daß die Elemente der Anreihung einem Code entnommen werden, der selbst nicht Teil der Anreihung ist. Und dies verschiebt die Perspektive grundsätzlich; den linearen Texten gegenüber nämlich steht nun: die Sprache. Und die Sprache als System ist zweifellos nicht linear.

Sprache also hat die komplizierte Eigenschaft, in zwei unterschiedliche 'Seinsweisen' zu zerfallen. Zum einen hat sie ihren Sitz im Außen, im intersubjektiven Raum; dort tritt sie in Form von Texten auf, linear und materialisiert in schwingender Luft, bedrucktem Papier oder flüchtigen Bytes. Zum zweiten, und sicher nicht weniger materiell, bildet sie ein System; und fragt man auch hier nach dem materiellen Ort, so wird man den Systemteil der Sprache in den empirischen Gedächtnissen der Sprachbenutzer lokalisieren müssen. Zwei unterschiedliche Orte also - Sprache_1 und Sprache_2 - und zwei völlig unterschiedliche Strukturprinzipien. Die Sprache erscheint als eine gesellschaftliche Maschinerie, die die linearen Syntagmen im Außenraum mit der nicht-linearen Struktur der empirischen Gedächtnisse in eine regelhafte Verbindung bringt.
Wie aber ist dieser zweite, der Systemteil der Sprache zu beschreiben? Eine offensichtliche Schwierigkeit besteht darin, daß der Systemteil der Sprache, ins 'Dunkel' der empirischen Gedächtnisse eingeschlossen, einer unmittelbaren Beobachtung sich entzieht.(31) Es sind insofern Modellbildungen, die die Lücke füllen und zusammenfassen, was die Introspektion und die sekundäre Beobachtung liefern. Mit diesen Sprachmodellen wird sich die Medientheorie auseinandersetzen müssen, wenn sie beim schlichten Bild der Linearität nicht stehenbleiben will.

Als erstes bietet sich selbstverständlich Saussure an, auf dessen Theorie das zweigeteilte Bild der Sprache bereits zurückgeht.(32) Vor allem zwei seiner Einzelvorstellungen sind hier interessant. Im Rückgriff auf die Assoziationspsychologie hatte Saussure behauptet, daß auch im Innenraum des Gedächtnisses die Worte sich zu Ketten verknüpfen.(33)(34) Jeder Begriff steht im Schnittpunkt einer Vielzahl von paradigmatischen Achsen; wobei Saussure Assoziationen nach Wortklang, nach semantischer Ähnlichkeit, morphologischen Gesetzmäßigkeiten usw. als gleichrangig ansah; all diese Achsen bilden das Set von Alternativen, aus dem die Elemente für die syntagmatische Kette ausgewählt werden; sie bilden den 'Hintergrund', vor dem die syntagmatische Kette steht. Während die syntagmatische Kette manifest ist, bleiben die assoziativen Ketten, wie Saussure sagt, 'latent'. (Dies bedeutet in der Folge, daß Bedeutung nicht eigentlich den Texten oder Äußerungen zukommt, sondern entsteht, wenn Texte - äußere Sprachereignisse - auf das im Gedächtnis etablierte Netz sprachlicher Assoziationen treffen; Sprache in diesem Sinne ist sehr weitgehend ein Gedächtnisphänomen.)
Und zweitens wichtig bei Saussure ist die Werttheorie. Sie besagt, daß Bedeutung nicht den einzelnen sprachlichen Elementen zugeschrieben werden kann, sondern sich nur in der Relation auf andere sprachliche Elemente, in Ähnlichkeits- und Kontrastverhältnissen, konstituiert; allein die Relationen zu anderen sprachlichen Elementen sind es, die das Element im System der Sprache verorten.(35)
Die wesentliche Neuerung der Werttheorie war, daß damit die Sprache als eine Gesamtarchitektur in den Blick genommen werden mußte. Wie beide Theorien zu vereinigen wären und auf welche Weise die assoziativen Reihen tatsächlich einen Systemzusammenhang bilden, allerdings hat Saussure nicht ausgeführt. Für ein kohärentes Sprachmodell aber ist diese Frage entscheidend und verschiedene seiner Nachfolger haben sie deshalb aufgegriffen und Vorschläge zu ihrer Lösung gemacht.
Die komplizierte Geschichte dieser Theorien kann hier nur auf wenige Stichworte reduziert dargestellt werden. Trier/Weißgerber haben den Feldbegriff eingeführt,(36) eine vermittelnde Instanz insofern, als sich die semantischen Felder zwar in Abstoßungsrelationen konstituieren, gleichzeitig aber aneinandergrenzen, und so zum Gesamtsystem der Sprache quasi aufaddieren. Daß dieses Bild an eine zweidimensionale Grundvorstellung gebunden bleibt, macht seine Pointe und gleichzeitig seine deutliche Grenze aus. Zum zweiten die Entwicklung von der 'Assoziation' zum allgemeineren Begriff der 'paradigmatischen Reihe', und, noch einmal bei Weißgerber, die Vorstellung, daß paradigmatische Relationen vor allem in Form bipolarer Oppositionen auftreten. Dies wertet die bei Saussure noch gleichrangige Kategorie der Ähnlichkeit ab und läßt Ähnlichkeit als einen sekundären Effekt semantischer Oppositionen erscheinen. Diese Sicht wurde beibehalten, auch als sich später der allgmeinere Begriff des semantischen 'Kontrasts' durchsetzte.(37) Bei Carnap (1956) die Bestimmung, daß sich der Wortschatz in 'Klassen' gliedert und die Bedeutung eines Elements mit der Summe der definierenden Eigenschaften seiner Klasse zusammenfällt;(38) und bei Hjelmslev und Jakobson schließlich die These, daß die Bedeutung jedes Wortes als eine Kombination allgemeinerer 'Bedeutungskomponenten' oder semantischer Merkmale analysiert werden kann.(39)
So groß die Differenzen dieser Modelle sind und so wenig die Probleme im Detail und die Widersprüche geschlichtet werden können, läßt dennoch eine Grundvorstellung - oder eine Art Leitmetapher - aus den verschiedenen Ansätzen sich extrahieren. Diese Leitmetapher besteht darin, daß sie alle das semantische System der Sprache als ein n-dimensionales Netz modellieren. Die Worte oder semantischen Einheiten werden als 'Knoten' verstanden, die durch eine Vielzahl negativ- differentieller Verweise aufeinander bezogen sind; ihre Positionen im Netz ergeben sich ausschließlich aus der Struktur der Verweise; semantische 'Nähe' oder 'Ähnlichkeit' ist entsprechend nicht substanziell bestimmt, sondern ergibt sich aus einer Ähnlichkeit der Verweisstruktur; Differenz, Kontrast oder Abstoßung sind basal, um das System als eine n-dimensionale Struktur überhaupt zu artikulieren.

Das so skizzierte Modell ist hoch abstrakt und bewegt sich zweifellos an der Grenze zur Metapher; da es weder mit linguistischen noch mit neurowissenschaftlichen Detailergebnissen ohne weiteres verbunden werden kann, erscheint es angreifbar, und zudem drängt sich der Einwand auf, als ein Erbe klassisch strukturalistischer Modelle vernachlässige das Bild des n-dimensionalen Netzes sowohl die Dimension der Entwicklung als auch die referentielle Dimension, also den Weltbezug der Sprache.(40) (All dies dürfte der Grund dafür sein, daß sich das Modell selbst in hunderten von Theorien variiert vorfindet, explizit, bündig und zitierbar aber nirgends ausformuliert worden ist.)
So berechtigt die genannten Einwände sind, so sinnvoll erscheint es dennoch, das Modell so stark wie möglich zu machen. Seine hauptsächliche Leistung besteht darin, daß bestimmte Folgerungen und Implikationen präzise benannt werden können, die ausschließlich auf der Ebene der skizzierten, sehr abstrakten Modellbildung überhaupt sichtbar werden. Und erst die Abstraktion erlaubt den Anschluß an medientheoretische Überlegungen, die zwangsläufig auch außersprachliche Phänomene zum Gegenstand haben.
Deutlich ist zunächst, daß die Netzmetapher bestimmte räumlich/geometrische Vorstellungen impliziert. Das Bild des Netzes verbindet lineare Achsen oder Vektoren zu einer zwei-, drei- oder mehrdimensionalen Struktur. Während die unmittelbar geometrische Anschauung bei den drei Dimensionen des physikalischen Raumes endet, ist es der Mathematik selbstverständlich, mit beliebig vielen gleichrangigen Dimensionen umzugehen und n-dimensionale Räume zu entwerfen.(41) Folgt man dem Modell, also wäre das semantische System der Sprache ein solcher n-dimensionaler Raum, und unsere sprachliche Praxis eine Art, sich selbstverständlicher als in der Mathematik selbst in diesem n-dimensionalen Raum zu bewegen.
Zum zweiten, und dies wird im Begriff des 'Knotens' eher verdeckt, wird das einzelne Wort in dieser Vorstellung als eine Art 'Situation' konzipiert werden müssen. Nimmt man den virtuellen Ort des einzelnen Knotens ein, ergibt sich eine bestimmte Perspektive auf das Netz. Die Vielzahl der Verweise, die insgesamt die Bedeutung des Wortes ausmachen, stehen gleichrangig, in jedem Fall aber gleichzeitig zur Verfügung; die Netzmetapher eröffnet damit eine Dimension der Simultanität, die man mit den Überlegungen zur Linearität wird zusammendenken müssen.
Und verblüffend direkt ergibt sich eine dritte Folgerung für das oben gestellte Problem, wie die linearen Texte zum sprachlichen System sich verhalten. Die linearen Texte nämlich müssen nun als ein 'Durchlauf' durch die Netzstruktur, als eine aktuelle Inanspruchnahme bereits gebahnter Wege erscheinen.(42) Die syntagmatische Anreihung in der manifesten Kette erscheint als eine Aktualisierung bereits etablierter Assoziationen. Jeweils eine der Assoziationen wird für die Fortsetzung der Kette ausgewählt, alle anderen werden verworfen; einen Moment lang stehen sie als 'Volumen der Bedeutung' zur Verfügung, dann läßt die Kette den entsprechenden Ort im Netz hinter sich. Bezieht man die Überlegung zur Simultanität ein, wäre ein Text damit ein Weg von 'Situation' zu 'Situation'.
Und umgekehrt wird an dieser Stelle der Übergang zu einem Entwicklungsmodell möglich: nun nämlich erscheint denkbar, daß die linearen Syntagmen etablierte Assoziationen nicht nur nachvollziehen, sondern auch verstärken oder gar bahnen. Wenn es also eines der großen Rätsel ist, auf welchem Weg das sprachliche System in die Köpfe hineinkommt, wäre hier - vorläufig und immer im Rahmen des reduziert/abstrahierten Modells - zu antworten, daß es die äußeren, linearen Texte sind, die die Assoziationswege bahnen, die dann den Kernbestand des sprachlich verfaßten Wissens bilden.

An dieser Stelle besteht die Gefahr, daß hinter dem Modell das Ausgangsproblem verschwindet, und in der Rede von Linearität, Simultanität, Aktualisierung und Bahnung die konkrete 'lebendige' Sprache nicht mehr wiederzuerkennen ist. Ein Vorschlag zur Konkretisierung sei deshalb ergänzt. Das Skizzierte nämlich erinnert unmittelbar an ein Sprachmodell, das dem Alltagsverständnis wesentlich näher und sicherlich weniger strittig ist: das Sprachmodell, das Freud in der 'Traumdeutung' und dann in der 'Psychopathologie des Alltagslebens' entwickelt hat.(43)
Zeitlich parallel zu Saussure hatte Freud die Rolle der Sprache in der Kur zu klären versucht. Da die Psychoanalyse vor allem mit sprachlichem Material arbeitet, stellt das Sprechen des Patienten die entscheidende Ebene dar, auf der die Symptome erscheinen. Und im Mittelpunkt der Sprachvorstellung Freuds steht, wie bei Saussure, der Begriff der 'Assoziation'.
Durch die Grundregel aufgefordert, möglichst ohne bewußten Eingriff zu assoziieren, liefert der Patient einen Strom von Vorstellungen, die sein Sprechen miteinander verkettet, und in den Brüchen, Auslassungen und Umgehungen wird nach und nach eine Struktur sichtbar, die für das psychische Erleben des Patienten kennzeichnend ist. Es ist insofern zunächst eine 'Privatsprache', die die Psychoanalyse rekonstruiert. Eine individuelle Semantik, die gerade dort auffällig wird, wo sie von den Konventionen der intersubjektiv verbindlichen Sprache und den etablierten Assoziationen abweicht.
Im Grundprinzip ihres assoziativen Aufbaus aber gehorchen beide Sprachen dem gleichen Gesetz. Daß Freud dies sehr bewußt war, zeigt seine Theorie zu den sprachlichen Fehlleistungen, in der er das Netz der konventionalisierten Assoziationen nachzeichnet, um die Bahnungen aufzufinden, die die Fehlleistung überhaupt ermöglicht haben.(44) Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist eine graphische Darstellung Freuds, die das bekannte Signorelli/Botticelli-Beispiel illustriert und die verschiedenen miteinander assoziierten Begriffe durch ein System von Knoten und Verbindungslinien zu einem Netz verknüpft.(45) Wie Saussure sieht auch Freud Assoziationen nach dem semantischen Gehalt und Assoziationen nach dem Wortklang als gleichrangig an; ein Unterschied allerdings ist, daß Freud sich vor allem für jene Assoziationen interessiert, die die Grenze zum Unbewußten überschreiten.

Dieser Gedanke ist in den sechziger Jahren von Lacan aufgenommen worden, der das Modell generalisiert hat und nun tatsächlich von der allgemeinen, intersubjektiv verbindlichen Sprache spricht. Und Lacan setzt exakt beim Problem der Linearität ein:
"Die Linearität, die F. de Saussure als konstitutiv ansieht für die Kette des Diskurses, konform zu ihrer Aussendung durch eine einzige Stimme und in der Horizontale, wie sie sich in unserer Schrift niederschreibt, ist, wenn auch notwendig, so doch durchaus nicht zureichend. Denn sie bestimmt die Diskurskette nur in der Richtung, die diese in der Zeit orientiert [...]. Es genügt aber, der Poesie zu lauschen, [...] damit eine Vielstimmigkeit sich vernehmen läßt, und ein jeder Diskurs sich ausrichtet nach den verschiedenen Dimensionen einer Partitur. Tatsächlich gibt es keine signifikante Kette, die, gleichsam an der Interpunktion jeder ihrer Einheiten eingehängt, nicht alles stützen würde, was sich an bezeugten Kontexten artikuliert, sozusagen in der Vertikalen dieses Punktes. [...]
Wenn wir unser Wort: arbre (Baum) wieder aufgreifen, [...] [sehen wir, daß] es alle symbolischen Kontexte anzieht, in denen es im Hebräisch der Bibel erscheint [...] [und ebenso Verse der Dichtung, die man], glauben wir, mit Recht in den mitklingenden Tönen des Wortes arbre hören kann."(46)
Drei Gedanken faßt diese Stelle zusammen: die Kritik einer allzu schlichten Vorstellung von Linearität, das Gegenbild einer Vielstimmigkeit oder Partitur, das die Kopräsenz der 'vertikalen', paradigmatischen Achsen betont, und drittens, wie gleich zu zeigen sein wird, ein Entwicklungsmodell. Deutlicher als bei Freud wird bei Lacan, daß das Modell an den Begriff der 'Konnotationen' anschließt, der traditionell das Volumen oder den Bedeutungshof der einzelnen Elemente bezeichnet. 'Gleichsam an der Interpunktion der Einheiten der signifikanten Kette eingehängt', fungieren als Konnotation all jene Assoziationen, die konventionalisiert im intersubjektiven Raum - im Gedächtnis der anderen Sprachbenutzer - vorausgesetzt werden können.(47)
Das Entwicklungsmodell schließlich deutet Lacan in einem Halbsatz nur an. Die Formulierung, die signifikante Kette stütze all das, 'was sich an bezeugten Kontexten artikuliert', enthält die radikale These, daß die paradigmatischen Assoziationen der Gegenwart auf Texte der Vergangenheit zurückgeführt werden müssen. Dies erinnert an die Vorschrift der altchinesischen Gelehrten, zu jedem Wortzeichen der Schrift eine bestimmte Anzahl kanonisierter Textstellen auswendigzulernen, die die Verwendung des Zeichens in der klassischen Literatur belegten. Der Kontext der Textstellen lud das Begriffszeichen auf und machte sein Bedeutungsvolumen aus.(48)
Wenn dies also nicht eine einzelne Technik, sondern vielmehr die bewußte Handhabung einer allgemeinen, semiotischen Gesetzmäßigkeit beschreibt, so hieße dies, daß Zeichen grundsätzlich Kontexte 'ersetzten', oder umgekehrt, daß Kontexte in Zeichen untergehen. Die Differenz zum chinesischen Gelehrten wäre, daß der Sprachbenutzer die 'bezeugten Kontexte' normalerweise nicht erinnert; der Halbsatz Lacans enthält insofern die Denkanforderung, den Zeichenprozeß, den Diskurs und das Vergessen zusammenzudenken.
"Aber all dieses Signifikante, wird man sagen, kann doch nur wirken, indem es im Subjekt gegenwärtig ist. Genau dies meine ich, wenn ich annehme, daß es auf die Ebene des Signifizierten übergegangen ist. Wichtig ist nämlich nicht, daß das Subjekt mehr oder weniger davon weiß. [...]
Was diese Struktur der signifikanten Kette aufdeckt, ist meine Möglichkeit, genau in dem Maße, wie ihre Sprache mir und anderen Subjekten gemeinsam ist, das heißt, wie diese Sprache existiert, mich ihrer bedienen zu können um alles andere als das damit zu bezeichnen, was sie sagt. Diese Funktion des Sprechens verdient viel eher hervorgehoben zu werden als die Funktion der Verkleidung von (meistenfalls undefinierbaren) Gedanken des Subjekts".(49)
Die signifikante Kette also bezeichnet gerade nicht, 'was sie sagt', sondern 'alles andere'. Die paradoxe Formulierung hebt hervor, daß die manifeste Kette auf das System der Sprache immer bezogen bleibt; und da die Sprache jedes Einzelelement negativ-differentiell auf die Gesamtheit der anderen Elemente, auf 'alles andere' also, bezieht, sagt sie, was sie nicht sagt, und was als Bedeutung positiviert erscheint, ist tatsächlich ein Effekt von Bezügen, die in der Kette selbst nicht anwesend sind.
Dies wiederum erinnert an die Formulierung Bühlers, der dreißig Jahre zuvor das Zeichen als einen 'Fremdling im Kontext' bezeichnet hatte.(50)

Die Metapher des Netzes tritt bei Lacan explizit nur an wenigen Stellen auf. Er zeigt, daß zwischen der Netzvorstellung und dem Phänomen der Wiederholung eine systematische Verbindung besteht,(51) beschreibt noch einmal, daß das synchrone System sich einem Vergessen verdankt(52) und verschränkt das Netz mit dem diachronen Prozeß, der es hervorgebracht hat.(53) All diese Bezüge werden zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzugreifen sein. Wenn es hier darum geht, die Netzmetapher aus ihrer engen, linguistischen Verwendung zu lösen, so dürfte plausibel geworden sein, daß sie als eine Metapher und als ein abstraktes Modell eine Vielzahl von Fragen zugänglich macht, die sich an das Funktionieren der Sprache richten. Es ist insofern nicht allein eine Konkretisierung, die Freud und Lacan dem Modell hinzufügen, sondern vor allem die Intuition, es könnte sich tatsächlich um eine relevante Ebene der Beschreibung handeln. Daß die Netzmetapher an den etablierten Begriff der Assoziation anzuschließen ist, diesen Begriff aber gleichzeitig entpsychologisiert und an das sprachliche Funktionieren bindet, daß sie die Bestimmung der Linearität einerseits relativiert und andererseits in Richtung einer komplexeren Vorstellung ausbaut, daß sie eine Signifikantenanordnung im Außenraum mit Annahmen über Strukturen im Inneren der Gedächtnisse verbindet und die irreduzible Differenz zwischen beiden Polen gleichzeitig aufrechterhält - all dies macht die Leistungsfähigkeit der Netzmetapher aus.
Wenn die Netzmetapher gegenwärtig extensiv diskutiert wird, so allerdings aus einem völlig anderen Grund. Der gesamte Kontext der Sprachtheorie scheint zusammengebrochen, sobald es um die Computer geht, und um ihre Fähigkeit, nicht-lineare Strukturen nun im Außen zu repräsentieren.
 
 

4 Netze im Computer

Auffällig bei der Durchsicht der gegenwärtigen Theorien nämlich ist, daß die Netzmetapher selbst eine ungeheure Karriere angetreten hat, der Bezug auf die Sprache aber, fast könnte man sagen systematisch, ausgeblendet wird. Dieser Auslassung wird im folgenden nachzugehen sein. Zunächst aber ist festzustellen, daß die Netzmetapher in den Mittelpunkt nahezu aller Vorstellungen zum Computer gerückt ist und zudem in einer Vielzahl realer Implementierungen ihren Niederschlag gefunden hat.
Die entscheidende Neuerung, die die Computer in die Welt der Repräsentationsmaschinen eingebracht haben, besteht in ihrer Fähigkeit, n-dimensionale Räume aufzubauen. Das Stichwort 'Hyperraum', das diese Eigenschaft bezeichnet, hält den ungeheueren Denkanreiz fest, der von der neuen Signifikantenanordnung ausgeht. (Und gleichzeitig deutet die Wortwahl auf jene Logik der Überbietung hin, die oben bereits zu kritisieren war(54)).
Was also bedeutet ein n-dimensionaler Raum konkret? Dem Rechner ist es, wie dem erwähnten Mathematiker, egal, mit wie vielen Dimensionen er rechnet. Eine Tabelle etwa, die auf Papier nur zwei Variablen kreuzen würde, könnte im Rechner drei, vier, oder eben n Dimensionen haben, abhängig allein vom Modell und der Anzahl der Indizes, die die Tabelle steuern; graphisch darstellbar wäre diese Datenstruktur zunächst nicht.(55) Eine relationale Datenbank könnte, anders als ein Karteikasten, eine Vielzahl gleichrangiger Sortierungen enthalten; darüber hinaus wäre eine Anzahl von Unterdateien denkbar, die, durch komplizierte Querverbindungen miteinander verwoben, ein verzweigtes Netz von Informationen bilden, eine 'Architektur', die an die drei Dimensionen des physikalischen Raumes nicht mehr gebunden ist.
Technologisch liegt dieser Fähigkeit die relativ schlichte Tatsache zugrunde, daß zumindest innerhalb des Hauptspeichers alle Orte 'gleich weit entfernt sind', und alle Daten über ihre Adresse direkt und ohne Unterschied in der Zugriffszeit angesprungen werden. Eine ähnliche Logik regiert den Zugriff auch auf die nicht sequentiellen Massenspeicher wie die Festplatte des PCs.(56) Und schließlich, dies ist wichtig, gehorcht auch das internationale Datennetz dem selben Prinzip; auch hier bilden die physischen Kabel nur die Basis für eine letztlich symbolische Struktur, die es ausschließlich mit Adressen zu tun hat, mit Pointern, die auf diese Adressen zeigen, und mit Zugriffszeiten, die den physikalischen Raum - im Idealfall zumindest - negieren. Das Datennetz wiederholt damit als eine Art Makro-Struktur, was die Modelle im einzelnen Rechner kennzeichnet; und in beiden Fällen ist es das antihierarchische, n-dimensionale Netz, das die Pointe und die Leistungsfähigkeit der Anordnung ausmacht.

All dies nun hätte die Kulturati wahrscheinlich herzlich kaltgelassen, wenn die Rechner vor dem privilegierten Medium der Schreibenden, der Schrift, haltgemacht hätten. Das aber ist nicht der Fall. Sobald sie auf Datenträgern gespeichert ist, nämlich wird es möglich, auch die Schrift anders als linear zu verwalten und n-dimensionale Netze nun aus Texten, Textteilen oder schriftförmigen Daten aufzubauen. Es ist dies die Welt der sogenannten 'Hypertext'-Systeme, und diese haben ganz besonders intensive Phantasien auf sich gezogen.
"Gesucht wird also ein Medium simultanpräsenter Darstellung: [...] Eben diese Möglichkeit aber eröffnen Hypermedien. Sie implementieren ein Wissensdesign, das Daten gleichsam frei begehbar macht; d.h. sie dekontextualisieren Informationselemente und bieten zugleich Verknüpfungs- Schemata der Rekombination an. [...] Und hier zeichnet sich nun eine für [eine] komplexe Theorie des Komplexen entscheidende Implementierungsmöglichkeit ab: Elaborierte Hypermedien werden mit second-order-links operieren, d.h. also mit Verknüpfungen von Verknüpfungen. [...] Damit wäre die Software-Struktur von Hypermedien [...] identisch mit der Theorie-Struktur komplexer Sachverhalte: Relationierung von Relationen."(57)
Hypertextsysteme sind Maschinen, die Texte quer zum Verlauf des linearen Syntagmas miteinander verknüpfen. An jeder Stelle eines Textes können Querverweise eingefügt werden, die auf andere Texte zeigen; anders als im Fall der traditionellen Fußnote wären diese Texte nicht untergeordnet, sondern gleichrangig mit dem Ausgangstext, und anders als im Fall des Zitats bleibt die Passage in ihren Originalkontext eingebettet. Meist sind es kürzere Textbausteine, die auf diese Weise verknüpft werden;(58) in jedem Fall entsteht ein komplexes Geflecht, das lineare Syntagmen in eine neue, n-dimensionale Netzstruktur überführt.(59)
Und hierin nun wird ein entscheidender Gewinn an Möglichkeiten und an innerer Komplexität begrüßt. Die neue Signifikantenanordnung scheint die Beschränkungen aufzuheben, denen die lineare Schrift unterliegt, ihr ausschließender Charakter scheint überwunden und ein lange verfolgtes Desiderat scheint sich plötzlich einzulösen.
Verschiedene Autoren sehen eine strukturelle Analogie zu sehr avancierten literarischen Projekten, die die Linearität des Schreibens mit literarischen Mitteln aufgebrochen haben. Mit Namen wie Joyce, Wittgenstein, Benjamin oder Deleuze wird die neue Technik in eine stolze Ahnenreihe eingerückt(60) und komplizierte Theoriedesigns werden als Vorläufer in Anspruch genommen. Landow allerdings geht noch entschieden weiter, wenn er eine tatsächliche Konvergenz der gegenwärtigen Philosophie und der Technikentwicklung aufzeigen will:
"When designers of computer software examine the pages of Glas or Of Grammatology, they encounter a digitalized, hypertextual Derrida; and when literary theorists examine Literary Machines, they encounter a deconstructionist or poststructuralist Nelson. These shocks of recognition can occur because over the past several decades literary theory and computer hypertext, apparently unconnected areas of inquiry, have increasingly converged. [...] A paradigm shift, I suggest, has begun to take place in the writings of Jacques Derrida and Theodor Nelson, of Roland Barthes and Andries van Dam. [...] All four, like many others who write on hypertext or literary theory, argue that we must abandon conceptual systems founded upon ideas of center, margin, hierarchy, and linearity and replace them with ones of multilinearity, nodes, links, and networks."(61)
Die Gleichsetzung als kurzschlüssig zurückzuweisen, wäre einfach. Vielversprechender erscheint, sie als eine Formulierung von Wünschen ernstzunehmen, die, illusionär oder nicht, als eine treibende Kraft in die Entwicklung des neuen Mediums eingehen. Grundvorstellung bei Landow ist, daß die Technik aufnimmt, was im außertechnischen Raum (in den bisherigen Technologien) als ein Projekt sich abzeichnet; auf die Ausgangsfrage nach der Medienentwicklung bezogen also, daß die technische Realisierung einem Problemdruck folgt, der sich außerhalb der Technik im diskursiven Raum aufgebaut hat. Da die Welt an Komplexität zunimmt, muß die Medienwelt reagieren und dafür sorgen, daß das Denken über entsprechend komplexe Instrumente verfügen kann.

Der zweite Punkt, der im Rahmen dieser Argumentation wichtig ist, ist die Beziehung zwischen Text und Kontext, die sich mit den Hypermedien grundlegend ändert. Relativ unspektakulär führt Landow ein: "Experiencing a text as part of a network of navigable relations provides a means of gaining quick and easy access to a far wider range of background and contextual materials".(62) Indem die Hyper-Links(63) den ursprünglichen Text mit anderen Texten verweben, perforieren sie die Grenze, die ihn von den anderen Texten ursprünglich trennt, und Landow folgert daraus, daß Textgrenzen insgesamt obsolet würden.(64) Auch wenn dies zweifellos nicht der Fall ist,(65) lenken Hypertextsysteme den Blick in neuer Weise auf 'background and contextual materials' und somit den intertextuellen Raum. Damit ergibt sich eine auffällige Entsprechung zu der erhöhten Aufmerksamkeit, die die Literaturtheorie in den letzten Jahren für die Intertextualität entwickelt hat; Hypertextsysteme erscheinen als eine Möglichkeit, intertextuelle Bezüge, die bis dahin latent waren, in manifeste Bezüge - in Links eben - zu überführen, und damit Strukturen nachzuzeichnen, die quer zu den linearen Syntagmen die verschiedenen Texte immer schon verbinden.
Und diese Bezüge nun greifen weit in den diskursiven Raum hinaus. Nachdem Hypertextprogramme zunächst auf einzelne Rechner und Projekte eingeschränkt waren, gibt es mit dem 'World Wide Web' inzwischen ein System, das ähnlich strukturiert, den gesamten Globus umspannt. Eine Unzahl von Rechnern, Dateien und Projekten ist durch Links miteinander verbunden, die aus der Mitte von Texten hinaus auf andere Texte, Rechner oder Projekte zeigen. Folgt man dem Link, schaltet das System auf den jeweils neuen Rechner um und allein eine geringe Zeitverzögerung zeigt an, daß die Lektüre nun an einem anderen geographischen Ort fortgesetzt wird.
Daß sich auf diese Weise tatsächlich verschiedene Netz- Definitionen überlagern(66) und das physikalisch-geographische Kabelnetz mit dem inhaltlich/semantischen Netzwerk der Links und Verweise vollständig verschmilzt, macht wahrscheinlich den Kern (und das besondere Problem) der gegenwärtigen Netz- Begeisterung aus. "Everything is deeply intertwingled", die Formel, die Bush in die Debatte einbrachte und die Nelson 1974 zitiert,(67) ist zu einer Art Credo geworden; daß sie - paradox - sowohl das Problem als auch die anvisierte Lösung bezeichnet, weist ein weiteres Mal darauf hin, daß sich die Wünsche von den Realitäten noch nicht völlig geschieden haben.
Und wenn Coy schließlich schreibt: "The global net is the computer",(68) so macht er den entscheidenden Maßstabssprung in der tatsächlichen Implementierung wie in der theoretischen Aufmerksamkeit deutlich. Gleichzeitig aber vernachlässigt die Formulierung die Differenz, die zwischen dem einzelnen Projekt (dem einzelnen Rechner) und dem globalen Netz als einer naturwüchsig-unbeherrschbaren Geamtstruktur nach wie vor besteht. Dies eröffnet die Gefahr, daß Hoffnungen auf Transparenz und Beherrschbarkeit von den einzelnen Projekten auf das Netz als ganzes projiziert werden. Die Netzmetapher selbst jedenfalls scheint Grenzziehungen eigentümlich schwierig zu machen und zumindest einen Teil ihrer Faszination exakt dieser Tatsache zu verdanken.

Der dritte und tatsächlich entscheidende Punkt aber ist ein anderer. Für nahezu alle Autoren nämlich steht fest, daß die neue Signifikantenanordnung eine Annäherung an die Struktur des menschlichen Denkens bedeutet. Und im Mittelpunkt dieser These steht - der Begriff der Assoziation.
"Assoziative Denkstrukturen in die Apparatur zu verlagern, erschien als ein Vorhaben wirrer Programmierer, die hartnäckig an den Bedürfnissen des Marktes vorbei, an Lösungen für Probleme arbeiteten, die es noch nicht gab."(69) Mit den Hypertextsystemen aber beginnt diese Utopie Wirklichkeit zu werden; "die vernetzte Struktur von Hypertexten kommt assoziativen Gedankenoperationen entgegen"(70) oder, so könnte man ergänzen, vollzieht diese mit technischen Mitteln nach; und in letzter Instanz, schreiben Idensen/Krohn, hat die neue Technik eine "Transformation assoziativer Ideen in reale, verknüpfbare Objektdateien"(71) zum Ziel.
Der Begriff der Assoziation wurde bereits 1945 von Vannevar Bush ins Gespräch gebracht.(72) In einer häufig zitierten Technikutopie(73) beschreibt er zunächst, daß die Wissenschaft an der schlichten Fülle der gesammelten Informationen zu scheitern droht; Probleme der Selektion und des Zugriffs rücken deshalb in den Vordergrund, und es wird deutlich, daß der traditionelle Zugriff über Indizes das Problem nicht lösen kann. Und nun wird der Bezug auf das menschliche Gehirn wichtig:
"Our ineptitude in getting at the record is largely caused by the artificiality of systems of indexing. [...] The human mind does not work that way. It operates by association. With one item in its grasp, it snaps instantly to the next that is suggested by the association of thoughts, in accordance with some intricate web of trails carried by the cells of the brain. [...] Man cannot hope fully to duplicate this mental process artificially, but certainly ought to be able to learn from it. [...] The first idea, however, to be drawn from the analogy concerns selection. Selection by association, rather than by indexing, may yet be mechanized. One cannot hope thus to equal the speed and flexibility with which the mind follows an associative trail, but it should be possible to beat the mind decisively in regard to the permanence and clarity of the items resurrected from storage."(74)
Auf dieser Basis nun entwirft Bush eine Maschine, die eine 'assoziative' Speicherung ermöglichen soll. Sie muß zunächst alle Texte enthalten, die für den Benutzer wichtig sind. Um einen schnellen Zugriff zu gewährleisten, stellt sich Bush eine Speicherung auf Mikrofilm vor, sowie eine Projektion, die die parallele Darstellung verschiedener Texte erlaubt. Zwischen diesen Texten nun, und dies ist die entscheidende Neuerung, kann der Benutzer Querbezüge etablieren: "This is the essential feature [...]. The process of tying two items together is the important thing. [...] The user taps a single key, and the items are permanently joined. [...] when numerous items have been thus joined together to form a trail, they can be reviewed in turn, rapidly or slowly, by deflecting a lever like that used for turning the pages of a book.
It is exactly as though the physical items had been gathered together from widely separated sources and bound together to form a new book. It is more than this, for any item can be joined into numerous trails."(75) Eine Hypertextmaschine also, entworfen mit dem expliziten Bezug auf die Assoziationsfähigkeit des menschlichen Denkens; und Bolz sagt entschlossen: "Damit tritt das assoziative Denken des Alltags ins Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ein."(76)

Aber ist dieser Konnex tatsächlich plausibel? Man wird sich zunächst klarmachen müssen, daß der Bezug auf den Begriff der Assoziation eine Reinterpretation - eine weitere Reinterpretation - der Netzmetapher bedeutet. Eigentümlich kurzschlüssig wird eine psychologische Kategorie auf eine Technik bezogen; mit der Netzmetapher als einer dritten, vermittelnden Instanz, ohne daß geprüft werden könnte, ob die Netzmetapher in beiden Sphären tatsächlich die gleiche Rolle spielt.
Und umgekehrt: Füllt die Metapher des Netzes den psychologischen Assoziationsbegriff tatsächlich aus? Hat die Psychologie nicht immer auch von Assoziationen gesprochen, die bildhaft, verschwommen, überdeterminiert, flüchtig oder unartikulierbar waren? Assoziationen, denen keineswegs ein distinktiv-linearer oder netzförmig/multilinearer Charakter zugeschrieben werden kann. Ein weiteres Mal scheint über menschliche Denkvorgänge viel zu wenig bekannt, als daß 'das assoziative Denken´ (und sei es ´des Alltags´) eine sinnvolle Folie für technische Implementierungen darstellen könnte.

Wie aber kann es dann zu der beschriebenen Einhelligkeit kommen? Meine Behauptung ist, daß nicht Assoziationen allgemein, sondern eine Untergruppe, die sprachlichen Assoziationen nämlich, bei der Modellbildung Pate gestanden haben. Die Netzmetapher setzt bereits voraus, was die Sprache als eine distinktive Kraft in das Denken überhaupt erst hineinträgt; nicht unser Denken ist netzförmig/distinktiv, sondern allenfalls unser sprachlich-semantisches System; Denken und Sprache also sind keineswegs koextensiv, so wenig, wie die Netzmetapher und der Assoziationsbegriff in jedem Fall zusammenfallen.
Der erste Schritt besteht darin, den Kurzschluß zwischen 'dem' Denken und 'dem' Computer (ein weiteres Mal) zurückzuweisen. Das neue Signifikationssystem statt dessen auf die Sprache zu beziehen, hat den Vorteil, daß es sich in beiden Fällen um symbolische Systeme handelt, was die Chance eröffnet, nun konkrete materielle Parallelen und konkrete Unterschiede aufzufinden.
Der zweite Schritt ist ungleich komplizierter. Nun nämlich liegen die Voraussetzungen bereit, die beschriebenen Äußerungen als Ausdruck einer in sich kohärenten Wunschstruktur zu rekonstruieren. Tatsächlichen Sinn, dies ist die These, machen diese Äußerungen erst, wenn man den Schmerz lokalisiert, den sie eliminieren wollen. Daß sich an die neuen Maschinen derart emphatische Hoffnungen knüpfen, so meine ich, wäre rätselhaft, wenn sie nicht mehr versprechen würden als ein Zeichensystem, das das subjektive Denken vollkommener imitiert als die Schrift. Weder die imitative Verdopplung des Denkens wäre für sich genommen attraktiv, noch die Vollkommenheit - all dies deutet darauf hin, daß es eine andere Hoffnung und ein andere Utopie ist, die das neue Medium trägt.
 
 

5 Die Utopie einer 'Externalisierung' der Sprache

Drei Bestimmungen sind nun zusammenzufassen. Wenn es sinnvoll erscheint, das n-dimensionale Netz der Rechner vom psychologischen Assoziationsbegriff zu lösen und auf die sprachlichen Assoziationen zu beziehen, wenn zweitens das sprachliche System als ein Netz negativ-differentieller Verweise begriffen werden muß, und wenn drittens die Sprache die Besonderheit hat, auf zwei Orte verteilt zu sein und ein n- dimensionales Netz in den Köpfen mit linearen Syntagmen im Außenraum zu konfrontieren, so ergibt sich die Folgerung, daß das neue Medium exakt auf dieser Grenze operiert.
Das n-dimensionale Netz der Rechner, und dies ist die Formel, zielt auf eine Externalisierung der Sprache ab, oder exakter: auf eine Externalisierung jener Sprache_2, die bis dahin im Innenraum der Köpfe ihren systematischen Ort hatte. Der Systemteil der Sprache soll objektiviert und nun im Außenraum angeschrieben werden.
Auf die problematische Kategorie der Externalisierung - problematisch weil subjektzentriert - wird im folgenden einzugehen sein; zunächst aber ist wichtig, daß die 'Externalisierung' eine Spaltung aufheben will. Und dies ist in der Tat so etwas wie ein Grundmuster jeder Wunschstruktur; ein Ganzes (die Sprache), das in zwei Seinsweisen zerfällt (Sprache_1 und Sprache_2), strebt nach der Aufhebung dieser Spaltung. Die Spaltung steht für einen konkreten Schmerz, der in der neuen Synthesis sich lösen soll, oder abstrakter gesprochen für eine Systemspannung, die zunächst Bewegung hervorbringt, um dann in einen neuen Gesamtzustand umzuschlagen.
Daß die Spaltung als ein Schmerz dem Bewußtsein durchaus zugänglich ist, ist in der Literaturgeschichte immer wieder deutlich hervorgetreten. Die romantische Klage, daß der innere Reichtum einen ädaquaten Ausdruck in der 'Armut' der Schrift niemals finden könne, begleitet die gesamte Geschichte der Schrift;(77) es greift insofern sicher zu kurz, wenn Kittler in seinen frühen Texten diese Klage nur verhöhnt;(78) sie als eine Halluzination zu analysieren, die die unmittelbare Sinnlichkeit der technischen Medien nur vorwegnimmt, negiert die Spannung, die der Schrift selbst eingeschrieben ist. Mit und gegen Kittler wäre deshalb das Begehren zu markieren, das aus der Gesetzmäßigkeit der Schrift heraus über die Schrift hinausdrängt. Daß dieses Begehren auch in der unmittelbaren Sinnlichkeit der audiovisuellen Medien keine dauerhafte Ruhe gefunden hat, sondern nun ein neues, in extremer Weise 'unsinnliches' Medium hervortreibt, zeigt an, daß es nicht um ein konkretes, positives Versprechen geht, sondern um das abstrakteste Versprechen überhaupt, das Versprechen, daß die Bewegung der Texte und der Medien in einer finalen Synthese letztendlich eben doch zur Ruhe kommen möge. Und zumindest so formuliert drängt sich die Ahnung auf, daß auch in diesem Fall das Versprechen alle realen Möglichkeiten übersteigt.

Dem Einwand, der Rahmen dieser Deutung sei zu groß gewählt, wird nur durch eine beharrliche Argumentation im Fortgang des vorliegenden Textes zu begegnen sein. Bereits an dieser Stelle aber dürfte deutlich sein, daß die These, so grob sie einstweilen ist, tatsächlich etwas erschließt: Nun nämlich werden Äußerungen lesbar, die ansonsten rätselhaft erscheinen müßten. Wenn Idensen/Kron gesagt hatten, es gehe um die 'Transformationen assoziativer Ideen in reale, verknüpfbare Objektdateien' oder darum, 'assoziative Denkstrukturen in die Apparatur zu verlagern,' so thematisieren sie die Grenze zwischen Innen und Außen und ihre Überschreitung in der 'Externalisierung' klar; gleichzeitig aber läßt die Formulierung eigentümlich offen, was zu dieser Externalisierung eigentlich treibt; das neue Medium erscheint als eine neue luxurierende Möglichkeit, keineswegs aber als ein Muß oder auch nur als die Antwort auf eine Frage. Es bleibt rätselhaft, was das eigentliche Gegenüber ist, gegen das die die neuen textuellen Strukturen antreten.
Und wieder ist es Bolz vorbehalten, der Utopie tatsächlich die Stimme zu leihen, in fast naiver Weise identifiziert, im Klartext und ohne Rücksicht auf die mögliche Absurdität: "Hypertext macht explizit, was lineare Schriften noch der hermeneutischen Arbeit auflasten [...]. Der gesamte hermeneutische Gehalt eines Texts ist in der Verzweigungsstruktur seiner elektronischen Darstellung manifest."(79) Damit ist es heraus. Das neue Medium verspricht ein Grauen zu eliminieren. Das Grauen vor der Tatsache, daß Texte grundsätzlich auslegbar sind, und ihr hermeneutischer Gehalt eben nie 'manifest'. Der hermeneutische Gehalt - und zwar der 'gesamte' - soll aus seinem doppelt unheimlichen Sitz befreit werden, aus dem Dunkel der Köpfe und aus der Dispersion über die verschiedenen Individuen und Deutungen, und überführt in den luziden Außenraum, in dem er einer Deutung nicht mehr bedarf.
In dieser Bestimmung ist tatsächlich die Differenz aufgehoben. Der Text hat kein Gegenüber mehr, das ihn unter- oder überbieten könnte; Texte treffen nicht mehr auf Köpfe oder auf die Sprache, sondern ruhen in sich, und was als eine irritierende Interaktion sich an- und immer weiter fortgesponnen hatte, ist im Handstreich nach einer Seite hin entschieden und wie der Schmetterling auf der Nadel endlich stillgestellt.

Und hier nun wird eine zweite entscheidende Bestimmung der Externalisierung deutlich. Im Kern geht es darum, die Differenz zwischen Text und Sprache zu eliminieren, d.h. die Differenz, die das Sprechen von der Sprache grundsätzlich trennt. Und dies ist die zweite Formel, die ich zur Deutung des neuen Mediums vorschlagen möchte.
Nimmt man den Bolzschen Satz ernst, hieße er, übersetzt in die nach-Saussuresche Terminologie, daß nun syntagmatisch wird, was bis dahin paradigmatisch gewesen ist; daß die neue Signifikantenanordnung den Aufbau n-dimensionaler Netze erlaubt, macht nicht den Aufbau komplexerer Texte möglich, sondern bewirkt, daß die Grenze zwischen den Texten und der Sprache niederbricht. Denn die Formulierung hat eine Totalisierung zur Voraussetzung: Nur wenn es gelingt, tatsächlich die Totalität der Sprache in 'manifeste' Verweisstrukturen zu überführen, kann der hermeneutische Gehalt in seiner 'Gesamtheit' manifest werden; und dies ist nur möglich, wenn der einzelne Hypertext in einem (globalen?) Makrotext aufgeht, der die Sprache in ihrer vollen Extension ersetzen will und schließlich ersetzt.

Und noch einmal: Die Bolzsche Formulierung wäre irrelevant, spräche sie nicht aus, was eine Fülle anderer Texte als eine unausgesprochene Perspektive implizieren. Sie ist interessant, insofern sie den sehr exponierten Punkt bezeichnet, von dem aus ein ganzes Terrain, eine Wunschkonstellation eben, einsehbar wird; entsprechend wenig wäre gewonnen, allein die exponierte Formulierung als absurd und als eine 'Übertreibung' zurückzuweisen.
Daß die Spaltung der Sprache einen tatsächlichen Schmerz darstellt, daß die Medienentwicklung an der Linie dieses Schmerzes sich vollzieht und daß das neue Medium ihn mit tatsächlich letzter Entschlossenheit aus der Welt schaffen will, - all dies sind Bestimmungen, die eine ganze Landschaft von Folgefragen eröffnen. Es wird zu zeigen sein, daß sich von hier aus Bezüge zur Gedächtnistheorie, zur Texttheorie und zur Techniktheorie ergeben und das neue Medium Seiten zeigt, die von einem anderen Punkt aus nicht in den Blick genommen werden können.
Die These einer 'Externalisierung der Sprache' wird in all diesen Recherchen zentral bleiben, und ebenso die zweite, daß es darum geht, die Differenz zwischen Sprache und Sprechen zu eliminieren; beides sind Formulierungen, die nur als utopische überhaupt Sinn machen. Nur wenn man ihren unmöglichen Charakter von vornherein zugesteht, können sie als Formulierungen einer Wunschkonstellation arbeiten. Arbeiten wie die Wunschkonstellationen selbst, die, ihrer realen Unmöglichkeit zum Trotz, um so realere Wirkungen entfalten.
 
 

6 Zusatz zum Begriff der Externalisierung

Sobald man von einer 'Externalisierung der Sprache' spricht, bedarf dies einer Klarstellung. Augenfällig nämlich schließt dieser Begriff an eine Vorstellung an, die mehr als problematisch ist, und die dennoch eine lange Tradition hat; die Vorstellung, die Medien stellten 'Extensionen des Menschen' dar, die dieser aus sich heraus und in den intersubjektiven Raum vorschiebe. Werkzeuge und Maschinen sind als Extensionen des menschlichen Körpers aufgefaßt worden, und die Medien entsprechend als Verlängerungen des menschlichen Sinnesapparats, bis hin zu dem Bild, daß in der weltweiten Verschaltung der Medien 'der' Mensch sein Nervensystem auf den gesamten Globus ausdehne. McLuhan, Flusser und Bolz haben diese Sicht explizit vertreten(80) und eine Fülle anderer Autoren haben zumindest die Grundvorstellung und die Begrifflichkeit übernommen.
Problematisch ist diese Konzeption vor allem deshalb, weil sie 'den' Menschen in den Mittelpunkt der Konstruktion stellt, und ihn als den Quellpunkt und Ursprung zunächst seiner Sprache und dann der Maschinenwelt begreift. Der verdächtige Singular bereits zeigt an, daß nur eine Singularisierung das Bild überhaupt möglich macht. Zudem muß, was nach außen verlagert wird, 'ursprünglich' innen und ureigenster Besitz des Menschen gewesen sein. Die Geschichte muß als ein Prozeß erscheinen, der von einem ursprünglichen Bei-sich-sein zu einer immer gespalteneren, verteilteren Existenzform führt; Gegenwart und Technik entsprechend als der vorläufige Höhepunkt einer Sündengeschichte.
Da die so skizzierte Technikkonzeption ebenso fundiert wie irreversibel kritisiert worden ist,(81) entsteht zum einen die Frage, warum sie dennoch bis in die Gegenwart hinein den Technikdiskurs dominiert, und zum zweiten, wesentlich komplizierter, welche alternativen Konzepte sie ersetzen können. Für den hier verfolgten Zusammenhang ist zunächst festzustellen, daß die 'Externalisierung' eine Wunsch-Phantasie bezeichnet, die derjenige, der die Phantasie beobachtet oder analysiert, keineswegs teilen muß. Das Problem verschiebt sich damit auf die Frage, ob der Begriff überhaupt eine sinnvolle Kategorie der Analyse darstellen kann, oder ob seine Subjektzentrierung zwangsläufig eine nicht gewünschte Perspektive in die Argumentation hineinträgt. Dieser Gefahr, so denke ich, wird man bewußt entgegensteuern müssen. Im folgenden wird dies geschehen durch eine konsequente Vermeidung des Kollektivsingulars und die bewußte Entscheidung, Prozesse im Raum zwischen den Subjekten tatsächlich als solche zu konzipieren. Wo immer möglich, wird der intersubjektive Raum zum Ausgangspunkt gewählt werden, so daß der Einzelne sowohl als Handelnder, als auch als abhängig von diskursiven Prozessen in den Blick kommen kann; Sprache, Medien und Technik sind immer schon da, wenn der Einzelne die Bühne betritt, und dies vor allem weist die 'Externalisierung', isoliert genommen, als eine Phantasiebildung aus.
Im Bild der zweigeteilten Sprache bereits deutet sich an, daß die Sprache grundsätzlich beide Momente miteinander verschränkt; außen und innen sind im sprachlichen Funktionieren immer schon verbunden. 'Externalisierung' kann insofern nur bedeuten, daß ein bestimmtes historisches Gleichgewicht beider Momente sich in ein neues historisches Gleichgewicht verschiebt. Und die Frage kann allenfalls sein, auf welche Weise das neue Medium den Rapport der Subjekte mit dem intersubjektiven Raum neu organisiert.
Der Vorschlag also wäre, den Begriff der 'Externalisierung' quasi eingeklammert zu verwenden. Er markiert die Phantasie, das System der Sprache im Außenraum anzuschreiben und die Differenz zwischen Sprache und Sprechen zu eliminieren. Und jeder Schritt, der diese Phantasiebildung genauer konturieren wird, wird die Vorstellung der Externalisierung differenzieren und letztlich - abtragen.
 
 


Anmerkungen:

(1) Derrida, Jacques: Grammatologie. Frankfurt/M. 1983, S. 155 (OA., frz.: 1967). zurück

(2) Kittlers sehr plastischer Begriff für die Speichermedien. zurück

(3) Eine kurzgefaßte Darstellung der These findet sich in: Grimminger, Rolf: Der Sturz der alten Ideale. Sprachkrise und Sprachkritik um die Jahrhundertwende. In: Funkkolleg Literarische Moderne. Studienbrief 3, Tübingen 1993, S. 4-31. zurück

(4) Nietzsche, Friedrich: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn. In: Werke, Bd. 5, München/Wien 1980, S. 309-322 (OA.: 1873). zurück

(5) Es ist dies die 'phonozentristische' Tradition, die von Platons 'Phaidros' ausgeht und die Derrida in der Grammatologie rekonstruiert.
Ein Kurzreferat der traditionellen, schrift-kritischen Positionen enthält: Assmann, Aleida: Exkarnation. Gedanken zur Grenze zwischen Körper und Schrift. In: Huber, Jörg; Müller, Alois Martin (Hg.): Raum und Verfahren. Basel/Frankfurt 1993, S. 133-155. zurück

(6) Warum z.B. nicht im Medium Fernsehen philosophieren, wenn Nietzsche sogar den Hammer als Medium der Philosophie nicht ausgeschlossen hatte... zurück

(7) Derrida, Grammatologie, a.a.O., S. 154 (Erg. H.W.). zurück

(8) McLuhan, Marshall: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Düsseldorf/Wien 1968 (OA., am.: 1962). zurück

(9) Das Fernsehen ist für McLuhan zentral, immer wieder aber finden sich auch Hinweise auf die Computer (siehe etwa: McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle. 'Understanding Media'. Düsseldorf-Wien 1968, S. 62, 386ff (OA., am.: 1964)).
Die Vermischung beider Sphären hat sich bis heute etwa im Begriff der 'Screenmedia' halten können. zurück

(10) Bolz, Norbert: Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse. München 1993. zurück

(11) - Kittler, Friedrich: Die Welt des Symbolischen - eine Welt der Maschine. In: ders.: Draculas Vermächtnis. Technische Schriften. Leipzig 1993, S. 58-80;
- Tholen, Georg Christoph: Platzverweis. Unmögliche Zwischenspiele zwischen Mensch und Maschine. In: Bolz, Norbert; Kittler, Friedrich; Tholen, Christoph (Hg.): Computer als Medium. München 1994, S. 111-135. zurück

(12) "Erst die zeitliche Topik der Zeichenverkettung des von Turing kongenial entworfenen Papierbandes, welches nur mit den zwei alphabetisch willkürlichen Symbolen 0 und 1, d.h. genauer: vermittels der Alternanz ihrer Anwesenheit und Abwesenheit, beschrieben ist, vermag als sinnaufschiebendes Spiel der Verweisung jedwede essentielle Bestimmung von Mensch und Maschine zu durchkreuzen." (Tholen, a.a.O., S. 118f). zurück

(13) Eine differenziertere Auseinandersetzung mit diesen Modellen findet sich im sechsten Kapitel dieser Arbeit. zurück

(14) In seiner kritisch- zusammenfassenden Darstellung unterscheidet Dreyfus zwei Phasen in der Geschichte der KI: die Phase der kognitiven Simulation (1957-62) und die der semantischen Informationsverarbeitung (1962-67). Daraus läßt sich ablesen, daß in der KI ein Paradigmenwechsel sich vollzogen hat von der Gehirnmetapher zur Sprachmetapher (Dreyfus, Hubert L.: Was Computer nicht können. Die Grenzen künstlicher Intelligenz. Frankfurt/M. 1989 (OA., am.: 1972)); und Rötzer summiert: "...daß in den Computersimulationen der künstlichen Intelligenz eben die Semantik am meisten Schwierigkeiten macht." (Rötzer, Florian: Mediales und Digitales. Zerstreute Bemerkungen und Hinweise eines irritierten informations- verarbeitenden Systems. In: ders. (Hg.): Digitaler Schein. Ästhetik der elektronischen Medien. Frankfurt/M. 1991, S. 52). zurück

(15) Minskys Buch Mentopolis markiert die Grenze als eines der letzten Semantikmodelle, die die KI entwickelt hat; danach nimmt die KI die Argumentation ihrer Kritiker auf und geht von Problemen der Sprache vor allem auf Probleme des Lernens über... (Minsky, Marvin: Mentopolis. Stuttgart 1990, S. 196ff, 261ff (OA., am.: 1985)). zurück

(16) Am bekanntesten sind Minskys 'Frames', daneben der Begriff der 'Szenen'. zurück

(17) Flusser, Vilém: Die Schrift. Frankfurt/M. 1992, S. 11 (OA.: 1987) (Erg. H.W.; im Original: dieser ersten Betrachtung). zurück

(18) "Was die Sprache von allen anderen Zeichen trennt und ihr gestattet, in der Repräsentation eine entscheidende Rolle zu spielen, ist also nicht so sehr ihr individueller oder kollektiver, natürlicher oder arbiträrer Charakter, sondern die Tatsache, daß sie die Repräsentation nach einer notwendig sukzessiven Ordnung analysiert: die Laute sind in der Tat nur jeder für sich artikulierbar. Die Sprache kann den Gedanken nicht mit einem Schlag in seiner Totalität darstellen. Sie muß ihn Teil für Teil nach einer linearen Ordnung anlegen." (Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt/M. 1974, S. 119 (im Orig.: nicht sosehr) (OA., frz.: 1966)).
Daß Foucault die mündliche Sprache als Beispiel wählt, zeigt, daß nicht nur die Schrift dem Prinzip der linearen Anordnung folgt. zurück

(19) Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand. Hamburg 1981, Bd. 1, S. 167 (OA., engl.: 1690). zurück

(20) Flusser sieht hier eine Verbindung zum Prinzip der Analyse und des Ordnens allgemein (a.a.O., S. 10ff); zum Begriff der Verräumlichung siehe: Derrida, Grammatologie, a.a.O., S. 153. zurück

(21) Zum Problem der Linearität siehe auch:
- Friedrich, Johannes: Geschichte der Schrift. Unter besonderer Berücksichtigung ihrer geistigen Entwicklung. Heidelberg 1966, S. 44, 62, 66, 160, 220.
- Goody, Jack; Watt, Ian; Gough, Kathleen: Entstehung und Folgen der Schriftkultur. Frankfurt/M. 1991, S. 116, 132 (OA., am.: 1968).
- Ong, Walter J.: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. Opladen 1987, S. 101, 124, 142, 147f (OA., am.: 1982).
- Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt/M. 1976, S. 308, 326, 333, 334f, 341f (OA., frz.: 1967).
- Flusser, Die Schrift, a.a.O., S. 7, 10f, 24, 33, 35, 44, 47, 104, 109f, 128, 135. zurück

(22) Ein sehr einfaches Beispiel für das Auftreten nicht-sequentieller Formen sind zwei Romane, die es dem Leser freistellen, in welcher Reihenfolge er die Kapitel liest: Cortázar, Julio: Rayuela. Himmel und Hölle. Frankfurt/M. 1987 (OA.: 1963) und Pavi, Milorad: Das chasarische Wörterbuch. Lexikonroman. München 1991 (OA., serbo-kroat.: 1984). zurück

(23) So beschreibt Bolz, daß innerhalb der Musik das Gewicht von der Melodieführung auf den 'Sound' übergeht, und macht diesen Umschwung an Nietzsches Wagnerkritik deutlich: "Wagner verkenne die 'Optik' der eigenen Arbeit. Seine Meisterstücke seien in der Tat Stückwerk, 'oft nur Einen Takt lang': musikalische Sonden ins 'Mikroskopische der Seele'; musikalische Schöpfungen aus Nichts, jenseits der Kausalität, als Augenblicke 'allerkürzesten Geniessens'. [...] 'Mosaik-Effekt' [...]. 'Dieses Beseelen, Beleben der kleinsten Redeteile der Musik [...] ist ein typisches Verfalls-Symptom, ein Beweis dafür, daß sich das Leben aus dem Ganzen zurückgezogen hat und im Kleinsten luxuriert. Die 'Phrasierung' wäre demnach die Symptomatik eines Niedergangs der organisierenden Kraft: anders ausgedrückt: der Unfähigkeit, große Verhältnisse noch rhythmisch zu überspannen'. [...] 'Die Farbe des Klangs entscheidet hier; was erklingt, ist beinahe gleichgültig.'" (Bolz, Norbert: Theorie der neuen Medien. München 1990, S. 37ff).
Oder McLuhan: "Gemäß Mellers bestand die Rolle der Polyphonie darin, daß sie die alte monodische Linie zerstörte." (McLuhan, Gutenberggalaxis, a.a.O., S. 272). zurück

(24) McLuhan, Gutenberg-Galaxis, a.a.O., S. 339; McLuhan zitiert einen Text von Whittaker (1948). zurück

(25) Landow, George P.: Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology. Baltimore 1992, S. 81;
oder Derrida selbst: "Das rätselhafte Modell der Linie ist also gerade das, was die Philosophie, als sie ihren Blick auf das Innere ihrer eigenen Geschichte gerichtet hielt, nicht sehen konnte. Diese Nacht hellt sich in dem Augenblick ein wenig auf, wo die Linearität - die nicht der Verlust noch die Abwesenheit, sondern die Verdrängung des mehrdimensionalen symbolischen Denkens ist - ihre Unterdrückung lockert [...] mit dem massiven Wiederauftreten der nicht-linearen Schrift"... (D., Grammatologie, a.a.O., S. 153f, siehe auch S. 151ff). zurück

(26) Bolz, Norbert: Zur Theorie der Hypermedien. In: Huber, Jörg; Müller, Alois Martin (Hg.): Raum und Verfahren. Basel/Frankfurt 1993, S. 18. zurück

(27) Ebd., S. 19. zurück

(28) Flusser, Die Schrift, a.a.O., S. 17 (Erg. H.W.). zurück

(29) Ebd., S. 18. zurück

(30) Die Schriftgeschichte ist eines der strittigsten Themen innerhalb der Mediengeschichtsschreibung und derzeit ist vollständig unklar, ob die abstrakten Schriften sich aus ikonischen Schriftsystemen entwickelt haben oder aus immer schon abstrakten Zähl- und Markierungssystemen; in beiden Fällen jedoch ist die Konfrontation mit den Bildern plausibel... zurück

(31) Auch die Neuro-Wissenschaften haben zu dieser Frage bisher wenig Gewißheiten beisteuern können. zurück

(32) De Saussure, Ferdinand: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin 1967 (OA., frz.: 1916). zurück

(33) "Stets sucht wer eine Erinnerung hervorrufen will, zunächst nach einem Faden, an dem sie durch die Gedankenassociation hängt. [...] Im Grund beruht unser unmittelbares, d. h. nicht durch mnemonische Künste vermitteltes, Wortgedächtniß, und mit diesem unsere ganze Sprachfähigkeit, auf der unmittelbaren Gedankenassociation." (Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung II. Zürich 1977, S. 155f (OA.: 1844)). zurück

(34) "Die Beziehungen [...] zwischen sprachlichen Gliedern gehen in zwei verschiedenen Sphären vor sich, [...] sie entsprechen zwei Arten unserer geistigen Tätigkeit, die beide für das Leben der Sprache unentbehrlich sind. Einerseits gehen die Worte infolge ihrer Verkettung beim Ablauf irgendwelcher Aussagen Beziehungen unter sich ein, die auf dem linearen Charakter der Sprache beruhen, der es unmöglich macht, zwei Elemente zu gleicher Zeit auszusprechen. [...] Sie reihen sich eins nach dem andern in der Kette des Sprechens an, und diese Kombinationen, deren Grundlage die Ausdehnung ist, können [...] Syntagmen genannt werden. [...]
Andererseits aber assoziieren sich außerhalb des gesprochenen Satzes die Wörter, die irgend etwas unter sich gemein haben, im Gedächtnis [...]. Man sieht, daß diese Zusammenordnungen von ganz anderer Art sind als die ersteren; sie sind nicht von der Zeiterstreckung getragen; ihr Sitz ist im Gehirn; sie sind Teile jenes inneren Schatzes, der bei jedem Individuum die Sprache bildet. Wir wollen sie assoziative Beziehungen nennen.
Die syntagmatische oder Anreihungsbeziehung besteht in praesentia: sie beruht auf zwei oder mehreren in einer bestehenden Reihe neben einander vorhandenen Gliedern. Im Gegensatz dazu verbindet die assoziative Beziehung Glieder in absentia in einer möglichen Gedächtnisreihe."
(Saussure, Grundfragen, a.a.O., S. 147f. Als 'paradigmatisch' sind diese Reihen erst später bezeichnet worden, Saussure selbst nennt sie ausschließlich 'assoziativ'). zurück

(35) Ebd., S. 137f. zurück

(36) Eine zusammenfassende Darstellung der im folgenden zitierten Semantikmodelle findet sich bei: Lyons, John: Semantik. Bd. 1, München 1980, S. 259ff (OA., am.: 1977). zurück

(37) Ebd., S. 289. zurück

(38) Ebd., S. 301. zurück

(39) Ebd., S. 327. zurück

(40) Dies ist der Einwand vor allem der Theorien der 'direkten Referenz', wie sie in der Tradition der sprachanalytischen Philosopie in den USA entstanden sind. zurück

(41) "Die Voraussetzung, daß die naive dreidimensionale Geometrie mit der Struktur des Raums übereinstimmt oder sie sogar festlegt, wie beispielsweise noch Immanuel Kant behauptete, mußte aufgegeben werden, sobald man erkannt hatte, daß nichteuklidische Geometrien für den Raum ebenso grundlegend sein können wie die euklidische. Der Begriff des beliebigdimensionalen Raums n wurde zuerst von dem französischen Mathematiker Joseph Louis Lagrange (1736- 1813) gebraucht. Bereits Carl Friedrich Gauß (1777-1855) hielt eine Geometrie von mehr als drei Dimensionen für möglich." (Glaser, Peter: Das Innere der Wir-Maschine. In: Waffender, Manfred (Hg.): Cyberspace. Ausflüge in virtuelle Wirklichkeiten. Reinbek 1991, S. 229). zurück

(42) Die Vorstellung betrachtet die syntagmatische Anreihung als ein reines Nacheinander, spart die syntaktische Strukturierung also aus. zurück

(43) - Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. In: Studienausgabe, Bd. 2, Frankfurt/M. 1972 (OA.: 1900);
- ders.: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglauben und Irrtum. Frankfurt/M. 1993 (OA.: 1904). zurück

(44) Freud, Zur Psychopathologie, a.a.O., S. 13ff. zurück

(45) Ebd., S. 16. zurück

(46) Lacan, Jacques: Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud. In: ders.: Schriften. Bd. 2, Olten 1975, S. 27ff (Erg. H.W.) (OA., frz.: 1957). zurück

(47) Ich habe an anderer Stelle zu zeigen versucht, daß der Begriff der Konnotation damit seine Bedeutung ändert und innerhalb der Bedeutungstheorie wichtiger werden könnte (W., H.: Metapher, Kontext, Diskurs, System. In: Kodikas/Code. Ars Semeiotika. An International Journal of Semiotics. Vol. 12, 1989, Nr. 1/2, S. 21-40). zurück

(48) Siehe auch zur Mnemotechnik der mittelalterlichen Klöster:
"Die oratio trägt dazu bei, die Worte der Schrift im Geist zu durchtränken; verbale Echos können dann in solchem Maße das Gedächtnis erregen, daß eine bloße Anspielung auf ein Bibelwort genügt, um spontan ganze andere Passagen aus andern Stellen der Bibel aufzurufen. Diese Wörter wurden als 'Haken' beschrieben, die sich mit einem oder mehreren andern verhaken, schließlich eine Kette bilden und das Gewebe der Gedankenassoziationen des Mönchs bilden. Wenn ein Mönch schreibt, wird seine Schrift schon im Entwurf gänzlich von diesen weit ausgreifenden Reminiszenzen dominiert." (Coleman, Janet: Das Bleichen des Gedächtnisses. St. Bernhards monastische Mnemotechnik. In: Haverkamp, Anselm; Lachmann, Renate (Hg.): Gedächtniskunst. Raum - Bild - Schrift. Frank- furt/M. 1991, S. 208.)
Das ehrwürdige Oxford English Dictionary (OED) geht denselben Weg, wenn es zu vielen Begriffen Belegstellen aus historischen, philosophischen oder literarischen Texten anführt. zurück

(49) Lacan, Das Drängen..., a.a.O., S. 29. zurück

(50) Bühler, Karl: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena 1934, S. 184. zurück

(51) "Uns interessiert das Gewebe, [...] das Netz [...]. Wie aber ein Netz ausmachen? Indem man wiederkehrt, zurückkehrt, seinen Weg kreuzt, indem es immer zu derselben Überschneidung kommt". (Lacan, Jacques: Unbewußtes und Wiederholung. In: ders.: Das Seminar, Buch XI. Olten 1980, S. 51 (OA., frz.: 1964). zurück

(52) "Freud deduziert aus seiner Erfahrung die Notwendigkeit einer absoluten Trennung von Wahrnehmung und Bewußtsein - damit etwas in die Erinnerung eingeht, muß es zuerst in der Wahrnehmung gelöscht sein, und umgekehrt. [...] Was aber wäre das - wenn nicht die Signifikantensynchronie." (Ebd., S. 52). zurück

(53) "In diesen Artikulationen bei Freud [finden wir] einen unzweideutigen Hinweis dafür [...], daß es sich bei dieser Synchronie nicht bloß um ein aus Zufalls- oder Kontiguitätsassoziationen gebildetes Netz handelt. Die Signi- fikanten vermochten sich simultan nur zu konstituieren auf Grund einer streng definierten Struktur der konstituierenden Diachronie. Die Diachronie ist gerichtet durch die Struktur." (Ebd. (Erg. H.W.)). zurück

(54) "hyper- [...] in Zssgn hyper..., super..., über..., 'übermäßig." (Langenscheids Handwörterbuch Englisch. Berlin/München/.. 1987, S. 311). zurück

(55) Die entsprechenden Programme helfen sich, indem sie sogenannte 'Views' anbieten, die jeweils zwei Dimensionen der Datenstruktur auf den Bildschirm bringen; die n-dimensionale Datenstruktur also wird in mehrere unabhängige Tabellen aufgeteilt... zurück

(56) Wenn hier auch bereits Unterschiede in der Zugriffszeit zu einer relevanten Größe werden. zurück

(57) Bolz, Am Ende der Gutenberggalaxis, a.a.O., S. 207f (im Original: für jene komplexe Theorie des Komplexen). zurück

(58) Das Problem, daß kürzere Textbausteine wiederum nur durch Dekontextualisierung zu gewinnen sind, wird bei Bolz angesprochen. zurück

(59) Zum Hypertext siehe zusätzlich:
- Idensen, Heiko; Krohn, Matthias: Bild-Schirm-Denken. Manual für hypermediale Diskurstechniken. In: Bolz/Kittler/Tholen (Hg.), Computer als Medium, a.a.O., S. 245-266.
- dies.: Kunst-Netzwerke: Ideen als Objekte. In: Rötzer, Florian (Hg.): Digitaler Schein. Ästhetik der elektronischen Medien. Frankfurt/M. 1991, S. 371-396. zurück

(60) Siehe zum Beispiel mit einer geradezu unerträglichen Mischung aus Autoritätsbezug und Überhebung Bolz:
"Man kann Marshall McLuhans Medientheorie und Walter Benjamins Passagenwerk als Versuche begreifen, der neuen Medienwelt darstellungstechnisch gerecht zu werden. Es sind keine Bücher mehr, sondern Mosaike aus Zitaten und Gedankensplittern - Schreiben wie Kino. So versucht das Medium Buch, mit der simultanen Wahrnehmung Schritt zu halten. Doch, bemerkt Nam June Paik, auch ein radikaler Experimentalschriftsteller wie 'der arme Joyce war gezwungen, die parallel weiterlaufenden Geschichten in einem Buch mit Einbahn-Richtung zu schreiben, wegen der Buch-Ontologie'. Diese Versuche, Bücher zu schreiben, die die Buchform sprengen, sind gerade in ihrem Scheitern lehrreich. Offensichtlich ist das Informationsverarbeitungssystem Buch der Komplexität unserer sozialen Systeme nicht mehr gewachsen. [...] Deshalb organisieren Autoren, die das wissen und doch Autoren bleiben wollen, ihre Bücher nach Strukturen und Mustern, die sie nicht- linearen Informationsverarbeitungssystemen entwendet haben. So sind Wittgensteins Philosophische Untersuchungen Hypertext avant la lettre - eine Zick-Zack-Reise über Gedankenfelder. Er konnte die extrem komplizierten Beziehungen seiner philosophischen Bemerkungen nur noch durch rigorose Verknüpfung mit einem Zahlennetzwerk deutlich machen. Wird diese intensive Verknüpfung nun noch vom Einheitsphantom eines eigenen Gedankenfeldes befreit, so entsteht Intertextualität: ein differentielles Netzwerk von Textspuren, die endlos auf andere verweisen. Ein klares, wenn auch im Effekt eher bescheidenes Beispiel hierfür bietet die Intertextualität der Hegel-/Genet- Kolumnen in Derridas Glas. Sehr viel weiter entwickelt ist die Hypertext-Strategie in Mille Plateaux von Deleuze und Guattari"... (Bolz, Zur Theorie der Hypermedien, a.a.O., S. 17f). zurück

(61) Landow, Hypertext, a.a.O., S. 2. zurück

(62) Ebd., S. 126. zurück

(63) - die erwähnten Querverweise - zurück

(64) Ebd., S. 35ff. zurück

(65) Das Verschwinden von Textgrenzen ist mehr als unwahrscheinlich, vor allem weil der Diskurs auf Gliederungen angewiesen ist und in jedem Fall Ersatzstrukturen sich herstellen werden; siehe Teil 2 dieser Arbeit. zurück

(66) "At least four meanings of network appear in descriptions of actual hypertext systems and plans for future ones. First, individual print works when transferred to hypertext take the form of blocks, nodes, or lexias joined by a network of links and paths. [...] Second, any gathering of lexias, whether assembled by the original author of the verbal text or by someone gathering together texts created by multiple authors, also takes the form of a network; thus document sets, whose shifting borders make them in some senses the hypertextual equivalent of a work, are called in some present systems a web. Third, the term network also refers to an electronic system involving additional computers as well as cables or wire connections [...]. The fourth meaning of network in relation to hypertext comes close to matching the use of the term in critical theory. Network in this fullest sense refers to the entirety of all those terms for which there is no term and for which other terms stand until something better comes along, or until one of them gathers fuller meanings and fuller acceptance to itself: 'literature,' 'infoworld,' 'docuverse,' in fact 'all writing' in the alphanumeric as well as Derridean senses. The future wide area networks necessary for large scale, interinstitutional and intersite hypertext systems will instantiate and reify the current information worlds, including that of literature. To gain access to information, in other words, will require access to some portion of the network. To publish in a hypertextual world requires gaining access, however limited, to the network." (Landow, Hypertext, a.a.O., S. 23f). zurück

(67) Nelson, Theodor H.: Computer Lib - Dream Machines. Michigan 1983, S. DM2 (OA.: 1974). zurück
(68) Coy, Wolfgang: Aus der Vorgeschichte des Mediums Computer. In: Bolz/Kittler/Tholen, Computer als Medium, a.a.O., S. 32. zurück

(69) Idensen/Krohn, Kunst-Netzwerke, a.a.O., S. 377. zurück

(70) Dies., Bild-Schirm-Denken, a.a.O., S. 251. zurück

(71) Dies., Kunst-Netzwerke, a.a.O., S. 373. zurück

(72) Bush, Vannevar: As We May Think. In: The Atlantic Monthly, July 1945, S. 101-108. zurück

(73) Der Bezug auf Bush findet sich bei Coy, Bolz, Idensen/Krohn und anderen... zurück

(74) Bush, As we may think, a.a.O., S. 106. zurück

(75) Ebd., S. 107. zurück

(76) Bolz, Am Ende der Gutenberggalaxis, a.a.O., S. 215. zurück

(77) Siehe noch einmal: Assmann, Exkarnation, a.a.O. zurück

(78) Kittler, Friedrich A.: Aufschreibesysteme 1800 1900. München 1985. Siehe ins- besondere die Abschnitte 'Herders Sprachanthropologie und der Seufzer Ach', S. 45ff und 'Dichtung als Ersatz sinnlicher Medien', S. 119ff. zurück

(79) Bolz, Am Ende..., a.a.O., S. 222.
Der Zusammenhang es zitierten Satzes lautet: "An die Stelle des linear-sequentiellen [Lesens der Print-Medien] tritt das peripatetische Lesen. Hypertext macht explizit, was lineare Schriften noch der hermeneutischen Arbeit auflasten: das Netzwerk seiner Referenzen. Während lineare Schrift suggeriert, ihre Ideen seinen homogen organisiert, ermöglicht der elektronische Text eine Koexistenz verschiedenster Strukturen. Der gesamte hermeneutische Gehalt eines Texts ist in der Verzweigungsstruktur seiner elektronischen Darstellung manifest. 'A hypertext system spells out the process of interpretation in an algorithm and embodies that process in a programming language.'" (Erg. H.W.). zurück

(80) "Mit dem Aufkommen der Elektrotechnik schuf der Mensch ein naturgetreues Modell seines eigenen Zentralnervensystems, das er erweiterte und nach außen verlegte." (McLuhan, Die magischen Kanäle, a.a.O., S. 52).
"Die elektromagnetische Technik verlangt äußerste Bereitwilligkeit und besinnliche Ruhe vom Menschen, die ein Organismus braucht, der nun sein Gehirn außerhalb des Schädels und seine Nerven außerhalb der Haut trägt." (Ebd., S. 68).
"Da alle Medien Teile unserer eigenen Person sind, die zum öffentlichen Bereich hin erweitert werden"... (Ebd., S. 290). zurück

(81) Siehe in besonderer Klarheit: Tholen, Platzverweis, a.a.O., S. 112ff. zurück