(geschrieben im Juni 1994 fuer einen österreichischen Sammelband zu den sogenannten Apparatus-Theorien. Gedruckt in: Riesinger, Robert F. (Hg.): Der kinematographische Apparat. Geschichte und Gegenwart einer interdisziplinären Debatte. Münster 2003, S. 217-236 - website creation date 17. 02. 97, update: 28. 05. 03, expiration date 28. 05. 2006, 70 KB, url: www.uni-paderborn.de /~winkler/flogging.html, language: German, © H. Winkler 1997, home - ( keys: media theory, film theory, ideology, apparatus, technology, Kittler, Bolz, Comolli, Baudry, Pleynet )

Hartmut Winkler

Flogging a dead horse ?

Zum Begriff der Ideologie in der Apparatusdebatte, 
bei Bolz und bei Kittler.

Vorbemerkung zur Web-Veröffentlichung: Die sogenannte 'Apparatus-Debatte' begann 1969 in Frankreich und wurde bis Mitte der achtziger Jahre in den USA fortgesetzt. Sie gehört heute zum Kernbestand der Filmtheorie. Die Ausgangstexte (0) waren ein Beitrag vor allem zur Techniktheorie des Films und versuchten den Film auf neue Weise in der Technik- und Kulturgeschichte zu verorten. Im Mittelpunkt standen der Begriff des 'Dispositivs' und eben der der Ideologie.


Selbst ausgebaute Theorien haben inzwischen eine verblüffend kurze Halbwertzeit. Die schnelle Abfolge neuer Paradigmen läßt als erledigt zurück, was eben noch als äußerst interessant und problematisch erschien, und ganzen Diskursen kommt der Kontext abhanden, bevor die zentralen Fragen geklärt oder auch nur als solche freigestellt worden sind. Und meist - dies ist auffällig - sind es einzelne Kategorien, bei denen die Erosion besonders früh und besonders nachhaltig einsetzt...
Der Begriff der 'Ideologie', den die Apparatustexte sehr selbstverständlich in Anspruch genommen haben, ist für die heutige Rezeption zweifellos ein solcher Punkt der Krise.
Noch während die Debatte lief, brach der politische Rahmen zusammen, in dem dieser Begriff seinen Ort hatte und auf den er zwingend angewiesen schien, und was übrig blieb, waren sehr schlichte, vulgär-marxistische Definitionen wie die Rede vom 'falschen Bewußtsein', die sofort und zu Recht den Hohn der wahrheitskritischen Modelle auf sich ziehen mußten. Gleichzeitig aber kann der Ideologiebegriff aus den Apparatustheorien nicht einfach verabschiedet werden. Zumindest innerhalb der Basistexte(1) bildet er den Fluchtpunkt, in dem die Technikkritik und die gesellschaftstheoretischen Überlegungen zusammenlaufen, und er bestimmt das Erkenntnisinteresse, das filmische Dispositiv als eine technisch/soziale Gesamtanordnung überhaupt in den Blick zu nehmen; auch dort, wo die Debatte sich auf das engere Feld der Psychoanalyse eingrenzte, wird man von einem zumindest verdeckten Fortwirken des Begriffs ausgehen müssen.
Die Einschätzung des Ideologiebegriffs hat insofern Bedeutung für die Einschätzung der Debatte insgesamt; man kann die Apparatustheorien als einen historischen Diskurs betrachten, als eine Phase, die die Theoriebildung in ihrem kontinuierlichen Fortschreiten hinter sich gelassen hat; oder aber, mit einem geringeren Vertrauen in das aktuell Erreichte, als eine theoretische Anordnung, die in ihrer Komplexität keineswegs ausgeschöpft ist und auch gegenwärtigen Entwürfen als ein Korrektiv entgegentreten kann.
Die im Folgenden angestellte Überlegung - die Formulierung legt es nahe - wird der zweiten These nachgehen. Am Beispiel zweier aktueller Autoren, Bolz und Kittler, die den Ideologiebegriff beide explizit verwerfen, wird zu klären sein, auf welche Weise diese Entscheidung das Problemfeld neu strukturiert; die Argumentation geht dabei von der Vorstellung aus, daß wichtiger als die Begriffsverwendung selbst die Problemkonstellationen sind, die der Ideologiebegriff einmal beschreibbar machen sollte; es erscheint insofern ebenso möglich, daß allein der Sprachgebrauch sich verändert hat, wie daß tatsächlich eine neue Sicht der Dinge, mit Gewinnen und Verlusten in der Sache, entstanden ist.
Gewinne wie Verluste werden zu benennen sein; auf solche Bewertungen aber kommt es letztlich weniger an. Der Versuch, aktuelle Theorien durch die Brille einer historischen Theorie zu lesen, erlaubt vor allem, die Paradigmenwechsel selbst einer Kontrolle zu unterwerfen; und dies wäre auch dann ein Projekt, wenn man mit dem gegenwärtigen Stand der Theoriebildung einverstandener wäre...
 

2

Zunächst ist noch einmal bei den Apparatustheorien selbst anzusetzen. Wenn man klären will, auf welche Weise die Apparatusautoren den Ideologiebegriff verwendet haben, so wird man sich vergegenwärtigen müssen, daß dieser Begriff in eine ganze Konstellation sehr unterschiedlicher Fragestellungen eingebettet war.
Der Neuansatz der Apparatusautoren bestand - stark verkürzt - darin, daß eine mediale Technik auf ihre möglichen Inhalte hin befragt werden sollte. Ein privilegiertes Medium, der Film, war in den Verdacht geraten, bereits auf der Ebene seiner Technik, also vor jedem manifesten Inhalt und vor jeder Autorenentscheidung, 'Ideologie' zu transportieren; und dieselben Fragen, die bis dahin an die einzelnen Filme gestellt worden waren - welche möglicherweise subliminalen Gehalte bestimmen das Produkt, in welchem geschichtlich/sozial/ökonomischen Kontext ist es entstanden, welche Interessen haben sich dem Text eingeschrieben usf. - wurden nun an die filmische Technik als ganze gestellt.
Ausgegangen war der Ideologieverdacht von der sehr limitierten aber folgenreichen Beobachtung, daß der Film auf einen bestimmten Raumcode, die Zentralperspektive, festgeschrieben ist.(2) Es war deutlich, daß die Zentralperspektive in der Kunst nur eine sehr begrenzte Gültigkeit hatte und gegen Ende des 19. Jhs als eine verbindliche Grundstruktur endgültig aufgegeben worden war; zudem hatte ihr die Kunsttheorie eine Reihe sehr klarer, inhaltlicher Dimensionen zugeordnet; die Festlegung einer abstrakten Zuschauerposition, die Annahme eines kontinuierlichen Bildraums, die Orientierung an der subjektiven optischen Wahrnehmung und gleichzeitig der wissenschaftlichen 'Objektivierbarkeit' - all dies machte den sematischen Gehalt der Zentralperspektive aus und stand in enger Verbindung mit den philosophischen und geistesgeschichtlichen Problemen ihres Entstehungszusammenhangs, der Frühgeschichte des Bürgertums. Wenn der Film diesen Raumcode nun in die Konstruktion der Kamera übernahm, und die Kamera ihn jedem einzelnen Filmbild aufprägte, so lag der Verdacht nahe, die filmische Technik könnte eine historisch obsolete Weltsicht mit technischen Mitteln prolongieren...(3)
Das Beispiel des filmischen Raums war geeignet, eine Vielzahl von Aspekten zusammenzuführen, die die traditionelle Theorie gegeneinander abgesetzt hatte; Technik, Semantik, Ästhetik, und die für alle Massenmedien besonders kritische Frage nach der Position des Rezipienten schienen zumindest in diesem Beispiel untrennbar miteinander verquickt, und in dieser Verquickung eine Gesamtstruktur auszubilden, die, opak und wirkungsmächtig, nicht anders als ideologisch genannt werden konnte.
Für die hier verfolgte Fragestellung wichtig ist vor allem die Art und Weise der Argumentation. Um an die spezifische Struktur eines bestimmten Mediums heranzukommen, hatten die Apparatus-Autoren es mit einem anderen Medium konfrontiert; in diesem Fall mit der bildenden Kunst, die über einen mächtigeren Code und eine breitere Palette alternativer Raumkonzeptionen verfügt. Der erste Schritt also bestand darin, die Partikularität der vorliegenden Technik zu zeigen und sie aus dem relativen Abstand zu betrachten, den die Mediendifferenz eröffnete.
Die zweite Untersuchungsrichtung war, den historischen und ideengeschichtlichen Entstehungszusammenhang zu rekonstruieren, in dem diese einzelne Technik ihren Ursprung hat. Auf diese Weise war es möglich, die Technik zu historisieren und sie an außertechnische Kontexte anzuschließen, in deutlicher Absetzung zu einer Technikgeschichtsschreibung, die Technologie als eine Kette von Erfindungen und Entdeckungen beschrieb und Ingenieur- und Künstlerbiographien miteinander kreuzte.
Die Unterstellung der neuen Sichtweise war, daß die außertechnischen Entstehungszusammenhänge auf die innere Struktur der Technologie zurückwirken; diese Vorstellung einer 'Einschreibung' von Geschichte in Technik impliziert, daß die Technologie anders aussehen würde, wenn ihr geschichtlicher Entstehungszusammenhang ein jeweils anderer gewesen wäre, mit der Konsequenz der Drohung, daß letztlich eine mißlingende Geschichte in eine mißlingende Technik führen muß.
Kompliziert wird das Modell dadurch, daß die Apparatusautoren die Technologie weniger von der Seite der Produktion als von der Seite der Verwendung her betrachteten; für sie war vor allem interessant, auf welchen Bedürfnishintergrund die einzelnen Technologien antworten und mit welchen Mitteln dieser Bedürfnishintergrund rekonstruiert werden kann; die Bedürfnisstruktur ist dabei doppelt bestimmt: bildet sie einerseits die Voraussetzung dafür, daß eine bestimmte Technologie sich überhaupt durchsetzen kann, so ist den Apparatustexten selbstverständlich, daß die Technik gleichzeitig prägend auf die Bedürfnisse zurückwirkt; insbesondere der Begriff des Dispositivs, den Baudry in die Debatte einbrachte, hebt diese zweite Vorstellung hervor.(4)
Die soziale Struktur und die Technologie sind insofern doppelt verschränkt: die sozialen Verhältnisse schreiben sich in die Technik ein, die Technik andererseits prägt die Subjekte, was, zunächst eher metaphorisch, ebenfalls als eine 'Einschreibung' aufgefaßt werden kann.
Gerade weil sie u.a. auf die Bedürfnisse abheben, aber ist wichtig klarzustellen, daß die Apparatustheoretiker die Technik gerade nicht nach dem klassischen Zweck-Mittel-Schema strukturiert sehen. Die Praxen, die einer bestimmten Technik zur Durchsetzung verhelfen, und deren Rückwirkung auf den sozialen Prozeß können völlig auseinanderfallen; und mehr noch: sie fallen regelhaft auseinander, insofern die Technik durch ein spezifisches Moment von Blindheit gekennzeichnet ist. Dieses Moment von Blindheit war das wohl stärkste Motiv für die an der Debatte Beteiligten, auf das begriffliche Instrumentarium der Psychoanalyse zurückzugreifen; zum einen ereignet sich Geschichte sehr weitgehend hinter dem Rücken der involvierten Subjekte und die psychischen und sozialen Determinationen, die in die Technik eingehen, sind den Beteiligten nur zu einem geringen Teil bewußt; darüber hinaus aber - und dies ist der weiterreichende Gedanke - verschwinden die Inhalte, sobald sie in die Technik eingeschrieben werden. Auf eine spezifische Weise entziehen sie sich gerade durch die Einschreibung, so daß die Technik selbst als eine 'verhüllende' oder mystifizierende Struktur betrachtet werden muß. Die Inhalte, so kann man sagen, werden in die Technik hinein 'vergessen', in dem direkten psychoanalytischen Sinn, der Vergessen und Verdrängung miteinander verschränkt.(5)
Eine Theorie der Technik hat entsprechend die Aufgabe, die in die Technik hinein vergessenen Inhalte als solche zurückzugewinnen. Der Einschreibung des gesellschaftlichen Prozesses in die Technik entspricht ein Verfahren des Lesens oder der Deutung, das die Inhalte als Inhalte rekonstruiert und die Technik als eine bestimmte, spezifische Struktur und als das Resultat einer spezifischen Einschreibung freistellt.
Und exakt hier hat der Begriff der Ideologie seinen systematischen Ort. Ideologie ist das, was die Theorie zurückgewinnt, sobald sie Technik analysiert; und dies auf mehreren, unterscheidbaren Stufen. Zunächst im abgeschliffensten Sinn einer Konstellation von Vorstellungen, die auf systematische Weise zusammenhängen und nur in diesem Zusammenhang zu rekonstruieren sind. Auf einer zweiten Ebene als die Selbst- und Fremdauslegung der sozialen Struktur, die in die Technik eingegangen ist und deren Eintrag nun zurückgewonnen werden soll, wobei die Selbst- und Fremdauslegung weit auseinanderfallen können; weiter als der spezifische Komplex von Blindheiten und Verkennungen, der eine Ausdeutung der Technik überhaupt notwendig macht; und erst dann schließlich im Sinne jener politischen Topologie, die die hermeneutische Differenz als eine immer schon politische interpretiert.
Es dürfte deutlich sein, daß der Bezug auf 'Wahrheit' für die Begriffswahl von eher untergeordneter Bedeutung ist.(6) Das Verfahren der Deutung selbst setzt jene Differenz, die der Ideologiebegriff auf einen politischen Nenner bringt; und die Differenz dürfte auch für denjenigen nicht zu hinterschreiten sein, der eine politische Definition des Gegenstandes und der eigenen Position zurückweisen würde.
Die Apparatusdebatte hatte mit einem explizit politischen Ideologiebegriff eingesetzt;(7) gestützt weniger auf Marx als auf Althusser, der den Begriff reinterpretiert und mit Vorstellungen der Lacanschen Psychoanalyse in Verbindung gebracht hatte,(8) war die Technikkritik der Apparatustheoretiker Bestandteil eines allgemeineren gesellschaftskritischen Diskurses und eines politisch verstandenen Aufklärungprojektes. Im Verlauf der Debatte dann war dieses politische Selbstverständnis immer mehr abhanden gekommen, die Psychoanalyse hatte die Politik als Orientierungsrahmen verdrängt und der Begriff der Ideologie hatte seine politischen Implikationen weitgehend eingebüßt.
Wenn den gegenwärtigen Autoren die Ideologiekritik nun allerdings völlig entbehrlich erscheint, so hat dies andere Gründe und eine andere Qualität; es wird zu zeigen sein, daß der Begriff - und wenn nicht der Begriff, dann die Problemkonstellation - sich als erstaunlich hartnäckig erweist und auch solche Argumentationen determiniert, die, was ihre Oberflächenebene angeht, den Streit um Ideologie und Politik hinter sich gelassen haben.
Die Prüfung wird dabei immer zwei Aspekte im Auge behalten müssen: die inhaltliche Frage, auf welche Weise der Bezug zwischen Gesellschaft, Technik und 'Ideen' konzipiert wird, wenn der Begriff der Ideologie als ein vermittlendes Glied nicht mehr zur Verfügung steht, und zweitens das Selbstverständnis der Theorie selbst, wenn diese vom ideologiekritisch/aufklärerischen Projekt sich abgekoppelt hat. Beide Aspekte hatten die Apparatustheorien miteinander verknüpft, und es ist zu erwarten, daß in den neuen Theorien zumindest der Ort gezeigt werden kann, an dem diese Frage - gelöst oder ungelöst - zu lokalisieren ist.
 

3

Zunächst also Kittler. Kittlers Projekt, sofern man die sehr heterogenen Texte eines Autors auf ein Projekt zusammenziehen kann, ist es, den Menschenwissenschaften, der Literatur, Philosophie, Psychologie ihr medientechnisches Apriori nachzuweisen. Die traditionelle Technikfeindschaft der Geisteswissenschaften wird als Symptom einer Verdrängung aufgefaßt, die die Abhängigkeit von den eigenen Werkzeugen nicht wahrhaben will; und da mit dem Siegeszug der technischen Medien diese Verdrängung obsolet wird, gilt es nun, sich mit der Technik selbst zu konfrontieren.(9)
Dabei ist die Grundvorstellung prägend, daß die relevanten Probleme von der Ebene der Inhalte oder der ästhetischen Form auf die Ebene der Technik und der material-medialen Voraussetzungen übergegangen sind.
"Was Mensch heißt, bestimmen keine Attribute, die Philosophen den Leuten zur Selbstverständigung bei- oder nahelegen, sondern technische Standards. Jede Psychologie oder Anthropologie buchstabiert vermutlich nur nach, welche Funktionen der allgemeinen Datenverarbeitung(10) jeweils von Maschinen geschaltet, im Reellen also implementiert sind." (11)
"[Und] statt immer zu fragen, was die Herkunft von Medien den Künstlern bringt, wäre umgekehrt zu untersuchen, ob nicht die Medien selber zu den Künsten einer technischen Zeit geworden sind und ihren Stellenwert übernommen haben." (12)
Der erste interessante Punkt nun ist, daß die Technik in dieser Konstruktion als eine Ebene größtmöglicher Expliziertheit begriffen wird; Maschinen und Technik nämlich schließen nicht nur unmittelbar an traditionelle Kulturtechniken wie Schrift und Kunst an, sondern enthalten, greift man eine Lieblingsformulierung Kittlers auf, 'im Klartext', was bisher in Menschen, Literatur oder soziale Zusammenhänge eingeschrieben werden mußte.(13) Und dieser Übergang vom Amorphen, Vielgestaltigen oder Verschwommenen zum 'Klartext' ist es, der die Überlegenheit der Maschinen ausmacht, und eine Ablösung der Menschenwissenschaften, und - Kittler deutet diese Perspektive immer wieder an - letztendlich der Menschen, möglich erscheinen läßt.

Dennoch will auch dieser Klartext entschlüsselt sein. Völlig parallel zu den Apparatusautoren nämlich geht Kittler davon aus, daß es einer interpretativen Anstrengung bedarf, um für den Diskurs zurückzugewinnen, was in die Technik eingeschrieben wurde. Seine brillante Analyse eines Intel-PC-Prozessors(14) z.B. interessiert sich für die Struktur und die sehr signifikanten Restriktionen, die diese Maschinenkomponente ihren Nutzern auferlegt. Die Frage, auf welcher Ebene der Verbindlichkeit diese Restriktionen festgeschrieben sind, führt zu dem verblüffenden Ergebnis, daß die Hardware allein die unerwünschte, erweiterte Verwendung nicht verhindern konnte und deshalb eine bewußte Desinformation durch den Hersteller den Schutz übernehmen mußte; die Komplexität der zu analysierenden Maschine und die bewußte Desinformation fungieren dabei in einem engen Wechselverhältnis, und jedenfalls in deutlicher Spannung zu der Vorstellung, man habe es bei den Maschinen nun endlich mit 'Klartext' zu tun.
Wenn Kittler die Frage stellt, welche Interessen hinter der Restriktion angenommen werden müssen, so beantwortet er sie, der Benutzer solle daran gehindert werden, seine Position als eben nur Benutzer zu verlassen, und da die digitale Technik das Äußerungsmonopol der Produzenten prinzipiell infrage stelle, seien diese genötigt, das Monopol mit technisch/administrativen Mitteln künstlich zu re-installieren. Die Antwort hat den offensichtlichen Defekt, daß sie einem relativ schlichten Machtmodell folgt. Vor allem aber dürfte deutlich werden, daß, auch wenn der Begriff der Ideologie im Text an keiner Stelle auftritt, das interpretative Vorgehen wie sein Ergebnis von einem ideologiekritischen Projekt im Grunde nicht abgesetzt werden können. Wider Willen, so könnte man sagen, holt das verabschiedete Paradigma die Argumentation ein, und ohne die politischen Implikationen würde die Rekonstruktion selbst jedes Interesse verlieren.
Deutlicher wird die Differenz, sobald man die Frage nach dem offenen oder geschlossenen Deckel stellt. Kittler schreibt:
"[Beim normalen Umgang mit den Maschinen] läuft alles aufs Konsumverhalten des Knopfdrucks hinaus, während die Dekelhaube desselben Geräts 'nur vom Fachmann zu öffnen ist'. Und wenn der kritische Diskurs - als wäre im klassischen Europa nur eine Frankfurter Schule zustande gekommen - an dieser Gebrauchsanweisung nicht rüttelt, sondern bei geschlossener Deckelhaube über seinen Untergang durch Bewußtseinsindustrien philosophiert, ist schwerlich zu helfen. Viel produktiver wären Synergien zwischen Mensch und Maschine, die zwar auch keine Dekelhauben öffnen, aber doch mit allen Knöpfen spielen. (15)
Explizit gegen die kritische Theorie gewendet also plädiert Kittler dafür, den Maschinen gegenüber nicht eine Außenperspektive einzunehmen, sondern stattdessen mit den Händen zu denken und die Blackboxes im praktischen Umgang auszuloten. Kittler ist sich klar darüber, daß das Öffnen des Deckels das Innere der Maschinen kaum offenlegen würde. Praktischer Umgang und 'Synergie' allerdings bedeuten Involvement. Und wenn man einbezieht, daß die Maschinen die Kraft haben, die Art des Umgangs mit ihnen zu präformieren, so wirft dies das Problem auf, auf welche Weise eine Differenz der Zwecke - 'Spiel mit den Knöpfen' versus normaler Gebrauch, einfacher User-Status versus Synergie - aufrechterhalten werden kann. Auch wenn Kittler Kritik und Distanz also verabschiedet, reproduziert sich das Problem, indem nun fraglich wird, von welcher Position aus die Theorie überhaupt spricht, und was sie davor schützt, die weitgehend blinde Praxis in ihrem Kommentar zu verdoppeln...
Doch zunächst zurück zum Verfahren. Eine noch klarerer Unterschied zu den Apparatus-Ansätzen nämlich ergibt sich an einem anderen Punkt, der These von der Autonomie der Technik. Immer wieder betont Kittler die Tatsache, daß die Geschichte der Medien einer eigenen, autonomen Entwicklungslogik folgt, und daß diese auf die menschliche Geschichte als ihren Rahmen zuverlässig nicht mehr zurückbezogen werden kann.
"Ohne Referenz auf den oder die Menschen haben Kommunikationstechniken einander überholt"; "[und] Medien sind [insofern] keine Pseudopodien, die der Menschenkörper ausfahren würde. Sie folgen einer Logik der Eskalation, die uns und die Schrift-Geschichte hinter sich läßt."(16)
Wenn Comolli also geschrieben hatte: 'the machine is always social before it is technical',(17) ist diese Gewißheit inzwischen verloren gegangen. Und die Theorie konfrontiert sich nun mit der Tatsache, daß die Technik ihren Entstehungszusammenhang souverän überschreitet.
Dies nun bedeutet keineswegs, daß Comolli und die Apparatusautoren den Selbstlauf der Technikentwicklung geleugnet hatten. Vielmehr, es ist gesagt worden, war in dieser Debatte das Gesamtmodell ein anderes, und die Blindheit der Technik wurde in einen engen Zusammenhang mit einer anderen Blindheit, dem Konzept des Unbewußten, gebracht. Daß die technische Apparatur sich weitgehend autonom entwickelt, hatten die Apparatustexte als eine unbewußte Folge einer weitgehend unbewußten gesellschaftlichen Praxis angesehen. Auf diese Weise wurde eine Art Zyklus von hiding und revealing beschreibbar: da die Gesellschaft ihre eigene Struktur verkannte, war es Aufgabe der politischen Aufklärung, dieser Verkennung entgegenzuarbeiten; und daß die Gesellschaft sich entschlossen hatte, bestimmte ihrer Inhalte in technische Implementierungen hinein zu vergessen, markierte das Feld einer Techniktheorie, die diese Inhalte zurückzugewinnen und dem Diskurs wieder verfügbar zu machen hatte.
Seinen augenfälligsten Vorteil hatte der so skizzierte Zyklus darin, daß sie der Theorie selbst - relativ zur Verdrängung - einen Ort zuweist. Einschreibung und Rückgewinnung erscheinen miteinander verbunden und eine Decodierung, Deutung oder - verbum horribile - Hermeneutik der Technik erscheint denkbar. Wenn Kittler diesen Zusammenhang aufbricht und die These in Richtung einer tatsächlichen Autonomie der Technik radikalisiert, so büßt er zunächst diesen Vorteil ein.
Aber es ergibt sich noch eine zweite und vielleicht gravierendere Schwierigkeit. Nun nämlich wird zu einem völligen Rätsel, auf welche Weise die Technik ihre spezifische Form erhält, bzw. welche 'Inhalte' es sind, die in die Technik eingehen. Daß eine vorliegende technische Struktur partikular ist, daß sie also auch ganz anders aussehen könnte, aber ist Voraussetzung für die Möglichkeit, diese Struktur überhaupt zu deuten, und damit für eine Techniktheorie generell.
Wie also kommen die Inhalte in die Technik hinein? Ist es die menschliche Geschichte, die sich in technischen Strukturen niederschlägt, oder ist es vor allem die Geschichte der Techniken selbst?
Kittler schwankt zwischen den beiden Positionen, indem er einerseits annimmt, daß die Medientechnik sich auf Terrains ausdehnt, die bis dahin 'dem Menschen' vorbehalten waren,(18) andererseits aber die Geschichte der Technik totalisiert.(19) Sicher ist zunächst, daß Technik als ein Prozeß der Einschreibung verstanden werden muß. Kittler leistet eine Präzisierung und Radikalisierung dieses Begriffs, indem er zwischen dem Schreiben von Literatur, dem Schreiben von Programmen und dem Einbrennen von Strukturen in Silizium-Chips ein vollständiges Kontinuum unterstellt;(20) die Struktur einer vorfindlichen Hardware wird insofern immer als das Resultat eines Schreibvorgangs aufgefaßt. Der Begriff der Einschreibung allerdings hat die besondere Schwierigkeit (und die besondere Pointe), daß er undefiniert läßt, ob ein menschliches Subjekt, eine Maschine oder ein Naturvorgang jene Spur graviert haben, die nun als Schrift gelesen wird; und wenn es sinnvoll ist, diese Vieldeutigkeit bewußt in Kauf zu nehmen, sei es um an die 'Körperschrift' Nietzsches anzuschließen, sei es, pragmatischer, um Vorgänge der technischen Reproduktion in den Schriftbegriff einbeziehen zu können, so muß die Ausgangsfrage, auf welche 'Inhalte' die Einschreibung zurückverweist, unbeantwortet bleiben.
Exakt an dieser Stelle nun tritt ein Substitut ein, das, verstände man es nicht als ein Substitut, in der Kittlerschen Gesamtkonstruktion nur relativ schwer zu lokalisieren wäre. Geradezu obsessiv nämlich kehrt Kittler zum Thema des Krieges und zu der Tatsache zurück, daß die meisten Medientechnologien durch militärische Forschungen angestoßen wurden oder unmittelbar im militärischen Kontext entwickelt worden sind.
Als eine Phase extrem forcierter Technikentfaltung ist der Krieg ein Beleg dafür, daß die Technik 'den Menschen', seine Zwecke und sein Glück rücksichtslos negiert.
Der Verweis auf die militärische Genese ziviler Techniken aber wäre vollständig gleichgültig, wenn nicht unterstellt würde, daß mit dem Kontext bestimmte Zwecke oder allgemeiner: Strukturvorgaben in die Techniken eingegangen sind. Der Krieg liefert insofern ein Bindeglied zwischen der (mißlingenden?) menschlichen Geschichte, dem Sosein einer vorfindlichen Technik und einer sehr eindeutigen moralischen Konnotation, die Kittler ansonsten sorgfältig vermeidet. Daß die Perspektive auf den Krieg eingeschränkt wird, ist gleichzeitig natürlich problematisch; theoretisch, insofern kaum gezeigt werden könnte, was den Krieg gegenüber der Produktion oder anderen menschlichen Praxen privilegiert, und auf der Ebene der bewertenden Konnotationen, insofern dem bürgerlichen Normalbetrieb nicht nur seine Verquickung mit der militärischen Katastrophe vorgeworfen werden kann. Auf den Krieg, so könnte man sagen, zieht sich ein Einwand zurück, den die Ideologiekritik noch gegen die Gesellschaftsform als ganze gerichtet hatte. Am Modell selbst, dem Zusammenhang zwischen Geschichte und Technik, aber ändert diese Selbstbeschränkung zunächst nichts...
Wie sieht es also aus mit dem 'Klartext' der Technik? Der Rede vom 'Klartext' liegt zunächst ein Modell der Externalisierung zugrunde. Die Medienentwicklung führt dazu, daß die Inhalte aus dem amorphen Dunkel der Köpfe befreit und im luziden Außenraum der Technik 'angeschrieben' werden. Modell ist das Programm, dessen wenige Assemblerzeilen 'ganze Datenmengen ersetzen', und ein Ideal von ingenieurmäßiger Kälte, Schlankheit und Eleganz, wie es die Algorithmen und die Definitionen der Informationstheorie kennzeichnet.
Das Literaturuniversum muß demgegenüber als träge, gewuchert und monströs erscheinen; denn einerseits hat sich die Anzahl der zirkulierenden Texte explosionsartig vermehrt, andererseits ist das Vertrauen, innere Zustände mit sprachlichen Mitteln repräsentieren zu können, weitgehend geschwunden;(21) das Schreiben von Programmen erscheint insofern als die einzig adäquate Form des Schreibens, und Kittler hat, wenn schon nicht den Schriftstellern, so doch den Germanisten deshalb mehrfach anempfohlen, sich in den neuen Sprachen kundig zu machen.(22)
Gleichzeitig ist das Ideal des 'Klartextes' zumindest implizit auf den Gegenbegriff der Verbrämung bezogen.(23) Klartext steht als Metapher für eine Reinigung des Diskurses, der interessiert-illusionäre Selbstbilder verabschieden und sich mit den nüchternen Fakten konfrontieren soll. Mit dieser Vorstellung gerät Kittler ein weiteres Mal in die unmittelbare Nähe der Ideologiekritik, die solche Verbrämungen explizit 'ideologisch' genannt hätte...
Doch es hat noch einen dritten Aspekt, wenn Kittler die Technik als 'Klartext' den sprachlichen Texten gegenüber privilegiert; Paglia(24) nämlich hat in einer materialreichen Untersuchung gezeigt, daß die Technik und vor allem die Computertechnik als ein Fluchtraum fungiert:
"Die Zahl [und allgemeiner: die Technik]", schreibt Paglia, "ist der imponierendste und am wenigsten kreatürliche Ordnungsstifter, Inbegriff der sehnsüchtigen Hoffnung der Männer auf Objektivität. Auf Zahlen zieht er - heute auch sie - sich zurück, um dem Morast aus Liebe, Hass und Familienroman zu entrinnen." (25)
Wenn Kittler von der menschlichen Geschichte sich abwendet, so hat dies einen Grund in der Sache, daneben aber einen deutlich phobischen Zug, der bis in die Diktion seiner Texte hinein sich nachweisen läßt. Die These von der Autonomie der Technik bietet dem männlichen Theoretiker Schutz vor den Anforderungen des Sozialen; jener Sphäre, die einer Umschreibung in 'Klartext' sich so hartnäckig verweigert.
Das Problem für die Theorie allerdings ist, daß das Verdrängte grundsätzlich wiederkehrt. In den purifizierten Raum der Kittlerschen Techniktheorie dringt es vor, etwa wenn Foucaults Kategorie der 'Macht', in diesen Rahmen transferiert, eine noch abstraktere und noch rätselhaftere Färbung annimmt als bei Foucault selbst, oder wenn das linear-teleologische Grundmodell, das man mit der Realgeschichte verabschiedet glaubte, nun im Bild einer linearen Entwicklung der Technik wiederkehrt.
Im Kontext der Ideologiekritik waren solche Zusammenhänge - von einer Klärung weit entfernt - zumindest zu diskutieren. Wenn Kittler die Brücke zu dieser Diskussion nicht völlig abgebrochen hat, dann kommt dies weniger in den manifesten Aussagen selbst zum Ausdruck, als in dem spezifischen Moment von Ironie und Polemik, das man in allen Kittlerschen Texten mitlesen muß. Diese Polemik und das halbe Lachen, das in den Fernsehinterviews die besonders skandalösen Äußerungen begleitet, nimmt das Ausgesagte keineswegs zurück. Als eine Form uneigentlichen Sprechens aber klammert sie es quasi ein und macht ein Kontaktangebot über die Grenzen der Paradigmen hinweg.
 

4

Der zweite Ansatz, der hier diskutiert werden soll, ist der von Norbert Bolz. Bei Bolz tritt der Affekt gegen die Ideologiekritik wesentlich deutlicher hervor, und man wird deshalb erwarten können, daß auch die Argumentationsweise von der der Ideologiekritiker sich weiter entfernt.
Interessant ist zunächst der Gestus, in dem die Bolzschen Texte auftreten. Eine leichtfüßige, fast fröhliche Affirmation hat den Gestus der gesellschaftskritischen Ansätze hinter sich gelassen, und läßt diese als übertrieben ernst, ja pharisäerhaft erscheinen; als hätte es kaum mehr als eines Entschlusses bedurft, erscheint der Gegenstand und die gesamte Szenerie in einem veränderten Licht; und die 'Rhetorik des Verlusts' hat einer unerklärlichen oder erklärlichen Heiterkeit Platz gemacht.
Nur auf den ersten Blick aber ist dies eine Frage der Mentalität. Voraussetzung nämlich ist, daß Bolz nicht allein die Ideologiekritik, sondern Kritik generell und programmatisch für unmöglich erklärt. Er begründet dies aus der Sache; da die Kritik in die Medien immer schon involviert ist, kann sie eine Position 'außerhalb' nicht einnehmen; und zudem ist es eine innere Entwicklung der Medien selbst, die eine veränderte Haltung erzwingt:
"Im Abschied von der Gutenberggalaxis schwindet der neuzeitliche Vorrang des Optischen zugunsten einer neuen Taktilität; die Distanz des perspektivischen Weltverhaltens weicht sachlicher Nähe. Und damit hat der Kritik ihre letzte Stunde geschlagen, denn Kritik setzt Perspektive und rechten Abstand voraus. Der Kritiker konnte noch Standpunkt beziehen und genoß die Unbefangenheit der freien Betrachtung. Das alles gibt es in der Welt der neuen Medien nicht mehr."(26)
Den Übergang von der Kritik zur Affirmation sieht Bolz bei einem prominenten Zeugen, bei Benjamin nämlich, vorentworfen. "Benjamin hat dies nicht nur erkannt, sondern die kritischen Bewußtseine, 'die den Verfall der Kritik beklagen', gar als Narren verlacht."(27)
"In einer vollends ästhetisierten Welt, in der das Reale mit seinem eigenen Bild zusammenfällt, gibt es keine kritische Transzendenz der Kunst mehr. [...] 'Tant mieux. Nicht weinen. Der Unsinn der kritischen Prognosen. Film statt Erzählung.'"(28)
Auffällig ist, daß Benjamin für diese Rolle erheblich zugerüstet werden muß. In beiden Fällen nämlich steht das Zitierte in einem Kontext, der die Dimension der Kritik deutlich mitführt,(29) bzw. mit den Mitteln einer subtilen Ironie das Ausgesagte zumindest in der Schwebe hält;(30) diese Dimensionen muß Bolz ebenso herauskürzen wie das utopische Moment des Benjaminschen Denkens, bevor er diesen auf eine reine Affirmation festschreiben kann.
Solch philologische Härten im Detail aber verlieren an Gewicht, wenn mit der Kritik ein weiteres Mal die Hermeneutik als ganze verabschiedet werden soll. Dafür werden Hermeneutik und Medientheorie zunächst auf den größtmöglichen Abstand gebracht:
"Die Frage nach dem physiologischen Apriori eines Denkens ist keine hermeneutische, sondern - man ist versucht zu sagen: im Gegenteil - eine medientechnologische." (31)
"Und hier trennen sich die Wege. Entweder man ist Medientheoretiker oder Metaphysiker - no medium. Der eine schreibt die Geschichte der Technifizierung der Sinne [?] [...] der andere absolviert die Etappen der Vergeistigung auf dem Weg des Sinns, bis hin zur negativistischen Konstruktion seiner Abwesenheit - man vergleiche Adornos ästhetische Theorie". (32)
Das Problem dieser scheinbar so klaren Position ist, paradox, - ein hermeneutisches. Es gerät nämlich völlig aus dem Blick, von welchem Ort aus Aussagen wie diese überhaupt gemacht werden können; wenn fröhlich positivistisch die 'Geschichte der Technifizierung der Sinne' geschrieben werden soll, oder wenn Bolz - "So beginnt Medienästhetik als Naturwissenschaft"(33) - bei den harten Wissenschaften Zuflucht sucht, so muß dies mißlingen, wenn die Naturwissenschaften selbst inzwischen die Perspektivität ihrer Beobachtungen zu reflektieren beginnen und sich dafür interessieren, welche Rückwirkung die Beobachtung auf die beobachteten Phänomene hat.
Von welcher Position aus also spricht der Theoretiker, wenn er gleichzeitig unterstellt, daß die Medien jede Abstandnahme unmöglich gemacht haben und die Wahrnehmung, also auch die eigene Wahrnehmung, determinieren?(34) Bolz sieht, daß die Wahl seines eigenen Mediums seine These anzutasten droht:
"Auch ein Buch über das Ende der Buchkultur ist natürlich ein Buch. Es hat einen Autor, der Autorschaft in Schaltkreisen verschwinden sieht. [...] Die theoretische Reflexion kann sich aufs Medium Buch nicht mehr verlassen - doch ein neues ist nicht in Sicht. Darstellung muß einstweilen als Entparadoxierung [?] verfahren. Die einzige Alternative wäre, die Theorie zu eliminieren und rein mit Fakten zu konstruieren - eine Art Konkretion ohne Denken. Unsere Gesellschaft scheint auf diesem Wege zu sein. Ihre [?] Theorie kann das nur beobachten." (35)
Zumindest Beobachtung und Theorie also scheinen intakt. Daß es exakt diese Entscheidung für 'die Theorie' (und die Wahl eines ungleichzeitigen Mediums) sein könnte, die ihm überhaupt eine Aussage ermöglicht, daß exakt dies ihn aber vom Beobachteten distanziert, reflektiert Bolz nicht.
Die Hermeneutik wenigstens wußte noch, daß sie ein Problem hatte; die Ideologiekritiker trugen es aus, indem sie ihren Ort als eine politische Position bestimmten, einen perspektivischen und partikularen Beitrag zum Gesamtkonzert der Stimmen.
Allein dadurch, daß Bolz die Gesellschaft jetzt als 'unsere' betrachtet und ihr seine Theorie als die 'ihre' andient, wird sich das Problem nicht verflüchtigen; wenn die Gesellschaft sich tatsächlich dafür entschieden hat, 'rein mit Fakten zu konstruieren', so wird sich der Bolzsche Kommentar darüber Rechenschaft ablegen müssen, warum er, bei aller Affirmation, von dieser Regel eine Ausnahme macht.
Geht man nun auf die Ebene der Inhalte über, so ist zu fragen, wie Bolz das Verhältnis zwischen Medientechnik, Gesellschaft und Geschichte konstruiert. Zu welchen Ergebnissen kommt Bolz, wenn er das Denken auf sein 'physiologisches Apriori' befragt?
"Die Gesellschaft [?] erweist sich immer nachdrücklicher als autonome Kommunikationsmaschine, die zwar auf Menschen und ihre Bewußtseine angewiesen ist, aber nicht auf sie zurückgeführt werden kann."(36)
Grundthese also ist, wie bei Kittler, daß die Medienlandschaft sich nach ihren eigenen, vom Menschen weitgehend unabhängigen Gesetzen entwickelt; das wiederkehrende Schlüsselwort ist das der 'Emergenz', also der Selbstentfaltung.(37)
Beim näheren Hinsehen aber gibt die Formulierung einige Rätsel auf: Wenn die Gesellschaft sich immer nachdrücklicher als autonome Kommunikationsmaschine erweist - war sie dies schon immer, oder wird eine mit den Medien eingetretene Veränderung beschrieben? Hat sich ein Umbruch im Realen ereignet, oder ist es das Bewußtsein um diese Tatsache, das sich jetzt erst durchsetzt? Und was bedeutet es, daß die Technik auf die Menschen zwar angewiesen ist, 'aber nicht auf sie zurückgeführt werden kann'?
Man würde die Formulierung überbelasten, wenn sie nicht eine allgemeinere Unsicherheit anzeigen würde.(38) Bolz aber ist wie Kittler in dieser Frage tatsächlich unentschieden; wenn die Medien Terrains erobern, die bis dahin den Menschen vorbehalten waren,(39) so bedeutet dies, daß Technik menschliche Praxen substituiert, und weiter: daß es die menschlichen Praxen sind, die ihr 'Anderes', die Technik, generieren. In diesem Fall wäre die Technik vom Verlauf der menschlichen Geschichte sehr direkt abhängig und es bestände die Möglichkeit, in die Technikentwicklung steuernd zu intervenieren. (Dies war die Vorstellung der Apparatustheoretiker, und ihr Motiv, in die Technik hinein vergessene Inhalte durch Interpretation zurückzugewinnen.)
Die zweite Möglichkeit ist, von einer immer schon bestehenden Autonomie der Medientechnik und des Symbolischen auszugehen, so daß in den technischen Medien nur offenbar würde, was als eine Abhängigkeit von der Sprache oder von symbolischen Praxen allgemein immer schon der Fall war. Diese Alternative deutet sich an, wo Bolz gestützt auf Derrida eine allgemeine Theorie des Symbolischen skizziert.(40) So plausibel es ist, die Geschichte der Medien von der Sprache her zu konstruieren (und die Sprache von der in den Medien offenbar werdenden Technizität), so wenig beantwortet dies die Frage, wieso die Signifikantensysteme einer so explosiven Eigenentwicklung ausgesetzt sind und in immer komplexeren Materialanordnungen sich artikulieren; Derrida selbst hat sich mit diesem Problem nicht befaßt.
Die Vorstellung, daß die Technik die Menschen eine bestimmte Frist lang als Agenten benötigt, um sie dann souverän hinter sich zu lassen, daß die Technik die Menschen also letztlich nur 'durchquert', wirft die unmittelbare Frage auf, was das (und sei es grammatikalische) Subjekt dieser Entwicklung ist. Hier droht die Theorie unmittelbar in eine Metaphysik der Technik umzuschlagen. Und zudem bleibt auch in dieser Deutung unklar, was die Menschen, solange die Technik noch auf sie angewiesen ist, dazu treibt, ihrer eigenen Selbstaufhebung fanatisch zuzuarbeiten.
Ein zweites Problem macht noch klarer, daß die Aussparung der menschlichen Geschichte Spannungen innerhalb der Theorie selbst verursacht.
Einer der eigentümlichsten Punkte der Argumentation nämlich ist die geradezu obsessionell wiederholte These, die Medien seien als eine 'Extension' des Menschen - eine Ausdehnung seines Sinnesapparats oder eine 'Entäußerung des Zentralnervensystems' - zu denken.(41)
Diese 'Extension' war schon bei McLuhan, der sie in die Diskussion einbrachte, mit erheblichen Problemen verbunden. Dreißig Jahre später stellt sie Bolz in den Kontext so heterogener Aussagen wie:
"Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen der mechanischen und der organischen Welt",(42)
"Die Organe des Menschen und die Apparaturen der Technik [stehen] nicht nur in einem Funktionskontinuum [...], sondern [sind] unauflöslich verkoppelt",(43)
"Die Animation des Unbelebten im Zeichentrickfilm ist das Spielmodell einer Innervation der Technik."(44)
"Das Subjekt ist nichts als ein Relais in der universalen Symbolisierung des Realen." (45)
"umgekehrt gilt, daß die Maschine an radikal menschliche Funktionen geknüpft ist." (46) und
"[der Raum der Medien konstituiere] eine strenge Ordnung frei von jeder Subjektivität." (47)
An keiner Stelle reflektiert Bolz, daß die Vorstellung der 'Extension' die Technik vom Menschen her konstruiert, und damit exakt jene Subjektzentrierung, der an anderer Stelle die ganze Ablehnung gilt, reproduziert.
'Extension' ist in vieler Hinsicht ein Substitut: sie denkt die Medienlandschaft vom einzelnen Menschen her, und überspringt damit den gesellschaftlichen Raum, in dem die Medien alternativ zu lokalisieren wären.(48) (Die Apparatustexte hatten demgegenüber gezeigt, daß zwischen dem notwendig transzendentalen Subjekt im Singular und dem Kollektiv der empirische Subjekte eine wichtige Differenz besteht, und daß es keineswegs eine Rückkehr zum Kommunikationsparadigma bedeuten würde, sich vom ersten ab- und dem zweiten zuzuwenden). Extension stellt den einzelnen Körper in den Mittelpunkt, insofern er es ist, der in den intersubjektiven Raum expandiert; dieser Bezug auf den Körper ermöglicht scheinbar, materiale Strukturen im Innen mit materialen Strukturen im Außen zu verknüpfen,(49) negiert aber die bislang unüberbrückbare Kluft, die das biologische Nervensystem von einer direkten Kopplung an die Mediennetze trennt. 'Die Organe des Menschen und die Apparaturen der Technik' mögen auf noch so vielfältige Weise interagieren, 'unauflöslich verkoppelt' sind sie einstweilen noch nicht; und wenn es in der von Bolz zitierten Schrifttheorie immer wieder um die Kategorie des Aufschubs geht, so eröffnet exakt diese Unmöglichkeit einer 'unmittelbaren' Kopplung den Raum, in den Bewußtsein (und eine wie auch immer beschränkte Handlungsfreiheit) intervenieren könnte.
Und noch ein letzter, dritter Einwand sei zumindest andiskutiert. Gerade die zuletzt zitierten Stellen nämlich könnten den Eindruck erwecken, Bolz habe sich von den Menschen zwar abgewendet, die Technik selbst aber um so schärfer im Blick. Auch dies aber ist sehr entschieden nicht der Fall. Einer extensiven Lektüre nämlich fällt auf, daß die Texte vom Erfahrungshintergrund einer tatsächlich vorhandenen Technik einen vornehmen Abstand halten. Dies ist eine entscheidende Differenz zu Kittler, der, von der Technik tatsächlich fasziniert, nicht nur die 'Dekelhauben öffnet', sondern auch in Assembler programmiert. Statt etwa die realen Frustrationserfahrungen zu untersuchen, die den User im internationalen Datennetz erwarten, und zu folgern, was aus diesen Erfahrungen für eine Strukturbeschreibung des neuen Mediums abgeleitet werden kann, diskutiert Bolz die traditionellen Medien (Photographie, Film...), vor allem aber die strukturbildend-neuen Implementierungen wie Datenbanken und Hypertext ausschließlich auf der Ebene der Modelle bzw. ihres technischen Ich-Ideals. Nur auf diesem Hintergrund wird erklärbar, daß er immer wieder als bereits vollzogen etikettiert, was in dieser Form wahrscheinlich nie eintreffen wird,(50) und damit in eine Argumentationsweise zurückfällt, die die KI- Forschung lange verfolgt, gegen Ende der Siebziger Jahre aber endgültig aufgegeben hat.
Auch die gute Stimmung also hat - wie alles - ihre Regeln; sie scheint auf Dauer nur dadurch aufrechtzuerhalten, daß die Theorie ein ganzes Paket sehr signifikanter Verleugungen in Kauf nimmt und immer dann, wenn es ernst würde, zum nächsten Thema übergeht. Als eine Stimmung ist der Ernst auf diese Weise zu vermeiden; daß die Sache selbst diesem Schema folgen wird, ist weniger wahrscheinlich...
 

5

Es dürfte deutlich geworden sein, daß die Aufgabe ideologiekritscher Positionen nicht primär eine Frage der Haltung ist.
So wenig man ihr eine politische Position und den Anspruch auf politische Wirksamkeit aufnötigen kann, so auffällig ist es, wenn die Theorie hinter Komplexitätsniveaus zurückfällt, die bereits erreicht waren, und Fragen ausblenden muß, die sich zumindest einer leicht veränderten Perspektive unmittelbar stellen. Die Behauptung ist, daß innerhalb der Theorie selbst signifikante Verluste eingetreten sind.
Am klarsten ist dies dort, wo die gegenwärtige Diskussion Überlegungen zur gesellschaftlichen Struktur nicht mehr anstellt. Der Versuch, Geschichte nicht mehr selbstverständlich vom Menschen her zu begreifen, sondern die Frustration einzubeziehen, die die Technikentwicklung für das Selbstbewußtsein der geschichtlichen 'Subjekte' bedeutet,(51) wäre fruchtbar, wenn er sich als eine Relativierung, ein Einwand verstehen würde. Er muß in Aporien geraten, sobald er die Technik und das Argument verabsolutiert; wenn Technikgeschichte Geschichte substituieren soll, so wird eine ganze Reihe sehr gewaltförmiger Ausschlüsse nötig: es muß eine 'Autonomie' der Technikentwicklung behauptet werden, die ein 'Anderes' der Technik nicht mehr zulassen kann, ein abstraktes Subjekt muß - etwa als Zentrum von 'Extension' - die empirischen, wie blind und widersprüchlich auch immer handelnden Subjekte vertreten, und ein relativ grobes Sprachkonzept muß die Sprache, ohne daß dies den Technikbegriff differenzieren würde, auf eine Technik reduzieren. Was als eine Entlastung der Theorie erscheint,(52) hat damit einen hohen Preis.
Und dies gilt für andere Entlastungen in ähnlicher Weise. Einer der entscheidenden Einwände gegen die Ideologiekritik war, sie hänge über ihre marxistische Grundlage einem teleologischen Modell der Geschichte an, das obsolet sei, und sowohl auf der Ebene des abstrakten Zeitmodells als auch in seinem Bezug auf konkrete gesellschaftliche Utopien verabschiedet werden müsse. Weder die Utopien noch das Zeitmodell aber scheinen diesem Programm klaglos zu folgen; die Utopien kehren - nur unzureichend maskiert - zurück, wenn Bolz davon spricht, erst die Rezeption der neuen Medien als Naturformen 'ermöglich[e] ihren emanzipativen Gebrauch',(53) oder Kittler das überraschend harmonische Bild einer 'Synergie' zwischen Mensch und Maschine entfaltet.
Zudem entsteht nicht zwangsläufig ein offener Horizont, nur weil die Argumentation auf die Formulierung von Zielen verzichtet; vielmehr gerät die Zukunft zu einer Rache der Vergangenheit, wenn den kontingenten, bisher entwickelten Techniken zugestanden wird, sich 'autonom' in die Zukunft hinein zu verlängern. Und das linear-teleologische Zeitmodell schließlich bleibt auch dann intakt, wenn die Technikentwicklung die Menschen nur 'durchquert', und die Geschichte in einer Katastrophe für die Menschen und einer Vervollkommnung der Technik ihr Telos hat.

Der entscheidende Verlust an Komplexität aber tritt an einer völlig unvermuteten Stelle ein. Wie der Verweis auf Technik und Technizität einen berechtigten Einwand totalisiert, totalisiert aber ins Absurde gerät, so wird der Begriff des Unbewußten in exakt vergleichbarer Weise totalisiert, und gerade dadurch entstellt. Daß Technik auf und hinter dem Rücken der beteiligten Subjekte 'emergiert', ist sicher unbestreitbar, und eine ganze Tradition von technikkritischen Texten hat im Begriff des Unbewußten einen Schlüssel gesehen, der zur Modellierung dieser Problematik beitragen kann.
Der Begriff des Unbewußten aber bricht vollständig in sich zusammen, sobald sein systematisches Gegenüber - das Bewußtsein - aus dem Modell herausgedrängt, oder soweit entmächtigt wird, daß dieses als ein Effekt, als vollständig abhängig vom Unbewußten erscheint.
Dem berechtigten Hohn, daß das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei, muß insofern eine Überlegung an die Seite treten, wie die - möglicherweise geringe - Abstandnahme, die Bewußtsein ermöglicht, in das technikhistorische Modell integriert werden soll. Daß Menschen ihre Reflexbögen verlängert haben und deshalb in auffälliger Weise 'aufgeschoben' reagieren, schafft den Raum, wenn nicht für die Technik selbst, so doch für Techniktheorie und möglicherweise eben auch für eine Intervention in jene autonome Entwicklung, die dann keine autonome mehr wäre.
Sobald Bewußtsein als ein Phänomen überhaupt einbezogen wird, ist die Theorie mit der gesamten Bandbreite all jener Fragen wieder konfrontiert, die man so komfortabel erledigt glaubte.(54) Die Frage, welche Inhalte es sind, die sich in die Technik einschreiben; die Frage, welche möglichen Alternativentwicklungen historisch ausgeschlossen oder verfehlt wurden; die Frage, ob die vorhandene Technik auch ganz anders aussehen könnte, und wenn, unter welchen Bedingungen; die Frage, auf welche außertechnischen Strukturen eine gegebene technische Konstellation zurückverweist usf.
Wenn die Technik geschrieben wird wie ein Text (Einschreibung) und gelesen werden muß wie ein Text (Medientheorie), dann wird man damit rechnen müssen, daß nahezu alle Probleme, die im Umgang mit Texten eine Rolle spielen, auf dem Terrain der Techniktheorie wieder auftreten werden.
Ob man die in die Technik eingeschriebenen, und von der Theorie zurückgewonnen Inhalte dann wird 'Ideologie' nennen müssen, sei dahingestellt; das Etikett aber wäre fast sekundär, wenn man sich zumindest über die Struktur der Fragestellung einigen könnte; die Apparatustheorien, so meine ich, waren einer komplexen Formulierung des Problems relativ nahe; der Vorschlag wäre insofern, noch einmal bei den Apparatustexten anzusetzen und die dort unerledigten Probleme weiterzudenken. Und möglicherweise wäre die Perspektive dann umzudrehen: statt Bolz und Kittler durch die Brille der Apparatustheorien, wären jene durch die Brille von Bolz und Kittler zu lesen. Aber das wäre eine anders gestellte Frage und vor allem ein anderer Artikel...
 
 



 

Anmerkungen:

(1) - Pleynet, Marcelin: Économique, idéologique, formel... In: Cinéthique, Nr. 3, 1969, S. 7-14,
- Baudry, Jean-Louis: Effets idéologiques produits par l'appareil de base. In: Cinéthique, Nr. 7/8, 1970 (am.: ders.: Ideological Effects of the Basic Cinematographic Apparatus. In: Film Quarterly, Nr. 27, Winter 1974/75),
- Baudry, Jean-Louis: Le dispositif. Approches métapsychologiques de l'impression de réalité. In: Communications, Nr. 23, 1975, S. 56-72 (am.: The Apparatus. Metapsychological Approaches to the Impression of Reality in Cinema. In: Rosen, Philip (Hg.): Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader. NY 1986, S. 299-318,
- Comolli, Jean-Louis: Technique et idéologie. Caméra, perspective profondeur du champ. In: Cahiers du cinéma, Nr. 229, Mai 1971 bis Nr. 241, Sept./Okt. 1972 (am: Technique and Ideology. Camera, Perspective Depth of Field. (Part 1). In: Film Reader, Nr. 2, Jan 1977, Northwestern University, Film Division, Evanston (USA), 128-140, und: Technique and Ideology. Camera, Perspective Depth of Field. (Parts 3 and 4). In: Rosen, Philip (Hg.): Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader. NY 1986, S. 421-443,
- Comolli, Jean-Louis: Machines of the Visible. In: Lauretis Teresa de; Heath, Stephen (Hg.): The Cinematic Apparatus. London 1980, S. 121-143. zurück

(2) Diese Frage spielt schon zu Beginn der Debatte, bei Pleynet, eine Rolle (a.a.O.) und wird als ein besonders augenfälliges Beispiel von den anderen Autoren später immer wieder aufgegriffen. zurück

(3) Eine ausführliche Darstellung der hier skizzierten Zusammenhänge findet sich in Winkler, Hartmut: Der filmische Raum und der Zuschauer. 'Apparatus', Semantik, 'Ideology'. Heidelberg 1992, S. 19-76. zurück

(4) Den Begriff selbst hatte Baudry von Foucault übernommen (siehe Baudry, Le dispositif, a.a.O.). zurück

(5) In der Tatsache, daß der Zuschauer die Maschinerie vergessen muß, damit das filmische Erlebnis sich einstellen kann, hatten die Apparatusautoren eine wesentliche Bedingung für das Funktionieren des Mediums aufgefunden. zurück

(6) ...wie übrigens bereits bei Althusser, von dem die Apparatustheoretiker die wichtigsten Bestimmungen des Ideologiebegriffes übernahmen (A., Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg/Berlin 1977, S. 108-168 (O., frz.: 1970)). Begriffe wie 'Verkennung' allerdings schließen einen impliziten Bezug auf Wahrheitskonzepte immer ein. zurück

(7) Am deutlichsten wird dies in der leninistischen Argumentation Pleynets. zurück

(8) Althusser, a.a.O.,
siehe auch: Winkler, Der filmische Raum..., a.a.O., S. 62-67; sowie: Hall, Stuart: Signification, Representation, Ideology: Althusser and the Post-Structuralist Debates. In: Critical Studies in Mass Communication, Vol. 2, Nr. 2, Juni 1985, S. 91-114. zurück

(9) Am deutlichsten ist diese Stellung gegen die Tradition der Geisteswissenschaften in Kittlers frühen Texten:
- K. F.A.: Aufschreibesysteme 1800 - 1900. München 1985
- ders.: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin 1986.
- ders. (Hg.): Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Programme des Poststrukturalismus. München/Wien/Zürich 1980. zurück

(10) An dieser Stelle ein Sammelbegriff für symbolische Prozesse allgemein... zurück

(11) Kittler, Friedrich: Die Welt des Symbolischen - eine Welt der Maschine. In: ders.: Draculas Vermächtnis. Technische Schriften. Leipzig 1993, S. 61. zurück

(12) K., F.: Synergie von Mensch und Maschine. Friedrich Kittler im Gespräch mit Florian Rötzer. In: Kunstforum, Nr. 98, Jan/Feb. 1989, S. 110 (Erg. H.W.). zurück

(13) Der Begriff findet sich unzählige Male in den Kittlerschen Texten, so z.B. in: K., F.: Die Welt des Symbolischen..., a.a.O., S. 64, 75... zurück

(14) K., F.: Protected Mode. In: Bolz, Norbert; Kittler, Friedrich; Tholen, Christoph (Hg.): Computer als Medium. München 1994 S. 209-220, sowie in: Rötzer, Florian; Weibel, Peter (Hg.): Strategien des Scheins. Kunst, Computer, Medien. München 1991, S. 256- 267. zurück

(15) Kittler, Synergie..., a.a.O., S. 111f (Erg. u. Hervorh. H. W.). zurück

(16) - K., F.: Geschichte der Kommunikationsmedien. In: Huber, Jörg; Müller, Alois Martin (Hg.): Raum und Verfahren. Basel/Frankfurt 1993, S. 188,
- ders.: Synergie..., a.a.O., S. 111f (Erg. H.W.). zurück

(17) Comolli, Machines of the Visible, a.a.O., S. 122. zurück

(18) "Kants 'Ich denke' [...] war im Wahren, solange ihm keine Maschine die Pattern recognition abnahm." (K., F.: Die Welt des Symbolischen..., a.a.O., S. 61 (Hervorh. H.W.)). zurück

(19) "Die Welt des Symbolischen - eine Welt der Maschine." (Titel desselben Aufsatzes). zurück

(20) "Wie wir wissen und nur nicht sagen, schreibt kein Mensch mehr. [...] Heute [...] läuft menschliches Schreiben durch Inschriften, die [...] mittels Elektronenlithographie in Silizium eingebrannt [...] ist [...]. Letzter historischer Schreibakt mag es folglich gewesen sein, als in den späten Siebzigern ein Team von Intel-Ingenieuren unter der Leitung von Dr. Marcian E. Hoff einige Dutzend Quadratmeter Zeichenpapier auf leergeräumten Garagenböden Santa Claras auslegte, um die Hardware-Architektur ihres ersten integrierten Mikroprozessors aufzuzeichnen. Dieses manuelle Layout [...] wurde in einem zweiten, nun aber mechanischen Schritt auf die Daumennagelgröße des realen Chips verkleinert und drittens von elektro-optischen Geräten ins Silizium geschrieben." (K., F.: Es gibt keine Software. In: ders.: Draculas Vermächtnis..., a.a.O., S. 226). zurück

(21) Kittler analysiert höhnisch, wie sich ein ganzer literarischer Diskurs auf den Universalsignifikanten 'Ach' zusammenzieht... (K., F. A.: Aufschreibesysteme...a.a.O., S.53ff). zurück

(22) K., F. A.: Den Riß zwischen Lesen und Schreiben überwinden. In: Frankfurter Rundschau, 12. 1. 1993.
Daß das Computeruniversum das Ideal der Schlankheit vielleicht ebenfalls nicht einlöst, ist Kittler bekannt: "Im selben Maß, wie Informationstechnologien zu kulturellen Standards werden, lassen sie sich, im Entwurf wie im Einsatz, wahrscheinlich auch nicht mehr mit den rein algortihmischen Mittlen der Informatik durchrechnen. Im Gegenteil: Der babylonische Turm, den miteinander inkomatible Hardware- und Software- Systeme mittlerweile errichtet haben, wird dem babylonischen Turm unserer Alltagssprachen immer ähnlicher. Angesichts dieser Sprachverwirrung taugen als analytische Instrumente nur die probaten Methoden, die die Kulturwissenschaften für Alltagssprachen schon längst entwikelt haben." (ebd. S. 16, (Hervorh. H.W.)). zurück

(23) "...bleibt Psychologie und damit Verschleierung positiver technischer Effekte" (K., F.: Aufschreibesysteme..., a.a.O., S. 122 (Hervorh. H.W.)). zurück

(24) Paglia, Camille: Die Masken der Sexualität. Berlin 1992 (OA., am: 1990). zurück

(25) ebd., S. 32 (Erg. H.W.). zurück

(26) B., N.: Abschied von der Gutenberg-Galaxis. Medienästhetik nach Nietzsche, Benjamin und McLuhan. In: Hörisch, Jochen; Wetzel, Michael (Hg.): Armaturen der Sinne. Literarische und technische Medien 1870 bis 1920. München 1990, S. 146.
Die Vorstellung, daß die Medien zum 'Taktilen' sich entwicklen, hat Bolz von McLuhan übernommen. zurück

(27) ebd., S. 146 (Bolz zitiert Benjamin, Walter: Einbahnstraße. In ders.: GES, Bd. IV.1, Frankfurt/M. 1980, S. 131). zurück

(28) ebd., S. 151 (B. zit Benjamin: Anmerkung zu Der Erzähler). zurück

(29) "Der heute wesenhafteste, der merkantile Blick ins Herz der Dinge heißt Reklame. Sie reißt den freien Spielraum der Betrachtung nieder.[...] Damit ist denn Sachlichkeit endlich verabschiedet, und vor den Riesenbildern an den Häuserwänden, wo 'Chlorodont' und 'Sleipnir' für Giganten handlich liegen, wird die gesundete Sentimentalität amerikanisch frei, wie Menschen, die nichts mehr rührt und anrührt, im Kino wieder das Weinen lernen." (Benjamin, Einbahnstraße, a.a.O., S. 131f). zurück

(30) "Der Unfug des Sterbens. Nun, dann ist eben auch das Erzählen ein Unfug. Dann stirbt vielleicht, vorerst einmal [,] das pour commencer, die ganze Aura von Trost, Weisheit, Feierlichkeit, mit welcher wir den Tod umgeben haben, ab? Tant mieux. Nicht weinen..." (Benjamin, W.: Anmerkungen zu Der Erzähler. In: GES II.4, S. 1282). zurück

(31) Bolz, Theorie der neuen Medien..., a.a.O., S. 9. zurück

(32) ebd., S. 56. zurück

(33) ebd., S. 39. zurück

(34) "Medien kennen keine ästhetische Distanz mehr; sie spielen unmittelbar auf unseren Nerven." (B., N.: Theorie der neuen Medien..., a.a.O., S. 44). zurück

(35) B., N.: Am Ende der Gutenberggalaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse. München 1993, S. 8f (Erg. H.W.). zurück

(36) ebd., S. 7. zurück

(37) "Seit die Medienenvironments aus sich selbst emergieren..." (B., N.: Computer als Medium - Einleitung. In: ders.; Kittler, Friedrich; Tholen, Christoph (Hg.): Computer als Medium. München 1994, S. 11). zurück

(38) "Der Mensch ist nicht mehr Werkzeugbenutzer sondern Schaltmoment im Medienverbund." (Bolz, Computer als Medium..., a.a.O., S. 13. Heißt das, daß er jemals (souveräner) Werkzeugbenutzer war?
"In der technischen Wirklichkeit der neuen Medien ist der Mensch nicht mehr Souverän der Daten, sondern wird selbst in Feedback-Schleifen eingebaut. Stetig wächst der Anteil der Kommunikation, der an Maschinen statt an Menschen gerichtet wird." (ebd.),
"Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen der mechanischen und der organischen Welt" (B., Abschied..., a.a.O., S. 148) (alle Hervorh. H.W.)). zurück

(39) "Nun schicken sich künstliche Intelligenzen an, uns auch noch die letzte stolze Domäne streitig zu machen: das Denken" (B., N.: Computer als Medium..., a.a.O., S. 9). zurück

(40) B., N.: Am Ende der Gutenberggalaxis, S. 186-191; ein solches Projekt auf zurück

(41) "Elektronische Medien nennen wir jene unterschwellige technologische Erweiterung unseres zentralen Nervensystems, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts statt hat." (B., N.: Abschied..., a.a.O., S. 154; siehe auch S. 148, 155, sowie: Theorie der neuen Medien, a.a.O., S. 7, 29, 43, und: Computer als Medium, a.a.O., S. 9). zurück

(42) B., N.: Abschied..., a.a.O., S. 148. zurück

(43) ebd., S. 147. zurück

(44) ebd., S. 150 (Hervorh. W.W.). zurück

(45) B., N.: Computer als Medium, a.a.O., S. 13. zurück

(46) ebd. (Hervorh. H.W.). zurück

(47) Schlußsatz in: Abschied..., a.a.O., S. 156. zurück

(48) In seinem ersten Teil verspricht das Buch 'Am Ende der Gutenberggalaxis' diese Perspektive, indem es die Kommunikationstheorien von Leibniz bis Luhmann zum Ausgangspunkt wählt (ebd., S. 11-58); weder aber wird dieser Ansatz durch das Modell selbst dann eingelöst, noch der Begriff der Extension relativiert... zurück

(49) noch einmal: "Medien [...] spielen unmittelbar auf unseren Nerven" (B., N.: Theorie der neuen Medien..., a.a.O., S. 44 (Hervorh. H.W.)). zurück

(50) - "Nun muß es [das Bewußtsein] sich mit der Tatsache anfreunden, daß Computer bei den meisten Operationen schneller sind als das Bewußtsein." (Am Ende der Gutenberggalaxis, a.a.O., S. 224 (Erg. H.W.))
- "Damit tritt das assoziative Denken des Alltags ins Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ein." (ebd., S. 215)
- "Seither ist es möglich, die Darstellung und Reduktion von Komplexität zu maschinisieren." (ebd., S. 214)
(Tatsächlich ist zumindest das zweite eines der brennendsten Probleme, an dem das Datenuniversum laboriert.)
- "So pflegt die [?] Industie neuerdings ein Corporate memory als computergestützes fallbasiertes Expertensystem." (ebd.)
- "Doch einer prinzipiellen Betrachtung zeigt sich, daß [...] Xanadu [eine Technik-Utopie Ted Nelsons] technisch implementierbar ist." (ebd., S. 217 (erg. H.W.)). zurück

(51) "Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt; der Mensch ist auch nur ein Tier; das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus - es ist uns einigermaßen gelungen, mit diesen narzistischen Kränkungen umzugehen. Nun schicken sich künstliche Intelligenzen an..." (Bolz, N.: Computer als Medium..., a.a.O., S. 9). zurück

(52) Entlastung, Reduzierung, Ersparung und die Formel 'nichts als' sind favorisierte Begriffe bei Bolz (z.B. in: Am Ende..., a.a.O., S. 33, 35, 27, 40...). zurück

(53) Bolz, Abschied..., a.a.O., S. 145; Bolz schließt hier an Benjamin an. zurück

(54) Es hat insofern strategischen Wert, wenn Bolz Bewußtsein und Kommunikation auf Distanz bringt (B., Am Ende..., a.a.O., S. 52, 87ff). zurück

(0) - Pleynet, Marcelin: Économique, idéologique, formel... In: Cinéthique, Nr. 3, 1969, S. 7-14,
- Baudry, Jean-Louis: Effets idéologiques produits par l'appareil de base. In: Cinéthique, Nr. 7/8, 1970 (am.: ders.: Ideological Effects of the Basic Cinematographic Apparatus. In: Film Quarterly, Nr. 27, Winter 1974/75),
- Baudry, Jean-Louis: Le dispositif. Approches métapsychologiques de l'impression de réalité. In: Communications, Nr. 23, 1975, S. 56-72 (am.: The Apparatus. Metapsychological Approaches to the Impression of Reality in Cinema. In: Rosen, Philip (Hg.): Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader. NY 1986, S. 299-318,
- Comolli, Jean-Louis: Technique et idéologie. Caméra, perspective profondeur du champ. In: Cahiers du cinéma, Nr. 229, Mai 1971 bis Nr. 241, Sept./Okt. 1972 (am: Technique and Ideology. Camera, Perspective Depth of Field. (Part 1). In: Film Reader, Nr. 2, Jan 1977, Northwestern University, Film Division, Evanston (USA), 128-140, und: Technique and Ideology. Camera, Perspective Depth of Field. (Parts 3 and 4). In: Rosen, Philip (Hg.): Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader. NY 1986, S. 421-443,
- Comolli, Jean-Louis: Machines of the Visible. In: Lauretis Teresa de; Heath, Stephen (Hg.): The Cinematic Apparatus. London 1980, S. 121-143. zurück