(erschienen in der Zeitschrift 'Form Diskurs', Nr. 2, I/1997, S. 136-147) - website creation date: 26. 01. 97, update: 15. 02. 01, expiration date: 15. 02. 2004, 24 KB, url: www.uni-paderborn.de /~winkler/bush-d.html, language: German, © Form Diskurs 1997 - ( keys: media, theory, computers, technology, history, communication, memex))

Wiedergelesen
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In der Rubrik 'Wiedergelesen' stellt form diskurs Texte vor, die einst die Theoriebildung beeinflußten. Sie werden jeweils kurz kommentiert.

Vannevar Bush

As We May Think

Kommentar: Hartmut Winkler home
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Regina Winter

H.W.: Die amerikanische Zeitschrift The Atlantic Monthly veröffentlichte im Juli 1945 einen Text von Vannevar Bush, Leiter eines Thinktanks der amerikanischen Regierung. Der Artikel erscheint aus heutiger Sicht geradezu visionär. Er nimmt wesentliche Züge der Computerentwicklung vorweg und wird inzwischen als einer der wichtigen Texte in der Theoriegeschichte der Rechner betrachtet. Und er erlaubt einen Blick auf die Probleme, auf die die Computer möglicherweise eine Antwort sind. Der Text erscheint hier zum ersten Mal in deutscher Fassung; aus Platzgründen allerdings mußte er auf etwa ein Drittel seiner Länge gekürzt werden.

Als Leiter der Büros für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung hat Dr. Vannevar Bush die Aktivitäten von mehr als sechstausend führenden amerikanischen Forschern bezüglich der Nutzung der Wissenschaften zur Kriegsführung koordiniert. In diesem wichtigen Artikel will er Wissenschaftlern einen Anreiz zur Weiterarbeit geben, nachdem der Krieg ein Ende gefunden hat. Er fordert die Wissenschaftler auf, sich nun der großen Herausforderung zu stellen und unseren unglaublichen Reichtum an Wissen uns zugänglicher zu machen. Jahrelang haben Erfindungen vor allem die körperlichen Kräfte der Menschen verstärkt, nicht die geistigen. Automatische Schmiedehämmer vervielfachten die Faust, Mikroskope schärften das Auge, und auch Destruktions- und Überwachungsmaschinen sind das Ergebnis moderner Wissenschaft, nicht aber das Endresultat. Jetzt, sagt Dr. Bush, stehen uns Werkzeuge zur Verfügung, die, wenn sie angemessen weiterentwickelt werden, den Menschen Zugang bzw. Macht über das im Lauf von Jahrhunderten ererbte Wissen geben. Die Vervollkommnung dieser friedlichen Werkzeuge sollte das erste Ziel unserer Wissenschaftler sein, die von ihrer Kriegsarbeit zurückkehren. Wie Emersons berühmte Ansprache aus dem Jahr 1837 an 'Die amerikanischen Gelehrten', fordert Dr. Bushs Papier eine neue Beziehung zwischen den denkenden Menschen und der Summe unseres Wissens.
- Der Herausgeber von The Atlantic Monthly -

Dieser Krieg war kein Krieg der Wissenschaftler - es war ein Krieg, an dem alle ihren Anteil hatten. Die Wissenschaftler, die ihre alten Rivalitäten zugunsten einer gemeinsamen Sache begruben, haben intensiv kooperiert und viel gelernt. Es war mitreißend, in solch nutzbringender Partnerschaft zusammenzuarbeiten. Nun scheint sich diese Zeit für viele dem Ende zuzuneigen. Was sollen die Wissenschaftler jetzt tun?
[...]
Es gibt einen wachsenden Berg von Forschungen. Aber gleichzeitig wird zunehmend klar, daß wir uns in einer immer stärkeren Spezialisierung festfahren. Der Forschende ist überwältigt durch die Ergebnisse und Schlußfolgerungen tausender anderer Arbeitender - Schlußfolgerungen, die aufzufassen er keine Zeit findet, geschweige denn sie zu erinnern, wie sie erscheinen. Dennoch wird die Spezialisierung zunehmend wichtig für den Fortschritt, und die Bemühung zwischen den Disziplinen Brücken zu schlagen, ist entsprechend oberflächlich. Im professionellen Bereich sind unsere Methoden der ▄bermittlung und Durchsicht von Forschungsergebnissen Generationen alt und den gegenwärtigen Aufgaben in keiner Weise angemessen. [...]

H.W.: In den vier Folgeabschnitten, die hier nicht wiedergegeben werden können, läßt Bush die Aufzeichnungstechniken seiner Zeit Revue passieren: die Entwicklung der Rechenmaschinen seit Leibniz und Babbage, die Mikrofotografie als eine Möglichkeit, große Datenmengen zu komprimieren, facsimile transmission, das Fernsehen, erste Versuche zur mechanischen Sprachsynthese und Spracherkennung, Hollorith-Lochkartenmaschinen und die Elektronenröhre. Er spekuliert über die Notwendigkeit, eine Universalsprache zu entwickeln, 'a new symbolism, probably positional', und unterscheidet innerhalb der geistigen Arbeit 'creative' und 'repetitive thought'. Nur für die repetitiven Tätigkeiten hält er mechanische Hilfen für denkbar.
Und immer wieder kommt er auf das Problem zurück, die Informationen, die für die eigene Arbeit relevant sind, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. "Die wichtigste Tätigkeit ist Auswahl, Selektion; und hier hängen wir wirklich fest. Es mag Tausende schöner Gedanken geben und die Beschreibung der Erfahrung, auf die sie zurückgehen, eingeschlossen in Steinmauern von annehmbarer architektonischer Form. Aber wenn der Wissenschaftler bei emsiger Suche wöchentlich nur an einen einzigen herankommt, werden seine Synthesen schwerlich auf dem Stand der Dinge sein. Selektion, in diesem Sinn, ist eine Steinaxt in der Hand eines Kunsttischlers."
[...]

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Das wahre Problem bei der Auswahl (Datenselektion) liegt allerdings tiefer und ist nicht nur durch die mangelnde Anwendung von Hilfsmitteln in den Bibliotheken oder die schleppende Entwicklung solcher Werkzeuge bedingt. Es ist vor allem die Künstlichkeit der Indizierungssysteme, die es erschwert, Zugang zu den Aufzeichnungen zu bekommen. Egal, welche Daten man in ein Archiv aufnimmt, sie werden alphabetisch oder numerisch abgelegt, und die Information wird (wenn überhaupt) wiedergefunden, indem man Unterabteilung für Unterabteilung durchgeht. Die jeweilige Information kann sich nur an einem Ort befinden, es sei denn, es werden Duplikate benutzt. Zum Auffinden mittels Pfad braucht man Regeln, und diese sind umständlich. Dazu kommt, daß man nach dem Auffinden einer Information das System verlassen und immer wieder neu ansetzen muß.
Der menschliche Geist arbeitet anders, nämlich mittels Assoziation. Kaum hat er sich eine Information beschafft, greift er schon auf die nächste zu, die durch Gedankenassoziation nahegelegt wird, entsprechend einem komplizierten Gewebe von Pfaden, das über die Hirnzellen verläuft. Selbstverständlich hat der menschliche Geist auch noch andere Eigenschaften: Pfade, denen man selten folgt, neigen dazu zu verblassen, Informationen sind nicht vollständig dauerhaft, Erinnerungen sind flüchtig. Aber die schiere Geschwindigkeit des Zugriffs, die Komplexität der assoziationspfade, die Einzelheiten der geistigen Bilder sind beeindruckender als alles andere in der Natur.
Es ist nicht zu hoffen, daß sich dieser geistige Prozeß vollständig künstlich reproduzieren ließe, aber mit Sicherheit sollten wir davon lernen können. In kleinen Dingen könnte dies sogar umgekehrt weiterhelfen, denn Aufzeichnungen sind relativ dauerhaft. Die erste Idee jedoch, die man aus diesem Vergleich beziehen kann, betrifft die Auswahl. Die Auswahl durch Assoziation - und nicht durch Indizierung - müßte hierzu mechanisiert werden. Wir können nicht hoffen, auf diese Weise mit der Geschwindigkeit und Flexibilität, mit der der menschliche Geist einem assoziativen Pfad folgt, gleichzuziehen, aber es sollte möglich sein, den Geist im Hinblick auf die Dauerhaftigkeit und Klarheit der Ergebnisse beim Aufspüren gespeicherter Themen eindeutig zu schlagen.
Stellen Sie sich ein künftiges Arbeitsgerät zum persönlichen Gebrauch vor, das eine Art mechanisierten privaten Archivs oder Bibliothek darstellt. Es braucht einen Namen, und ich denke, fürs erste wird 'Memex' genügen. Ein Memex ist ein Gerät, in dem ein Individuum all seine Bücher, Akten und seine gesamte Kommunikation speichert und das so konstruiert ist, daß es mit außerordentlicher Geschwindigkeit und Flexibilität benutzt werden kann. Es stellt eine vergrößerte persönliche Ergänzung zum Gedächtnis dar.
Der Memex besteht aus einem Schreibtisch, und obwohl er auch aus einer gewissen Entfernung bedient werden kann, arbeitet der Benutzer vor allem direkt an diesem Möbelstück. Oben befinden sich schräge durchscheinende Schirme, auf die das Material bequem lesbar projiziert werden kann. Es gibt eine Tastatur und eine Reihe von Knöpfen und Hebeln. Ansonsten sieht es wie ein gewöhnlicher Schreibtisch aus. Auf einer Seite befindet sich das gespeicherte Material. Das Problem der Masse wird durch einen weiterentwickelten Mikrofilm gelöst. Nur ein kleiner Teil im Inneren des Memex dient der Speicherung, der Rest läßt Platz für den Mechanismus selbst. Aber selbst wenn der Benutzer pro Tag 5000 Seiten Material ablegen würde, würde es Hunderte von Jahren dauern, den Speicher zu füllen; also kann er verschwenderisch und frei Neues hinzufügen.
Der größte Teil des Memex-Inhalts kann bereits fertig auf Mikrofilm erworben werden. Bücher jeder Art, Bilder, aktuelle Periodica, Zeitungen, alles wird in dieser Form erworben und gespeichert. Die geschäftliche Korrespondenz nimmt denselben Weg. Und es gibt die Möglichkeit zur direkten Eingabe. Auf der Oberfläche des Memex befindet sich eine transparente Fläche. Hier können handschriftliche Notizen, Photographien, Memoranden, alles Mögliche aufgelegt werden. Wenn dies geschehen ist, wird durch Hebeldruck eine Photographie angefertigt, die auf dem nächsten leeren Segment des Memex- Films erscheint; dabei kommt das Verfahren der Trockenphotographie zum Einsatz.
Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, mithilfe der üblichen Indizierungssysteme auf das Archiv zuzugreifen. Wenn der Benutzer ein bestimmtes Buch zu Rate ziehen will, gibt er den Code über die Tastatur ein, und sofort erscheint die Titelseite des Buchs vor ihm, projiziert auf einen der Sichtschirme. Häufig benutzte Codes wird der Benutzer sich merken, so daß er selten das Codebuch konsultieren muß; aber wenn, dann wird es durch den Druck einer einzigen Taste für ihn projiziert. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Hebel. Indem er einen dieser Hebel nach rechts schiebt, kann der Benutzer das Buch, das vor ihm liegt, durchgehen, die Seiten werden mit einer Geschwindigkeit projiziert, die gerade noch erlaubt, einen kurzen, orientierenden Blick darauf zu werfen. Wird der Hebel weiter nach rechts bewegt, steigert sich das Tempo auf zehn Seiten auf einmal, oder noch weiter bis auf 100 Seiten. Ein Hebelzug nach links kehrt den Vorgang um.
Ein besonderer Knopf bringt ihn sofort zur ersten Seite des Inhaltsverzeichnisses. Jedes Buch einer Bibliothek kann so erheblich leichter aufgerufen und betrachtet werden, als wenn man es aus dem Regal nehmen müßte. Da dem Benutzer mehrere Projektionsflächen zur Verfügung stehen, kann er einen Gegenstand in Position lassen und weitere aufrufen. Er kann Notizen und Kommentare hinzufügen, in dem er eine mögliche Entwicklung der Trockenphotographie nutzt, und es könnte sogar dafür gesorgt werden, daß er dies unter Verwendung eines ähnlichen mechanisierten Schreibsystems tut, wie es derzeit bei den Teleautographen in Warteräumen von Bahnhöfen eingesetzt wird, ganz so, als hätte er die Buchseite tatsächlich vor sich.

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All dies ist konventionelle Technik, wenn man von einer Projektion heute bereits existierender Geräte und Verfahren in die Zukunft absieht. Es braucht jedoch noch einen weiteren Schritt zur assoziativen Indizierung. Deren grundlegender Gedanke ist ein Verfahren, von jeder beliebigen Information - sei es Buch, Artikel, Fotografie, Notiz - sofort und automatisch auf eine andere zu verweisen. Dies ist es, was den Memex wirklich ausmacht: Es ist ein Vorgang, der zwei Informationen miteinander verbindet. Das ist das Kernstück.
Wenn der Benutzer einen Pfad anlegt, benennt er ihn, trägt den Namen ins Codebuch ein und fixiert ihn mithilfe der Tastatur. Vor ihm befinden sich zwei zu verbindende Informationen, auf nebeneinanderliegende Positionen projiziert. Am jeweils unteren Rand davon befinden sich eine Anzahl leerer Codeflächen, dort werden Zeiger gesetzt, die auf die jeweils andere Information zeigen. Der Benutzer drückt eine einzige Taste, und die Gegenstände sind dauerhaft miteinander verbunden. Auf jeder Codefläche erscheint das Codewort. Nicht sichtbar, aber ebenfalls auf der Codefläche enthalten, befinden sich eine Reihe von Punkten, lesbar für Photozellen; und bei jeder Information verweisen diese Punkte durch ihre Position auf die Indexnummer der anderen Information.
Danach kann jederzeit, wenn eine der Informationen auf einer der Projektionsflächen sichtbar ist, die andere sofort abgerufen werden, indem ein Knopf unter der entsprechenden Codefläche gedrückt wird. Darüber hinaus können mehrere Gegenstände, wenn sie auf diese Weise zu einem Pfad verbunden wurden, nacheinander durchgeschaut werden, schnell oder langsam, indem man einen ähnlichen Hebel bedient, wie er zum Durchblättern der Bücher benutzt wird. Es ist genau so, als wären die jeweiligen Artikel, Notizen, Bücher, Photographien etc. leibhaftig aus weit entfernten Quellen zusammengetragen und zu einem neuen Buch verbunden worden. Und es ist noch mehr als dies, denn jede Information kann so zu einem Teil unzähliger Pfade werden.
Nehmen wir einmal an, der Besitzer des Memex interessiere sich für Ursprung und Möglichkeiten von Pfeil und Bogen. Insbesondere beschäftigt er sich damit, wieso der kurze türkische Bogen bei den Gefechten der Kreuzzüge dem englischen Langbogen offensichtlich überlegen war. Er hat Dutzende von Büchern und Artikeln in seinem Memex, die für dieses Thema gegebenenfalls von Bedeutung sein könnten. Zunächst blättert er in einer Enzyklopädie, findet einen interessanten, aber oberflächlichen Eintrag, läßt ihn projiziert stehen. Als nächstes findet er in einem historischen Werk einen weiteren wichtigen Eintrag und verbindet die beiden miteinander. Auf diese Weise baut er einen Pfad aus diversen Einträgen auf. Hin und wieder fügt er einen eigenen Kommentar hinzu, verbindet ihn entweder mit dem Hauptpfad oder verknüpft ihn in einem Seitenpfad mit einem bestimmten anderen Eintrag. Wenn deutlich wird, daß die Elastizität der verfügbaren Materialien einen großen Einfluß auf den Bogen hat, zweigt er einen Seitenpfad ab, der ihn durch Fachliteratur über Elastizität und Tabellen physikalischer Werte führt. Er fügt eine Seite einer eigenen, handgeschriebenen Analyse hinzu. So zieht er den Pfad seines Interesses durch das Labyrinth des zur Verfügung stehenden Materials.
Und diese Pfade verblassen nicht. Jahre später wendet sich ein Gespräch mit einem Freund der seltsamen Neigung der Menschen zu, sich Neuerungen zu widersetzen, selbst wenn sie lebenswichtig sein könnten. Unser Benutzer gibt als Beispiel die Tatsache an, daß die unterlegenen Europäer sich immer noch weigerten, den türkischen Bogen zu übernehmen. Und er verfügt über den entsprechenden Pfad zu diesem Argument. Ein Knopfdruck bringt das Codebuch zum Vorschein. Ein paar Tasten werden gedrückt, und der Beginn des Pfades erscheint auf der Projektionsfläche. Mit dem Hebel bewegt man sich auf dem Pfad weiter, hält bei interessanten Einzelheiten inne, unternimmt Exkursionen über Seitenpfade. Es ist ein interessanter Pfad, der viel zur Diskussion beiträgt. Also schaltet der Benutzer die Reproduktionsvorrichtung ein, photographiert den gesamten Pfad ab und überreicht ihn seinem Freund, der ihn in seinen eigenen Memex integrieren kann, um ihn dort einem allgemeineren Pfad hinzuzufügen.

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Ganz neue Arten von Enzyklopädien werden entstehen, bereits versehen mit einem Netz assoziativer Pfade, bereit, in den Memex eingebaut und dort erweitert zu werden. Der Anwalt hat auf Tastendruck die gesammelten Gutachten und Entscheidungen seines gesamten Berufslebens zur Verfügung, ebenso wie die von Freunden und Autoritäten. Für den Patentanwalt stehen Hunderttausende ausgegebener Patente bereit, mit vertrauten Pfaden zu jedem Punkt, der für seinen Klienten von Interesse sein könnte. Der Arzt, verwundert über die Reaktion eines Patienten, folgt dem Pfad, den er bei der Erforschung eines früheren, ähnlichen Falls angelegt hat, und kann rasch andere Fallgeschichten durchgehen, mit Hinweisen auf die relevanten Klassiker der Anatomie und Histologie. Der Chemiker, der sich mit der Synthese einer organischen Verbindung müht, hat alle Fachliteratur in seinem Labor vor sich, mit Pfaden, die sich mit Vergleichen zwischen Verbindungen befassen und Seitenpfaden über ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften.
Der Historiker, der eine ausführliche Chronologie eines Volkes anlegt, versieht diese parallel mit einem Schnellpfad, der nur die wichtigsten Punkte berührt, und kann jederzeit von dort aus anderen, über die gesamte Zivilisation einer bestimmten Epoche führenden Pfaden folgen. Es wird ein neuer Berufszweig von Fährtensuchern entstehen, die sich damit beschäftigen, nützliche Pfade durch die ungeheure Menge von Aufzeichnungen und Dokumenten anzulegen. Ein Meister kann seinen Schülern nicht nur die eigenen Ergänzungen zu den Aufzeichnungen dieser Welt hinterlassen, sondern das gesamte Gerüst, mit dessen Hilfe sie entstanden sind.
Auf diese Weise kann die Wissenschaft der Menschheit Werkzeuge zur Produktion, Speicherung und Nutzung ihrer Aufzeichnungen liefern. Es wäre vermutlich eindrucksvoller, die Möglichkeiten der Zukunft spektakulärer herauszustellen, statt sich, wie hier geschehen, eng an bereits bekannte Methoden und Elemente zu halten, die sich schnell weiterentwickeln. Ich gebe zu, bei meinen ▄berlegungen alle Arten technischer Schwierigkeiten ignoriert zu haben, aber ebenso habe ich Mittel nicht in Betracht gezogen, die derzeit noch unbekannt sind und die jeden Tag auftauchen könnten, um dann den technischen Fortschritt so schnell voranzutreiben wie seinerzeit die Elektronenröhre. Damit das Bild nicht zu alltäglich wird, weil ich mich an heutige Muster halte, sollte ich vielleicht eine zusätzliche Möglichkeit erwähnen, nicht, um zu prophezeien, sondern nur, um etwas nahezulegen, denn Prophezeiungen haben nur Substanz, wenn sie auf dem Weiterdenken des Bekannten beruhen; solange sie sich aber auf Unbekanntes gründen, vervielfältigen sie lediglich Vermutungen.
All unsere Schritte, wenn wir Material für Aufzeichnungen schaffen oder aufnehmen, haben mit einem der Sinne zu tun - dem Tastsinn, wenn wir Tasten berühren, dem Sprechen, wenn wir etwas sagen oder zuhören, dem Sehen, wenn wir lesen. Wäre es nicht möglich, daß dies eines Tages auf erheblich direkterem Wege vor sich gehen kann?
[...]
Es ist bereits möglich, über die Knochen Geräusche in die Nervenkanäle von Gehörlosen zu leiten, damit diese hören können. Wäre es nicht denkbar, daß wir lernen, sie ohne die derzeitige Unbequemlichkeit zu übermitteln, zunächst elektrische Vibrationen in mechanische umzuwandeln, die der menschliche Organismus dann prompt wieder in die elektrische Form zurückverwandelt? Mit ein paar Elektroden, die am Schädel befestigt werden, kann ein Enzephalograph heute Tintenspuren produzieren, die in einer gewissen Beziehung zu den elektrischen Phänomenen stehen, die im Hirn selbst vor sich gehen. Es stimmt, diese Aufzeichnungen sind nicht lesbar, wenn man von der Feststellung grober Fehlfunktionen zerebraler Mechanismen einmal absieht; aber wer vermag zu sagen, wo die Grenzen solcher Entwicklungen liegen mögen?
Man hat bereits alle Formen von Information akustischer oder visueller Art, wie sie außerhalb von uns vorkommen, auf jene variierenden Spannungen in einem elektrischen Kreislauf reduzieren und sie damit übermittelbar machen können. Innerhalb des menschlichen Körpers finden ganz ähnliche Proze▀e statt. Werden wir immer darauf angewiesen sein, etwas in mechanische Bewegungen zu übersetzen, um eine Verbindung von einem elektrischen Phänomen zum anderen herzustellen? Ein anregender Gedanke, aber man kann kaum Vorhersagen treffen, ohne den Boden der Realität unter den Füßen zu verlieren. Man sollte annehmen, daß es die Stimmung des Menschen heben wird, besser imstande zu sein, seine dunkle Vergangenheit zu überblicken und seine augenblicklichen Probleme vollständiger und objektiver zu analysieren. Die Menschheit hat eine so komplizierte Zivilisation errichtet, daß sie ihre Aufzeichnungen besser mechanisieren muß, wenn sie dieses Experiment zu seinem logischen Schluß führen und nicht auf halbem Wege steckenbleiben will, weil sie ihre beschränkte Erinnerungsfähigkeit überlastet hat. Ihre Exkursionen könnten angenehmer verlaufen, wenn sie das Privileg wieder erlangen könnte, all die Dinge zu vergessen, die sie nicht unmittelbar benötigt, ohne dabei befürchten zu müssen, daß sich diese Dinge nicht wiederfinden lassen, sollten sie sich als wichtig erweisen.
Die Anwendung der Wissenschaften hat der Menschheit ein gut ausgestattetes Haus gebaut und sie gelehrt, gesund darin zu leben. Sie hat Menschenmassen in die Lage versetzt, einander mit grausamen Waffen zu bekriegen. Sie könnte es der Menschheit auch gestatten, sich ihre gewaltigen Aufzeichnungen wahrhaft dienlich zu machen und an der Weisheit ihrer Erfahrung zu wachsen. Es mag sein, daß die Menschheit im Konflikt untergeht, bevor es ihr gelingt, diese Aufzeichnungen zu ihrem Nutzen einzusetzen. Aber dies scheint ein ausgesprochen unglücklicher Zeitpunkt zu sein, mit der Nutzbarmachung der Wissenschaft im Dienste des Menschen innezuhalten oder die Hoffnung auf ein positives Ergebnis zu verlieren.

H.W.: Eine Nachbemerkung: Erst seit relativ kurzer Zeit haben wir uns daran gewöhnt, im Computer nicht mehr ein Denkwerkzeug, sondern ein Medium zu sehen. Und hier hält Bush eine wirkliche Verblüffung bereit. Eigentlich nämlich geht sein Text von einem Kommunikationsproblem aus. Dem einzelnen Forscher, das war das Ausgangsargument, fällt es immer schwerer, die Resultate seiner Kollegen für die eigene Arbeit fruchtbar zu machen; die Menge des relevanten Materials nimmt exponentiell zu, der Anteil des Gelesenen wird relativ immer geringer. Die Folge ist, daß sein Austausch mit anderen, und vor allem der Austausch mit dem Pool des Wissens insgesamt, in die Krise geraten.
Ein klassisches Kommunikationsproblem. Und Bush antwortet mit der Entwicklung einer Maschine, die zunächst nur den Schreibtisch des einzelnen betrifft. Der Memex macht die Arbeit schneller, leichter und effizienter, und auch die Übergabe von Materialien war ausdrücklich vorgesehen. Aber hätte man tatsächlich das Vertrauen, daß der Forscher nun mit dem Wachsen der Materialberge Schritt halten kann? Meine These ist, daß der Memex zwar den Austausch mit einzelnen Kollegen unterstützt, das eigentliche Problem - die Kommunikation mit dem Pool des Wissens insgesamt - aber nahezu unberührt läßt. Das Ausgangsproblem Informationsüberflutung und die technische Antwort Memex klaffen eigentümlich auseinander.
Und um so erstaunlicher ist, daß die Computerentwicklung exakt denselben Weg noch einmal gegangen ist. Nachdem sie uns lange stand-alone-Maschinen beschert hat, zuerst die Mainframes und dann die Schreibtischcomputer, wird erst jetzt, mit der Vernetzung, ein Zugriff auch auf fremde Daten möglich. Der Zugriff - 'our ineptitude in getting at the record' - also scheint einigermaßen geregelt zu sein. Das eigentliche Problem aber, hatte Bush gesagt, liegt in der Menge selbst. Und dieses wird auch mit mechanischer Selektion und assoziativer Speicherung nicht zu lösen sein.