H.W.: Die amerikanische Zeitschrift The Atlantic Monthly veröffentlichte im Juli 1945 einen Text von Vannevar Bush, Leiter eines Thinktanks der amerikanischen Regierung. Der Artikel erscheint aus heutiger Sicht geradezu visionär. Er nimmt wesentliche Züge der Computerentwicklung vorweg und wird inzwischen als einer der wichtigen Texte in der Theoriegeschichte der Rechner betrachtet. Und er erlaubt einen Blick auf die Probleme, auf die die Computer möglicherweise eine Antwort sind. Der Text erscheint hier zum ersten Mal in deutscher Fassung; aus Platzgründen allerdings mußte er auf etwa ein Drittel seiner Länge gekürzt werden.
Als Leiter der Büros für wissenschaftliche Forschung und
Entwicklung hat Dr. Vannevar Bush die Aktivitäten von mehr als sechstausend
führenden amerikanischen Forschern bezüglich der Nutzung der
Wissenschaften zur Kriegsführung koordiniert. In diesem wichtigen
Artikel will er Wissenschaftlern einen Anreiz zur Weiterarbeit geben, nachdem
der Krieg ein Ende gefunden hat. Er fordert die Wissenschaftler auf, sich
nun der großen Herausforderung zu stellen und unseren unglaublichen
Reichtum an Wissen uns zugänglicher zu machen. Jahrelang haben Erfindungen
vor allem die körperlichen Kräfte der Menschen verstärkt,
nicht die geistigen. Automatische Schmiedehämmer vervielfachten die
Faust, Mikroskope schärften das Auge, und auch Destruktions- und Überwachungsmaschinen
sind das Ergebnis moderner Wissenschaft, nicht aber das Endresultat. Jetzt,
sagt Dr. Bush, stehen uns Werkzeuge zur Verfügung, die, wenn sie angemessen
weiterentwickelt werden, den Menschen Zugang bzw. Macht über das im
Lauf von Jahrhunderten ererbte Wissen geben. Die Vervollkommnung dieser
friedlichen Werkzeuge sollte das erste Ziel unserer Wissenschaftler sein,
die von ihrer Kriegsarbeit zurückkehren. Wie Emersons berühmte
Ansprache aus dem Jahr 1837 an 'Die amerikanischen Gelehrten', fordert
Dr. Bushs Papier eine neue Beziehung zwischen den denkenden Menschen und
der Summe unseres Wissens.
- Der Herausgeber von The Atlantic Monthly -
Dieser Krieg war kein Krieg der Wissenschaftler - es war ein Krieg,
an dem alle ihren Anteil hatten. Die Wissenschaftler, die ihre alten Rivalitäten
zugunsten einer gemeinsamen Sache begruben, haben intensiv kooperiert und
viel gelernt. Es war mitreißend, in solch nutzbringender Partnerschaft
zusammenzuarbeiten. Nun scheint sich diese Zeit für viele dem Ende
zuzuneigen. Was sollen die Wissenschaftler jetzt tun?
[...]
Es gibt einen wachsenden Berg von Forschungen. Aber gleichzeitig wird
zunehmend klar, daß wir uns in einer immer stärkeren Spezialisierung
festfahren. Der Forschende ist überwältigt durch die Ergebnisse
und Schlußfolgerungen tausender anderer Arbeitender - Schlußfolgerungen,
die aufzufassen er keine Zeit findet, geschweige denn sie zu erinnern,
wie sie erscheinen. Dennoch wird die Spezialisierung zunehmend wichtig
für den Fortschritt, und die Bemühung zwischen den Disziplinen
Brücken zu schlagen, ist entsprechend oberflächlich. Im professionellen
Bereich sind unsere Methoden der Übermittlung und Durchsicht von
Forschungsergebnissen Generationen alt und den gegenwärtigen Aufgaben
in keiner Weise angemessen. [...]
H.W.: In den vier Folgeabschnitten, die hier nicht wiedergegeben
werden können, läßt Bush die Aufzeichnungstechniken seiner
Zeit Revue passieren: die Entwicklung der Rechenmaschinen seit Leibniz
und Babbage, die Mikrofotografie als eine Möglichkeit, große
Datenmengen zu komprimieren, facsimile transmission, das Fernsehen, erste
Versuche zur mechanischen Sprachsynthese und Spracherkennung, Hollorith-Lochkartenmaschinen
und die Elektronenröhre. Er spekuliert über die Notwendigkeit,
eine Universalsprache zu entwickeln, 'a new symbolism, probably positional',
und unterscheidet innerhalb der geistigen Arbeit 'creative' und 'repetitive
thought'. Nur für die repetitiven Tätigkeiten hält er mechanische
Hilfen für denkbar.
Und immer wieder kommt er auf das Problem zurück, die Informationen,
die für die eigene Arbeit relevant sind, überhaupt zur Kenntnis
zu nehmen. "Die wichtigste Tätigkeit ist Auswahl, Selektion; und hier
hängen wir wirklich fest. Es mag Tausende schöner Gedanken geben
und die Beschreibung der Erfahrung, auf die sie zurückgehen, eingeschlossen
in Steinmauern von annehmbarer architektonischer Form. Aber wenn der Wissenschaftler
bei emsiger Suche wöchentlich nur an einen einzigen herankommt, werden
seine Synthesen schwerlich auf dem Stand der Dinge sein. Selektion, in
diesem Sinn, ist eine Steinaxt in der Hand eines Kunsttischlers."
[...]
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Das wahre Problem bei der Auswahl (Datenselektion) liegt allerdings
tiefer und ist nicht nur durch die mangelnde Anwendung von Hilfsmitteln
in den Bibliotheken oder die schleppende Entwicklung solcher Werkzeuge
bedingt. Es ist vor allem die Künstlichkeit der Indizierungssysteme,
die es erschwert, Zugang zu den Aufzeichnungen zu bekommen. Egal, welche
Daten man in ein Archiv aufnimmt, sie werden alphabetisch oder numerisch
abgelegt, und die Information wird (wenn überhaupt) wiedergefunden,
indem man Unterabteilung für Unterabteilung durchgeht. Die jeweilige
Information kann sich nur an einem Ort befinden, es sei denn, es werden
Duplikate benutzt. Zum Auffinden mittels Pfad braucht man Regeln, und diese
sind umständlich. Dazu kommt, daß man nach dem Auffinden einer
Information das System verlassen und immer wieder neu ansetzen muß.
Der menschliche Geist arbeitet anders, nämlich mittels Assoziation.
Kaum hat er sich eine Information beschafft, greift er schon auf die nächste
zu, die durch Gedankenassoziation nahegelegt wird, entsprechend einem komplizierten
Gewebe von Pfaden, das über die Hirnzellen verläuft. Selbstverständlich
hat der menschliche Geist auch noch andere Eigenschaften: Pfade, denen
man selten folgt, neigen dazu zu verblassen, Informationen sind nicht vollständig
dauerhaft, Erinnerungen sind flüchtig. Aber die schiere Geschwindigkeit
des Zugriffs, die Komplexität der assoziationspfade, die Einzelheiten
der geistigen Bilder sind beeindruckender als alles andere in der Natur.
Es ist nicht zu hoffen, daß sich dieser geistige Prozeß
vollständig künstlich reproduzieren ließe, aber mit Sicherheit
sollten wir davon lernen können. In kleinen Dingen könnte dies
sogar umgekehrt weiterhelfen, denn Aufzeichnungen sind relativ dauerhaft.
Die erste Idee jedoch, die man aus diesem Vergleich beziehen kann, betrifft
die Auswahl. Die Auswahl durch Assoziation - und nicht durch Indizierung
- müßte hierzu mechanisiert werden. Wir können nicht hoffen,
auf diese Weise mit der Geschwindigkeit und Flexibilität, mit der
der menschliche Geist einem assoziativen Pfad folgt, gleichzuziehen, aber
es sollte möglich sein, den Geist im Hinblick auf die Dauerhaftigkeit
und Klarheit der Ergebnisse beim Aufspüren gespeicherter Themen eindeutig
zu schlagen.
Stellen Sie sich ein künftiges Arbeitsgerät zum persönlichen
Gebrauch vor, das eine Art mechanisierten privaten Archivs oder Bibliothek
darstellt. Es braucht einen Namen, und ich denke, fürs erste wird
'Memex' genügen. Ein Memex ist ein Gerät, in dem ein Individuum
all seine Bücher, Akten und seine gesamte Kommunikation speichert
und das so konstruiert ist, daß es mit außerordentlicher Geschwindigkeit
und Flexibilität benutzt werden kann. Es stellt eine vergrößerte
persönliche Ergänzung zum Gedächtnis dar.
Der Memex besteht aus einem Schreibtisch, und obwohl er auch aus einer
gewissen Entfernung bedient werden kann, arbeitet der Benutzer vor allem
direkt an diesem Möbelstück. Oben befinden sich schräge
durchscheinende Schirme, auf die das Material bequem lesbar projiziert
werden kann. Es gibt eine Tastatur und eine Reihe von Knöpfen und
Hebeln. Ansonsten sieht es wie ein gewöhnlicher Schreibtisch aus.
Auf einer Seite befindet sich das gespeicherte Material. Das Problem der
Masse wird durch einen weiterentwickelten Mikrofilm gelöst. Nur ein
kleiner Teil im Inneren des Memex dient der Speicherung, der Rest läßt
Platz für den Mechanismus selbst. Aber selbst wenn der Benutzer pro
Tag 5000 Seiten Material ablegen würde, würde es Hunderte von
Jahren dauern, den Speicher zu füllen; also kann er verschwenderisch
und frei Neues hinzufügen.
Der größte Teil des Memex-Inhalts kann bereits fertig auf
Mikrofilm erworben werden. Bücher jeder Art, Bilder, aktuelle Periodica,
Zeitungen, alles wird in dieser Form erworben und gespeichert. Die geschäftliche
Korrespondenz nimmt denselben Weg. Und es gibt die Möglichkeit zur
direkten Eingabe. Auf der Oberfläche des Memex befindet sich eine
transparente Fläche. Hier können handschriftliche Notizen, Photographien,
Memoranden, alles Mögliche aufgelegt werden. Wenn dies geschehen ist,
wird durch Hebeldruck eine Photographie angefertigt, die auf dem nächsten
leeren Segment des Memex- Films erscheint; dabei kommt das Verfahren der
Trockenphotographie zum Einsatz.
Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, mithilfe der
üblichen Indizierungssysteme auf das Archiv zuzugreifen. Wenn der
Benutzer ein bestimmtes Buch zu Rate ziehen will, gibt er den Code über
die Tastatur ein, und sofort erscheint die Titelseite des Buchs vor ihm,
projiziert auf einen der Sichtschirme. Häufig benutzte Codes wird
der Benutzer sich merken, so daß er selten das Codebuch konsultieren
muß; aber wenn, dann wird es durch den Druck einer einzigen Taste
für ihn projiziert. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Hebel.
Indem er einen dieser Hebel nach rechts schiebt, kann der Benutzer das
Buch, das vor ihm liegt, durchgehen, die Seiten werden mit einer Geschwindigkeit
projiziert, die gerade noch erlaubt, einen kurzen, orientierenden Blick
darauf zu werfen. Wird der Hebel weiter nach rechts bewegt, steigert sich
das Tempo auf zehn Seiten auf einmal, oder noch weiter bis auf 100 Seiten.
Ein Hebelzug nach links kehrt den Vorgang um.
Ein besonderer Knopf bringt ihn sofort zur ersten Seite des Inhaltsverzeichnisses.
Jedes Buch einer Bibliothek kann so erheblich leichter aufgerufen und betrachtet
werden, als wenn man es aus dem Regal nehmen müßte. Da dem Benutzer
mehrere Projektionsflächen zur Verfügung stehen, kann er einen
Gegenstand in Position lassen und weitere aufrufen. Er kann Notizen und
Kommentare hinzufügen, in dem er eine mögliche Entwicklung der
Trockenphotographie nutzt, und es könnte sogar dafür gesorgt
werden, daß er dies unter Verwendung eines ähnlichen mechanisierten
Schreibsystems tut, wie es derzeit bei den Teleautographen in Warteräumen
von Bahnhöfen eingesetzt wird, ganz so, als hätte er die Buchseite
tatsächlich vor sich.
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All dies ist konventionelle Technik, wenn man von einer Projektion
heute bereits existierender Geräte und Verfahren in die Zukunft absieht.
Es braucht jedoch noch einen weiteren Schritt zur assoziativen Indizierung.
Deren grundlegender Gedanke ist ein Verfahren, von jeder beliebigen Information
- sei es Buch, Artikel, Fotografie, Notiz - sofort und automatisch auf
eine andere zu verweisen. Dies ist es, was den Memex wirklich ausmacht:
Es ist ein Vorgang, der zwei Informationen miteinander verbindet. Das ist
das Kernstück.
Wenn der Benutzer einen Pfad anlegt, benennt er ihn, trägt den
Namen ins Codebuch ein und fixiert ihn mithilfe der Tastatur. Vor ihm befinden
sich zwei zu verbindende Informationen, auf nebeneinanderliegende Positionen
projiziert. Am jeweils unteren Rand davon befinden sich eine Anzahl leerer
Codeflächen, dort werden Zeiger gesetzt, die auf die jeweils andere
Information zeigen. Der Benutzer drückt eine einzige Taste, und die
Gegenstände sind dauerhaft miteinander verbunden. Auf jeder Codefläche
erscheint das Codewort. Nicht sichtbar, aber ebenfalls auf der Codefläche
enthalten, befinden sich eine Reihe von Punkten, lesbar für Photozellen;
und bei jeder Information verweisen diese Punkte durch ihre Position auf
die Indexnummer der anderen Information.
Danach kann jederzeit, wenn eine der Informationen auf einer der Projektionsflächen
sichtbar ist, die andere sofort abgerufen werden, indem ein Knopf unter
der entsprechenden Codefläche gedrückt wird. Darüber hinaus
können mehrere Gegenstände, wenn sie auf diese Weise zu einem
Pfad verbunden wurden, nacheinander durchgeschaut werden, schnell oder
langsam, indem man einen ähnlichen Hebel bedient, wie er zum Durchblättern
der Bücher benutzt wird. Es ist genau so, als wären die jeweiligen
Artikel, Notizen, Bücher, Photographien etc. leibhaftig aus weit entfernten
Quellen zusammengetragen und zu einem neuen Buch verbunden worden. Und
es ist noch mehr als dies, denn jede Information kann so zu einem Teil
unzähliger Pfade werden.
Nehmen wir einmal an, der Besitzer des Memex interessiere sich für
Ursprung und Möglichkeiten von Pfeil und Bogen. Insbesondere beschäftigt
er sich damit, wieso der kurze türkische Bogen bei den Gefechten der
Kreuzzüge dem englischen Langbogen offensichtlich überlegen war.
Er hat Dutzende von Büchern und Artikeln in seinem Memex, die für
dieses Thema gegebenenfalls von Bedeutung sein könnten. Zunächst
blättert er in einer Enzyklopädie, findet einen interessanten,
aber oberflächlichen Eintrag, läßt ihn projiziert stehen.
Als nächstes findet er in einem historischen Werk einen weiteren wichtigen
Eintrag und verbindet die beiden miteinander. Auf diese Weise baut er einen
Pfad aus diversen Einträgen auf. Hin und wieder fügt er einen
eigenen Kommentar hinzu, verbindet ihn entweder mit dem Hauptpfad oder
verknüpft ihn in einem Seitenpfad mit einem bestimmten anderen Eintrag.
Wenn deutlich wird, daß die Elastizität der verfügbaren
Materialien einen großen Einfluß auf den Bogen hat, zweigt
er einen Seitenpfad ab, der ihn durch Fachliteratur über Elastizität
und Tabellen physikalischer Werte führt. Er fügt eine Seite einer
eigenen, handgeschriebenen Analyse hinzu. So zieht er den Pfad seines Interesses
durch das Labyrinth des zur Verfügung stehenden Materials.
Und diese Pfade verblassen nicht. Jahre später wendet sich ein
Gespräch mit einem Freund der seltsamen Neigung der Menschen zu, sich
Neuerungen zu widersetzen, selbst wenn sie lebenswichtig sein könnten.
Unser Benutzer gibt als Beispiel die Tatsache an, daß die unterlegenen
Europäer sich immer noch weigerten, den türkischen Bogen zu übernehmen.
Und er verfügt über den entsprechenden Pfad zu diesem Argument.
Ein Knopfdruck bringt das Codebuch zum Vorschein. Ein paar Tasten werden
gedrückt, und der Beginn des Pfades erscheint auf der Projektionsfläche.
Mit dem Hebel bewegt man sich auf dem Pfad weiter, hält bei interessanten
Einzelheiten inne, unternimmt Exkursionen über Seitenpfade. Es ist
ein interessanter Pfad, der viel zur Diskussion beiträgt. Also schaltet
der Benutzer die Reproduktionsvorrichtung ein, photographiert den gesamten
Pfad ab und überreicht ihn seinem Freund, der ihn in seinen eigenen
Memex integrieren kann, um ihn dort einem allgemeineren Pfad hinzuzufügen.
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Ganz neue Arten von Enzyklopädien werden entstehen, bereits versehen
mit einem Netz assoziativer Pfade, bereit, in den Memex eingebaut und dort
erweitert zu werden. Der Anwalt hat auf Tastendruck die gesammelten Gutachten
und Entscheidungen seines gesamten Berufslebens zur Verfügung, ebenso
wie die von Freunden und Autoritäten. Für den Patentanwalt stehen
Hunderttausende ausgegebener Patente bereit, mit vertrauten Pfaden zu jedem
Punkt, der für seinen Klienten von Interesse sein könnte. Der
Arzt, verwundert über die Reaktion eines Patienten, folgt dem Pfad,
den er bei der Erforschung eines früheren, ähnlichen Falls angelegt
hat, und kann rasch andere Fallgeschichten durchgehen, mit Hinweisen auf
die relevanten Klassiker der Anatomie und Histologie. Der Chemiker, der
sich mit der Synthese einer organischen Verbindung müht, hat alle
Fachliteratur in seinem Labor vor sich, mit Pfaden, die sich mit Vergleichen
zwischen Verbindungen befassen und Seitenpfaden über ihre physikalischen
und chemischen Eigenschaften.
Der Historiker, der eine ausführliche Chronologie eines Volkes
anlegt, versieht diese parallel mit einem Schnellpfad, der nur die wichtigsten
Punkte berührt, und kann jederzeit von dort aus anderen, über
die gesamte Zivilisation einer bestimmten Epoche führenden Pfaden
folgen. Es wird ein neuer Berufszweig von Fährtensuchern entstehen,
die sich damit beschäftigen, nützliche Pfade durch die ungeheure
Menge von Aufzeichnungen und Dokumenten anzulegen. Ein Meister kann seinen
Schülern nicht nur die eigenen Ergänzungen zu den Aufzeichnungen
dieser Welt hinterlassen, sondern das gesamte Gerüst, mit dessen Hilfe
sie entstanden sind.
Auf diese Weise kann die Wissenschaft der Menschheit Werkzeuge zur
Produktion, Speicherung und Nutzung ihrer Aufzeichnungen liefern. Es wäre
vermutlich eindrucksvoller, die Möglichkeiten der Zukunft spektakulärer
herauszustellen, statt sich, wie hier geschehen, eng an bereits bekannte
Methoden und Elemente zu halten, die sich schnell weiterentwickeln. Ich
gebe zu, bei meinen Überlegungen alle Arten technischer Schwierigkeiten
ignoriert zu haben, aber ebenso habe ich Mittel nicht in Betracht gezogen,
die derzeit noch unbekannt sind und die jeden Tag auftauchen könnten,
um dann den technischen Fortschritt so schnell voranzutreiben wie seinerzeit
die Elektronenröhre. Damit das Bild nicht zu alltäglich wird,
weil ich mich an heutige Muster halte, sollte ich vielleicht eine zusätzliche
Möglichkeit erwähnen, nicht, um zu prophezeien, sondern nur,
um etwas nahezulegen, denn Prophezeiungen haben nur Substanz, wenn sie
auf dem Weiterdenken des Bekannten beruhen; solange sie sich aber auf Unbekanntes
gründen, vervielfältigen sie lediglich Vermutungen.
All unsere Schritte, wenn wir Material für Aufzeichnungen schaffen
oder aufnehmen, haben mit einem der Sinne zu tun - dem Tastsinn, wenn wir
Tasten berühren, dem Sprechen, wenn wir etwas sagen oder zuhören,
dem Sehen, wenn wir lesen. Wäre es nicht möglich, daß dies
eines Tages auf erheblich direkterem Wege vor sich gehen kann?
[...]
Es ist bereits möglich, über die Knochen Geräusche in
die Nervenkanäle von Gehörlosen zu leiten, damit diese hören
können. Wäre es nicht denkbar, daß wir lernen, sie ohne
die derzeitige Unbequemlichkeit zu übermitteln, zunächst elektrische
Vibrationen in mechanische umzuwandeln, die der menschliche Organismus
dann prompt wieder in die elektrische Form zurückverwandelt? Mit ein
paar Elektroden, die am Schädel befestigt werden, kann ein Enzephalograph
heute Tintenspuren produzieren, die in einer gewissen Beziehung zu den
elektrischen Phänomenen stehen, die im Hirn selbst vor sich gehen.
Es stimmt, diese Aufzeichnungen sind nicht lesbar, wenn man von der Feststellung
grober Fehlfunktionen zerebraler Mechanismen einmal absieht; aber wer vermag
zu sagen, wo die Grenzen solcher Entwicklungen liegen mögen?
Man hat bereits alle Formen von Information akustischer oder visueller
Art, wie sie außerhalb von uns vorkommen, auf jene variierenden Spannungen
in einem elektrischen Kreislauf reduzieren und sie damit übermittelbar
machen können. Innerhalb des menschlichen Körpers finden ganz
ähnliche Prozeße statt. Werden wir immer darauf angewiesen sein,
etwas in mechanische Bewegungen zu übersetzen, um eine Verbindung
von einem elektrischen Phänomen zum anderen herzustellen? Ein anregender
Gedanke, aber man kann kaum Vorhersagen treffen, ohne den Boden der Realität
unter den Füßen zu verlieren. Man sollte annehmen, daß
es die Stimmung des Menschen heben wird, besser imstande zu sein, seine
dunkle Vergangenheit zu überblicken und seine augenblicklichen Probleme
vollständiger und objektiver zu analysieren. Die Menschheit hat eine
so komplizierte Zivilisation errichtet, daß sie ihre Aufzeichnungen
besser mechanisieren muß, wenn sie dieses Experiment zu seinem logischen
Schluß führen und nicht auf halbem Wege steckenbleiben will,
weil sie ihre beschränkte Erinnerungsfähigkeit überlastet
hat. Ihre Exkursionen könnten angenehmer verlaufen, wenn sie das Privileg
wieder erlangen könnte, all die Dinge zu vergessen, die sie nicht
unmittelbar benötigt, ohne dabei befürchten zu müssen, daß
sich diese Dinge nicht wiederfinden lassen, sollten sie sich als wichtig
erweisen.
Die Anwendung der Wissenschaften hat der Menschheit ein gut ausgestattetes
Haus gebaut und sie gelehrt, gesund darin zu leben. Sie hat Menschenmassen
in die Lage versetzt, einander mit grausamen Waffen zu bekriegen. Sie könnte
es der Menschheit auch gestatten, sich ihre gewaltigen Aufzeichnungen wahrhaft
dienlich zu machen und an der Weisheit ihrer Erfahrung zu wachsen. Es mag
sein, daß die Menschheit im Konflikt untergeht, bevor es ihr gelingt,
diese Aufzeichnungen zu ihrem Nutzen einzusetzen. Aber dies scheint ein
ausgesprochen unglücklicher Zeitpunkt zu sein, mit der Nutzbarmachung
der Wissenschaft im Dienste des Menschen innezuhalten oder die Hoffnung
auf ein positives Ergebnis zu verlieren.
H.W.: Eine Nachbemerkung: Erst seit relativ kurzer Zeit haben wir
uns daran gewöhnt, im Computer nicht mehr ein Denkwerkzeug, sondern
ein Medium zu sehen. Und hier hält Bush eine wirkliche Verblüffung
bereit. Eigentlich nämlich geht sein Text von einem Kommunikationsproblem
aus. Dem einzelnen Forscher, das war das Ausgangsargument, fällt es
immer schwerer, die Resultate seiner Kollegen für die eigene Arbeit
fruchtbar zu machen; die Menge des relevanten Materials nimmt exponentiell
zu, der Anteil des Gelesenen wird relativ immer geringer. Die Folge ist,
daß sein Austausch mit anderen, und vor allem der Austausch mit dem
Pool des Wissens insgesamt, in die Krise geraten.
Ein klassisches Kommunikationsproblem. Und Bush antwortet mit der
Entwicklung einer Maschine, die zunächst nur den Schreibtisch des
einzelnen betrifft. Der Memex macht die Arbeit schneller, leichter und
effizienter, und auch die Übergabe von Materialien war ausdrücklich
vorgesehen. Aber hätte man tatsächlich das Vertrauen, daß
der Forscher nun mit dem Wachsen der Materialberge Schritt halten kann?
Meine These ist, daß der Memex zwar den Austausch mit einzelnen Kollegen
unterstützt, das eigentliche Problem - die Kommunikation mit dem Pool
des Wissens insgesamt - aber nahezu unberührt läßt. Das
Ausgangsproblem Informationsüberflutung und die technische Antwort
Memex klaffen eigentümlich auseinander.
Und um so erstaunlicher ist, daß die Computerentwicklung exakt
denselben Weg noch einmal gegangen ist. Nachdem sie uns lange stand-alone-Maschinen
beschert hat, zuerst die Mainframes und dann die Schreibtischcomputer,
wird erst jetzt, mit der Vernetzung, ein Zugriff auch auf fremde Daten
möglich. Der Zugriff - 'our ineptitude in getting at the record' -
also scheint einigermaßen geregelt zu sein. Das eigentliche Problem
aber, hatte Bush gesagt, liegt in der Menge selbst. Und dieses wird auch
mit mechanischer Selektion und assoziativer Speicherung nicht zu lösen
sein.