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Hartmut Winkler

Diskurs und System 3

Über Lorenz, Galton und Freuds Begriff der Verdichtung.

1987 hat Thorsten Lorenz einen kurzen Text veröffentlicht, der zwischen den psychoanalytischen Forschungen Freuds und den kriminalistischen Forschungen seines Zeitgenossen Galton eine Verbindung herstellt.(1) Galton setzte das Medium Photographie als Hilfsmittel der Kriminalwissenschaften ein, und Lorenz leitet aus verschiedenen Parallelen des Vorgehens und der Begrifflichkeit Aussagen zum Verhältnis von Medientheorie und Psychoanalyse ab.
Der Text selbst ist eher unscheinbar; zwei Seiten daraus allerdings enthalten eine Überlegung, die, obwohl eher Spekulation als Theorie, über das Projekt des Artikels weit hinausgeht. Lorenz macht hier den Versuch,
- die Überlagerung photographischer Bilder,
- Idealisierung und Abstraktion als Kennzeichen von Zeichenprozessen,
- Freuds Begriff der Verdichtung,
- den der Assoziation und
- die Vorstellung der Sprache als eines Netzes zusammenzudenken.
(Glücklicherweise bleiben alle Überlegungen sehr speziell; wären sie auf ein semiotisches Modell hin verallgemeinert, gäbe es kaum noch etwas hinzuzufügen...)
  
 

1. Lorenz: Bilder

"In Wien träumt Sigmund Freud von seinem Freund R., der im Traum zugleich sein Onkel ist. [...]. Zwei Gesichter werden zur Deckung gebracht. Diese Bildung von 'Mischpersonen' gilt Freud als 'Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung' [...]. Es (das Mischen der Personen im Traum, T.L.) ist wie eine Mischphotographie von Galton, der, um Familienähnlichkeiten zu erzielen, mehrere Gesichter auf die nämliche Platte photographieren ließ. [...] Schließlich präsentiert Galton den definitiven Rekord: die Mischung von 100 Gesichtern, die sich zu einem einzigen verdichten. Diese Technik [...] läßt die gemeinsamen Züge verschiedener Personen stärker hervortreten, die unterscheidenden hingegen löscht sie, sie deckt sie ab."(2)
Geschildert wird ein rein mechanisches Verfahren: eine photographische Platte wird mit differenten aber 'ähnlichen' Motiven belichtet, der Akkumulations- und Auslöschungseffekt läßt die Gemeinsamkeiten hervortreten und die Differenzen verschwinden. Pointe also ist, daß einer mechanischen Akkumulation (Wiederholung) ein Effekt von Generalisierung, von Idealisierung entspringt; "'Die idealen Gesichter, die durch die Methode der Mischphotographie gewonnen wurden, scheinen viel mit den sog. abstrakten [...] Ideen gemeinsam zu haben.'"(3)
Ort der 'Akkumulation' ist die photographische Platte. Dieser mechanische Speicher wird mit dem Traummechanismus der Verdichtung parallelisiert; dem bis dahin irreduzibel psychischen Vorgang der Verdichtung wird ein sehr schlichter mechanischer Vorgang als Spiegel vorgehalten, mit dem Resultat, daß der Abstand beider sich deutlich verringert und die Verdichtung, klarer als bei Freud selbst, in die Nähe technisch/mechanischer Prozesse rückt.(4)
Von hier aus nun wäre ein Schritt weiterzugehen: es drängt sich geradezu auf, die Begriffe der Verdichtung und der Akkumulation in ein allgemeineres Modell des menschlichen Gedächtnisses hinein zu verlängern.
Das Skizzierte nämlich legt die Vorstellung nahe, tatsächlich alle Idealisierungen, alle 'abstrakten Ideen' könnten aus einem Prozeß der Akkumulation und Auslöschung hervorgegangen sein. Wenn die Wahrnehmung es unablässig mit differenten Konkreta zu tun hat, wäre es Aufgabe des Gedächtnisses, diese Konkreta zu überlagern, sie zu 'verdichten' und sie schließlich in jene Schemata zu überführen, die (wie man annehmen darf) das Gros der Gedächtnisinhalte bilden. Die Abstrakta wären Resultat eines beschreibbaren Prozesses der Abstraktion; auf der Strecke bliebe, wie im Fall der Mischphotographien Galtons, was die Einzelwahrnehmungen als einzelne ursprünglich unterschied.
So betrachtet wäre Verdichtung nicht ein Mechanismus der Traumarbeit allein, sondern die gesamte Interaktion zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis wäre nach dem Muster der Verdichtung zu beschreiben.
Erst von dieser Verallgemeinerung aus, so denke ich, ergeben sich die Anschlußpunkte, die die Lorenzsche Argumentation für eine Medientheorie wirklich interessant machen:
Zunächst - bei Lorenz nicht erwähnt - der Anschlußpunkt zur Gestalttheorie. Die Gestalttheorie behauptet, daß alle Wahrnehmung Gestaltwahrnehmung sei, d.h. ein Wiedererkennen aufgrund von visuellen Schemata, mit denen der Rezipient dem Wahrgenommenen gegenübertritt.
Sobald man mit Kittler fragt, wie Gestalten entstehen,(5) gerät man in die unmittelbare Nähe der Galtonschen Mischphotographie, denn die Ausbildung von visuellen Schemata ist nur in einem Iterationsprozeß, in der wiederholten Wahrnehmung ähnlicher Objekte denkbar. 'Kumulation', 'Generalisierung in der Überlagerung' und 'Verdichtung' scheinen also auch die Herausbildung der Gestalten zu beherrschen, nur daß, entsprechend der oben getroffenen Erweiterung, Ort der Kumulation nicht die photographische Platte, sondern das menschliche Gedächtnis ist.
Der zweite wichtige Anschlußpunkt ist die Sprache. Wenn oben von 'abstrakten Ideen' die Rede war, ist das hauptsächliche Medium dieser abstrakten Ideen sicher die Sprache. Für die Sprache sind zumindest zwei Momente von Idealisierung konstitutiv: Jedes Wort, jeder einzelne Begriff stellt eine Idealisierung dar, insofern er eine große Zahl von Referenten subsumiert - Grundlage jener einzigartigen sprachlichen Ökonomie, die der schwirrenden Vielfalt des zu Begreifenden eine relativ begrenzte Anzahl von begrifflichen Werkzeugen entgegensetzt.(6) Preis dieser Ökonomie ist, daß die subsumierten Referenten um ihre konkrete Differenz gebracht, generalisert und damit beschnitten werden.(7) Und wieder drängt das Bild der Mischphotographien sich auf: Begriffe sind 'Mischphotographien' ihrer Referenten in diesem Sinn...(8)
Das zweite Moment von Idealisierung hängt mit dem ersten eng zusammen: daß der Mehrzahl der sprachlichen Ausdrücke kein Referent in der gegenständlichen Welt zugeordnet werden kann ('Einhorn', 'Inflation', 'Gott'), macht die einzigartige Leistungsfähigkeit (und den systematischen Defekt) der Sprache aus. Signifikate leiten sich nicht von Referenten, sondern aus Diskurs-Ereignissen ab; Diskurse (Signifikantenspiele) generieren Signifikate - als Ordnungsschemata, als Modelle, als Denk- Werkzeuge, als Schemata in jenem Gedächtnis, das überwiegend eben Schemata und nicht Repräsentationen (konkreter Entitäten, einzelner Ereignisse) enthält. Auf der Signifikatseite ist Sprache ein Gedächtnisphänomen; Phänomen einer Verdichtung und Idealisierung, wenn diese auch auf eine einfache Akkumulation kaum noch zurückzuführen scheint...
 
 

2. Lorenz: Sprache

"[Eine direkte Verbindung führt von der Mischphotographie Galtons zum] Wortassoziationstest. Und es bedarf nur einer kleinen Metonymie, um zu zeigen, daß es sich in beiden Verfahren um dasselbe handelt.
Die Experimentatoren des Wortassoziationstests, auf die Freud sich beruft, heißen bekanntermaßen Eugen Bleuler und C.G. Jung. Der Wortassoziationstest in der Kriminalistik jedoch ist Jahre zuvor bereits mit einem und nicht mit zwei Namen verbunden: Francis Galton. Der Psychiatrie wie der Kriminalistik gleichermaßen gelten diese Tests als Aufdeckungsverfahren, als Überführung des Patienten oder des Täters, der sich nicht in der Bedeutung eines Wortes, sondern in seiner symbolischen Vernetzung, nach Bleuler sogen. 'Wortkomplexen', verrät. Miteinander assoziierte Ideen bilden für Galton eine 'kumulative Idee', nichts anderes als die 'Wortkomplexe' Bleulers. Aber kumulative Mischideen, d.h. Wortassoziationen, sind nichts anderes als - ideale Mischphotographien:
'Die idealen Gesichter, die durch die Methode der Mischphotographie gewonnen wurden, scheinen viel mit den sog. abstrakten (i.e. kumulativen, T.L.) Ideen gemeinsam zu haben.'
Ein Wort ähnelt keineswegs einer Photographie, zwei miteinander assoziierte Worte aber einer Mischphotographie. Eine symbolische Ordnung wird technisch repräsentiert, um so ein Modell für ihr Funktionieren zu gewinnen."(9)
Auch Lorenz also wechselt vom Feld der Bilder hinüber auf das Feld der Sprache, mit dem Anspruch, das psychoanalytisch/semiotische Grundmodell konstanthalten zu können. Und in der Tat scheint der Weg über die Pluralität der Worte, über den Begriff der Assoziation und des 'Komplexes' vielversprechend; sobald man aber näher hinsieht, bricht die Konstruktion als ganze ein.
Dies vor allem deshalb, weil Lorenz' Begriff der Assoziation im Vorstellungsfeld der Psychoanalyse verbleibt. Für die Psychoanalyse ist eine 'Assoziation' die Bahnung, die zwei Begriffe im Bewußtsein eines einzelnen Probanden miteinander verbindet; das freie Assoziieren in der Kur dient dazu, diese Assoziationsbahnen abzuschreiten, die Vorstellungskomplexe und damit - nach und nach - die spezifische psychische Struktur des Patienten offenzulegen.
Vom so skizziierten Begriff der 'Assoziation' allerdings ist weder eine Verbindung zur 'Kumulation' noch zu einem notwendig überindividuellen Sprachmodell plausibel zu machen, und die Assoziation, dies wird im Zitierten sogar expliziert, gerät in einen (völlig irreführenden) Gegensatz zur 'Wortbedeutung'.
Zu retten wäre das Projekt, wenn die psychoanalytischen Terminologie zunächst auf ein allgemeineres Modell der Sprache bezogen würde. (Vor der individuell pathologisch/delinquent abweichenden Sprache wäre die allgemeine in Augenschein zu nehmen).
Innerhalb der Sprachwissenschaften nämlich ist 'Assoziation' der Saussuresche Begriff für die 'paradigmatische Verkettung', d. h. jene negativ-differentiellen Verweise, die den einzelnen Begriff relativ zu allen anderen Begriffen und damit zum Gesamtsystem der Sprache verorten. Die Sprache wird als ein Netz aufgefaßt, wobei die 'Knoten' dieses Netzes (die Worte) nicht als positive Entitäten begriffen werden können, sondern beschrieben allein durch ihre Relation auf andere Knoten...
Innerhalb dieser Vorstellung nun kann zwischen 'Assoziation' und 'Kumulation' tatsächlich ein regelhafter Zusammenhang konstruiert werden: auf die Frage nämlich, wie das Wort zu seiner Stelle im System (zu seinen 'Assoziationen') kommt, ist zumindest eine skizzenhafte Antwort möglich:(10)
- Worte erhalten ihre Bedeutung durch Texte (explizite oder implizite Definition);
- aus jedem konkreten Kontext, in dem das Wort auftritt, nimmt es etwas mit; jede Verwendung lädt die Worte mit neuen Bedeutungsnuancen auf;
- Bedeutung kann damit als eine statistische Akkumulation vergangener Kontexte beschrieben werden; das Wort als eine Art Träger, der den Extrakt vergangener Kontexte in jeden neuen, aktuellen Kontext einbringt.
- Texte bilden eine Ebene der Explikation; sie schreiten (linear) jene Verbindungen ab, die das Wort als 'Assoziationen' im Netz der Sprache verorten.
- auf eine Formel gebracht: syntagmatische Anreihung (Nähe im Text) schlägt in paradigmatische Verkettung (Nähe im sprachlichen System) um.


Diese Vorstellung beschreibt die Sprache als eine Maschine, die Texte/Kontexte in 'Assoziationen' umarbeitet, d.h. syntagmatisch- manifeste Diskursereignisse in die paradigmatisch-latente Struktur der Sprache überführt.
Mit dieser Vorstellung nun wird die Parallele zur Mischphotographie Galtons plausibel: wie die Mehrfachbelichtung die einzelnen Photographien kumuliert und generalisiert, kumuliert die Sprache vergangene Kontexte. Das Wort, nun allerdings jedes Wort, ist tatsächlich eine 'kumulative Idee' (Galton/Lorenz), ein Komplex von Assoziationen und ein Produkt von Kumulation.
(Die kriminalistisch/psychoanalytischen Wortassoziationstests wären damit ein Sonderfall im allgemeinen Fuktionieren der Sprache. Da es im Wortassoziationstest darum geht, solche Assoziationsbahnen und 'Komplexe' aufzufinden, die von der intersubjektiv etablierten Netzstruktur abweichen, machen sie den Charakter der Bahnung wahrnehmbar, jenes Netz, das sonst vollautomatisch und hinter dem Rücken der Sprechenden funktioniert...).
Nicht nur individuelle Komplexe, sondern 'Wort' und 'Bedeutung' allgemein scheinen sich jenem Mechanismus zu verdanken, der anhand der Bilder als 'Verdichtung' beschrieben worden ist.
 
 

3. Isolation

Lorenz' Parallele zwischen Mischphotographie und Verdichtung hat einen wesentlichen Defekt; einen Defekt, der allerdings erst im Gang der hier vorgeschlagenen Verallgemeinerungen wahrnehmbar wird: Die Mischphotographie nämlich kann nur akkumulieren und 'verdichten', was vorab dem Kriterium der Ähnlichkeit gehorcht;(11) die Ähnlichkeit ist extern vorausgesetzt und hat im Mechanismus selbst keinen Ort.
Für die Freudsche Verdichtung gilt diese Vorbedingung nicht; die Traumarbeit kann beliebige Gegenstände zusammenziehen, um einen Traumgedanken einzukleiden.(12) Und ähnlich kann auch die Gestalttheorie eine vorgängige Ähnlichkeit nicht voraussetzen: wenn man die Gestalten als ein System differenter und die Wahrnehmungen differenzierender Schemata versteht, muß sowohl die Dimension der Ähnlichkeit als auch die entgegengesetzte der Verschiedenheit, der Differenz ins System eingehen...
Die generelle Frage also ist, wie ein System auf Basis von Verdichtung und Akkumulation Differenzen generiert, Unterschiede, Grenzen, und damit jene isolierten Einheiten, die das Bild der photographischen Platte als eines isolierten Orts der Akkumulation immer schon voraussetzt. Als Arbeitsbegriff für diese Problematik möchte ich den Begriff der Isolation vorschlagen.

Eine erste und relativ unaufwendige Antwort ist auf dem Terrain der Gestalttheorie möglich. Wenn Gestalten in der Iteration von Wahrnehmungen entstehen, indem im amorphen, wahrgenommenen Material Strukturen wiederkehren und in der Wiederkehr überhaupt erst hervortreten, Identität gewinnen,(13) ist damit ein Modell beschrieben, das im gleichen Zug sowohl Ähnlichkeit als auch Differenz generiert. (Auf dem Feld der visuellen Wahrnehmung ist dies das Problem der Segmentierung, d.h. der Gliederung des einheitlichen Wahrnehmungsfeldes in 'Objekte', die mit zunehmender Sicherheit wiedererkannt und gegenüber ihrem 'Hintergrund' stabilisiert werden).(14)
Das Bild der Photoplatte ist damit endgültig überschritten: Nicht die Platte stellt den vordefiniert-isolierten Ort für die Akkumulation, sondern der 'Ort' selbst ist Effekt der Akkumulation und bildet sich als ein identischer in der Akkumulation erst heraus. Das Photographierte, so könnte man sagen, baut sich seine Platte auf; denn das Gedächtnis wird, mit dem Wahrgenommenen konfrontiert, eine Vielzahl von Schemata ausprobieren (alle entweder im Aufbau, Abbau oder Umbau befindlich); das Wahrgenommene wird auf Ähnlichkeit und Differenz geprüft werden und (kumulativ) in das System der Ähnlichkeiten und Differenzen eingehen.
Eine zweite und systematischere Bestimmung wäre, daß Isolation immer Isolation vom Kontext, d.h. Kontextentbindung ist. Dies gilt für die Gestalterkennung, die das Objekt von seinem Hintergrund isoliert, ebenso aber auch für die Kumulation auf dem Feld der Sprache, die, wie gesagt, syntagmatische Reihen in paradigmatische und das heißt Kontexte in 'Bedeutung' verwandelt.
Vom Begriff der Isolation aus tut sich ein völlig eigenes Feld der Semiotik auf, das im hier skizzierten Zusammenhang nicht geklärt werden kann. Deutlich aber dürfte sein, daß Isolation nicht als Leistung des Einzelnen konzipiert werden kann; legt die Gestalttheorie noch nahe, die Gestalten seien Besitz des Individuums und in der Interaktion eines einzelnen Wahrnehmungsapparates mit einem einzelnen Gedächtnis entstanden, macht die semiotische Perspektive deutlich, daß Zeichensysteme Isolation und Kumulation intersubjektiv organisieren; Zeichensysteme sind auf unterschiedlicher Stufe der Rigidität vor-isoliert (die Tatsache, daß Wörter im Schriftbild durch Leerräume getrennt werden, daß Bilder eine vergleichbare Segmentierung aber nicht kennen, mag dies illustrieren).
Das Zusammenspiel von Kumulation (Verdichtung) und Isolation (Abstoßung, Differenzierung) dürfte so etwas wie den Kern aller symbolischen Prozesse ausmachen; eine semiotische Theorie, die diesen Gedanken durchführt, allerdings steht noch aus.(15)
 
 

4. Verdichtung und Vergessen

Konzipiert man, wie oben vorgeschlagen, die Verdichtung als einen allgemeinen Gedächtnismechanismus, wird man eine Dialektik zwischen Verdichtung und Vergessen etablieren müssen.
Insofern das Einzelne in der Verdichtung untergeht, und ersetzt wird durch ein Schema, das nur noch bestimmte, nicht aber alle seiner Aspekte repräsentiert, stellt die Verdichtung ebensosehr wie ein Gedächtnissystem ein System regelhaften Vergessens dar. Ein paradoxes Vergessen, ein Vergessen hinein in die Struktur.
Die Frage kann entsprechend nicht mehr lauten: wird eine Wahrnehmung Bestandteil des Gedächtnisses oder wird sie vergessen, sondern: in welcher Weise wird sie repräsentiert. Auf welcher Stufe der Konkretion; gemeinsam mit ihrem Kontext und in relativer Detailliertheit oder stark generalisiert und ihres Kontextes beraubt...
 
 

5. Speicher und Gedächtnis

Der Gang der Argumentation hat, um Lorenz' Idee einer Parallele zwischen Mischphotographie und Verdichtung einzulösen, Verallgemeinerungen vorgenommen, die einen Sprung im Maßstab und in der Reichweite bedeuten. Die technische Metapher wurde als Vehikel benutzt, einen Begriff der Verdichtung zu entfalten, der die Metapher deutlich überschreitet, und der Begriff der Verdichtung selbst wurde über das Freudsche Konzept hinaus ausgedehnt.
(Es wäre deshalb sinnvoll, von der Verallgemeinerung aus noch einmal zurückzufragen, inwieweit der gedehnte Begriff mit dem Freudschen überhaupt noch kompatibel ist, und inwieweit er sich vom Modell einer quantitativ beschreibbaren Akkumulation, der Pointe bei Lorenz, entfernt.)

Zumindest eines aber scheint die Überlegung zu leisten: Wenn alle jüngeren Gedächtnistheorien darauf beharren, daß zwischen den mechanischen Speichern und dem menschlichem Erinnerungsvermögen eine unüberbrückbare Differenz bestehe - Reaktion der Geisteswissenschaften auf die anmaßende Behauptung der Künstlichen Intelligenz, gedächtnisähnliche Strukturen seien technisch zu implementieren -, so scheint der Begriff der Verdichtung diese Polarität zumindest zu verwirren: ohne Zweifel ein mechanisches Bild,(16) und dennoch ohne Ehrgeiz in Richtung einer technischen Implementierung, scheint der Begriff der Verdichtung beiden Sphären zugehörig; die Ausgangsfrage scheint damit in gewisser Weise falsch gestellt, und aus der veränderten Perspektive - nun einer Ökonomie der Diskurse (?) - zu reformulieren.
Den 'mechanischen Speichern' der Monumente, der Schrift und der Rechner steht nicht ein 'lebendiges Vermögen' gegenüber, und die ersteren sind sowenig 'starr', wie die zweiten 'in ständiger Bewegung'; beide sind immer schon vermittelt durch die Ökonomie eines diskursiven Prozesses, der, in ständiger Bewegung befindlich, Zeichen generiert, Bedeutungen auf- und abbaut, 'isoliert', 'verdichtet' und deponiert, und sich vielleicht wenig darum schert, ob diese 'Depots' in menschlichen Köpfen oder in Monumenten ihren interimistischen Ort finden. Es sei zugestanden, daß die Regeln dieser Ökonomie so wenig durchschaut sind, wie die der Gehirnvorgänge selbst; und zweitens, daß der diskursive Prozeß Subjekt nur in dem Sinne sein kann, als die tatsächlichen Subjekte die kumulativen Effekte ihrer Aktivitäten verkennen. Ohne Zweifel aber ist die Technik selbst ein solch kumulativer, verkannter Effekt. Ein System gewucherter 'Depots', das nicht mehr 'tot' dem 'Lebendigen' gegenübersteht und 'passiv' auf die verlebendigende Aktivität der Subjekte wartet. Wenn es der Medientheorie u.a. darum geht, die mediale Technik als Technik zu denken, und das heißt auch: die Eigenaktivität, bzw. Eigendynamik technischer Entwicklungen miteinzubeziehen, dann könnte es lohnend sein, gezielt solche Begriffe zu entwickeln, die zwischen menschlichen und technischen Prozessen zunächst nicht unterscheiden. Der Begriff der Verdichtung und speziell seine Lorenzsche Ausdeutung könnte ein solcher Begriff sein...
 
 


 
 

Anmerkungen:

(1) Lorenz, Thorsten: Der kinematographische Un-Fall der Seelenkunde. In: Kittler, F.A.; u.a. (Hg.): Diskursanalysen 1. Medien. Opladen 1987, S. 108- 130 zurück

(2) ebd., S. 110f,
"[Auch] die Technik Mareys besteht in der Mehrfachbelichtung auf einer feststehenden Platte." (119) zurück

(3) ebd., S. 113 (L. zit. Galton) zurück

(4) Lorenz' Argumentation läuft darauf hinaus, den Freudschen Begriff auf sein technisch/mediales Apriori zu reduzieren ("...Der Phototechniker Freud hat schlicht seinen Galton genau gelesen...", 115); wie bei Kittler wird die Technik als vorgängig angesehen, die historische Parallelentwicklung der Psychoanalyse und der Medientechnik eindeutig auf dem Terrain der letzteren zusammengeführt. Auch wenn man dieses Projekt nicht teilt, kann es lohnen, den funktionalen Parallelen nachzugehen, und dies umso mehr, als Freud selbst immer wieder technische Metaphern benutzt hat.
"Eine symbolische Ordnung wird technisch repräsentiert, um so ein Modell für ihr Funktionieren zu gewinnen." (Lorenz, a.a.O., S. 113) zurück

(5) referiert in: Winkler, H.: Der filmische Raum und der Zuschauer. Heidelberg 1992, S. 130ff zurück

(6) "Begriffliche Abstraktionen [...] entstehen, so schreibt Condillac, 'indem man aufhört, an die Eigenschaft zu denken, durch die die Dinge unterschieden sind, um nur an diejenigen Qualitäten zu denken, in denen sie übereinkommen.'"
(De Man, Paul: Epistemologie der Metapher. In: Haverkamp, Anselm (Hg.): Theorie der Metapher. Darmstadt 1983, S. 426) zurück

(7) De Man fährt fort:
"Annähernd hundertdreißig Jahre später wird Nietzsche dasselbe Argument gebrauchen, um zu zeigen, daß ein Wort wie 'Blatt' durch das 'Gleichsetzen des Nichtgleichen' und durch 'beliebiges Fallenlassen der Verschiedenheiten' gebildet wird." (ebd.) zurück

(8) Es geht hier ausschließlich um die Strukturparallele; über das Verhältnis von Zeichen und Referent und die Zeichenentstehung ist damit nichts ausgesagt (s.u.). zurück

(9) Lorenz, a.a.O., S. 113 (Hervorh. u. Erg. H.W.) zurück

(10) Winkler, H.: Metapher, Kontext, Diskurs, System.
In: Kodikas/Kode. Ars Semeiotica. Vol. 12, Nr. 1/2, 1989, S. 21-40 zurück

(11) ...überlagert werden z.B. nur Portraits, nicht Photographien allgemein... zurück

(12) Das Problem allerdings kehrt sofort zurück: wenn das einzig verbindende, das tertium comparationis der verdichteten Einzelelemente der Traumgedanke ist, wird man fragen müssen, ob der Traumgedanke eine Existenz außerhalb seiner Einkleidung hat, ob er als Signifikat seinem Signifikanten 'vorangeht'...
Diese Frage ist inzwischen häufig und auch an den Begriff der 'Einkleidung' selbst gestellt worden. zurück

(13) Winkler, Der filmische Raum..., a.a.O., S. 130ff zurück

(14) Dem naheliegenden Einwand, daß der Begriff der Iteration Identität (und damit Ähnlichkeit und Differenz) bereits voraussetzt, wäre mit Derrida zu begegnen, der dieses Verhältnis gerade umdreht und zeigt, daß Identität nur in der Wiederholung (und das heißt: nicht) zu haben ist. zurück

(15) Einige der Theorien, die sich in dieser Richtung vortasten, versuchen das Verhältnis über die Mechanismen von Metapher und Metonymie und die Jakobson/Lacansche Theorie, beide seien mit Verdichtung und Verschiebung synonym, zu klären. zurück

(16) ...und dies auch ohne den von Lorenz gezeigten Bezug auf die Mischphotographie... zurück