Frankfurter Rundschau, 19.08.97, S.8. - website creation date 10. 08. 97, update: 21. 02. 01, expiration date 21. 02. 2004, 10 KB, url: www.uni-paderborn.de /~winkler/fr-inter.html, language: German, © H. Winkler 1997, home- ( keys: media, theory, memory, collective, Internet, technology, language, Leroi-Gourhan, Halbwachs )

"Die Geschichte ist in den Cyberspace zurückgekehrt "

Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Hartmut Winkler über Computer, kollektives Gedächtnis und Zentralisierung im Netz

Computer sind immer auch Wunschmaschinen, doch in den Wünschen, die sich gern als realistische Erwartungen an die Welt der Netze ausgeben, verbergen sich viele ungeklärte Voraussetzungen. Der Frankfurter Medienwissenschaftler Hartmut Winkler, dessen Habilitationsschrift 'Docuverse. Zur Medientheorie der Computer' kürzlich im Boer Verlag erschienen ist (vgl. FR vom 22. 7.), versucht zwischen den Omnipotenzphantasien und dem kulturkritischen Verfallsgeunke einen Weg zu finden, der auf die Geschichtlichkeit des Datenuniversums führt. Mit Hartmut Winkler sprach Peter Körte.
FR: Es gibt zur Zeit eine Fülle von Veröffentlichungen zur Problematik des Gedächtnisses und seiner medientechnischen Simulakren, vor allem zum Computer. In Ihrem Buch 'Docuverse' schließen Sie an diese Debatten an, stellen jedoch nicht das individuelle, sondern das kollektive Gedächtnis in den Vordergrund.

H.W.: Man hat immer wieder versucht, den Computer vom individuellen Denkvermögen her zu begreifen; im Fünfziger-Jahre-Begriff des 'Elektronengehirns', im Konzept der 'künstlichen Intelligenz' und heute in den 'neuronalen Netzen'. Und weil Computer Informationen nicht nur prozessieren, sondern auch speichern, glaubte man, es gehe um eine technische Erweiterung des individuellen menschlichen Gedächtnisses. Aber ist diese Deutung wirklich plausibel? Die Psychologen haben immer darauf hingewiesen, daß das menschliche Gedächtnis mit einem mechanischen Speicher keineswegs vergleichbar ist und daß es zwischen beiden Funktionsweisen signifikante Unterschiede gibt. Diese Einwände, denke ich, muß man ernstnehmen, und die Kritiker der "künstlichen Intelligenz"-Forschung haben die Differenz in gleicher Weise betont.

FR: Dennoch halten Sie am Begriff des Gedächtnisses in diesem Zusammenhang fest. Warum?

H.W.: Gerade wenn man die Computer aus einer Medienperspektive betrachtet, bietet es sich an, vom kollektiven Gedächtnis auszugehen. Theoretiker wie Halbwachs oder Leroi-Gourhan haben unseren Blick darauf gelenkt, daß der kulturelle Prozeß insgesamt als ein Mechanismus der Traditionsbildung verstanden werden muß. Was wir Kultur nennen, stellt ein riesiges, kollektives Gedächtnis dar, das von Generation zu Generation weitergereicht wird. Die Technik, die Architektur, die Monumente und - wichtig - die Sprache müssen als Teile dieser Traditionsbildung begriffen werden; einerseits in ständigem Umbau, und andererseits eine relativ stabile Struktur, in die der einzelne hineingeboren wird. Aus dieser Perspektive erscheint es einigermaßen absurd, einzelne Gedächtnisse mit einzelnen Maschinen vergleichen zu wollen. Beide vielmehr erscheinen als Relaisstationen in einem weit größeren Prozeß der Traditionsbildung. Wie die Sprache die Individuen immer schon überschreitet und dem einzelnen von außen gegenübertritt, so eben auch die anderen Kulturtechniken und symbolischen Systeme. Mein Vorschlag ist es daher, die Rechner nicht vom Gedächtnis sondern von der Sprache her zu begreifen.

FR: In Ihrem Buch entfalten Sie diesen Vorschlag in drei Facetten: Sie befassen sich mit einer allgemeineren Techniktheorie, Sie begreifen die Sprache selbst als ein Gedächtnis, und schließlich ziehen Sie daraus Folgerungen für die Theorie der Computer. Wie hängt das zusammen?

H.W.: Wenn ich mit dem zweiten beginne, so scheint mir im Fall der Sprache die Sache besonders deutlich zu sein. Sprache ist ein "Gedächtnis" in einem sehr wörtlichen Sinn: Das semantische System, das wir täglich benutzen, rastert unsere Erfahrung der Welt. Es ist bei weitem keine neutrale Struktur, sondern besteht, wie die Sprachtheorie uns sagt, in einem Netz von Wertsetzungen, Relationen und Vorentscheidungen; Mord ist fast automatisch mit Schuld verbunden, Geld zumindest in unserer Kultur mit Glück usw. Wenn wir fragen, wie dieses Bedeutungssystem entstanden ist, so hören wir, daß Bedeutung in der gesellschaftlichen Vereinbarung entsteht; konkreter also sind es die Erfahrungen und Diskurse der Vergangenheit, die in die sprachliche Struktur eingehen; die Sprache erscheint als eine Niederlegung, ein verdichtetes Protokoll einer Unzahl von Sprechakten. Und der sprachliche Prozeß muß in der Dialektik von Sprechen und Sprache - Diskurs und System - beschrieben werden. Dies ist das Gedächtnismodell, von dem ich ausgehe. Die Techniktheorie, nach der Sie fragten, ist ebenfalls von Leroi-Gourhan übernommen, weil dieser versucht, die Technik insgesamt nach dem Muster der Sprache zu denken; das Problem der Technik ist ja, daß sie uns immer so fertig erscheint. Sie tritt uns als ein Ensemble von Dingen gegenüber, glatt und perfekt; auf diese Weise verdeckt sie, dies sagt schon Marx, den Prozeß, der sie als Technik hervorgebracht hat; Aufgabe der Theorie ist es entsprechend, die Praxen, Wertsetzungen und Entscheidungen zurückzugewinnen, die der Technik ihre Form gegeben haben. Diese Praxen, so könnte man sagen, sind in die Technik hinein 'vergessen' worden. Auch die Technik eben ist ein Gedächtnis der Gesellschaft im oben genannten Sinn; und wenn immer mehr Inhalte nicht in Texte sondern in die Technik eingeschrieben werden, dann vielleicht gerade deshalb, weil sie dort als solche nicht mehr sichtbar sind. Aus dieser Perspektive ist es verdächtig, wenn in der gegenwärtigen Debatte gerade die Hardware und die wachsenden Prozessorleistungen so große Hoffnungen auf sich ziehen.

FR: Von hier aus schlagen Sie auch die Brücke zum Datennetz. Sie schreiben, es sei notwendig, das Datennetz historisch, als einen Diskurs zu betrachten.

H.W.: Es ist auffällig, und auch dies scheint mir ein Aspekt der Gedächtnisproblematik, daß in der gegenwärtigen Diskussion die Zeitdimension und die Geschichte so gut wie keine Rolle spielen. Es wird allenfalls die Vorgeschichte reflektiert, das Netz selbst aber erscheint als eine Sphäre, in der die Zeit aufgehoben ist. Dies beginnt damit, daß man es bei der Festlegung der Standards versäumt hat, Verfallsdaten vorzusehen, so daß selbst tages-aktuelle Informationen oft wochen- und monatelang stehenbleiben. Es bestand offensichtlich die Vorstellung, daß Speicherplatz so unbegrenzt zur Verfügung stünde, daß tatsächlich nichts gelöscht werden müßte; dies würde letztlich bedeuten, daß alle Vergangenheiten in der Gegenwart, in einer universellen Gleichzeitigkeit aufgehoben werden könnten, eine tatsächliche Aufhebung der Geschichte.
Daß dies selbstverständlich nicht der Fall ist, stellt sich erst langsam heraus. Zum einen, indem Inhalte eben doch gelöscht werden oder durch mangelnde Pflege verloren gehen. Zum zweiten, indem jede Weiterentwicklung der Standards riesige Mengen von Inhalten entwertet, und gegenwärtig in besonders dramatischer Form, insofern das Netz als Ganzes in eine Fülle konkurrierender Formate und Dialekte zu zerfallen beginnt. Die Zeit eines einzigen, sehr schlichten, aber global einheitlichen Dokumenten-Standards wird möglicherweise bald als eine selige Jugendphase erscheinen.

FR: Wer heute bestimmte Netz-Angebote wahrnehmen will, muß sich immer häufiger Zusatzprogramme, sogenannte "Plug-In's" herunterladen. Ist das ein Indiz für digitale Sackgassen, oder wird die nächste Software-Generation diese Möglichkeiten bereits integriert haben?

H.W.: Die Frage ist, wie man den Wechsel der Software-Generationen sieht. Die Anbieter rüsten in einer atemberaubenden Geschwindigkeit auf. Wie sie sagen, um immer mehr 'Möglichkeiten' zu schaffen, nach den Texten nun auch Grafiken, Photos und Realtöne, Videosequenzen und 3d-Animationen verfügbar zu machen. Mit der tatsächlichen Konsequenz aber, daß die Sache sich auseinanderzieht: "vorn" die Anbieter, die in der Lage sind, Kapital, Technik und Spezialistenstäbe in ihre Netzangebote zu investieren, "hinten" die Nutzer, die froh sein können, wenn sie ihre Lese-Software auf dem neuesten Stand halten. Und kein Gedanke mehr daran, selbst konkurrenzfähige Produkte ins Netz zu stellen, wie dies einmal die Utopie des Datennetzes war. Auch insofern denke ich, ist die Geschichte in den Cyberspace zurückgekehrt. Das Netz vollzieht im Zeitraffertempo den Weg der Mediengeschichte noch einmal. Die ganze Dynamik der Entwicklung fungiert als ein Filter, der die Großen von den Kleinen scheidet, und die Kleinen ein weiteres Mal zum Schweigen und zum Zuhören verdammt. Ein Rennen längs der Achse der Zeit. Der Diskurs zentralisiert sich; dies, und nicht die technische Entwicklung scheint mir der Motor in der gegenwärtigen Hektik zu sein.

FR: Wenn es die Hektik gibt, von der Sie sprechen, würden Verfallsdaten ja nur zu weiterer Beschleunigung führen. Worauf müßte sich denn eine Netz-Kritik richten: auf die Utopie einer Stillstellung der Geschichte oder auf die Beschleunigung?

H.W.: Im Buch schreibe ich, daß das Datenuniversum sich zwischen beiden Polen unentschieden verhält. Es will beides gleichzeitig sein: Diskurs (Ereignis, Aktualität) und Monument. Und ob kritisch oder nicht wird die Theorie fragen müssen, wie beide Seiten sich vermitteln, im Datennetz und, damit man einen Vergleich hat, in anderen Medien. Im Datennetz spielen sich die meisten Vorgänge einstweilen im Rücken der Beteiligten ab. Die Firma Digital stellt ihre Suchmaschine Altavista den Nutzern bislang kostenlos zur Verfügung, wenn sie diese Politik ändert, wird sie das Netz als Ganzes verändert haben, auf einen Schlag und ohne vorherige Abstimmung der Nutzer. Geschichte wird gemacht, es geht voran. Es scheint mir ein ernstes Problem zu sein, wie vertrauensvoll wir das kollektive Gedächtnis zuerst an die Maschinen, und dann die Maschinen in wenige Privathände übergeben. Ein zentraler Netzindex wäre in den Händen der UN sicher besser aufgehoben; eine Weltkulturbehörde aber wäre vielleicht auch eine schlimme Vorstellung; und Alexandria ist abgebrannt.