Es sei denn - es sei denn, es gelingt die Fusion. Die additive Wachstumslogik der Daten scheint mir nur dann zu stoppen, wenn Reaktoren entwickelt werden, die Daten verschmelzen. Stichwort dieser Forschungsrichtung ist die 'Qualitative Informationssynthese', ein relativ junges Fach, das dennoch bereits erste Ergebnisse vorzuweisen hat. Hauptproblem sind gegenwärtig die enormen Energiemengen, die bei der Synthese freigesetzt werden.
Soweit mein Exposé zu der heutigen Veranstaltung. Lassen Sie
sich durch den milden Zynismus nicht täuschen: mit dem Problem selbst
ist es mir bitter ernst. Ich denke, daß es einen eklatanten Widerspruch
gibt im Reich der Computer und der Daten; (und trösten wir uns nicht
mit der Tatsache, daß dies sicher nicht der einzige Widerspruch ist);
ich meine den Widerspruch zwischen dem Versprechen der Knappheit, der Transparenz,
ja Luzidität der aufgebauten Strukturen - ein Versprechen, das jeder
kennt, der je programmiert hat, und das einige klügere Köpfe
in die Sphäre der Rechner vielleicht überhaupt nur hineingelockt
hat -, und einer realen Entwicklung, die Daten auf Daten häuft, Inkompatibilitäten
und rapide Generationenwechsel produziert, rivalisierende 'Standards' und
Sprachen, und schließlich jenes unübersehbare Universum überwiegend
natürlichsprachlicher Texte, das wir im Datennetz gegenwärtig
vorfinden.
Die Klagen über Unübersichtlichkeit, Wuchern der Datenbestände,
Softwarekrise und Daten-'Flut' sind inzwischen Gemeinplatz; und fast begrüßen
wir die Monopolisierung auf wenige große 'Player', die in der Flut
- mit den mehr oder minder gewaltförmigen Mitteln der Ökonomie
- zumindest stabile Inseln errichten.
Das Versprechen der Knappheit, der Transparenz und der Luzidität,
eine der Basisutopien der Rechner, wie gesagt, steht dem entgegen. Aus
einer medientheoretischen Perspektive, wie ich Sie Ihnen im folgenden vorschlagen
will, wäre nach dem Verhältnis beider zu fragen. Einmal medienhistorisch:
wie es zu dem Clash so widersprüchlicher Eigenheiten überhaupt
kommen kann, und warum die Realerfahrung der Proliferation die Attraktivität
der Rechner offensichtlich wenig beschädigt; zum zweiten diskurs-ökonomisch,
was Maß und Übermaß, Knappheit und Wuchern auf dem Feld
von Diskursen und für ihr Funktionieren bedeuten; zum dritten im Medienvergleich
mit der Frage, ob und wie dasselbe Problem im Feld anderer Medien schon
einmal aufgetaucht und möglicherweise gelöst worden ist. Vor
allem diese letzte Spur möchte ich hier verfolgen.
Das Stichwort der 'Schwerdatenforschung', dem ich seine subtile Ironie
zugute halte - sind doch Ironie und uneigentliches Sprechen eine relative
Innovation in der Debatte um die Computer - greife ich auf, wo es Materieteilchen
und Daten, die Atome der physikalischen Welt und die Atome der Information,
und folglich die Abgründe der subatomaren Physik und diejenigen der
automatisierten Datenverarbeitung aufeinander bezieht. In beiden Sphären
wurde die Vorstellung eines Baukastens beschreibbarer, kleinster Elemente
grausam enttäuscht. In der Sphäre der Physik, sofern man den
populären Darstellungen trauen kann, in dem die Atome sich in immer
kleinere, immer weniger beobachtbare, von der Beobachtung zunehmend abhängige,
immer weniger objektive Entitäten auflösen, bis die Fachleute
beginnen von 'virtuellen' Teilchen zu sprechen, und also die Virtualität
die Sphäre des Tatsächlichen unterminiert. In der Sphäre
der 'Daten', indem uns die Ahnung anfällt, daß zwar die Bits
gewiß sein mögen, und damit jenes Basis-Raster, an dem jede
Analyse endet, und das die Computer wie ein Netz vor dem Absturz in die
Abgründe der Teilchenphysik bewahrt, daß die abgewiesene Komplexität
aber wiederkehrt in der Explosion der Mega-, Giga- und Terabytes, und allgemein
in der additiven Grundlogik des Digitalen, die sich schnell als naiv und
als von der Anlage her unterkomplex erweisen könnte. (Wenn Martin
Warnke also sagt: "size does matter", so kann ich dem nur vollinhaltlich
zustimmen).
Die Frage also gilt - ganz unironisch-tatsächlich - den Mechanismen
der Datenfusion. Prozessen, die die quantitative Explosion auf dem Terrain
anderer Medien begrenzen, Prozessen der Informations-Synthese und der Verdichtung,
Prozessen also, die die additive Grundlogik des Digitalen verlassen und
in der Folge, dies ist mein Eindruck, den scheinbar gewissen Begriff der
'Daten' in seiner Substanz antasten. Aber warten wir ab.
1
Ich möchte Ihnen mein Thema relativ knapp, verdichtet (?) und skizzenhaft
in drei Stufen entfalten. Gestoßen bin ich auf das Problem, als ich
versucht habe, der ehrwürdigen Gedächtnis- und Gehirnmetapher
nachzugehen, die die Debatte um die Rechner lange bestimmt hat. Obwohl
inzwischen weitgehend outdated, kehrt sie wieder in der Kognitionstheorie,
in Teilen der KI-Forschung, und übrigens auch der Gedächtnistheorie
selbst, und allgemein immer dann, wenn Speichern und Erinnern, oder Speicher
und Gedächtnis in eins gesetzt werden; in meinem Buch 'Docuverse'
habe ich zu zeigen versucht, daß dieser Vergleich nicht nur ein naiver
Anthropomorphismus ist, der gerade die aficionados der neuen Technologien
aufs Tiefste alarmieren müßte, sondern falsch vor allem nach
der anderen Seite, insofern das menschliche Gedächtnis gerade nicht
als ein mechanischer Speicher beschrieben werden kann.
Blicken wir also zunächst nicht auf die Speichermedien sondern
auf das menschliche Gedächtnis. Mit sehr unterschiedlichen Autoren
der Gedächtnistheorie habe ich argumentiert, daß die Stärke
des menschlichen Gedächtnisses gerade nicht das unverändert-treuliche
Bewahren ist, sondern - paradox - das Vergessen. Ein Vergessen allerdings,
das nicht ein Verlieren bedeutet; zweifellos fällt das meiste, was
wir wahrnehmen, dem Vergessen anheim. Dies aber bedeutet keineswegs, daß
all diese Wahrnehmungen spurlos verschwinden. Vergessen vielmehr muß
als ein dialektischer Prozeß beschrieben werden, der die jeweils
konkrete Wahrnehmung verabschiedet, ein allgemeineres, strukturelles Moment
aber bewahrt.
Insofern also handelt es sich bei unserem Vergessen, und dies ist die
Formel, die ich vorgeschlagen habe, um ein 'Vergessen hinein in die Struktur'.
Die meisten unserer Wahrnehmungen gehen im Vergessen unter. Jede konkrete
Wahrnehmung aber verändert, wie geringfügig auch immer, die Struktur
unserer Vorannahmen, unseres Weltbildes, und des Rasters, mit dem wir der
Welt begegnen; Wahrnehmung und diskursive Ereignisse verschwinden zwar,
aber sie verschwinden nicht völlig, sondern bleiben in gewisser Weise
- abstrahiert, kondensiert, in ihrem strukturellen Moment eben - erhalten.
Von dieser Vorstellung aus ergeben sich Anknüpfungspunkte zum
Begriff der Verdichtung in der Psychoanalyse, zu Freuds 'Wunderblock',
zur Theorie der Signifikatbildung in der Sprachwissenschaft, zur Schematheorie
der Psychologen und zur Stereotypentheorie innerhalb der Medienwissenschaften.
Allen diesen Ansätzen ist gemeinsam, daß sie die Herausbildung
von Mustern beschreiben.
Diskursökonomisch-quantitativ bedeutet dies, und nur deshalb referiere
ich Ihnen mein Modell, den Vorgang einer dramatischen Verdichtung.
Mit Hilfe unseres Gedächtnisses, oder eben Vergessens, arbeiten wir
die überwältigende Vielfalt von außen kommender Reize in
eine kompakte, knappe und ökonomische Repräsentationsform um.
Wo Wahrnehmung und Diskurs unendlich - additiv - Vielfalt liefern, reagiert
unser Gedächtnis/Vergessen eben mit Kondensation.
Und war nicht dies die Ausgangsfrage? Leistet nicht unser menschliches
Gedächtnis - begrenzt, hinfällig, unzuverlässig und durch
die mechanischen Speicher quantitativ überboten - exakt jene 'Datenfusion',
der die Frage galt?
Die etwas höhnische Folgerung in 'Docuverse' war, daß die
Rechner vielleicht die unendliche Speicherung, wohl kaum aber das verdichtend-produktive-strukturbildende
Vergessen werden erreichen und überbieten können.
2
Inzwischen habe ich an dieser Conclusio einige Zweifel bekommen. Und
zwar von zwei Seiten. Zum einen habe ich bereits im Buch selbst gefragt,
ob es Mechanismen gibt, die auf der Ebene der Diskurse, auf intersubjektiv/langfristigerer
Ebene also, dem individuellen Vergessen entsprechen. Geht man vom individuellen
zum kollektiven Gedächtnis über, ist die Klarheit der Trennung
Speichern versus Erinnern/Vergessen wieder gefährdet. Auf einer historischen
Makroebene wälzt der Diskurs sich fort und arbeitet die kollektiven
Wissensbestände und Weltbilder um; die einzelnen diskursiven Ereignisse
gehen unter wie die beteiligten Individuen; zu jedem Zeitpunkt aber präsentiert
sich das Verfügbare als erneuerte Totalität, als System kollektiver
Schemata und Vorannahmen, das seine Funktionalität und seinen Zusammenhalt
sichert.
Der Bilderdiskurs beispielsweise kennt eben nicht nur diskursive Einzelereignisse,
sondern produziert Muster, Stereotypen und Schemata, ein Produkt der Verdichtung
und der verdichtenden Wiederholung, die konkrete Ereignisse auf intersubjektiver
Ebene in Strukturen umarbeitet. In ähnlicher Weise müssen die
konventionalisierten Zeichen der Sprache als Resultat von Wiederholungs-,
Konventionalisierungs- und Verdichtungsprozessen verstanden werden.
Ich habe hierzu kein kohärentes Modell, sehr wohl aber die Intuition,
daß sich auf diese Weise, wie Heyl bereits geschrieben hat,(1)
kollektive und individuelle Prozesse berühren, in einer Weise, die,
obwohl im intersubjektiven Raum, eher dem Muster des individuellen Gedächtnisses
als der naiven Polarität von Speichern und Löschen folgt.
Was dies für eine Theorie der Speichermedien und insbesondere
der Computer bedeutet, wie gesagt, ist weitgehend ungedacht; (und mein
Vorschlag wäre, hier konkrete diskursökonomische Mechanismen
wie Zitationsverhältnisse, Intertextualität, das Umschreiben
alter Bücher in neue Bücher, Wechsel von Software-Standards und
dergl. quantitativ-objektive Mechanismen zu untersuchen). Klar aber ist,
daß vielleicht nicht die einzelnen Speichermedien, sehr wohl aber
die Diskurse als ganze über Mechanismen analog zu Vergessen und Verdichtung
verfügen.
3
Einigermaßen vollständig wird die Irritation, und dies ist
mein dritter Punkt, sobald man das wohl spezifischste Spezifikum der Computer
- ihre Bindung an Formalsprachen und Formalisierung - einbezieht.
Nun nämlich schlägt der Zweifel auf mein Bild der Computer selbst
zurück.
Ich habe an anderer Stelle vorgeschlagen, den formalen Charakter von
Formalsprachen nicht einfach hinzunehmen, sondern die Modelle auf ihr Verhältnis
zur Sphäre des Modellierten zu befragen.j(2)
Im Mittelpunkt meiner Recherche stand der Begriff der Rekursion: Wenn Programmierbarkeit
bedeutet, potentiell unendlich komplexe Vorgänge auf wiederholbare
Einzelschritte zu reduzieren, so hat dies zwei Dimensionen:
In der Arbeit des Systemanalytikers, also auf der Schnittstelle zwischen
dem Problem - Teil der tatsächlichen Welt, die modelliert werden soll
- und zweitens dem Modell im Rechner, das solche Erdenschwere hinter sich
gelassen hat, entscheidet über die 'Programmierbarkeit' ein konkreter
Prozeß der Abstraktion; während die Theorie uns überzeugen
will, daß es sich bei den Rechnermodellen um wert- und referenzfreie
Spiele handelt, läuft tatsächlich ein sehr handfester 'Verifizierungsprozeß',
der die Modelle an der Welt mißt, die Wetterprognose am tatsächlich
eingetretenen Wetter, die Steuerung des 'intelligent missile' am Erreichen
des Ziels.
Mein Vorschlag auf dieser Ebene ist, nicht die Existenz von Formalsprachen
in den Mittelpunkt der Überlegung zu stellen, sondern die konkreten
Mechanismen der Abstraktion und der Formalisierung, die sich in der Arbeit
des Systemanalytikers, auf dem Weg vom Problem zum Modell ereignen.
Die zweite Ebene ist diejenige innerhalb der Programme selbst. Wenn
ich gesagt habe, daß die Isolation wiederholbarer Schritte der Kern
von Programmierbarkeit ist - ohne Wiederholbarkeit kein Programm -, so
rücken Rekursion und ihre trivialere Schwester, die Schleife,
in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und nun tritt ein verblüffend-quantitativer
Zug hervor: auf dem Hintergrund der Verdichtungs-Problematik nämlich
wird deutlich, daß in Programm, Wiederholung und Schleife zwei Modi
der Artikulation sich verschränken: Während in der Ausführung
des Programms die Schleife immer wieder tatsächlich durchlaufen werden
muß, bis die Schlußbedingung erfüllt ist - eine quälende
Wiederholung, erträglich vielleicht nur, weil sie einer Maschine überantwortet
ist - hat das Programm selbst mit seinem 'do while' eine sehr knappe Formulierung
für diese Wiederholung gefunden.
Das Schreiben von Programmen und die Konstruktion von Formalsprachen
also erlauben, ja mehr noch: sie bestehen in einer drastischen Datenreduktion:
die tatsächliche, quälende Wiederholung wird der Maschine übergeben,
das Programm selbst enthält nur die Anweisung; seine Schlankheit und
Knappheit, seine Transparenz und Eleganz, sein Skelettcharakter verdankt
sich dieser Tatsache; und 'formal' ist das Programm nicht, weil es sich
einer präexistenten Formalsprache bedient, sondern weil es eine Formulierung
für Wiederholung findet, die die Wiederholung selbst nicht enthält.
Formalisierung und Formalisierbarkeit bedeuten insofern beides: die Unterstellung
von Wiederholbarkeit und den Affekt gegen die faktische Wiederholung; Programme
verabschieden das 'Fleisch' der modellierten Probleme, um nur das Skelett,
ihre innere Struktur nachzuzeichnen.
4
Zur Erinnerung: Wir waren ausgegangen vom Problem einer quantitativen
Explosion der vorfindlichen Daten und von der Utopie ihrer 'Fusion' oder
Verdichtung; und ich hatte zu zeigen versucht, daß das menschliche
Gedächtnis bzw. Vergessen ein Reaktor zur Datenfusion und zur 'qualitativen
Informationssynthese' ist. Der zweite Schritt war, den selben Mechanismus
auf der Stufe der Diskurse in Arbeit zu zeigen: in der Generierung und
Durchsetzung von Mustern, von Stereotypen, von Konventionen und schließlich
von Zeichen, die ebenfalls große Quantitäten diskursiver Ereignisse
in knappster Form einkapseln, und dem weiteren Gebrauch verdichtet zur
Verfügung stellen.
An diese Linie wären 'Formalsprachen' und 'Formalisierung' nun
anzuschließen. In meinen Augen handelt es sich ebenfalls um einen
Typus von Schemabildung, der folglich mit anderen Typen der Schemabildung
konkurriert. Die Stereotypen des Bilderdiskurses, die konventionalisierten
Zeichen der Sprache und eben die Algorithmen haben gemeinsam, daß
sie in knappster Form für ein unendlich Ausgedehntes stehen; ihr Geltungsanspruch
und ihr Verhältnis zum Referenten mag differieren, gemeinsam aber
ist der Mechanismus und der Anspruch der Kondensation.
Was aber bedeutet es dann, daß diese Kondensation offensichtlich
mißlingt? Daß im Datenuniversum nicht die Knappheit der Algorithmen
sich durchsetzt, sondern der Quellcode, wie Kittler sagt, buchstäblich
quillt? Was es bedeutet, denke ich, wissen wir nicht. Wir wissen, daß
die anderen Zeichensysteme unter der gleichen Krankheit einer quantitativen
Wucherung leiden: daß der Bilderdiskurs übergegangen ist in
die Proliferation der projektiert 500 TV-Kanäle, und das Bücheruniversum
inzwischen alle Bibliotheken mühelos sprengt. Die Knappheit der Algorithmen
hatte in Anlehnung an die Knappheit der Mathematik eine Lösung versprochen.
Einlösen, denke ich, kann sie ihr Versprechen nicht.
Anmerkungen:
(1) Hejl, Peter M.: Wie Gesellschaften Erfahrungen
machen oder was Gesellschaftstheorie zum Verständnis des Gedächtnisproblems
beitragen kann. In: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Gedächtnis. Frankfurt/M.
1991, S. 293-336.
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(2) Winkler, Hartmut: Über Rekursion. Eine Überlegung zu Programmierbarkeit, Wiederholung, Verdichtung und Schema. (print in c't, Nr. 9'99, S. 234-240, preprint: http://www.uni-paderborn.de/~winkler/rekursio.html). zurück