(Kurzbeitrag im Rahmen des Duisburger Dokumentarfilmfestivals, Nov. '99. - website creation date 07. 11. 99, update: 21. 02. 01, expiration date 21. 02. 2004, 9 KB, url:www.uni-paderborn.de/~winkler/duisburg.html, language: German, © H. Winkler 1999, home ( keys: media, theory, body )

Hartmut Winkler

Körperbilder und Körperdebatte.

Das Thema der Runde: 'Körperbilder' schillert: geht es einerseits um Bilder von Körpern (z.B. in Krieg und Pornographie), um die Körper als einen unter vielen Gegenständen der Abbildung, insofern es eben Bilder von Häusern, Kriegen und von Körpern gibt, so ahnt man gleichzeitig, daß die Körper nicht ein beliebiger, sondern ein ganz besonderer Gegenstand sind; daß sie eine besondere, um nicht zu sagen privilegierte Stellung innehaben. Dieser privilegierten Stellung möchte ich in meinem kurzen Eingangs-Statement nachforschen.
Und ich möchte dazu drei Fragen stellen: zum einen: was suchen wir in den Bildern von Krieg und Pornographie? und zwar diesseits und jenseits ihres 'Inhalts'. Und dann: warum ist gerade die Gegenwart so obsessionell mit Körpern und Körperbildern befaßt? Hintergrund sind etwas abstraktere medientheoretische Überlegungen die mich in verschiedenen Aufsätzen beschäftigt haben.

Ich denke, daß man sich dem Thema von zwei Seiten aus annähern kann: von der Seite der Bilder oder eben von der Seite der Körper; und mein kurzes Statement soll dazu beitragen, den Schauplatz zu beschreiben, auf dem sich beide treffen (und verfehlen).
Aus der Perspektive der Bilder reihen sich die Körperbilder des Krieges und der Pornographie ein in eine Bild-Geschichte (und eine Geschichte der Bildmedien), der wir - geschult durch die Debatten der letzten Jahre - routiniert medien- und zeichenkritisch gegenüberstehen. Wir haben gelernt, den Bildern routiniert zu mißtrauen; einige Formulierungen im Programm zu dieser Veranstaltung: 'Auf dem Weg zum letzten Bild', 'virtuelle Körper-Ichs' und/oder 'eskapistische Sexualität' deuten in diese Richtung.
Betrachten wir die Frage aus der Perspektive der Körper, sieht dieselbe Landschaft völlig anders aus: Nun nämlich tritt hervor, daß der Körper eine Art Skandal im Reich der Bilder ist. Auch hier nur ein paar Stichworte: ständig schwanken wir in unserem Alltagsbewußtsein, ob wir einen Körper haben oder ob wir dieser Körper 'sind', was zumindest unser Verhältnis zum eigenen Körper einigermaßen irritiert.
Wir wissen, daß unser Körper ein Schauplatz gesellschaftlicher Zeichenprozesse ist: Körper- und Bewegungscodes, die wir internalisieren, Ideale von Schönheit und Eleganz, Ort vielfältiger Einschreibungen, Ort gesellschaftlicher Disziplinierung; und wir haben gelernt, daß es hinter diesen Codes nicht einen 'eigentlichen' Körper gibt, der von diesen Einschreibungen sauber (oder überhaupt) zu trennen wäre. Bei Foucault, Lacan und Butler haben wir gelesen, daß wir diese Codes 'sind'; daß sie in uns einwachsen, daß ein 'ich' oder 'wir' von diesen eingewachsenen externen Vorgaben gar nicht abgesetzt werden kann; gleichzeitig aber haben wir die Intuition, daß diese Bestimmungen, so richtig sie sein mögen, eigentümlich steril bleiben; so verfügen wir, anders als die anderen, die uns beobachten, eben nicht nur über eine Außenwahrnehmung unseres Körpers, sondern auch über eine Innenwahrnehmung, was zum Beispiel dazu führt, daß uns Schmerz und Lust, die 'Sprache' unseres Körpers - was immer 'Sprache' dann meint - unmittelbar oder scheinbar 'unmittelbar', existentiell und unabweisbar trifft. Wenn wir uns auf unseren Körper als ein Objekt beziehen, ein Objekt unter Objekten, haben wir ein eigentümliches Gefühl der Inadäquatheit; und die Kälte eines solch instrumentellen Umgangs tritt unmittelbar hervor. Erscheint doch allzu klar, daß wir selbst vom Ort dieses Körpers aus sprechen, daß sich auf seinem Terrain Subjekt- und Objektposition also aufs Unhygienischste vermischen, daß der sprechende und der besprochene Körper zusammen und gleichzeitig auseinanderfallen usf. Und es kommt uns die Ahnung an, daß dies bei allen Objekten, auf die wir uns sprechend oder mit Bildern, oder über Bilder sprechend beziehen, ähnlich sein könnte.

Meine Behauptung ist, daß exakt dies der Grund ist, aus dem die gegenwärtige Körperdebatte stattfindet. Der Körper markiert exakt den Ort, an dem der Zweifel in unsere mühsam aufgebauten Gewißheiten einbricht; wo wir 15 Jahre lang geübt haben, uns zeichenkritisch zu verhalten, die Bilder für Bilder und nichts als Bilder zu nehmen, die Zeichen für Zeichen, abgetrennt von jedem Bezeichneten und von den Objekten der Welt; und schließlich den Körper selbst für ein Bild, abhängig von Bildern oder symbolisch 'konstruiert', explodiert eine Debatte (und übrigens in den Studios eine Körperpraxis), die eine ganz andere Sprache spricht.

Der Körper ist insofern Ort eines theoretischen Skandals; des Wiedereinbruchs dessen, was wir aus unseren Theorien mühsam ausgeschlossen hatten; der Ort, an dem die Frage nach dem Weltbezug unserer Zeichen unabweisbar wird; wo die Konstruktionen an etwas gemessen werden, das selbst nicht mehr Konstruktion, nicht mehr ausschließlich Konstruktion ist, oder eben ein Schauplatz, auf dem die Diskurse auf ihr Anderes treffen. Der Körper zeigt uns, daß unsere Theorien falsch, kurzschlüssig und naiv waren, vielleicht intellektuell befriedigend, aber leider eben nicht 'wahr', und die Gewohnheit, die Frage nach 'Wahrheit' ebenfalls auszuschließen, eben nicht mehr als eine Konvention. Also doch ein "Wahrheitsdiskurs", wie die Ankündigung der Veranstaltung skeptisch sagt?

Ja und nein. Nein, insofern der Körper keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit bietet; keine 'Unmittelbarkeit' und nicht den utopischen Ort, an dem Bezeichnung und Bezeichnetes zusammenfallen; Wahrheitsdiskurs 'ja' aber, insofern am Beispiel des Körpers und eben der Körperbilder des Krieges und der Pornographie zumindest die Frage nach der Wahrheit ihr geschundenes Haupt wieder erhebt.
Wahrheit nicht als Forderung nach einer 'Übereinstimmung' von Vorbild und Abbild, Objekt und Repräsentation; sondern als Anreiz, über den Status der Bilder wieder und neu nachzudenken; über den Status der Bilder und zweitens eben den Status dessen, was selbst nicht Bild ist: die brutale, irreversible Praxis des Krieges mag symbolisch vermittelt sein, brutal und irreversibel aber ist sie vor allem, insofern sie eben nicht ausschließlich symbolisch ist; und für die freundlichere Praxis der Sexualität gilt das gleiche; so tief Bilder und symbolische Prozesse in sie hineinwirken, so wenig fällt sie mit ihnen einfach zusammen. Pornographie und Kriegsbilder operieren exakt auf dem Nerv dieser Frage, auf dem Nerv unserer falschen Totalisierung des Zeichenbegriffs.

All dies mag Ihnen abstrakt vorkommen und, wenn es denn stimmt, ein Problem allein in den Kulturwissenschaften, die gegenwärtig eben einen (weiteren) Paradigmenwechsel durchleiden. Deshalb ist mir eine Ergänzung wichtig: Pornographie und Kriegsbilder werden nicht primär von Film- und Medienwissenschaftlern gesehen; was wir als Wissenschaftler austragen, also könnte durchaus ein Äquivalent im Medienumgang auch des breiten Publikums haben: es mag richtig sein, daß das Publikum zunächst eine kurzschlüssige 'Wahrheit' sucht; müde von der Übermacht der vielen, allzu vielen Bilder, müde von der Inszenierung, den Schönheitscodes und der Vermittlung nun jene Bilder sucht, die 'direkt' zu sprechen scheinen; in aller Härte, aber eben 'direkt'; Körperbilder, auf die der Körper 'unmittelbar' reagiert; dies wäre die schlichte Überbietung, die das Stichwort der 'letzten Bilder' andeutet; und dieser Wahrheitsannahme gegenüber wäre Skepsis mehr als angebracht. Vielleicht aber geht es um mehr; vielleicht ist auch das Massenpublikum damit befaßt, am Maßstab des Körpers sich eine neue Meinung über die Bilder zu bilden.
Die Skepsis gegenüber den Bildern ist wohlfeil zu haben; sie ist inzwischen auch im breiten Publikum - als Zynismus, Medienkompetenz, Ironie oder Camp - fest implementiert. Die Frage ist ausschließlich, ob es jenseits der Bilder noch etwas gibt. Und ob dieses 'etwas' zwangsläufig im Schema der instrumentellen Subjekt-Objekt-Logik modelliert werden muß. Und hier scheinen die Rezipienten am Bungee-Seil wie im Pornokino vor allem ihren Körper zu fragen...